"Stille Nacht", Joseph Mohr, Anton Gruber und ein Welthit

Wie "Stille Nacht" ein Welterfolg wurde
Stille Nacht Kapelle Oberndorf

Skata/imago

Die Stille-Nacht-Kapelle Oberndorf, erbaut auf Joseph Mohrs abgerissener Pfarrkirche St. Nicola.

Stille Nacht Kapelle Oberndorf Oberndorf, Stille Nacht Platz, 29.12. 2017 Stille Nacht Gedächniskapelle , Joseph Mohr, Franz Xaver Gruber *** Silent night Chapel in Oberndorf Oberndorf silent night place 29 12 2017 silent night Gedächniskapelle Joseph Mohr, Franz Xaver Gruber

Mythen ranken sich um die angebliche Tiroler Volksweise. Woher kommt das Lied wirklich? Und ist es mehr als Kitsch?

Hoch oben im Salzburgischen Lungau liegt der kleine Ort Mariapfarr. In dessen gotischer Kirche versah der junge Hilfspriester Joseph Mohr 1816 den Pfarrdienst. Mehrere Filialkirchen gehörten zu dieser Stelle, Mohr musste in allen die Messe lesen. Dort oben schrieb er ein Gedicht mit sechs Strophen, von denen jede mit den Worten "Stille Nacht! Heilige Nacht!" beginnt. Er nannte das Gedicht "Weynachts-Lied", obwohl er noch keine ­Melodie dafür hatte.

Prof. Dr. Wolfgang Herbst

Wolfgang Herbst, Jahrgang 1933, ist Liturgie­wissenschafter und Kirchen­musiker. Von 1976 bis 1998 war er Professor an der Hochschule für Kirchenmusik in Heidelberg, die er auch als Rektor leitete.
Privat

Nach nur einem Jahr ließ er sich wieder hinunter in seine Heimatstadt Salzburg versetzen, weil ihm die Gebirgsluft in mehr als tausend Metern Höhe nicht bekam. Seine neue Stelle an der St.-Nicola-Kirche in Oberndorf an der Salzach brachte ihm die Begegnung mit dem fünf Jahre älteren Schullehrer Franz Xaver Gruber aus Arnsdorf ein, der in Oberndorf die Orgel spielte. Sie freundeten sich an. Und irgendwann kam das Gespräch auf jenes Gedicht aus Mariapfarr.

Gruber erfand eine Melodie dazu, die sich an die in der Weihnachtszeit übliche sizilianische Hirtenmusik anlehnt, und am Heiligen Abend 1818 sangen sie das Lied zum ersten Mal in der Oberndorfer Kirche. Warum? Bekannt war lange Zeit nur, dass Pries­ter und Kantor das Lied zweistimmig gesungen haben und dass der ­Priester dabei auf seiner Gitarre die Begleitung spielte.

In dieser Kirche gab es den Brauch, zum Heiligen Abend eine große Weihnachtskrippe mit mehr als dreihundert Figuren aufzubauen. Eine Attraktion! Jedes Jahr nach dem Weihnachtsgottesdienst begaben sich viele Gemeindeglieder zur Krippe und bewunderten sie aufs Neue. Es ist sehr wahrscheinlich, dass sich die beiden Sänger nach Beendigung ihres liturgi­schen Dienstes zu ihnen gesellten. Der Pries­ter kam aus der Sakristei und der Kantor stieg von der Orgelempore herab. Vor der Krippe trafen sie sich und trugen dort das Stille-Nacht-Lied mit allen sechs Strophen erstmalig vor.

 Joseph Mohr, 1792 bis 1848, wuchs als uneheliches Kind aus armen Verhältnissen in Salzburg auf. Er galt als sehr begabt, wurde schon mit 23 zum Priester geweiht und wirkte als Sozialreformer im Salzburger Land. Franz Xaver Gruber, 1787 bis 1863, musikalisch begabter Sohn eines Leinenwebers, war Lehrer in Arnsdorf und Kantor in Oberndorf, wo er den Priester Joseph Mohr kennenlernte. Die beiden verband eine lebenslange FreundschaftWikipedia

Das Wirtshausinstrument Gitarre im Gottesdienst?

Als das Lied einige Jahre später ­seinen Siegeslauf angetreten ­hatte, fragten sich viele Menschen, wie dieses kleine, bescheidene Lied eine so überwältigende Beliebtheit erlangen konnte. Wenn etwas nicht erklärt werden kann, bilden sich Legenden. Man ging davon aus, das Lied sei im Rahmen eines regulären Messgottesdienstes vorgetragen worden. Dabei wäre liturgisch aber nicht in Ordnung gewesen, das Wirtshausinstrument Gitarre in einem Gottesdienst einzusetzen.

