Ein "Verschickungskind" erinnert sich

"Das Essen ist aus Schlamm gemacht . . ."
Die Autorin bei ihrer Rückkehr vor dem Bahnhof in Neuwied

Marina Friedt

Die Autorin bei ihrer Rückkehr vor dem Bahnhof in Neuwied.

. . . notierte Marina Friedt 1975 in ihr Reisetagebuch. Mit elf wurde sie zum Aufpäppeln nach Langeoog verschickt. Was sie und viele andere Kinder erlebten, war keine Erholung.

Der Linoleumboden ist hart und eiskalt. Ich hocke auf einem Stuhl, barfuß, und schlinge mein Bettzeug enger um mich. Weil ich dem harschen Einschlafbefehl "Augen zu!" nicht folgte, sperrten mich die "Tanten" in diesen kargen Raum. Ich schaue durchs Fenster auf ein Wäld­chen, bin traurig und wütend und stelle mir vor, wie ich abhauen könnte: über die Dachrinne runter und zurück aufs Schiff. Aber ich blieb, sechs Wochen lang, die gesamten Sommerferien 1975. Ich war elf Jahre alt, ein "schlechter Esser", und man hatte mich zum Aufpäppeln ins "Haus Sonnenschein" auf Langeoog geschickt.

Marina Friedt

Marina Friedt, 57, ist freie Journalistin und Autorin. Sie lebt und arbeitet in Hamburg.
Christian O. Bruch / laifMarina Friedt, Journalistin und Erste Vorsitzende des Deutschen Journalisten Verband in Hamburg. Europa, Deutschland, Hamburg.18.09.2012 ; HF; Christian O. Bruch Kontakt: Christian O. Bruch Dorotheenstraße 5/b 22301 Hamburg mail@christianbruch.de Tel: +49 – (0) 40 – 22 90 291 Mobil: +49 – (0) 172 – 41 32 563 Um Belegexemplar wird gebeten! SPARDA - Bank Knt.-Nr.: 000 250 52 82 BLZ : 206 905 00

In der Nachkriegszeit und bis in die 1980er, teilweise sogar bis in die 1990er Jahre war es bundesweit üblich, Kinder bis 14 Jahre zur Erholung in Heime an die Nordsee, in den Schwarzwald, nach Bayern oder in den Harz zu senden. Schätzungen gehen von bis zu acht Millionen "Verschickungskindern" aus. Viele waren im Vorschulalter, aber auch Kleinkinder von zwei Jahren schickte man getrennt von den Eltern auf Reisen. Meist für sechs bis zwölf Wochen nach ärztlicher Diagnose, weil sie zu dünn oder zu dick waren, Asthma oder andere Lungenprobleme hatten oder zum Beispiel an Neurodermitis litten. Doch statt sich zu erholen, machten viele dort Erfahrungen, die sie bis heute verfolgen.

Als ich während des ersten Lockdowns gründlich aufräumte, entdeckte ich in einer Kiste mein Reise­tagebuch von damals und den Briefwechsel mit ­meiner Familie. Da kamen die Erinnerungen ­wieder hoch, und ich fing an zu recherchieren. Früher dachte ich, nur ich und die Kinder, die mit mir in Haus ­Sonnenschein waren, seien zur Kur gewesen. 2019 hat Anja Röhl, Stieftochter von Ulrike Meinhof, öffentlich von ­ihrer Kinderkur erzählt. Seitdem berichten fast ­jeden Tag Menschen in den sozialen Netzwerken und auf der ­Seite www.verschickungsheime.de von ihren ­Erlebnissen. Viele vernetzen sich und versuchen, in Archiven und bei Institutionen, die damals zuständig waren, mehr herauszufinden. Auch über 30 ehemalige Langeoog-­Kinder tauschen sich regelmäßig über Zoom aus, vergangenen November wollten sie sich auf der Insel treffen. Die Pandemie hat das verhindert.

Heike stottert seit der Kur

Heike, 60, aus Hannover, war 1961 mit sechs ­Jahren im Inselhospiz "Kloster Loccum" untergebracht. Sie ­habe "nur noch türmen" und "wegschwimmen" ­wollen, erzählte sie. "Vorher war ich ein Springinsfeld, seit der Kur stottere ich." Im Heimatmuseum Langeoog hat sie vor einigen Jahren Werbefotos der früheren "Kinderinsel" entdeckt. "Dann waren Sie eines der verlausten Kinder aus Hannover", habe jemand vom Museum zu ihr gesagt.

