Rassismus in der evangelischen Kirche

Nächstenliebe und Missachtung
Rassismus - "Gott ist es egal, welche Hautfarbe du hast"

Snezhana von Büdingen

Der Moderator und Buchautor Sami Omar

Rassismus - "Gott ist es egal, welche Hautfarbe du hast"

Viele Kirchengemeinden engagieren sich gegen Rassismus, aber es mangelt an Selbstkritik, sagt der Autor Sami Omar und erklärt, warum gerade die entscheidend ist.

chrismon: Herr Omar, viele Kirchengemeinden und Kirchenleitungen sprechen sich gegen Rassismus und Diskriminierung aus. Sie sind in einer schwäbischen Pfarrersfamilie aufgewachsen. Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?

Sami Omar: Als Kind und Jugendlicher war Kirche für mich, was Wasser für Fische ist. ­Etwas, in dem man sich ganz natürlich bewegt. Zugleich war mir immer klar, dass ich gesehen werde, und zwar mit einem besonderen Blick. Das war ein Blick der gnädigen Zuwendung.

Sami Omar

  Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf, schult in Rassismus-Fragen und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration. 2018 erschien sein drittes Buch "Sami und die liebe Heimat - 18 Artikel gegen Gleichgültigkeit und Rassismus".
Snezhana von BüdingenSami Omar

Was hat dieser besondere Blick bei Ihnen bewirkt?

Mein ganzer Glaube wurde mir von weißen Menschen vermittelt. Sie haben mir beigebracht, dass es dem lieben Gott egal ist, ­welche Hautfarbe du hast, er hat uns alle lieb. Ein nicht ganz auf den Kopf gefallenes Kind, das anders aussieht als die anderen, fragt sich natürlich, warum das ständig betont werden muss, dass Menschen, die so aussehen wie ich, auch von Gott geliebt werden, während es bei den anderen selbstverständlich ist. So habe ich mich immer als etwas Besonderes wahrgenommen und die anderen als die Norm begriffen. Und das hätte ich gern anders. Wenn dann gesagt wird, dass das doch in der besten Absicht und im besten Glauben geschehen ist, haben Sie in solchen Zusammenhängen große Schwierigkeiten, glaubhaft zu machen, dass es dennoch verletzend ist.

Was können Kirchengemeinden ändern?

Eine antirassistische und menschenfreundliche Haltung einzunehmen, setzt voraus, dass man zuvor selbstkritisch ist und seine Haltungen ethnischen Minderheiten gegenüber überprüft. Man könnte sich fragen, ­welche Privilegien man im Vergleich zu anderen Menschen genießt. In welchen sozialen Situationen man frei von Diskriminierung lebt, wo andere dies nicht tun. Wie fühlt es sich an, nach jahrelanger Zugehörigkeit zu einer Kirchengemeinde immer noch nach seiner Herkunft gefragt zu werden? Das ist ein schmerzhafter Prozess, denn er stellt vieles infrage, was eine Sozialisation in Deutschland mit sich bringt. Die Bereitschaft zu dieser Selbstkritik ist meiner Erfahrung nach oft nicht sehr ausgeprägt in Kirchengemeinden. Dem steht nicht zuletzt auch unser christliches Selbstverständnis im Wege.

Viel Raum für Selbstzufriedenheit

Inwiefern?

Weil es viel Raum für Selbstzufriedenheit und die Gewissheit lässt, zu den Guten zu gehören. Glaube, wie ich ihn begreife, hat aber auch viel mit Kritik gegen sich zu tun. Ich denke, das gefällt Gott.

Ein Beispiel?

2015 haben viele Christen geflüchteten Menschen geholfen. Doch auch hier zeigte sich oft, dass Nächstenliebe und Missachtung des Nächsten sehr eng beieinanderliegen können und sich auch überlappen. Da strecken sich gnädige Hände nach unten. Menschen ver­suchen, ihrem Glauben gerecht zu werden, ­indem sie den neu Zugezogenen helfen, aber sie ändern ihre Haltung diesen Menschen gegenüber manchmal eben nicht. Ich erlebe immer wieder, dass sie trotz alledem abfällig über ­deren Sprache und deren Kultur sprechen.