So verbreitete man, die Orgel habe ausgerechnet zu Weihnachten ihren Dienst versagt, so dass die Gitarre in der Not habe einspringen müssen – erstmalig 1909 im Familienblatt "Deutscher Hausschatz" zu lesen. In einem Kinderbuch aus den USA wird 1943 sogar erzählt, Mäuse hätten den Blasebalg angeknabbert, so dass der Orgel der Atem ausgegangen sei. Vom Versagen der Orgel ist aber nichts bekannt. Auch Gruber berichtet später nichts davon.

In der Familienzeitschrift "Die Garten­laube" hieß es 1891, das Lied sei unter größtem Zeitdruck an einem einzigen Tag entstanden und sogleich aufgeführt worden. Dabei habe der Chor mitgewirkt und die Gemeinde spontan eingestimmt. Sie habe das Lied sofort als ihr eigenes begeistert aufgenommen. Am ­Heiligen Abend 1818 sei ein echtes Volkslied entstanden, noch dazu in romantisch ver­klärter Gebirgswelt. Sogar alpine Jodler wollte ein Filmemacher in der Melodie erkennen. Doch die Entstehungsorte der Melodie, Oberndorf und Arnsdorf, liegen im Salzburgischen Flachland, weit ab von den Alpen. Auch mit Volksmusik hatte "Stille Nacht" ursprünglich gar nichts zu tun.

 Postkarte von 1818; Gruber-Handschrift um 1860Karl Dietrich Verlag, Laufen, Salzburg Museum

Legenden über Legenden

Das Oberndorfer Denkmal für Gruber und Mohr, geschaffen zum Gedenkjahr 1918, zeigt den Dichter als alten und weisen Mann, der auf ein Kissen gestützt mit der Hand am Ohr auf die Stimme aus dem Himmel lauscht, die ihm von oben das Stille-Nacht-Lied eingibt. Dabei war Mohr zu dieser Zeit erst 24 Jahre alt. Immer mehr Menschen legten vor allem in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg Wert darauf, dass die Entstehung dieses zu Herzen gehenden Liedes einem göttlichen Eingreifen zu verdanken ist. Ein Lied von solcher Bedeutung kann nicht auf natürliche Weise entstanden sein – so der Volksglaube.

All diese Legenden haben zum Ziel, das Stille-Nacht-Lied wunderbar zu machen und die Liebe zu ihm zu erklären und zu verstärken. Der Komponist Franz Xaver Gruber hat sich in späteren Jahren selbst an solcher Legendenbildung beteiligt.
Ein Lied kann aber auch mit ganz natürlichen Voraussetzungen ein Erfolg werden. Beim Weihnachtslied von Mohr und Gruber war der erste Schritt die Umwandlung vom Sologesang zum gemeinsam gesungenen Lied. Auch ­andere Lieder wie "Ich steh an deiner Krippen hier" (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 37), waren Soloarien, bevor man sie gemeinschaftlich sang.

Volkssänger verbreiten das Lied

 Die Strasser-GeschwisterPrivatarchiv Martin Reiter
Wahrscheinlich nahm ein Tiroler Orgelbauer, der Jahre später an der Oberndorfer Orgel gearbeitet hat, das Stille-Nacht-Lied in seine Heimat mit, ins Zillertal. Von dort zogen Volkssängergruppen und Familienensembles durch die Lande und machten Tiroler Lebensart, alpines Brauchtum und die dazugehörigen Lieder und Trachten als "Nationalsänger" in aller Welt bekannt.

Eine dieser Gruppen, die Geschwister Strasser aus Laimach, nahmen das neue Weihnachtslied in ihr Repertoire auf und erklärten es zum originalen Tirolerlied – obwohl es das gar nicht war. Die Geschwister Amalie, Caroline, Anna und Joseph Strasser hatten ihre Version des Liedes allerdings von sechs Strophen auf drei gekürzt. Dadurch entfielen wichtige Ge­danken. Joseph Mohr hatte gedichtet, dass der Gottessohn in Jesus Menschengestalt angenommen hat:

Stille Nacht! Heilige Nacht!

Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh’n
Uns der Gnaden Fülle lässt seh’n
Jesus, in Menschengestalt,
Jesus, in Menschengestalt.