Heike war schockiert über ­diese Reaktion und versuchte, bei der Evangelischen Landeskirche Hannover mehr über ihren Kuraufenthalt zu er­fahren, denn das Kloster Loccum gehört zu dieser Landeskirche. Man sei nicht der Träger der Kur gewesen, hieß es bei der Landeskirche und dass sie sich an den ­Träger wenden solle. Aber welcher das war? Heike hat nur noch eine Postkarte von damals aus dem Nachlass ihrer Eltern. Weiter ist sie mit den Recherchen noch nicht gekommen. Aufgrund der Pandemie ist es zurzeit auch schwierig, in Archiven zu forschen.

Für viele war es die erste Reise überhaupt

Die Kinder reisten allein an, mit Zügen, Bussen, Schiffen, für viele war es die erste Reise im Leben. Ich war aus Neuwied zehn Stunden unterwegs, Petra aus München noch länger. Sie fuhr als Fünfjährige 1972 nur mit einem Schild um den Hals ins "Schwedenhaus" nach Langeoog. Als ihre Eltern sie in den Zug setzten, wusste sie überhaupt nicht, wie ihr geschah, und glaubte, dass sie ihre Familie nie wiedersehen würde. Im Kurheim angekommen, mussten alle ihre Süßigkeiten abgeben, mir nahm man den Apfel ab.

"Das Essen ist aus Schlamm gemacht und kotzen tun wir jede Nacht", notierte ich in mein Reisetagebuch. Das war unser "Langeoog-Lied", wir sangen es heimlich, es bezog sich auf die Linsen- oder Milchsuppe, auf Haferschleim, Spinat und Milchreis, was es jeden Tag so gab. Nicht selten spuckten Kinder den "Schleim" direkt wieder aus – und mussten das Erbrochene aufessen. "Was auf den Teller kommt, wird gegessen", riefen die "Tanten". Nur wer aufgegessen hatte, durfte raus zum Spielen.

Fast nichts zu trinken

Was ich nicht ­runterkriegte, stopfte ich in meine Backentaschen oder ein Taschentuch auf meinem Schoß und entsorgte es auf dem Klo. Nach den sechs Wochen hatte ich gerade mal ein halbes Kilo zugenommen. Andere mussten morgens mit Salzwasser gurgeln, wer abnehmen sollte, bekam mittags einen Apfel und abends Schwarzbrot mit Abführtee.

"Leider bekommen wir fast nichts zu trinken. Nur morgens, mittags und abends. Hier ist es sehr heiß", schrieb ich meinen Eltern. Es war Sommer, und wir durften nicht mal vom Wasserhahn trinken. Vielleicht weil wir so nur selten auf die Toilette mussten und die "Tanten" weniger Arbeit hatten? Das würde ich sie gern fragen. Und auch, welche Tabletten wir schlucken mussten. Denn in einem Brief schreibt ­meine Mutter: "Gerade habe ich mit Schwester Renate telefoniert. Sie sagt, es geht Dir gut, Du müsstest ein paar Tabletten einnehmen. Sei so lieb und höre auf die Schwestern. Die meinen es nur gut mit Dir." Auch andere berichten von Tabletten. Wofür waren sie gut? Vielleicht Aufbautabletten mit Kalzium?

Die kritische Praktikantin flog raus

Wer waren die von uns gehassten "Tanten"? Auf meinem ersten Brief an die Eltern hat Annegret Wolff einen Gruß hinterlassen. Sie war meine Gruppenleiterin im Haus Sonnenschein. Mehr weiß ich bisher nicht über sie. Viele andere ehemalige Verschickungskinder wissen weder, in welchem Haus sie untergebracht waren, noch wer sie betreute. Anfang des Jahres machte ich mich auf die Suche nach Annegret Wolff und telefonierte alle öffentlich auffindbaren Namensvetterinnen ab – vergebens.