Was denken Sie, wenn Sie an einer Kirche ein Banner "Kirche gegen Rassismus" sehen?

Das macht mich fröhlich und misstrauisch zugleich, denn mit dem Bekenntnis allein ist nichts geholfen. Ich frage dann: Was hat die Gemeinde tatsächlich getan, um diesem Bekenntnis gerecht zu werden? Wenn Menschen sich hier kritisch mit ihrer Haltung in Sachen Rassismus auseinandergesetzt haben, wenn sie sich als Nichtbetroffene kein Urteil darüber erlauben, wo Rassismus beginnt, wenn sie versuchen, ihre Sprache und Medien so zu gestalten, dass sie für Opfer von Rassismus nicht verletzend sind, dann wird ihr Bekenntnis für mich glaubhaft.

Pluralität wird normal

Sie haben sich jahrelang in einer evangelischen Gemeinde in Köln engagiert und den Kindergottesdienst mitgestaltet. Dabei sind Sie auf ein Kindergesangbuch mit rassistischen Zeichnungen gestoßen.

In diesem Gesangbuch sind kleine Figuren eingezeichnet, unter anderem um die menschliche Vielfalt in der Welt zu illustrieren. Die Menschen sind wahnsinnig überzeichnet, schwarze Menschen mit wulstigen Lippen, zerrissenen Hemden und Hosen und barfuß, so, wie man Armut schon zu kolonialer Zeit charakterisierte. Asiatische Menschen sind mit schmalen Augen, Strohhüten und ­Leibchen dargestellt. Solche Darstellungen haben in unserer Kirche nichts mehr verloren. Der Verlag hat sehr freundlich reagiert, als ich mich an ihn gewandt habe. Man war un­kritisch dafür gewesen und hat dann meiner Kritik Raum gelassen. Das habe ich als sehr wohltuend ­empfunden, weil die Deutungs­hoheit darüber, was rassistisch ist und was nicht, bei mir lag. Sie hat auch bei mir zu liegen, weil ich be­troffen bin. Die Redakteurin war nicht be­troffen. Wir machen gerade in der Kinderkirche oft den Fehler, dass wir mit Medien unkritisch weiterarbeiten, die nicht abgeklopft sind auf Rassismus. Die Kinder erleben, etwa in der Schule, dass Pluralität zur Normalität geworden ist. Das ist doch schön! Wir sollten sie in der Kirche nicht das Gegenteil lehren.

Sollte man im Kindergottesdienst besser mit Fotos arbeiten?

Es gibt kein Patentrezept. Ich kann Gemeinden nur ermutigen, sich auf den schwierigen Weg zu machen und sich mit Rassismus auseinanderzusetzen. Danach werden sie mit Kindern anders über Vielfalt sprechen und wissen, welche Medien geeignet sind.

Die Entschuldigung reicht nicht

2015 haben Sie sich in der Kölner Gemeinde zum Presbyter wählen lassen, also als ­Ehrenamtlicher in das Leitungsgremium.

Mittlerweile habe ich mich wieder ein Stück weit entfernt, weil es immer wieder rassis­tische Vorkommnisse gab.

Können Sie Beispiele nennen?

Einmal stand ich mit der Pfarrerin im Foyer der Kirche zusammen, und ein Paar fragte die Pfarrerin, was sie dagegen tue, dass immer mehr Muslime die Gesellschaft übernehmen und auch in der Kirche in wichtige Positionen kommen würden. Sie zeigten auf mich. Die Pfarrerin reagierte nicht darauf. In diesem Moment hätte ich mir Solidarität gewünscht, und sie ist nicht erfolgt.

Wie hätte die Solidarität aussehen müssen?

