Passionszeit: Was bedeutet Erlösung?

Wovon erlöst Gott?
Religion für Einsteiger - Erlösung

Lisa Rienermann

Religion für Einsteiger - Erlösung

Der Glaube, dass Gott das Böse 
überwunden hat, gehört zum Kern des Christentums – und ist eine hochaktuelle Botschaft.

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Wovon erlöst Gott?"

Eine Erlösung sei es für ihn gewesen, endlich über den Missbrauch reden zu können. Nach Jahrzehnten des Ver­tuschens, so berichtet ein 58-Jähriger, nach Jahren des 
Leugnens und Abwiegelns bekam er ers­t­mals die Möglichkeit, einer Beauftragten der Kirche zu schildern, dass ein Pfarrer ihn missbraucht hatte. Sein Glück: Er geriet an eine Psychologin, die seine zum Teil unscharfen, aber ungebrochen schmerzhaften Erinnerungen nicht anzweifelte.

Es verlangt Opfern sexualisierter Gewalt viel ab, gerade diese Institu­tion von Erlösung reden zu hören, die ihnen selbst großes Leid zugefügt hat. Was Erlösung bedeuten kann, ist im Zusammenhang mit seelischem Leid noch am leichtesten zu erahnen: Wenn 
jemand die Sprachlosigkeit über­windet, das erlittene Leid ­schildert und von der Schuld des ­Täters spricht. Wenn jemand die Souveränität über sein Leben wiedererlangt, sofern das überhaupt möglich ist.

Erlösung - passiv warten auf bessere Zeiten?

Die letzte Vaterunser-Bitte lautet: " . . . erlöse uns von dem Bösen." Es ist ja Gott, der erlöst. Das Wort Erlösung gehört heute dennoch nicht mehr zu den Lieblingsvokabeln in den Kirchen – wegen seiner vielen Bedeutungen, aber auch, weil es den Verdacht nährt, man warte passiv auf bessere Zeiten. Durch das Wirken, durch Leben, Tod und Auferstehung Jesu hat Gott den Menschen das Heil gebracht, das ist die wichtigste Botschaft des ­Neuen Testaments. Aber wovon hat Gott die Menschen erlöst?

In manchen Jahrhunderten betonten Theologen, dass Gott die allgegenwärtige Macht der angeblich angeborenen "Erb­sünde" gebrochen hat, in anderen, dass Krankheit und Tod besiegt sind. Aber immer gehörte dazu: Das zerrüttete Verhältnis der Menschen zu Gott ist wieder geheilt. Denn die Heillosigkeit, die viele Menschen belastet, betonte Martin Luther, geht nicht nur auf ­einzelne Taten und Worte zurück, sondern sie hat ihren eigentlichen Grund darin, dass sich die Menschen von Gott abwenden und nur ihren ­eigenen Vorteil suchen.

Eduard Kopp

Eduard Kopp ist Diplom-Theologe und chrismon Autor. Bis 2019 arbeitete er in der chrismon-Redaktion als leitender Redakteur Theologie. Er studierte Politik und Theologie, durchlief die Journalistenausbildung des ifp, München, und kam über die freie Mitarbeit beim Südwestrundfunk zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" nach Hamburg. Seine besondere Interessengebiete sind: Fragen der Religionsfreiheit, Alltagsethik, Islam, Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts, Krieg und Frieden.
Lena UphoffPortrait Eduard Kopp

Christen glauben, Gott habe Leid und Tod überwunden. Menschen ­erkranken aber weiterhin, leiden Gewalt und sterben. Spätestens seit Auschwitz wirkt eine allzu naive Erlösungsgewissheit völlig unglaubhaft. Gewiss war für die meisten inhaftierten Juden, Kommunisten, Homosexuellen, Sinti und Roma nur ihre brutale Vernichtung. Gewiss war auch, dass sich die Mehrheit der ­deutschen Bevölkerung damals der Macht des Bösen nicht entziehen wollte oder konnte.

Trotz persönlichem Unglück und Tod gibt es aber auch diese Erfahrung: 
Tod und Vernichtung sind nicht ­alles bestimmend, alles beherrschend. ­Wovon erlöst also Gott? Vom Gift der Resignation, damit Gläubige sich nicht der Gewalt des Untergangs ­unterwerfen, sich nicht der Übermacht des Bösen geschlagen geben.

Gott reduziert uns nicht auf ­unsere Erfolge

Jesus von Nazareth mag seinen eigenen Tod gefürchtet haben. Aber seine Selbsthingabe bewies gerade, dass er mit seinem Auftrag und ­seiner Menschenliebe nicht gescheitert ist, sondern dass er seine Menschen­liebe bis aufs Äußerste unter Beweis stellte. Ganz ähnlich sagen Christen: Krankheit, Leid und Tod gehören zum Leben dazu. Gott reduziert uns nicht auf ­unsere Erfolge, er achtet uns auch nicht weniger, weil wir krank sind oder leiden. Wir sind mehr als die Summe unserer Leistungen und ­Erfolge, auch mehr als unser ­Leiden und Versagen. Das ist der Kern der Rechtfertigungstheologie des ­Apostels ­Paulus und der Reformatoren.

Wem der Begriff Erlösung zu gewaltig ist, der mag mit dem Re­for­­ma­tor Martin Luther von Freiheit ­sprechen. Oder mit Dietrich Bonhoeffer, dem Pfarrer der Bekennenden Kirche, von Liebe. Bonhoeffer schrieb über den leidenden Christus am Kreuz: "In ihm geschah die Versöhnung der Welt mit Gott. Nicht Ideale, Programme, nicht Gewissen, Pflicht, Verantwortung, Tugend, sondern ganz allein die vollkommene Liebe Gottes vermag der Wirklichkeit zu begegnen und sie zu überwinden . . . Sie erfährt und erleidet die Wirklichkeit der Welt aufs härteste. Am Leibe Jesu Christi tobt sich die Welt aus. Der Gemarterte aber vergibt der Welt ihre Sünde. So geschieht die Versöhnung." Oder eben auch: Erlösung.

Leseempfehlung

Vor 75 Jahren wurde Dietrich Bonhoeffer von den Nazis ermordet. Er stand an der Seite der Schwachen und ist bis heute Oppositionellen weltweit ein Vorbild.
Christen sollten realistisch und illusionslos sein. Aber die Zuversicht hilft, im Elend den Kompass nicht zu verlieren
Glaube kann sehr vielfältig sein. Aber in einigen Dingen haben sich Christen festgelegt: Das geht, das nicht!
Weil sie das Dunkel ausleuchten und nichts niederbrennen
Ein Buch, wie jedes andere auch. Aber doch eines voller Weisheiten. Und eines, das Menschen verändern kann
Die Nationen, das sind für Juden und Christen die andern: die Heiden. Sie selbst sind irgendwie fremd auf dieser Welt
Die Bibel eignet sich nicht als Lehrbuch in Sachen Sexualität. Und man sollte dem alten Buch auch nichts unterschieben, wovon darin keine Rede ist

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.