Vor kurzem hat Christiane Jakubeit auf der Plattform www.verschickungsheime.de öffentlich gemacht, wie es im Haus "Bergfrieden" in Bad Sachsa zuging. Sie arbeitete 1970 als sechzehnjährige Praktikantin dort und verbündete sich mit den Kindern. Sie erinnerte sich an einen Mitarbeiter, der den Kindern Essen aufgenötigt habe, "bis sie kotzten", und an die "schlagende Anne", die fürs Prügeln zuständig gewesen sei. Sie selbst sei dann sehr schnell rausgeflogen.

 Links ein Brief der Autorin an ihre Eltern, rechts eine Seite aus ihrem Reisetagebuch von 1975Marina Friedt
Briefe wurden zensiert

Auch Rainer aus der Langeoog-Gruppe berichtet von Prügeln. Er stammt aus einer kinderreichen Familie im Schwarzwald und kam 1973 kurz vor der Einschulung zusammen mit seinem Bruder auf die Insel. Hier wurden sie wie alle Geschwisterkinder getrennt. Obwohl er von zu Hause Schläge gewohnt war, hatte er vor den Strafen im Heim richtig Angst. "Wenn es im großen Schlafsaal abends nicht ruhig wurde, konnten schon mal mehrere Schwestern reindonnern und wahllos auf die Kinder einschlagen", erzählte er.

Auch bei kleineren Vergehen – wie den Teller nicht leer essen – waren die Betreuerinnen nicht zimperlich. Sie zerrten das Kind zum Prügeln in den Nebenraum oder sperrten es in eine Kammer ohne Licht und ­Toilette, in der es auf einer dünnen Matratze auf dem Boden die Nacht verbringen musste. Bei uns zu Hause ging es liebevoll zu, und ich ertrug schon den ­schroffen Umgangston nur schwer. Aber wir alle fügten uns. Was hätten wir auch tun können?

"Um Missverständnissen vorzubeugen, werden die Briefe der Kinder von der verantwortlichen Aufsichtsperson wie üblich durchgelesen", heißt es in einem Merkblatt für die Eltern von 1964. Und: "Nehmen Sie in der ersten Zeit brieflich mitgeteilte Klagen nicht allzu ernst." Oft diktierten die Betreuerinnen den Text für die Postkarten und zensierten rigoros, selbst Versuche, den Eltern als verstecktes Symbol eine Sonne mit ­heruntergezogenen Mundwinkeln zu schicken, scheiterten. Ich hatte offenbar auch in dieser Hinsicht noch Glück und durfte halbwegs schreiben, was ich wollte.

Unter die kalte Dusche, weil sie nicht schlief

An Geburtstagen sollten die Eltern keine Geschenke schicken und auch sonst nichts, was Heimweh schüren könnte, hieß es in der Empfehlung an die Familien. Gerade die Kleineren konnten das nicht begreifen. Als die achtjährige Susanne nach der Kur auf Langeoog nach Hause kam, umarmte sie nur ihren Bruder und teilte ihren Eltern mit: "Ich wohne hier, aber lieb hab ich nur meinen Bruder, weil ihr mich weggeschickt habt." Es habe ein Jahr gedauert, bis sie ihrer Mutter halbwegs verziehen hatte, erzählte Susanne.

Einmal tue ich nur so, als würde ich schlafen. Aber die wachhabende Betreuerin Annegret Wolff merkt es sofort. Sie zerrt mich aus meinem Bett, treibt mich in den Waschraum und schiebt mich unter die kalte ­Dusche. Ich friere, mein Nachthemd klebt an mir, ich schäme mich. Im Brief an die Eltern entschärfe ich die Situation, vielleicht aus Angst vor weiteren Strafen: "Frau Wolff hat mich im Nachthemd unter die Brause gestellt. Das war eine Aufregung, und die Mädchen haben alle gelacht."

"Der Mittagsschlaf muss sein. Ich denke von eins bis drei besonders an Dich. Mache es doch auch so, denke Du ganz fest an uns, dann geht die Zeit ganz schnell vorbei", schrieb mir meine Mutter zum Trost. Getröstet hat mich auch die Freundschaft zu Gabi und Sabine in meiner "Seeschwalben"-Gruppe. Ohne sie hätte ich die Zeit nicht überstanden.

