Dilemmata in der Corona-Krise

Schuld in Zeiten von Corona
Wir könnten alles richtig machen, wenn wir zu Hause blieben. Aber das geht nicht. Erst recht nicht mit Kindern.

Neulich fragte mein Vater am Telefon: "Kannst du mal mit einem Kind zu Besuch kommen?" Nur ein Kind, das würde ihm schon reichen.

Ich habe drei Kinder, alle würden Oma und Opa gern wiedersehen, in echt, nicht auf verwackelten Bildern auf dem Handy. Uns trennen fast 500 Kilometer. Das ist weit, aber machbar. Mein Vater, er ist 81 Jahre alt, kann jede Abwechslung gut gebrauchen. Er pflegt meine Mutter, sie ist 79 und leidet an Demenz. Zum Glück ist meine Schwester eingesprungen, als die Tagespflege, zu der meine Mutter unter der Woche ging, schließen musste. Fast 50 Tage ist meine Schwester nun schon bei meinen Eltern – eine Schicksalsgemeinschaft. 

Aber mit einem Kind von Frankfurt am Main nach Schleswig-Holstein reisen? Jetzt, in Zeiten von Corona? Was ist, wenn wir meine Eltern anstecken? Oder meine Schwester, ohne die dort alles zusammenbräche?

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Unzählige Menschen stehen derzeit vor solchen Dilemmata. Die oder der Nächste, das sind eben nicht mehr nur unsere Nächsten. Das können nun immer auch die Menschen sein, die uns anstecken. Oder wir könnten diejenigen sein, die ansteckend sind, weil wir zwar nicht krank, aber infektiös sind. Das Verheerende an diesem Virus namens SARS-CoV-2 besteht nicht nur aus Krankheit, Leiden und Tod, sondern auch darin, dass wir plötzlich und ohne jede Erprobungszeit ganz neu über Schuld nachdenken müssen. 

Wer sein Leben lebt, wird schuldig, weil man ständig Dinge sagt und tut, die andere verletzen. Der einzige Ausweg, die eigene Schuld zu vermeiden, besteht darin, sich abzuschotten (womit wir immer noch die Menschen kränkten, die gern näher mit uns zu tun hätten). Bis zum Ausbruch von Corona war das – außer für Eremiten – ein abwegiger Gedanke. Aber dann kam #stayathome, "Bleibt zu Hause!".

Gelegentlich bin ich darüber erschrocken, wie vielen Menschen in den vergangenen Wochen die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Virus gar nicht weit genug gehen konnten – und immer noch können. Dass eine Forderung nach "Ausgangssperren" in einer liberalen Demokratie in Umfragen je mehrheitsfähig werden würde, hätte ich mir nie träumen lassen. 

Vertrauen wir darauf, dass andere Rücksicht üben?

Offenbar gibt es viel Misstrauen. Die Leute trauen anderen nicht zu, sich an das Gebot der Stunde zu halten – an die Rücksichtnahme. Vielleicht wollen sie sich aber auch einfach nicht schuldig machen und andere anstecken. Oder gar nicht erst in Versuchung kommen, unnötigerweise rauszugehen. Von der Angst, selbst angesteckt zu werden, ganz zu schweigen. Angst ist ja häufig die Hauptmotivation für unser Tun.

Ich lege jeden Tag einen Gefühls- und Gedankenmarathon zurück, das tun derzeit wohl alle. Mal hoffe ich, dass wir die Reproduktionszahl erfolgreich gedrückt und die Kurve abgeflacht haben. Dann sehe ich aus dem Küchenfenster, erblicke leere Parkplätze, wo vorige Woche noch kein freier zu finden war, und denke: Wo sind die jetzt alle hin? Die werden sich ja wohl nicht rumtreiben und die Infektionszahlen wieder hochtreiben! Im nächsten Augenblick freue ich mich über leere Intensivbetten, wir sind auf einem guten Weg! Dann mahnt die Vernunft, dass das nur eine Momentaufnahme ist und auch ich als gesunder, mittelalter Mensch bald schon eines brauchen könnte.

Besonders leidtun mir aber die Kinder, meine natürlich auch. Es ist anstrengend, dass sie immer zu Hause sind und wir zwei von ihnen – neben der Arbeit – auch noch unterrichten sollen. Es heißt immer, Kinder sind unsere Zukunft. Und das stimmt. Aber dieser Zukunft gehen wir nun aus dem Weg, sprichwörtlich. 

