Kurzgeschichte von Katharina Adler

Zähne zeigen!
Utopie - Zähne zeigen!

Francesco Bongiorni/Sepia

Wie werden wir leben und arbeiten? Die Schriftstellerin Katharina Adler hat da eine Utopie...

Utopie - Zähne zeigen!

Donnerstags verdient sie HealthCoins. Die Heldin dieser Kurzgeschichte aus der Zukunft schaltet das System an und assistiert DocDent. Dem Zahnarzt, vor dem Kinder keine Angst haben.

Katharina Adler liest ihre Kurzgeschichte "Zähne zeigen!" vor

Katharina Adler

Katharina Adler, 1980 geboren, erhielt für ihren ­ersten Roman viel Anerkennung. "Ida" erschien 2018 bei Rowohlt und ­erzählt von der ­Urgroßmutter der Autorin, Sigmund Freuds berühmter Patientin Dora. ­Katharina Adler lebt in München.

Bevor es losgeht, eine Warnung. ­Dieser Bericht wird nicht be­sonders gut. Wahrscheinlich so unbrauchbar, als würde ein ­Schreiner versuchen, einen Mikrochip zu schnitzen. Ich soll meine Woche festhalten, wurde mir in der Nachricht, die den Auftrag bestätigte, noch mal erklärt. Aufschreiben, womit ich meine Zeit verbringe, welche Arbeit ich verrichte. Dafür bekomme ich ArtCoins. Das ist eine Währung, die ist gerade ziemlich in Mode. Schreibe ich also, obwohl ich diesen Auftrag nicht so recht verstehe. Jeder Algorithmus kann besser meine Woche abbilden. Einfach die Daten auslesen aus meinem Telefon, den Sensoren an meinen Kontaktlinsen, dem SmartShirt, das mir Yotta mitgebracht hat. Yotta schenkt mir immer solche smarten Dinge.

Nun gut, fange ich also an. Mit Donnerstag. Obwohl es wahrscheinlich egal ist, welchen Tag ich wähle. Das hier wird bestimmt noch logisch geordnet. Der Text könnte nach dem Kriterium unterteilt werden, ob das Wort "ich" in einer Zeile vorkommt oder nicht. Er könnte so sortiert werden, dass man anhand der Wortwahl und des Satzbaus analysiert, wie ich circa gelaunt war, als ich dieses oder jenes aufgeschrieben habe. Meine Großmutter hat mir erzählt, der Montag war früher der Anfang einer Woche. Wenn mein Bericht mit Montag beginnen soll, kann man ja einfach eine Variable weekday programmieren und week­day mit den Werten Montag bis Sonntag befüllen, aber wem erzähle ich das? Das ist Kindergarten-Code, ach was, Vorschule zum Kindergarten.

Früher gab es Zahnärzte

Donnerstag. Da verdiene ich HealthCoins. Ich steuere die Abläufe in einer Praxis: Ich drücke auf einen Knopf und schalte das System an. Dann assistiere ich DocDent, was hauptsächlich bedeutet, ich halte den Patienten Händchen. Meine Großmutter erzählt mir, früher gab es Zahnärzte, die Löcher gebohrt und Füllungen eingesetzt haben. In ihrem Heimatdorf praktiziert heute immer noch so jemand. Unvorstellbar hier in der Stadt. Kein HealthCoin-Anbieter würde ein menschenbasiertes Praxissystem unterstützen. Viel zu unpräzise, viel zu langsam. Die ­meis­ten wissen das zu schätzen. Besonders Kinder ­stellen sich überhaupt nicht an. Denen setze ich eine ­Brille auf und frage nach ihrem Lieblingstier. Sagt ein Kind ­"Drache", sieht das auf dem Brillenbildschirm so aus, als würde ein Drache das Zahngebirge des Kindes über­fliegen und ab und zu in dem ein oder anderen Tal landen. Die Täler sind Karies, den die Apparaturen von DocDent ­beseitigen. Die Kinder lieben es.