Mobbing

"Spott und Erniedrigung waren Alltag", erinnert sich auch Elfi. Sie kam wegen ihres Asthmas mit acht Jahren nach Langeoog. "Das ging schon morgens um sieben mit dem Anziehen los, das nie ganz klappte", erzählte sie. Fast immer vergaß sie etwas, ­einen Strumpf, die Unterhose oder das Unterhemd. Die "Tante" habe sie dann einmal vor versammelter Mannschaft in den Flur des Heims gestellt und verhöhnt: "Guckt mal, wer hier fast nichts anhat!" und "Findet ihr so ein zu langsames oder überhebliches Kind gut?" – "Nein", hätten die Kinder geschrien. Andere wurden gemobbt, weil sie zu dick oder zu frech waren.

Bereits in den 1920er Jahren wurden Kinder zur Kur nach Langeoog geschickt, die Nazis setzten die Tradition fort. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Langeooger Hilfswerk zuständig. Zunächst wurden die Kinder in ehemaligen Militärbaracken am Flughafen untergebracht, ab den 1960er Jahren wurden neue Heime gebaut.

Die Kuren galten als gut für die Gesundheit

Haus Sonnenschein mit damals 108 Betten war in Trägerschaft der Caritas. Auch die Diakonie, die Bremische Evangelische Kirche, die Innere Mission, das Deutsche Rote Kreuz und die Arbeiterwohlfahrt Bremerhaven unterhielten Kinderkurheime auf der Insel. Zwei Häuser wurden privat betrieben. 1999 wurde mit dem "Möwennest", das die Arbeiterwohlfahrt betrieben hatte, das letzte Heim auf Langeoog geschlossen.

 Mit einem Kreuz markierte Marina Friedt auf der Postkarte an ihren Bruder ihr Zimmer im Haus Sonnenschein. Die Briefmarke fiel der Sammelleidenschaft der Familie zum OpferMarina Friedt

Anruf bei Maria Menne. Sie leitete zwölf Jahre lang die Caritas in Neuwied und erinnert sich nicht, dass es Beschwerden gegeben hätte, weil Kinder in Kurheimen schlecht behandelt worden wären. Von 1976 bis 1980 war in der Caritas Neuwied ihre Kollegin Christa Bergerhausen für die Kinderkuren zuständig. Sie hat etwa 1000 Kinder vermittelt. "Es galt eben als gut für die Gesundheit. Aber wenn man weitergraben würde, kämen da sicher noch weitere No-Gos heraus", sagt sie heute. "Meine Enkelin würde ich nicht allein zur Kur verschicken."

Die AOK Neuwied, auf deren Kosten ich verschickt wurde, mittlerweile AOK Rheinland-Pfalz/Saarland, hat nach eigenen Angaben keine Unterlagen mehr aus der Zeit. Patientenakten würden nach zehn Jahren vernichtet. Welche Rolle die Gesundheitsämter bei der Vermittlung spielten, ist wie so vieles noch nicht erforscht. Wer damals die ­Diagnose für meine Kur stellte, lässt sich nicht mehr herausfinden.

Es gab auch schöne Momente

Ich wurde nur einmal verschickt. Andere kamen mehrfach in Kur – auch ­während der Schulzeit. Nur wenige Heime boten Überbrückungsunterricht an. Bei einem Jungen stand danach im Zeugnis: "Sieben Wochen Erholungsaufenthalt haben bei ihm einen beträchtlichen Leistungsrückstand entstehen ­lassen, den er nur durch intensive Mit­arbeit im 6. Schuljahr aufholen kann." Andere mussten gleich eine Klasse wiederholen. "Wer ohnehin Probleme in der Schule hatte, fiel ­hinten ­runter. Ein Kind sechs Wochen aus der Schule zu nehmen, das wäre heute undenkbar", sagt Christa Bergerhausen heute.

Meine Eltern diskutierten damals mit ihren ­Freunden, ob sie mich abholen sollten, weil ich in meinen Briefen immer wieder klagte. Eine Freundin meiner Mutter riet ihnen deutlich, den Aufenthalt zu beenden. "Wir wissen, dass du damals unglücklich warst. Aber du hast in manchen Sachen auch übertrieben. Wir haben genug Aufregung mit dir gehabt", sagte meine Mutter kürzlich. An mehr können oder wollen sich meine Eltern nicht erinnern.

