Die evangelische Kirche setzt den Betroffenenbeirat aus

Zu unklar, um aufzuklären
Die EKD will die Partizipation von Betroffenen neu ausrichten. Gute Idee – aber vielleicht nicht so?

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) setzt den Betroffenenbeirat aus, was einer faktischen Auflösung gleichkommt. Das Gremium sollte die Kirche bei der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt, bei Prävention und Anerkennungsleistungen beraten und "ein kritisches Gegenüber" sein. Der zwölfköpfige Beirat war erst im August 2020 berufen worden, in den vergangenen Monaten sind fünf Mitglieder ausgetreten. Die Mehrheit der verbliebenen Betroffenen hatte sich bis zuletzt dafür eingesetzt, die Arbeit fortzuführen.

Die EKD verweist auf interne Konflikte zwischen Mitgliedern des Betroffenenbeirats, auf die Austritte, es habe aus dem Gremium heraus einen Antrag auf Auflösung gegeben. Eine Weiterarbeit sei nicht möglich gewesen.

Claudia Keller

Claudia Keller ist stellvertretende Chefredakteurin von chrismon. Davor war sie viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Man kann das so verstehen, als wolle die Kirche den Betroffenen die Schuld am Scheitern zuschieben – und genauso kam es bei ihnen an. Aber nein, beteuerte der für das Thema Missbrauch zuständige Bischof Christoph Meyns, es liege der Kirche "vollkommen fern, dem Betroffenenbeirat als Gremium oder seinen einzelnen Mitgliedern Vorwürfe zu machen". Das Scheitern sei für alle Beteiligten schmerzlich.

Die grundsätzliche Frage lautet doch aber: Kann die Kirche von Betroffenen überhaupt verlangen, dass sie konstruktiv mitarbeiten? Und wer beurteilt, wann Kritik konstruktiv und wann sie destruktiv ist? Die Kirche? Die Betroffenen? Die Öffentlichkeit?

Die zwölf Frauen und Männer, die die EKD in den Beirat berufen hatte, sind im Kinderheim misshandelt worden, sie haben sexuelle Übergriffe auf Konfirmandenfreizeiten, bei den Pfadfindern und in der Behinderteneinrichtung erlebt. Täter waren Pfarrer und Betreuer. Einige Betroffene stehen der Kirche nah und arbeiten für sie, andere stehen der Kirche sehr kritisch gegenüber oder lehnen sie ab – auch wegen der Gewalterfahrung. Dass sich in einer derart heterogenen Gruppe schnell Konflikte ergeben können, ist nicht verwunderlich, erst recht, wenn Mandat und Aufgabe des Gremiums vage bleiben. Es sollte die Arbeit der EKD "begleiten". Doch Begleitung, Partizipation, "kritisches Gegenüber" sind große Worte, die viele widersprüchliche Vorstellungen beinhalten können. Einige aus dem Beirat hatten in den vergangenen Monaten mehrfach an die EKD appelliert, ihnen mehr professionelle Beratung wie Projektmanagement, Coaches, juristische Expertise und finanzielle Mittel zur Verfügung zu stellen, auch um solche Fragen zu klären.

Sind die Kirchen bereit, Deutungshoheit abzugeben?

In der evangelischen wie in der katholischen Kirche werden seit einiger Zeit auf verschiedenen Ebenen Betroffenenbeiräte berufen. Betroffenenbeiräte seien "state of the art", sagte ein Bischof kürzlich. Doch es darf nicht darum gehen, solche Gremien einzusetzen, damit man eben auch so etwas hat. Dass die Sicht und Erfahrung von Menschen, die sexualisierte Gewalt erlebt haben, wichtig ist für die Aufarbeitung und alle weiteren Bemühungen der Kirchen, hat sich bei den meisten Verantwortlichen durchgesetzt. Doch sind sie auch bereit, Deutungshoheit abzugeben? Wer entscheidet am Ende? Und wer lässt sich von wem leiten? Wer hilft wem? Geht es primär darum, der Institution bei dem schwierigen Umgang mit dem Thema zu helfen? Oder darum, Menschen zu unterstützen, die Gewalt erlebt haben?

Diese Fragen müssen die Bischöfe und Bischöfinnen beantworten – bevor sie Betroffene um ihre Mitarbeit bitten. Das hat das Scheitern des EKD-Versuchs gezeigt. Je klarer die Zielsetzung, die Erwartungen und auch das Mandat des Beirates formuliert sind, umso genauer wissen Betroffene, was auf sie zukommt, und können abwägen, ob sie das wollen oder nicht.

Sich als Bischof, Pfarrerin, Kirchenjurist der eigenen Macht bewusst zu sein und sich klarzumachen, dass man die Institution der Täter vertritt, so zugewandt und freundlich man selbst als Person auch ist, das setzt viel Professionalität und Selbstreflexion voraus. Sich aus dieser Rolle heraus auf Menschen einzulassen, die verletzt und misshandelt wurden, und ihre Perspektive ernst zu nehmen, ist bestimmt nicht einfach. Keiner und keine kann das einfach so. "Was haben auch wir falsch gemacht?", fragte Bischof Meyns am Montag. Vielleicht führt das Scheitern des EKD-Versuchs ja zu mehr Ehrlichkeit. Das wäre ein wichtiger Schritt nach vorn. Schwierig und schmerzhaft wird es bleiben.

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