Meine Großmutter fragt, was denn das für Kinder sind? Früher war Zahnarzt anscheinend etwas Schlimmes für die Kleinen. Dieser Tage stellen sich nur Erwachsene an. Auf die musst du beruhigend einreden, bis sie sich überhaupt setzen. Ich habe ein gewisses Zeitfenster zur Ver­fügung, in dem ich es schaffen muss, ihren Mund zu öffnen. Wenn alle Beschwichtigung nichts hilft, dann ­mache ich sie darauf aufmerksam, dass ihre Session bald abläuft und ihre HealthCoins verfallen. Meistens genügt das. HealthCoins will niemand verschwenden. Die werden an Tauschbörsen zu übertriebenen Preisen gehandelt. Sollte immer noch nicht Ruhe sein, verspreche ich, dass ich das System jederzeit stoppe, sobald sich irgendetwas nicht gut anfühlt. Das ist natürlich Unsinn, ich kann gar nichts beenden, außer ich drücke einen Hilfeknopf, der aber nur in Notfällen betätigt werden darf. Sollte mir Missbrauch nachgewiesen werden, bekomme ich HealthCoins abgezogen und einen Vermerk. Diesen Knopf würde ich also niemals drücken, es müsste jemand auf dem Stuhl sterben, aber dann wäre es wahrscheinlich ohnehin schon zu spät.
Ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu fürchterlich, denn das ist es nicht! DocDent hat ja selbst Mechanismen, die einen Vorgang abbrechen. Und DocDents Sensoren sind viel präziser als meine Beurteilungen.

Weshalb ich dann überhaupt noch in diesem Zahnzentrum arbeite? Gesetze. Die sehen vor, dass eine Person bei allen Behandlungen anwesend sein muss. Es wird behauptet, dieses Gesetz sei "nah am Menschen" beschlossen worden, aber das ist Unsinn. Jetzt glauben die Ängstlichen auf DocDents Stuhl noch, sie bräuchten jemanden, der sie unterstützt. Aber wäre ich nicht da, würden die Behandlungen genauso gut ablaufen wie jetzt.

Sonntags bin ich auch bei DocDent, wenn ein Timeslot für mich frei ist. Für Sonntag muss man seine Wunscharbeitszeiten Monate im Voraus einloggen. Ich habe jetzt schon Registrierungen vorgenommen, so weit, wie es das System erlaubt. Die Arbeitszeiten kann ich dann ­immer noch weiterverkaufen. Meine Großmutter meint, es sei doch Irrsinn, dass man heute dafür bezahlt, arbeiten zu dürfen. Stimmt schon. Es ist merkwürdig. Wäre der HealthCoin billiger, würde es auch nicht funktionieren.

Arbeitszeithandel ist allerdings auch nur bei Krankheit überhaupt erlaubt. Wenn irgendeiner meiner Sensoren erhöhte Temperatur oder Kopfschmerz feststellt, erhalte ich eine Liste von Medikamenten, die ich in der nächsten Stunde geliefert bekommen könnte. Und mein Kalender, in dem alle DocDent-Schichten eingetragen sind, schlägt vor, ich soll heute zu Hause bleiben und mit dem Verkauf meiner Arbeitszeit "passiv Coins verdienen". Dann verlinkt mich der Kalender auf die Arbeitszeitbörse. Die Timeslots sind in Sekunden verkauft, da kannst du drauf wetten.

 Kinder stellen sich überhaupt nicht an. Denen setze ich eine Brille auf und frage nach ihrem LieblingstierFrancesco Bongiorni/Sepia

Zum Glück bin ich aber nur selten krank, denn HealthCoins sind zurzeit die stärkste Währung. Außerdem bin ich nur ungern lange zu Hause. In unserer Wohngemeinschaft ist es eng, wir leben hier zu zehnt. Dabei haben wir fast alle immerhin noch ein Zimmer für uns. Das ist, wenn du in der Stadt wohnst, eigentlich nicht mehr üblich. Unser Haus ist in einem guten Zustand, was auch keine Selbstverständlichkeit ist. Ich kenne einige, die müssen sich mit Buden begnügen, die lediglich luxus- und noch nicht digitalsaniert sind. Bei uns öffnen sich die Fenster automatisch, wenn es mal nicht zu heiß ist. Jedes ­Zimmer ist mit Social Walls ausgestattet. Und doch fällt mir ­immer wieder die Decke auf den Kopf, besonders wenn die Social Walls gesperrt sind und ich weder chatten, posten oder ­gamen kann. Das ist dienstags. Unsere Wohngemeinschaft hat sich bei einem Klimaprogramm angemeldet. In der Wohnung läuft am Dienstag alles im Sparmodus und unser Bewegungsradius wird gemessen. Wenn wir nur zu Fuß gehen, dann wird das zusätzlich angerechnet. Im Bett liegen bleiben und ein Buch auf Papier gedruckt lesen, ist ein vorbildliches, CO2-sparendes Verhalten laut Klimaprogramm. Dafür gibt es besonders viele EcoYuans.