Man kann auf Twitter herauslesen, wer Kinder hat

Als die Wissenschaftsakademie Leopoldina in der Stille des Lockdowns anregte, demnächst die ersten Jahrgänge wieder zur Schule zu schicken, war ich entsetzt über die Kommentare in den sozialen Netzwerken. Ein Twitter-User, den ich sehr schätze, erkundigte sich nach der Adresse für die Klageschrift, die man zustellen müsse, wenn bald mehr Menschen sterben würden, weil Kinder wieder zur Schule gehen. Der Mann ist Jurist, ich hoffe bis heute, es war Ironie im Spiel. Aber das ist unwahrscheinlich, denn als die Landesregierungen einige Tage später beschlossen, den Schulbetrieb wieder hochzufahren, wuchs die Unruhe im Netz weiter an. Sie hört bis heute nicht auf, und man kann sehr genau herauslesen, wer Kinder hat und wer nicht. Es ist die tragischste und traurigste Konfliktlinie, auf die ich je geblickt habe, und die vergangenen Jahre waren nun wirklich reich an Streit und Spaltung.

Wenn wir Kinder nicht mehr als Kinder ansehen, sondern als potenzielle Superspreader, als Virenschleudern, muss das nicht nur den Menschen zu denken geben, die Weihnachten die Geburt eines Kindes feiern. Ja, das Virus macht krank, Menschen sterben. Aber es wird uns als Gesellschaft auch krank machen, so über die Kleinsten zu denken. Kinder wissen und verstehen nicht immer alles, aber sie spüren und fühlen viel.

Niemand weiß sicher, ob sie wirklich die Gefahr sind, für die sie jetzt viele halten. Und plötzlich fällt uns auf, dass viele Schultoiletten Orte sind, deren Zustand für eine reiche Gesellschaft eine Schande ist. Ganz ehrlich, das hätte uns auch schon auffallen dürfen, bevor Schülerinnen und Schüler zur Virusdrehscheibe erklärt wurden.

Wenn ich könnte, würde ich den Corona-Forschungsetat unter drei Gruppen
aufteilen: Unter denen, die an Medikamenten arbeiten, die das Leiden bei
Covid-19 mildern. Unter denen, die an Impfstoffen forschen. Und ich würde es denen geben, die folgende Frage beantworten wollen: Was ist mit den Kindern? Verbreiten sie das Virus, ja oder nein?

Wer Schulen schließt, muss sofort fragen: Wie können wir sie wieder öffnen?

Diese Frage wäre schon am 13. März, am Tag der ersten Schulschließungen, dran gewesen. Denn wer – in einer Notlage und mit gutem Grund – Schulen, Kitas und Krippen schließt, muss sofort anfangen zu fragen, wie wir sie wieder öffnen können. Aber diese Frage ging unter wie viele andere, weil jeder, der über einen Ausweg aus den Corona-Maßnahmen reden wollte, mit einer Scheindebatte darüber belehrt wurde, dass eine Exit-Debatte unsere Disziplin gefährde. Aber wann, wenn nicht vor Ostern, wäre die Zeit gewesen, Studien anzustoßen, Wissen auszutauschen, Expertinnen und Experten zu befragen? Es hätte virtuelle, öffentliche Parlamentsausschüsse im Bundestag und den Landtagen mit kundigen Wissenschaftlern, mit Schul- und Kitaleiterinnen, mit älteren Menschen und solchen mit Vorerkrankungen, mit Eltern - und, ja, vielleicht sogar mit Kindern - geben können, die sicher alle Rat für eine dann allseits akzeptierte, weil für viele nachvollziehbare Strategie gewusst hätten. Es wäre ein Halt auch für die Politikerinnen und Politiker gewesen, die derzeit Entscheidungen von unfassbarer Tragweite treffen müssen.