Einspruch! Wenn sich die Pfarrerin ihrer ­Haltung zu dieser Aussage völlig klar ge­wesen wäre, hätte sie die nötigen Worte gefunden. Als ich sie später darauf ange­sprochen habe, sagte sie, sie habe das gar nicht mit­bekommen. Wenn das stimmt, wäre auch das eine Katas­trophe.

Warum reicht es nicht, sich hinterher zu entschuldigen?

Auf menschlicher Ebene ist es gut, sich zu entschuldigen. Aber wenn Menschen zwar sagen, sie seien gegen Rassismus, aber in der konkreten Situation nichts dagegen tun, kann ich mich nicht auf sie verlassen.

Trost statt Einspruch

Im Vorgespräch haben Sie angedeutet, dass es noch eine Erfahrung mit einer rassistischen Weihnachtskarte gab. Worum ging es da?

Der Pfarrer bekam eine Weihnachtskarte vom katholischen Pfarrer der Nachbargemeinde. Dieser hatte auf die Karte handschriftlich ­eine Adventsgeschichte von Heinrich ­Waggerl geschrieben. Waggerl war ein österreichischer Starautor, lebte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts und verehrte Hitler. Seine Geschichte heißt "Warum der schwarze König Melchior so froh wurde" und ist gespickt mit Rassismen, wie sie in der Zeit normal waren, in der Waggerl lebte. Nicht normal ist allerdings, dass der Pfarrer heute immer noch denkt, man könne diese Geschichte auf eine Weihnachtskarte schreiben. Der Pfarrer meiner Gemeinde kam zu mir, kopfschüttelnd, sagte: Unglaublich, diese Karte, weiß gar nicht, was der sich gedacht hat. Ich sagte: Ja, echt ätzend, darauf musst du reagieren. Ein paar Tage später habe ich ihn noch mal angesprochen, er sagte, die Karte liege immer noch auf seinem Schreibtisch, er wisse noch nicht, wie er das machen soll, es sei ja auch eine delikate Sache. Meines Wissens hat er den Pfarrer bis heute nicht ­darauf angesprochen.

Wie erklären Sie sich das?

Er hat etwas gemacht, was weiße Menschen oft machen: Sie versuchen, demjenigen Trost zu spenden, der verletzt wurde – ohne in den Konflikt mit dem anderen weißen Menschen zu gehen, der verletzt hat. Antirassismus ­fordert aber eine kategorische Dringlichkeit.

Was meinen Sie damit?

Ich muss immer dagegen vorgehen und nicht nur, wenn es mir keine Unannehmlichkeiten bereitet. Ein anderes Beispiel: Wenn ich mitbekomme, dass ein Mann einer Frau Gewalt antut, sollte ich dagegen einschreiten. Und nicht nichts tun und hinterher die Frau trös­ten. Trost wendet sich den Opfern zu. Dadurch ändert sich aber systemisch nichts.

Das Menschsein abgesprochen

Was ist das Systemische? Und warum ist es wichtig, darüber zu sprechen?

Rassismus ist ein Konstrukt, das in der Zeit des Kolonialismus entwickelt wurde, um die Macht weißer Menschen über von ihnen er­oberte und ausgebeutete Menschen und ­Länder zu erhalten. Damals war es not­wendig, ein Menschenbild zu etablieren, das die Ausbeutung anderer Menschen rechtfertigt. Im christlichen ­Kontext steht das Gebot der Nächsten­liebe solcher Ausbeutung entgegen. Entweder Sie verstoßen ­gegen das Gebot oder Sie sprechen diesen Menschen das Menschsein ab. Letzteres hat man gemacht, indem man den verschleppten Menschen aus Afrika Debilität und Infantilität unter­stellte und sie animalisierte. Spuren ­dieses Menschenbildes, wonach schwarze Menschen weniger wert sind, finden sich bis heute auch in der christlichen Caritas. Denn der Kolonialismus wurde auch innerhalb der Kirchen nie hinreichend aufgearbeitet.

Führen wir als Gesellschaft jetzt eine ernsthafte Debatte über Rassismus?