Wir verdienen nicht nur, wir bekommen auch einige ­Extras. Der chinesische Anbieter des Programms tut viel dafür, dass wir uns nicht beim EcoDollar anmelden. Er stellt einmal die Woche einen Qigongmeister aus Peking per Hologramm zur Verfügung, er vergibt Coupons für einen vegetarischen Imbiss, dessen Spezialität "Falsche Ente" ist. Trotzdem wird es, glaube ich, Zeit, das Klimaprogramm zu wechseln. Die meisten Leute sind absolut für diese gelenkte Form des Energiesparens, aber viele sind gegenüber dem EcoYuan skeptisch.

Francesco Bongiorni

Francesco Bongiorni, geboren 1984 in Mailand, ist Illustrator und lebt in Madrid. Utopien sind für ihn Illusionen. "Ohne sie wäre die Welt langweilig, banal und berechenbar."
Stefan Omelgrati

Neulich wollte ich bei meinem Kiosk um die Ecke bloß einen Kaugummi ­kaufen. Ging nicht mit EcoYuans. Die Besitzerin meinte, eher ­schließe sie das Geschäft und gebe sich mit ihren BasicCoins zufrieden, bevor sie China auf ihren Geschäftsserver lasse. Mittlerweile ist es wirklich anstrengend, dass sich jeder aussucht, welche Währung er annimmt und welche nicht. EcoDollars hätte die Kioskbesitzerin genommen. Das finde ich inkonsequent und keine Alternative. Ein Skandal war das neulich, als herauskam, dass im Eco­Dollar ein Virus steckte, der deine ganze digitale Umgebung ausspäht, sobald das Geld auf dein Wallet über­wiesen wurde. Fast so schlimm wie die Geschichte mit dieser App, die e-Euros ausgelesen hat. Bei jedem e-Euro konntest du plötzlich nachvollziehen, wer ihn schon einmal besessen hatte und was mit dem e-Euro bezahlt wurde. Ehen sind deshalb zerbrochen, Gefängnisse hatten gar nicht so viel Platz, wie plötzlich verurteilt wurde. Niemand wollte den e-Euro noch anrühren, von heute auf morgen war er nichts mehr wert. Der e-Euro musste neu programmiert werden und hat nur mit staatlichen Hilfen überlebt.

In der Zeit, als der e-Euro am Boden war, fing das mit den vielen verschiedenen Währungen an. Es gibt seither einen Club in der Stadt, da kannst du deine Drinks ausschließlich mit CrazyRoyals bezahlen. Der wird von einer republikanischen Gruppe in Wales herausgegeben, die damit eine Kampagne finanziert, um die Monarchie in England endlich abzuschaffen. Ihre Vision: King ­Wil­liam und seine Familie sollen abdanken, dafür bekommen sie pro Kopf ein paar Millionen CrazyRoyals und endlich das Recht zu arbeiten. Es geht das Gerücht, besonders die Tochter von King William würde sich dafür interessieren. Auch wenn sie längst nicht mehr die Jüngste ist, will sie angeblich lieber an der Weiterentwicklung des Quanten­computers forschen, als ihre Lebenszeit mit Hände­schütteln, Blumen in Empfang nehmen und sinnlosen Reden zu vergeuden.