Ebenso, dass sich der Gottessohn in seiner Liebe nicht nur dem Einzelnen zuwendet, sondern wie ein Bruder die Völker der Welt umschließt. Das war 1816, als der Text entstand, ein wichtiger Gedanke. Denn damals kam es nach Jahren des Krieges endlich zum Friedensschluss zwischen Bayern und Österreich. Im Dezember stand die erste Friedensweihnacht bevor. Darauf nimmt die später weggefallene vierte Strophe Bezug:

Stille Nacht! Heilige Nacht!

Wo sich heute alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
Und als Bruder huldvoll umschloss.
Jesus, die Völker der Welt,
Jesus, die Völker der Welt.

Gottes Zorn und seine Vergebung sind das Thema von Strophe fünf:

Stille Nacht! Heilige Nacht!

Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreit,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß,
Aller Welt Schonung verhieß.

Das alles entfiel bei den Zillertaler Sängern. Übrig blieben die beschaulichen Strophen, sie bekommen ein Übergewicht: die Krippen­szene der Eltern mit dem Kind in stiller, ­heiliger Nacht, die Verkündigung der Engel an die Hirten und die Strophe von der göttlichen Liebe, die aus dem Munde des Kindes lacht. Aus dem einsam wachenden trauten heiligen Paar wird jetzt in der ersten Strophe ein trautes hochheiliges Paar:

Stille Nacht! Heilige Nacht!

Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh!
Schlaf in himmlischer Ruh!

Das Wort hochheilig stammt aus der Weihnachtsliturgie und bezeichnet die Nacht der Geburt Jesu. Im Lied "Ihr Kinderlein, kommet" heißt es: ". . . und seht, was in dieser hochheiligen Nacht der Vater im Himmel für Freude uns macht" (Evangelisches Gesangbuch, Nr. 43,1). Nie zuvor wurde das Wort auf Menschen angewendet, nicht einmal auf Jesus selbst. Durch das Wort "hochheilig" wird nun das ­Elternpaar mit seinem hübschen lockigen Knaben, wie man ihn von zahllosen Altarbildern im Salzburger Land kennt, zur Hauptsache.

Das Politische fällt weg

Die weihnachtliche Kleinfamilie rückt in das Zentrum. Es entsteht ein privates und beschauliches Lied, das zwar den Familienvorstellungen der Biedermeierzeit entspricht, mit dem politischen Geschehen in der Welt aber nichts mehr zu tun hat. So konnte sich das Lied mit dem Familienkult, mit der Sehnsucht nach einer heilen Welt und mit den nach außen abgeschirmten, gemütvollen Weihnachtsritualen des bürgerlichen Hauses verbinden. Alle Ecken und Kanten sind verschwunden.

Zu alledem kommen Veränderungen der Melodie in Richtung einer Sentimentalisierung. Dabei werden die Töne bei "al-les schläft, ein-sam wacht" als Glissando herauf- und ­heruntergeschliffen, und der Schluss "schlaf in himmlischer Ruh" wird eine Terz höher gesetzt, wodurch sich die Melodie zu einem emphatischen Höhepunkt aufschwingt.

So haben die Geschwister Strasser das Lied 1831 bei der Leipziger Neujahrsmesse vorgetragen, wo sie ihre Textilwaren verkaufen wollten. Die gebildete Stadtgesellschaft ­mochte Volkslieder als Ausdruck von Ursprünglichkeit, Landleben, Verbindung zur Natur, Einfachheit und unverbildeter Welt­sicht. Man schwärmte auch im Konzertsaal für "Deutsche Volkslieder" verschiedener Komponisten. Mit dem Stille-Nacht-Lied ­traten die Geschwister Strasser 1831 sogar im Leipziger Gewandhaus auf – während einer Konzertpause als unterhaltsame Pausenfüller, wie es damals üblich war. Im folgenden Jahr fuhren sie erneut nach Leipzig. Diesmal unternahmen sie eine reine Konzertreise, und wieder sangen sie "Stille Nacht". Leipziger Bürger hatten über die Presse ausdrücklich gebeten, das Lied wieder von ihnen hören zu dürfen.