Es gab auch schöne Momente: Den Weg durch die Dünen zum Strand mochte ich sehr, das Meer, das Schwimmen im salzigen Wellenbad, Kutschfahrten, Spiele auf dem Sandplatz. Mit mir war auch ein gleichaltriger Junge aus Neuwied angereist. Für ihn war es im Rückblick eine abenteuerliche Zeit. Die Jungs durften offenbar länger aufbleiben als die Mädchen, bekamen unterwegs mal eine Limo spendiert, in der Kirche durfte dieser Junge sogar einmal die Fürbitten vorlesen.

Quälende Erinnerungen und Alpträume

Ehemalige Verschickungskinder haben mittlerweile herausgefunden, dass allein in Westdeutschland 400 Kurorte mit über 1100 Heimen Jungen und Mädchen zur Kur aufgenommen haben. Auf der Seite verschickungsheime.de haben Betroffene fast zu jedem Ort Informationen zusammengetragen. Manche, auch aus der Langeoog-Gruppe, haben sich wieder zurückgezogen, weil sie die Erinnerungen nicht ertragen können und quälende Alpträume zurückgekommen sind.

Nächsten Winter, wenn die Pandemie hoffentlich überwunden ist, wollen einige nach Langeoog reisen, um vor Ort zu recherchieren. Vielleicht schaffen wir es dann sogar, auch unsere Erfahrungen im Heimatmuseum unterzubringen. Schließlich ist auch das Leid der Betroffenen ein Teil der fast 50-jährigen ­"Kinderinsel"-Geschichte.

Infobox

Lesetipps:

  • Sabine Ludwig: "Schwarze Häuser" (Dressler);
  • Hilke Lorenz: "Die Akte Verschickungs­­- kinder" (Beltz);
  • Anja Röhl: "Das Elend der Verschickungs- kinder" (Psycho- sozial-Verlag);
  • Felicitas Hoppe: "Fieber 17" (Doerlemann).

Weitere Infos unter verschickungsheime.de.

Leseempfehlung

Wer lebt in den 23 Wohnungen meines Hamburger Mietshauses?, fragt sich die Autorin Marina Friedt. Was verbindet uns? Was ist die Heimat meiner Mitbewohner – Hamburg oder die teils fernen Gegenden, in denen sie geboren und aufgewachsen sind?
Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) hat erforscht, wie in ihren Heimen die Kinder zwischen 1945 und den 1970er Jahren behandelt wurden. Und sie versucht, Geschädigten zu helfen
Kinder brauchen Liebe und Geborgenheit. Aber wie bekommt man die, wenn man in einer „Einrichtung“ aufwächst?
Sie wuchs in der Türkei, Nigeria, Indien und den USA auf: Ute Krause, Autorin und Illustratorin

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Warum werden über die Verschickungsheime nur Negativberichte veröffentlicht? So jedenfalls ist mein Eindruck. Mir ist klar, dass Menschen mit schlimmen Erinnerungen an ihre Zeit in solchen Heimen ein Forum brauchen, um endlich darüber sprechen und schreiben zu können. Aber vielleicht sollten doch auch positive Erfahrungen erwähnt werden, auch wenn sie sich meist weniger spannend und aufwühlend anhören. Ich jedenfalls erinnere mich voller Dankbarkeit an die 6 Wochen, die ich 1955 als 11jähriges Flüchtlingskind im Kinderverschickungsheim Miralago in der Schweiz verbrachte. Es gab gut und ausreichend zu essen, Schwestern und "Tanten" waren engagiert und liebevoll. Wo sonst konnte man damals so viel Gemeinschaft erleben mit Singen, Spielen, Tanzen, Basteln, Wanderungen und Theaterspiel? Für mich war es eine unvergessliche, wunderschöne Zeit, ich schrieb damals begeisterte Briefe nach Hause, die ich noch heute aufbewahre. Träger des Heimes war von 1946 bis 1956 die Kinderhilfe des Schweizer Roten Kreuzes, danach die Württembergische Kinderhilfe e.V. Esslingen.