Meine Großmutter erhält etwas, was es heute gar nicht mehr gibt, nämlich eine Rente

Was die Arbeit an sich betrifft, sind es eh wirre Zeiten. Die einen sind froh, dank des BasicCoin-Programms nicht arbeiten zu müssen, und verachten diejenigen, die die BasicCoins abwerten, indem sie in anderen Währungen weiter verdienen. Diese anderen spucken wiederum auf die BasicCoin-Empfänger und sagen, nur wer viel ver­schiedenes Geld besitzt, der hat es geschafft. Meine Großmutter, die noch etwas erhält, was es heute gar nicht mehr gibt, nämlich eine Rente, schüttelt wieder nur den Kopf. Sie sagt, die Mutter ihrer Mutter hätte darum gekämpft, endlich arbeiten gehen zu dürfen. Ihre Mutter hätte es geliebt, ein eigenes Einkommen zu haben, war aber immerzu übermüdet. Sie selbst habe selbstverständlich auch einen Job gehabt, aber schon der Periode angehört, als es plötzlich verheißungsvoll schien, dass niemand mehr, egal ­welchen Geschlechts, gezwungen sei zu ar­beiten. Und jetzt? Jetzt geht es nicht mehr wirklich um Arbeit, jetzt geht es nur noch um Währungen.

Ich gehöre nicht zu denen, die auf die BasicCoin-­Empfänger herabschauen. Für mich persönlich reicht dieses Einkommen aber nicht. Also verdinge ich mich, indem ich zum Beispiel so einen Text verfasse für einen Auftraggeber, der mich aus einem Onlineregister herausgesucht hat. In dieses Register kannst du dich eintragen lassen und angeben, welches Geld du bereit bist anzunehmen. Bei mir steht "alle Währungen", und deshalb bekomme ich die seltsamsten Jobangebote. Jegliche Offerten von Rotlicht- oder Fetisch-Coins lösche ich sofort. Sonst bin ich nicht zimper­lich. Ich habe schon ClownCoins verdient, als ich Luft­ballonfiguren bei einem Kindergeburtstag gedreht habe.
Und JamesBonds fürs Martini-Mixen auf einer Party. Ein JamesBond ist 007 e-EuroCents wert. Einige liegen bei mir noch in irgendeiner Cloud herum. Ich muss sehen, dass ich die ausgebe oder umtausche, bevor die JamesBonds eingestellt werden. Das ist eines der Risiken, wenn du bereit bist, unterschiedliche Währungen zu akzeptieren. Einerseits bekommst du viel mehr Angebote, als wenn du nur strikt Gelder nimmst, die sich als Standard etabliert haben. Andererseits können immer "ShitCoins" darunter sein.

Wenn Yotta ihre Glückshormone geschluckt hat, fängt sie stets von ihrem großen Traum an. Sie will ihr ­eigenes Geld programmieren. Yotta hat einen ganz besonderen Coin im Sinn: Du hast zum Beispiel schon ziemlich viel Bier getrunken. Du willst noch eins und das nächste mit Yottas Geld bezahlen. Dieser YottaCoin gibt aber eine Nachricht von sich: "Hey, hast du nicht schon genug Bier gehabt? Du solltest besser zu einem Gin Tonic übergehen." Für Bier wird dann der YottaCoin gesperrt. Den Kauf eines Gin Tonics fördert der YottaCoin mit einer Gutschrift. ­Solche Verbote und Anreize unterliegen dem Zufall. ­Yotta meint, heutzutage kann im Grunde alles berechnet ­werden, da würden viele wieder Unvorhersehbares willkommen ­heißen. Sie glaubt, der YottaCoin könnte ein sensationeller Erfolg werden. Man hätte in seinem Wallet nicht einfach nur eine weitere gewöhnliche Währung, ­sondern eine Yotta als Begleiterin, die am Leben teilnimmt, sich nicht mit Kommentaren zurückhält und dabei ziemlich unberechenbar ist.