Das Königshaus ist begeistert

Das folkloristische Gesangsquartett erregte schließlich das Interesse des Dresdener Ver­legers August Robert Friese. Der ließ vier Lieder der Geschwister Strasser nach dem Gehör niederschreiben und druckte sie ab in einem Heft mit dem Titel "Vier ächte Tyroler-Lieder". Mindestens drei Auflagen erlebte sein Liederheft. Tausende von Exemplaren wurden verkauft. Das mündlich überlieferte Weihnachtslied wurde erstmals gedruckt veröffentlicht. "Stille Nacht" fand Eingang in Schul- und Vereinsliederbücher, vor allem in Sachsen und Preußen. So wurde es zum gemeinschaftlich gesungenen Volkslied vor allem für die Bildungsbürger.

Das preußische Königshaus war an dem Lied in besonderer Weise interessiert. Man erkundigte sich bei Gruber persönlich nach der Ent­stehungsgeschichte und den Urhebern. Familienkult wurde auch bei Hofe in Berlin eifrig gepflegt. Da passte das Lied in der Zillertaler Fassung gut hinein. Während des Krieges 1870/71 befahl die oberste Heeresleitung, in den Quartieren und Unterständen Christbäume aufzustellen und Weihnachten zu feiern, um den Überlebenswillen der Soldaten zu stärken. Auch dort wurde "Stille Nacht" gesungen. Von da an erklang es in Deutschland auch bei ­armen Leuten. In die kirchlichen Gesang­bücher fand es hingegen nur selten Eingang.

Auch die Protestanten erwärmen sich dafür

 Die Rainersänger, 1839 in New YorkPrivatarchiv Martin Reiter
Wie das Lied nach Amerika und in andere überseeische Gebiete kam, ist nicht sicher. Die Zillertaler Gesangsgruppe der Familie Rainer soll es auf einer Reise nach New York 1839 vor dem Alexander Hamilton Memorial im Friedhof der Trinity Church am westlichen Ende der Wall Street gesungen haben.

Die Aufführungen des Liedes 1831/32 in Leipzig brachten einen weiteren Wechsel des kulturellen Kontextes mit sich. Die Bevölkerung des Königreichs Sachsen war zu mehr als 90 Prozent evangelisch-lutherisch. "Stille Nacht", im österreichischen Katholizismus entstanden, trat nun seinen Siegeszug in den nördlich gelegenen lutherischen Ländern an – in Sachsen und weiten Teilen Preußens, in Hamburg, Schleswig-Holstein und Dänemark.

Zum eigentlichen Welterfolg des Liedes trug die evangelische Diakonie bei. Der ­Lehrer und Kantor Carl Abela in Halle an der Saale brachte ab 1842 in mehreren Auflagen ein ­Liederbuch für die Schulen in den ­Fran­ckeschen Stiftungen heraus, in das er das Stille-Nacht-Lied nach dem Druck des Dresdener Verlegers August Robert Friese aufgenommen hatte. Pas­tor Johann Hinrich Wichern lernte das Buch kennen und übernahm das Lied 1844 für sein Liederheft des Rauhen Hauses, einer von ihm gegründeten und geleiteten Erziehungsanstalt für Kinder und Jugendliche in Horn bei Hamburg.

Die heutige Fassung geht auf Wichern zurück

Wichern bearbeitete das Lied von neuem unter Berücksichtigung anderer Veröffent­lichungen darüber und wurde dadurch zum Schöpfer der bis heute üblichen ­Fassung von "Stille Nacht". Er reinigte die Melodie vom sentimentalen ­Herauf- und Herabschleifen der Töne und passte den Text an den lutherischen Sprachgebrauch an. So ersetzte er den Jesusnamen, der im Lied nicht weniger als achtmal vorkommt, durch den Hoheitstitel Christus. Von da an hieß es am Ende der zweiten und dritten Strophe "Christ, in deiner ­Geburt" statt "Jesus, in deiner Geburt" – und "Christ, der Retter, ist da" statt "Jesus, der Retter, ist da".
Wichern ließ sein Liederheft "Unsere Lieder" in Tausenden von Exemplaren drucken und in immer neuen Auflagen verbreiten. Dadurch war die von ihm überlieferte Fassung konkurrenzlos. Sie setzte sich auch in vielen katholischen Gesangbüchern durch.

"Stille Nacht" bekam eine ge­fällige Form, die viele Bedürfnisse der ­Menschen gleichzeitig befriedigte. Das Lied war auch militärisch zu ge­brauchen. Während des Ersten Weltkrieges (1914 bis 1918) sollte es – wie schon im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 – die Heimatverbundenheit der Soldaten und die emotionale Beziehung zu den ­Familien daheim stärken. An­geblich ­sangen in der Weihnachtsnacht 1914 auch die Soldaten der Gegenseite in ihrer eigenen Sprache "Stille Nacht". Während­dessen schwiegen die Waffen, und beinahe hätte es Verbrüderungsszenen ge­geben, was nicht im Interesse der militärischen Führung lag.