Meine Sorge ist, dass sie nicht ernsthaft ist. Wir hören jetzt viele Opfererzählungen. ­Daran ­können wir unsere Empathie üben. Aber sobald diese Menschen Forderungen erheben, die die Lebensrealitäten nichtbetroffener, ­weißer Menschen verändern sollen, wird es un­bequem. Deshalb bezweifle ich, dass die ­Debatte die gewünschte Nachhaltigkeit ent­faltet. Ich glaube aber, dass mehr und mehr Menschen anerkennen, dass es Rassismus gibt.

Sie haben Ihr Amt in der Kölner Kirchen­gemeinde niedergelegt. Hat das viele wachgerüttelt?

Es hat große Betroffenheit ausgelöst, weil da ja viele liebe Menschen sind, die nicht ­wissen, dass sie rassistisch handeln oder nicht ­solidarisch genug sind. Viele haben mir geschrieben, das war alles reizend.

Es lohnt sich, die eigene Haltung zu überprüfen

Haben Gemeindemitglieder gefragt, was sie falsch gemacht haben, als Sie gegangen sind?

Es wurde gesagt: Wir wollen ja was tun gegen Rassismus, aber dazu brauchen wir dich. Es braucht jemand, der das vorantreibt. Wenn du jetzt die Gemeinde verlässt, dann ist niemand mehr da, der für schwarze Menschen spricht. Das Argument verstehe ich, aber es geht so nicht. Rassismus geht von Weißen aus und nicht von Schwarzen. Deshalb müssen die weißen Menschen die Arbeit machen.

So wie Antisemitismus das Problem der nichtjüdischen Menschen ist und nicht der Juden.

Und Sexismus das Problem von Männern, nicht von Frauen. Die erleiden ihn.

Macht Ihnen die junge Generation Hoffnung?

Junge Vikare, junge Pfarrerinnen bringen manchmal viel mehr Sensibilität und Offenheit mit für diese Themen, glaube ich. Ich habe nur Sorge, dass sie alleingelassen werden und es in Gemeinderatssitzungen heißt: Rassismus ist für uns kein Problem, fertig. Ich kenne ­eine evangelische Gemeinde, die einmal im Jahr ein großes Fest organisiert und andere Religions­gemeinschaften einlädt, um gemeinsam zu feiern. Eigentlich eine gute Sache.

Wo ist der Haken?

Die Machtverhältnisse sind völlig zugunsten der einladenden Kirche. Der Pfarrer steht in der Mitte und predigt. Die Vertreter der Muslime, Hindus, Juden gruppieren sich um ihn herum und dürfen einen kurzen Segen oder Spruch sagen. Ihnen wird ein Platz zuge­wiesen, sozusagen von evangelischen Gnaden. Die evangelische Gemeinde präsentiert sich als tolerante, weltoffene Kirche und hat einen großen Imagegewinn. Aber strukturell räumt sie den anderen überhaupt keinen Platz ein, sie dürfen nicht mitgestalten. Nur die katholische Gemeinde darf mitreden, denn nur die ist für sie im ökumenischen Sinne relevant. In der evangelischen Gemeinde gibt es Kräfte, die das kritisieren und dafür kämpfen, dass die Zusammenarbeit auf Augen­höhe läuft, aber sie stören, und immer wieder sind ­gerade solche Kräfte aus dem Gremium herausgedrängt worden.

Sie arbeiten als Antirassismus-Trainer. ­Werden Sie auch von Kirchengemeinden eingeladen?

Ich halte immer wieder Vorträge auch in Kirchen­gemeinden und in Vereinen und Netzwerken, in denen Kirchen mitmachen. Aber ich werde nicht für Workshops angefragt, so wie etwa Stadtgemeinden oder Firmen mich einladen, die kontinuierlich an sich arbeiten wollen. Dabei lohnt es sich sicher auch für Kirchengemeinden, ihre Haltung und Außenwirkung im Hinblick auf Rassismen zu überprüfen.

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