An Tagen, an denen Yotta es kurz ganz besonders ernst meint, plant sie schon, eine Programmierfactory für eine erste Testversion ihres Coins zu beauftragen. Sie schmiedet Marketingpläne, denn ohne Werbung hat ­eine neue Währung heutzutage keine Chance. Sie soll ja ­­genutzt und in Geschäften angenommen werden. Besonders am Anfang des Monats schwelgt Yotta in dieser Idee. ­Gegen Ende gehen ihre Hormontabletten zur Neige. Yotta mag diese letzten paar Tage, bevor sie ein neues Rezept geschickt bekommt, nicht. Zu viele Zweifel plagen sie dann. Sie sieht alles viel realistischer. So wie all jene, die noch versuchen, ohne regelmäßige Tabletten oder ­Spritzen durchs Leben zu kommen. Ich gehöre dazu. Yotta hält mich deshalb für schrecklich rückständig. Sie liebt jede Neuerung. Als die Tabletten bezahlbar wurden, hat sie sich sofort welche geholt. Sie hat sich außerdem einen Prozessor implantieren lassen, mit dem sie steuern kann, welche ihrer Körperfunktionen zum Verkauf stehen. Alle paar ­Tage initiiert sie Datenauktionen.

Dann versteigert sie ihre Blutwerte, ihren Herzschlag, ihre Schlaf- und Wach­phasen oder ihre Muskelkontraktionen an die meistbietenden Firmen. Yotta hat auch Verträge über mehrere Jahre. Für ein kontinuierliches Datenprofil geben Unternehmen die größten Summen. Yotta sieht es so: Allein zu existieren kommt einen teuer genug. Immerhin erhält sie jetzt eine Kompensation dafür, dass sie qua Geburt gezwungen ist zu leben. Sie will mich immerzu überreden, nicht so viel zu "schuften", wie sie das nennt, und mir auch einen Prozessor einsetzen zu lassen. Aber ein aktives Gerät unter der Haut geht mir zu weit. Da hangele ich mich lieber von Auftrag zu Auftrag und von Währung zu Währung. Ich bin vielleicht nicht ganz vorne dabei, dafür bekomme ich aber auch keine gelb verfärbten Augäpfel wie Yotta, als sie einmal ein neues Serum getestet hat, das ungenutzte Nervenbahnen im Hirn vernetzen sollte. Bei regelmäßiger Einnahme versprach das Serum ein menschliches "Supergehirn". Leider habe ich viel zu spät davon etwas mitbekommen. Sonst hätte ich Yotta gewarnt, dass dieses Serum nur Quatsch sein kann. Denn es ist ein Mythos, dass der Mensch nicht alle Areale seines Hirns ausnutzt. Das mag frustrierend sein, wir müssen es nur leider akzeptieren. Selbst Yotta, deren Eltern ihr bestimmt nicht zufällig ­einen Vornamen gegeben haben, der gleichbedeutend ist mit viel Speicherkapazität.

Bloß, wozu würde Yotta diese zusätzlichen Kapazitäten benötigen? Sie verdient mit relativ wenig Aufwand ziemlich gut und hat jetzt schon viel zu viel Zeit. Sie ist nicht wie die idealistischen BasicCoiner, die glücklich damit sind, ihren Tag frei einzuteilen und das zu tun, was sich sinnvoll anfühlt. Dafür sieht Yotta viel Sinn in zu vielen Dingen und verliert ihn ein paar Stunden später schon wieder aus dem Blick.

Der Roboter fuhr um den Küchentisch und schimpfte

Manchmal kommt sie ungefragt in mein Zimmer, pfuscht in die Steuerung meiner Social Walls und fuchtelt auf den Bildschirmen herum, ich soll doch mal auf den ­Button drücken, um gegen die Waldbrände zu demons­trieren. Wenig später hat sie jedoch schon wieder vergessen, dass Feuer ganze Landstriche im Südwesten zerstört. Dann macht sie Nonsens. Neulich mit unserem Putz­roboter. Statt das Bad sauber zu halten, fuhr der Roboter um den Küchentisch und ließ Beschimpfungen ab: der Mensch, diese Heulsuse, die nicht einfach 72 Stunden am Stück funktioniere. Diese ungenügende Kreatur, die aufwendiger Ernährung bedürfe anstatt einfach nur billigen Stroms; die sich abgestumpft fühle, wenn sie repetitive Aufgaben ausführen muss; der Einsamkeit zusetze; die ständig irgendetwas falsch verstehe und dann beleidigt sei; die Triebe habe, die unentwegt reguliert werden müssten.