 Pappteller um 1930; Deutscher Soldat an der britischen Frontlinie. Mit dieser Zeichnung berichtete "The Illustrated London News über eine Versöhnungsfeier Heiligabend 1914AKG-Images, The British Newspaper Archive

Man mag bedauern, dass aus einem Lied, das die Weltpolitik wichtig nimmt und in die Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen einbettet, ein privates, beschauliches und entpolitisiertes Lied geworden ist, in dessen Zentrum die Familie mit dem niedlichen Kind rückte. Zu einem geringeren Preis war der grandiose Erfolg des Liedes nicht zu haben.

Zu sentimental, zu wenig Glauben?

Vor allem in kirchlichen Kreisen stieß es so allerdings auf heftige Ablehnung. Von katho­lischer wie von evangelischer ­Seite musste sich das Lied schon im 19. Jahr­hundert vorwerfen lassen, es gebe die christliche Botschaft nicht angemessen wieder und wecke bestenfalls sentimentale Gefühle und ­private Erinnerungen, aber keinen christlichen ­Glauben und schon gar keinen Mut zum Handeln.

Vollends in den Aufbruchzeiten der Jugend- und Singbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts und in den Jahren der Studentenrevolte um 1968 galt das Stille-Nacht-Lied als Symbol für eine vergangene Zeit patriarchalischer ­Lebens- und Familienvorstellungen. Es ­wurde zu einem Zeichen für die Vertuschung aller Konflikte zugunsten des Traumes von einer heilen Welt und verschwand aus mehreren Gesangbüchern. Das verhinderte allerdings nicht, dass es im Untergrund weiter geliebt wurde und nichts von seiner Attraktivität verlor.

1993 wurde "Stille Nacht" schließlich ins Evangelische Gesangbuch wieder aufge­nommen, unter der Nummer 46. Wicherns Fassung hat am Ende den Sieg über alle anderen Varianten davongetragen. Natürlich bleibt es auch heute jedem und jeder unbenommen, ­eine der älteren Fassungen mit allen Strophen zu singen. Dabei sollte die Auseinandersetzung mit dem Lied ­allerdings nicht stehen bleiben. Die seit mehr als 176 ­Jahren weltweit populäre Endgestalt weist uns auf die ­Wünsche, Träume und Sehn­süchte hin, die in "Stille Nacht" ihren Platz finden und die viele Menschen als ihre eigenen wiedererkennen.

Dieser Text ist ein leicht gekürzter Nachdruck aus: Peter Bubmann, Konrad Klek (Hrsg.): Davon ich singen und sagen will. Die Evangelischen und ihre Lieder. Leipzig: Evangelische ­Verlagsanstalt 2012. Noch lieferbar als PDF-E-Book (ISBN: 978-3-374-05576-0) und als E-Publikation (ISBN: 978-3-374-05577-7) jeweils für 16,99 Euro.

Infobox

Die älteste Fassung des Liedes: 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Alles schläft, einsam wacht
Nur das traute hochheilige Paar.
Holder Knabe im lockigen Haar,
Schlaf in himmlischer Ruh!
Schlaf in himmlischer Ruh!

 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Gottes Sohn, o wie lacht
Lieb aus deinem göttlichen Mund,
Da uns schlägt die rettende Stund‘.
Christ, in deiner Geburt!
Christ, in deiner Geburt!

 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Die der Welt Heil gebracht,
Aus des Himmels goldenen Höh‘n
Uns der Gnaden Fülle lässt seh‘n
Jesus, in Menschengestalt,
Jesus, in Menschengestalt

 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Wo sich heute alle Macht
Väterlicher Liebe ergoss
Und als Bruder huldvoll umschloss.
Jesus, die Völker der Welt,
Jesus, die Völker der Welt.

 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Lange schon uns bedacht,
Als der Herr vom Grimme befreit,
In der Väter urgrauer Zeit
Aller Welt Schonung verhieß,
Aller Welt Schonung verhieß.

 

Stille Nacht! Heilige Nacht!
Hirten erst kundgemacht
Durch der Engel Halleluja,
Tönt es laut von ferne und nah:
Christus, der Retter, ist da!
Christus, der Retter ist da!

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