Das Kunstwerk - Jörg  Immendorffs  "Gyntiana  –  Geburt  Zwiebelmann"

The Estate of Jörg Immendorff, Courtesy Galerie Michael Werner Märkisch Wilmersdorf, Köln & New York

Das Kunstwerk - Jörg Immendorffs "Gyntiana – Geburt Zwiebelmann"

Jörg Immendorff: Gyntiana – Geburt Zwiebelmann

Mensch, du Zwiebel!
Jörg Immendorffs Gebärende – mit dem Sehnsuchtsort Gyntiana im Bauch.

Der Mensch als Zwiebel – diese Alle­gorie hat in der deutschen Kunstszene kaum jemand derart ausdauernd und nachdenklich bearbeitet wie Jörg Immendorff. Mit beachtlichem Erfolg. Der 2007 verstorbene Maler, der die letzten Jahre seines Lebens wegen einer Nervenkrankheit im Rollstuhl verbrachte, wurde schon zu Lebzeiten als "Historienmaler der Gegenwart" gerühmt. Mit den Mächtigen war er per Du und einem Kanzler Gerhard Schröder, wie dieser sagte, ein "unbequemer Freund". Von Joseph Beuys an der berühmten Düsseldorfer Akademie unterrichtet, klopfte er Staat und Gesellschaft mit Dada-Aktionen und knalligen Bildern auf die Finger, befasste sich intensiv mit der deutschen Geschichte, studierte Karl Marx, hörte Rudi Dutschke. Am Ende seines Lebens, als er schon schwer krank war, machte eine Party mit Drogen und Prostituierten mehr Furore als seine Kunst. All das (und zugegebenermaßen noch viel mehr) sind die Hüllen der Zwiebel Jörg Immendorff, um zum Bild zurückzukommen.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
PrivatLukas Meyer-Blankenburg

Den Vergleich von Mensch und Zwiebel hat der Künstler von Peer Gynt, einer Art norwegischer Faust, nur gerissener. In dem Drama "Peer Gynt" von Henrik Ibsen lässt dieser seinen Helden darüber sinnieren, dass der Mensch aus vielen Schalen bestehe, aber keinen Kern habe. Jede Schale oder Hülle ­stehe für bestimmte Vorstellungen, Ideologien und Identitäten, die das menschliche Wesen als Ganzes ausmachen. Und so ist wohl auch dieses Bild von Jörg Immendorff zu lesen: Denn die halbliegende Frau gebiert keinen Menschen – oder doch einen ­Menschen, aber einen in Form einer großen Zwiebelknolle, andächtig umstanden von allerlei Geistesgrößen aus dem Leben des Künstlers: links etwa der Dichter himself, Henrik Ibsen mit Backenbart, ganz rechts mit Vollbart wohl der DDR-Maler A.R. Penck, ein von seinem Staat nicht zu zähmender, widerspenstiger Künstler, zu dem Jörg ­Immendorff eine enge Beziehung pflegte. Unter ihm, der junge Mann mit ausladendem Riechorgan, könnte Rudi Dutschke sein. Und in der gut ausgeleuchteten, heimlichen Bildmitte thront, so muss man fast schon sagen, Professor Joseph Beuys.

Im Hintergrund springt ein Ziebenbock umher

Jörg Immendorffs "Gyntiana – Geburt Zwiebelmann" gehört schon ins Spätwerk des Malers. Nicht mehr ganz so witzig, aber immer noch knallig – und voller Anspielungen. Steht da nicht ein Tulpenstrauß auf dem Tisch? Würde ja zur Zwiebel passen – und zur tendenziell pessimistischen Gegenwartsanalyse des Malers, den beispielsweise befremdete, als mit Kanzlerin Angela Merkel der Baselitz im Kanzleramt durch ein Werk Kokoschkas ersetzt wurde – die Rückkehr des Neo-Bieder­meiers, wie Immendorff fand. Die Tulpen lassen sich als Sinnbild für den ersten großen Börsencrash der Menschheit lesen, ­eine Folge der Tulpenmanie im 17. Jahr­hundert, als noch nicht Immobilien und Staatswährungen, sondern Tulpenzwiebeln Spekulationsobjekt Nummer eins waren. So steckt plötzlich etwas von düsterer Vor­ahnung im schönen Schein der Blumen. Und die wird nur bestärkt durch den im Hintergrund umherspringenden Ziegenbock – ­Symbol des Teufels bei Renaissance-Malern wie Hans Baldung Grien, auf den Immendorff in seinem Werk immer wieder anspielt.

Im Bauch der Dame - ein Goldgräber

Im offenen Bauch der Dame lässt sich ein Goldgräber bei der Arbeit beobachten, womit sich der Kreis zu Peer Gynt schließt. Der war im übertragenen Sinne auch ein Goldgräber, der mit Hochstapelei und dreisten Lügen zu gewissem Reichtum kam, nur, um am Ende von Drama und Leben verarmt, aber glücklich sich Gott zuzuwenden und doch noch sein Land Gyntiana zu finden. Gemeint ist eine Mischung aus Sehnsuchtsort und geistigem Rückzugsraum, etwas, das jede Menschenzwiebel mit sich herumträgt.
Mit seinem Zwiebel-Bild hat Jörg Immen­dorff der Kunstwelt also eine Art Jedermanns-Bild hinterlassen. Es funktioniert gut als Spiegel – oder anders gefragt: Welche ­Menschen haben Sie geprägt?

Leseempfehlung

In ihrer "Hommage á Kremser Schmidt" von 1979 deutet Margot Pilz das Abendmahl neu
Hans Baldung Grien - ein unterschätztes Genie? Jedenfalls war er ganz schön frech für einen Maler der Renaissance
Wolfgang Mattheuer schafft es, mit einer minimalistischen Szenerie sehr viele Fragen aufzuwerfen
Was hat das Schiffswrack mit Luther zu tun? Der Künstler Jürgen Wolf assoziiert - und provoziert
Joos van Craesbeeck, Die Versuchung des Heiligen Antonius, circa 1650
Der Fotograf Tom Hunter verwandelt ein Detail aus einem klassischen Skandalwerk in eine Szene voller Hingabe
Die schaurigen Bestien sehen aus wie Yongbo Zhao, der Künstler. Sie haben den Papst im Griff. Noch wehrt er sich
Kunstwerk - Tatort: Johannesburg
Ein Pendler erholt sich von der Plackerei. Auf subtile Weise dokumentierte David Goldblatt die Apartheid in Südafrika

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.