Eine misanthropische Tirade auf voller Lautstärke, während ich das Bad saubermachen wollte. Es war dringend nötig! Bis der Roboter wieder umprogrammiert und einsatzbereit war, wollte ich nicht warten. Ich versuchte, den Spiegel ohne Schlieren sauberzumachen. Das schafft der Putzroboter problemlos in Sekunden. Ich dagegen wischte und rubbelte, die Schlieren gingen nicht weg, dafür fügte ich auf dem Spiegel sogar noch Fingerabdrücke hinzu. Es war schrecklich frustrierend, so ärgerlich, dass mir der Gedanke kam: Yotta hat wohl gedacht, sie erlaubt sich einen Scherz. Aber in jedem Witz liegt Wahrheit. Der ­Roboter hat vollkommen recht. Wir Menschen, was sind wir schon? Im Vergleich können wir doch immer weniger.

Samstag. Da versuche ich, das für den Alltag Notwendigste zu erledigen. Ich prüfe nach, ob ich genug Speicherplatz in meinem Wallet habe. Dafür ziehe ich Coins, die ich mit Sicherheit nicht in nächster Zeit ausgebe, auf eine Hochsicherheitscloud und ändere die Verschlüsselung. Am besten wäre es, jeden Tag neue Passwörter einzurichten. Sie werden immer schneller, die digitalen Diebe. Es gibt schon Teenager, die vor der Schule einen Bot programmieren, der in Sekunden einen zehnfachen Authentifizierungscode knackt. Diese Teenager klauen nicht nur, sie verschaffen sich zu allem Zugang und manipulieren, wonach ihnen die Laune steht. Solche Hacks sind gerade ziemlich angesagt. Deshalb sind Updates aller Geräte im Haushalt wichtig. In unserer Wohngemeinschaft wird das schnell vergessen.

Sonst habe ich samstags nie viel zu tun, und deshalb überlege ich hin und wieder, ob ich nicht einmal ­spazieren gehen könnte, irgendeine neue Sportart ausprobieren oder eine Ausstellung besuchen. Ich muss nur zugeben, mir fällt es mittlerweile ganz schön schwer, noch irgend­etwas zu tun, wofür ich kein Geld bekomme. In dieser Hinsicht bewundere ich die BasicCoiner sogar. Sich mit nur einer Währung zufriedenzugeben, das bedarf einer Genügsamkeit, die ich einfach nicht habe. Selbst wenn ich mir alles leisten kann, was ich mir wünsche, bleibt immer noch dieser Gedanke, da draußen könnte gerade ein Coin eingeführt werden, der mich reich macht oder andere ­ungeahnte Vorzüge als Serviceleistung mitbringt.

 "Im Gruppenraum gibts Kuchen, den das Heim im 3-D-Drucker herstellt"Francesco Bongiorni/Sepia

Muss ich wirklich auch noch notieren, was ich mittwochs und freitags mache? Es wäre so viel einfacher, wenn die von ArtCoin mir mit einer Kamera folgen würden. Mit Bildern ist so viel schneller alles mitgeteilt. Ich müsste gar nicht erwähnen, dass ich braune kurze Haare habe und für einen Menschen meiner Generation relativ klein bin. ­Meinen Leberfleck müsste ich nicht lange beschreiben. Würde jeder sofort sehen, dass der aussieht, als habe jemand mit einem winzig kleinen, schokoladever­schmierten Mund in meine linke Wange gebissen.

Eine der wenigen Vorgaben, die ich für diesen Text bekommen habe, war, mein Alter zu ­nennen. Würde man mich filmen, könnte jeder, der mich sieht, seine eigene Schätzung vor­nehmen, indem man mein Äußeres, mein Verhalten, die Daten meiner Physis, sofern sie zur Ver­fügung gestellt werden, kombiniert. So muss ich jetzt selbst ­spekulieren, welches Alter ich habe. Natürlich könnte ich meinen Geburtstag nennen, aber mein Kalenderalter ist als Information so wenig nützlich wie Geldscheine und Münzen. Viel interessanter ist mein biologisches und mein technologisches Alter. Das habe ich selbst in der Hand, in­wiefern ich mich jung halte. Machst du zu ­wenig für deinen ­Körper oder, noch schlimmer, hältst du dich ­technologisch nicht fit, kann dein Alter innerhalb von nur ein paar ­Monaten hinaufschnellen. Ich bemühe mich, ­mache jeden Tag Sport als Teil des HealthCoin-­Programms, aber ich kann zum Beispiel nur auf einem Niveau programmieren, wie das heutzutage sogar die ­Kioskbesitzerin kann. Ich werde auch nicht besser. In mir steckt nun mal einfach keine selbstlernende Software, die sich exponentiell fortbilden kann.