Nun ist es dafür zu spät, weil jedes Bundesland eigene Wege zur Lockerung beschreitet – was unsere Disziplin viel stärker gefährdet, als es gründliche Diskussionen über kluge Wege aus der Krise je hätten tun können. Es wird wieder voller auf den Straßen und Plätzen. Das wiederum verunsichert die Menschen, und in den Fokus der verständlichen Angst vieler vor einem Rückfall und einem Anstieg der Infektionszahlen rücken schon wieder – die Kinder. Auf den Spielplätzen weht, bei hellem Sonnenschein, das rot-weiße Flatterband. Ich kann es bald nicht mehr sehen. In Berlin sollen sie Ende des Monats wieder geöffnet werden, das Echo auf Twitter hat nicht lange auf sich warten lassen.

Ein Gedankenexperiment kann helfen

Oft hilft, wenn Verzweiflung und Wut die Gedanken fesseln, ein Perspektivwechsel: Niemand wollte doch eine Seuche erleben, die vor allem Kinder gefährdet. Die Sache mit dem Coronavirus ist ein riesengroßer Mist. Wir können es nicht ändern, wir sind nun mal alle in diese verrückte Zeit gestellt. Aber wäre der Erreger besonders für Kinder eine Gefahr, wir würden nicht zögern, sie zu Hause zu behalten, um sie zu schützen. Zum Glück ist das nur ein Gedankenexperiment. Wer nun aber ältere Menschen dazu aufruft, besonders vorsichtig zu sein, gilt schnell als paternalistisch und bevormundend.
 
Wir müssen tastend den Weg in ein öffentliches Leben mit dem Virus finden, alle zusammen. Und wir werden alle dabei schuldig werden, immer wieder. Das ist leider so in einer Krise, aus der es keine Erlösung gibt, bis wir impfen können. Der einzige Ratgeber, auf den wir – außer dem Totaleinschluss – vertrauen können, ist die Rücksicht. Abstand halten, Mundschutz tragen, keine Feiern, keine Egotrips, nicht kränkelnd irgendwo hingehen, keine Großveranstaltungen, solche Sachen. Das gilt für große und kleine Menschen. Aber Kinder wegschließen – nein, das kann auf Dauer keine Strategie sein.

Ich bin übrigens nicht zu meinen Eltern gefahren, weder allein noch mit Kind. Ob wir damit richtig gehandelt oder uns doch schuldig gemacht haben, weil mein Vater traurig ist? 

Wer weiß das in diesen Zeiten schon so genau.

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Lesermeinungen

Alle kennen die Frage: "Ist das Recht auch richtig, kann das Recht auch Unrecht sein?" Daran anschließend die Systemfrage, ob denn die Werte (z. B. die Nächstenliebe, das Solidaritätsprinzip), die dem Recht zugrunde liegen, auch mit den Realitäten schritthalten können. Konkret: Wie viel Freiheit und Risiko darf sein, um den Werten genügend privaten Raum zu geben. Wo hört die Nächstenliebe auf, wo ist die Grenze der Verwandtschaftsbande (in diesem Fall Corona- Besuche), wenn es um das Allgemeinwohl geht? Das ist die mehr oder weniger private Seite der Situation. In größerem Zusammenhang kennt hierfür die Toleranz der Intoleranz keine Grenzen bis zum Despoten-Motto: „Wer Schläge bekommt, weil er sich wehrt, ist selbst schuld“.

Aber der Staat kann sich nicht leisten was Idealisten und Religionen in letzter Konsequenz möchten. Die Verantwortung des Staates steht im Zweifel über den Werten. Auch die der Religionen. Zumal dann, wenn auch ein Teil der "Alt-Bevölkerung" (z. Kriminelle) diese Werte nicht teilt. Prinzipiell kann es für den christlichen Glauben keine Grenzen geben. Und doch sind sie da, allgegenwärtig und von den Gläubigen auch anerkannt und gelebt. Spätestens dann, wenn es um den eigenen Vorteil geht, wird aus so manchem Wert eine nackte Tatsache. Unverhüllt und unbarmherzig. Was ist, wenn, auch mit der Begründung der allumfassenden Nächstenliebe, mit den Zuwanderern neue Werte importiert werden, die sich mit unseren Werten nicht vereinbaren lassen? Worauf läuft das hinaus? Wird durch die christliche Toleranz (auch, aber nicht nur, mit der Einschleusung von Werten fremder Kulturen ein Teilwert des christlichen Glaubens zu einer sich selbst widerlegenden Erfüllung?