Mit Entsetzen las ich, was den Kindern in manchen „Erholungsheimen“ angetan wurde.
Ich hatte wohl großes Glück, als ich 1971 ( 12 Jahre alt ) nach Langeoog zum Abnehmen geschickt wurde. Wie das Heim hieß, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere aber, dass die Inselbahn dicht vorbeifuhr und die Gebäude die letzte / erste Bebauung am Ortstaus – bzw. eingang. Es wurde glaube ich von der AWO betrieben.
Mit mir reisten auch zwei Klassenkameradinnen, aber Heimweh hatte ich trotzdem. Die Ernährung war zum Abnehmen gedacht und ich gewöhnte mich an die kleinen Portionen. Hungern oder dursten mussten wir nicht.
Wir machten Frühsport, lange Spaziergänge und gingen regelmäßig ins Meer, was mich sehr beeindruckte. An einen Ausflug nach Baltrum kann ich mich auch erinnern.
Abends spielet Tanta Maria oft Gitarre und sang mit uns Lieder aus der „Mundorgel“.
Die Betreuerinnen einschl. der Heimleitung ( „ Tanta Maria“ ) waren sehr nett, aber auch konsequent, was bei so vielen Kindern unterschiedlicher Herkunft Not tat. Es wurde nicht bestraft und schon gar nicht geschlagen….
Langer Rede kurzer Sinn: ich nahm in fünf Wochen 7,5 kg ab und weinte beim Abschied mindestens so sehr, wie am Anfang vor Heimweh.
GLÜCK GEHABT!!!!!!!
Mit freundlichen Grüßen
Heike Sünnemann

Das Heft öffnete sich zufällig beim Thema „Verschickungskinder,“ zunehmend entsetzt las ich mich fest, und viele Erinnerungen erwachten: Im Sommer 1948 (oder 1949) war ich in einem Kinderferienheim der Stadtmission Nürnberg, das Schülerheim in Wunsiedel im Fichtelgebirge nahm erholungsbedürftige Kinder für vier Wochen auf. Meine Erfahrungen dort können nicht negativ gewesen sein, sonst hätte ich nicht später als Schülerin für die Betreuung von Ferienkindern gemeldet und jahrelang als „Tante“, vorher pädagogisch geschult und gut vorbereitet, diese Art von Ferienarbeit gemacht.
Die Kinder wurden von den Entsendestellen des Landesverbandes der Inneren Mission zum Bahnhof in Nürnberg gebracht und einem kleinen Team mit erfahrener Leitung für vier Wochen anvertraut. Mit dem Zug gelangten wir an den Zielort, ich hatte mich wiederholt für eine Hütte im Kleinwalsertal entschieden, als Studentin später für Häuser auf der Insel Föhr - wie sonst hätte ich überhaupt in den Ferien verreisen können?
Unsere Kinder wurden mit Sportspielen, mit Heimspielen, mit Wanderungen und Spaziergängen, mit Singen, Vorlesen, Theaterspielen, usw. beschäftigt, ein Morgenkreis vor dem Frühstück, ein Abendkreis vor dem Zubettgehen umrahmten den Tag, den Sonntag feierten wir mit einem Gottesdienst in der Ortskirche oder gestalteten einen Kindergottesdienst irgendwo im Freien: auf einem Berg, einer Almwiese, am Strand oder auch im Haus.
Von einer Köchin ausreichend versorgt bis verwöhnt, war ärztliche Betreuung selten notwendig, alle Kinder zeigten bei der Schlussuntersuchung eine Gewichtszunahme, und natürlich freuten sich alle auf die Heimreise – die „Tanten“ inbegriffen .
Einmal entdeckte ich auf dem Bahnsteig meine kleine Cousine! Ihr Vater war erst vor kurzem gestorben, das sichtlich verängstigte Kind blühte geradezu auf, als es mir nach vielen Jahren wieder begegnete. Heimweh kam somit erst gar nicht auf.
Für mich als zukünftige Lehrerin war die Zeit der Kinderferienheime auch eine unschätzbare Praxisvorbereitung für alle Schulfächer, viele Erfahrungen flossen in meinen Unterricht ein, etwa der Morgenkreis zur Sammlung als Beginn des Schultags.
In den 70er-Jahren hatte sich die Kinderferienheim-Arbeit überlebt und wurde aufgegeben.
Mit freundlichen Grüßen
Ilse Vogel