Großmutters Tag ist der, an dem früher eine Woche begonnen hat. Montags gehe ich regel­mäßig zu ihr. Sie ­serviert mir im Gruppenraum Kuchen, den das Heim an Besuchstagen für seine Bewohner im 3-D-Drucker herstellt. Meine Großmutter liebt diesen Kuchen. Der ­schmeckt genauso wie in ihrer Jugend, als ihre Mutter nach Feierabend ab und zu Guglhupf aus dem Supermarkt mitgebracht hat. Ich nehme mir nie besonders viel davon, sehe lieber ­meiner Großmutter dabei zu, wie sie mit der Gabel ihr Stück zerteilt, bedächtig, liebevoll, mehr Ritual, als nur zu essen. In ihren glasig schimmernden Augen ist sie nicht hundertzwölf, sie ist höchstens neun. Sie kaut, sie lächelt.

Der Geschmack dieses Guglhupfs öffnet für sie ein Tor zu einer Vergangenheit, das mir verschlossen ist. Aber Großmutters Gesicht zu beobachten, genügt mir. Es erfüllt mich, wie sonst nur wenig die Woche über. In einem Gericht muss wohl nur eine schöne Erinnerung ­stecken, schon schmeckt es viel besser. Dabei ist meine Großmutter nicht nostalgisch. Sie sagt, es ist nie besonders toll, so alt zu sein wie sie, aber wenn es schon sein muss, dann ist jetzt die beste Zeit dafür. Alles ist bequem, nichts muss schmerzen, wenn man nur das richtige Mittel dafür hat. Bei Yotta finde ich es nicht richtig, wie sie sich chemisch optimiert, bei meiner Großmutter ist das in Ordnung. In ihrem Alter musst du nichts mehr aushalten.

Das Seniorenheim werde ich allerdings verklagen ­müssen. Letzten Montag hat jemand ein Plastikstück in den Kuchen hineingebacken! Das Plastik war übrig geblieben von einem Türscharnier, das kurz zuvor noch gedruckt worden war. Der BasicCoiner, der ab und zu im Pflegeheim aushilft, hatte anscheinend den Drucker, bevor er den Guglhupf produziert hat, nicht gut genug ausgewischt. Als meine Großmutter auf das Plastikteil in ihrem Kuchenstück biss, zersplitterte ein Backenzahn. Trotz aller Pillen, die sie nimmt, schrie sie vor Schmerz.

Zum Glück kann ich als Mitarbeiterin von DocDent sofort eine Notfallbehandlung ­buchen. Womit ich allerdings wirklich nicht gerechnet hatte: Meine Großmutter war noch nie bei einer Praxis von DocDent. Bisher hatten wir über meine Arbeit im Zahnzentrum immer mit solch einer Selbstverständlichkeit gesprochen, ich war davon ausgegangen, das Heim kümmere sich um regelmäßige Kontrolltermine. Mit ihrer Hand an der Wange schüttelte sie den Kopf. Bisher habe sie sich nicht getraut, es mir zu verraten, gestand sie unter Tränen, sie habe seit Jahren die Zahnärztin aus ihrem Heimatdorf dafür bezahlt, hin und wieder zu ihr in die Stadt zu kommen.

Mit knapp 113 stellte sich meine Großmutter etwas Neuem

Diese Zahnärztin anreisen zu lassen, hätte zu lange ­gedauert. Das wusste auch meine Großmutter, die ­Schmerzen waren zu ­heftig. Sie wischte sich die Augen trocken. Mit knapp hundertdreizehn müsse man sich auch noch etwas Neuem stellen, das verlange unsere Zeit, ver­kündete sie tapfer. Als wir in der Praxis ankamen, begann sie auf dem Zahnarztstuhl aber so stark zu zittern, die Apparaturen starteten gar nicht erst. Die ­Animations­brille, die ich dazu­gebucht hatte, half auch nichts, obwohl ich ihr Lieblingstier, ein Reh, eingegeben hatte.

Das regte meine Groß­mutter bloß noch mehr auf, denn seit den Wald­bränden gibt es kaum noch Rehe. Meine Groß­mutter riss sich die Brille vom Kopf. Die brauche sie nicht, sie sei kein Feigling. So sehr sie versuchte, mutig zu sein, ihr ­Körper bebte. Unsere Zeit lief ab. DocDent sprach schon ­eine Warnung aus, meine HealthCoins drohten zu ver­fallen, und ich hatte für die Notbehandlung noch mal ­einen Aufpreis bezahlt. Aber das Zittern, das wollte einfach nicht ver­gehen. Schließlich wusste ich mir nicht anders zu ­helfen und nahm ihre Hand, streichelte sie: "Ich bin bei dir. ­Keine ­Sorge", flüsterte ich. "Und wenn es zu schlimm wird, ­drücke ich einfach auf den Knopf, der alles stoppt."

Meine Großmutter nickte dankbar. Nach und nach beruhigte sie sich. Dann dauerte es nicht mehr lang, bis DocDents Sensoren die Startgenehmigung gaben. Ich streichelte noch immer ihre Hand, zwei Zangen schoben sich zwischen ihre Lippen. Die Behandlung begann.

 

Produktinfo

Buchtipp:

Wie sieht die Zukunft der Arbeit aus? Das Literaturhaus und das Museum für Kommunikation (beide in Frankfurt) haben acht Autorinnen und Autoren gebeten, ihre Visionen aufzuschreiben – Katharina Adlers Geschichte trägt im Buch den Titel "Die Behandlung".

Acht Visionen. Zukunft. Arbeit. Literatur. Herausgegeben von Helmut Gold und Hauke Hückstädt. Henrich Editionen, Frankfurt 2020, 12 Euro

Infobox

Utopie im Museum

Wie kommt das Neue in die Welt? Wie befruchten sich utopische Literatur und technische Erfindungen gegenseitig? Diese Fragen stellt die Ausstellung "Back to Future – Technikvisionen zwischen Fiktion und ­Realität", die ab 18. November im Museum für Kommunikation in Frankfurt am Main zu sehen ist.

Von der Optimierung des Menschen träumt man seit der Aufklärung: mit Ersatzteilen, Implantaten und der Suche nach Unsterblichkeit. Seit dem 19. Jahrhundert sehnen sich Technikfreaks nach grenzenloser Kommunikation, erfinden das "Telefon in der Westentasche" und schließlich das Internet.

An der Überwindung ­von Raum und Zeit wird seit jeher getüftelt mit Zeit­­ma­schinen, Personenrohrpost und Lufttaxis. ­Christoph Kolumbus trieb vor 500 Jahren die Suche nach einer anderen Welt, die NASA will 2034 eine Mondstation bauen, von der aus man den Mars ­bereisen kann. Infos unter:  mfk-frankfurt.de

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Lesermeinungen

Spannende Geschichte! Soweit wird es in weiten Teilen wohl kommen. Mitschwimmen oder Draußenbleiben? Tägliche Entscheidung.
Danke, Katharina Adler für die Denkanstöße!

Eine wunderbare Geschichte, vielen Dank! Früher hat der Mensch die Technik beherrscht, heute beherrscht die Technik den Menschen. Technik erscheint mir heute nicht mehr wie ein Helfer, sondern eher wie ein Krake, der mich mit seinen Fangarmen mehr und mehr umschlingt und erwürgt. Moderne Technik, insbesondere Digitaltechnik, bestimmt unser Denken und Handeln in vielfacher Weise schon ab der frühen Kindheit. Und wir stehen erst am Anfang dieser Entwicklung, einer Entwicklung, die niemand mehr im Griff hat, und die für mich eine Horrorvision ist. Ich habe wirklich Angst vor dieser Entwicklung, auch wissend, dass diese Angst in den Augen moderner Menschen als pathologische Angst gesehen wird statt als Realangst („Das Problem ist nicht der Computer, das Problem sitzt vor dem Computer!“). Am Ende steht wohl die vollkommene Determination des Menschen, und, als wäre das nicht schon genug, die Menschen werden es toll finden!