Über die Gnade des Glaubens und der Zuversicht

Müssen Christen immer zuversichtlich sein?
Müssen Christen immer zuversichtlich sein?

Lisa Rienermann

Nein. Sie sollen realistisch und illusionslos sein. Aber Zuversicht hilft, im Elend den Kompass nicht zu verlieren.

Vorgelesen: Religion für Einsteiger "Müssen Christen immer zuversichtlich sein?"

Eine junge Frau fährt Mahlzeiten aus, als Fahrradkurierin. Bei der Einstellung war von viel Trinkgeld die Rede. Tatsächlich geben die Leute wenig. Oft kommt sie abends übermüdet und durchnässt heim in ihre dunkle und feuchte 24-Quadratmeter-Wohnung. Das Essen, das sie ausfährt, kann sie sich selbst nicht leisten. Was andere auf Dauer zermürbt, trägt die junge Frau gelassen. Sie studiert Jura. Noch einige Jahre, dann leistet sie sich ein besseres Zuhause.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist chrismon-Redakteur und zusammen mit Claudia Keller  verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Lisa Rienermann

Lisa Rienermann ist Illustratorin, Fotografin, Art-Direktorin und Autorin. Sie erzählt mit Bildern Geschichten, spielt gern mit Essen, liebt Entdeckungsreisen. Und sie denkt sich gern mit tollen Kollegen Projekte aus, in denen sie all das verbinden kann. Dabei kommen dann Statistiken aus Waffeln, Texte aus Fettflecken, tanzende Kartoffeln, Entdecker-Bücher oder Buchstaben aus Häuserschluchten heraus. Für chrismon denkt sie sich einmal im Monat ein Bild zur Rubrik "Religion für Einsteiger" aus. Ihre Arbeiten wurden international veröffentlicht und prämiert.  
Freerk Heinz

"Der Glaube ist eine feste Zuversicht dessen, was man hofft", heißt es in der Bibel (Hebräerbrief 11,1), "und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht." Gemeint ist nicht, dass christlicher Glaube gegen jede Not­lage innerlich wappnet. Sondern ­Glaube ist wie das, was der Jurastudentin das karge Leben erträglich macht: die Aussicht auf etwas Besseres. Ob er wirklich trägt, stellt sich erst in der Not heraus, wenn es drauf ankommt.

"Glaube ist Gnade", sagten deshalb die Reformatoren. Und der Theologe Dietrich Bonhoeffer formulierte aus seiner Haft heraus: "Ich glaube, dass 
Gott uns in jeder Notlage so viel ­Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern auf ihn verlassen."

Eine Haltung, die über Ärger und Streit hinausweist

In jedem Fall ist die Zuversicht, von der die Bibel spricht, keine Realitätsverweigerung. Im Gegenteil. Christen müssen nicht immer zuversichtlich sein. Sie sollen die Welt realistisch und illusionslos sehen, wie die Studentin auch ihre kargen Lebens­umstände sehr nüchtern beschreibt. Wie andere Menschen auch müssen Christen lernen, in Konflikten eine eigene Position zu finden und für sie einzustehen. Sie sollen sich nicht nach außen liebevoll und sanftmütig geben, wenn sie in Wirklichkeit mit ihrer Umwelt heillos über Kreuz sind. 
Sie sollen in der Familie nicht von Frieden säuseln, wenn sich gerade ­alle miteinander verkrachen. Sie ­sollen weder die drohende Klimakatas­trophe noch die ungerechte Ver­teilung der Vermögen schönreden.

Glaube und Zuversicht sind Teil ­einer Haltung, die über Ärger und Streit 
hinausweist. Sie helfen, eine Perspektive über die verbreitete Wut, über den Hass und die Egozentrik hinaus zu finden. Ob man Glaube und Zuversicht wirklich in sich trägt, zeigt sich, wenn man im Stress des Streits ruhig bleibt und die Verhältnismäßigkeit wahrt. Und wenn die Not einen selbst trifft und man dann nicht verzagt.

Glaube ist ein Geschenk

Glaube ist Gnade, ein Geschenk. Das schließt ein, dass er sich wecken und kultivieren lässt. Man kann durchaus versuchen, im Glauben zu wachsen – auch wenn man sich immer im Klaren darüber sein muss: Glaube lässt sich weder erarbeiten noch verdienen.

Das Christentum hält – wie auch andere Religionen – für solches innere Wachstum eine Reihe von Techniken bereit. Etwa die, dass man sich auf Gott hin ausrichtet, um der Egozentrik zu entkommen. Dass man innere Zwiesprache (auch "Gebet" genannt) hält, um sich selbst zu erforschen. 
Wer früh zu verzichten lernt, und sei es nur auf Essen während der ­Fastenzeit, übt sich gleichzeitig ­darin, ­materiellen Dingen weniger Bedeutung beizumessen. Man kann sie ohne­hin nicht ins Jenseits retten. Wer innere Konflikte frühzeitig bearbeitet und aus Fehlern lernt (früher 
geschah das mit "Beichte" und "Buße"), den quält nicht späte Reue. Wer im Kleinen vergeben kann, lernt auch irgendwann, im Großen mit erlittenem Unrecht seinen Frieden zu schließen.

Frühzeitig einüben

Sterbenden helfen Bilder der Ewigkeit, sicher auf die enge Pforte des Todes zuzugehen. Den einen gibt die Vorstellung Zuversicht, dass Ewigkeit die Aufhebung der Zeit sei, reine Gegenwart also, ohne all die Rast­losigkeit und innere Unruhe, die einen 
treiben. Andere wünschen sich die große Stille des Todes herbei, die endlose Ruhe. Wieder andere finden es tröstlich, wieder in den Kreislauf des Lebens einzugehen. Aber diese Bilder helfen im Ernstfall nur, wenn man sie sich frühzeitig eingeprägt hat. "Ars Moriendi" (Sterbekunst) nannte man im Mittelalter daher das Be­mühen um das eigene Seelenheil, solange noch Zeit dazu ist. Dahinter steht der lebenslange Wunsch, zu reifen und erwachsen zu werden – ganz ohne die Garantie, dass das auch gelingt.

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Lesermeinungen

Lieber Herr Weitz, es ist ein guter Artikel den Sie da geschrieben haben. Aber wo geht es wirklich um den Glauben an den lebendigen Gott? Es gibt viele Anregungen in der Bibel, angefangen davon sich mit dem zu beschäftigen was gut, lauter und liebenswert ist. Dann, "betet allezeit" das wird in der Ostkirche mit dem "Jesusgebet" praktiziert, in Kurzform "Jesus erbarme dich über mich". Aber in aller erster Linie geht es um die persönliche Beziehung zu Gott. Und der Anerkennung der Realität Gottes. Vielleicht und hoffentlich sehen Sie das genauso und es ging Ihnen in dem Artikel auch darum. Einen interessanten Bericht über eine plötzliche, nicht gesuchte Gottesbegegnung hat die dänische Journalistin in ihrem Buch mit dem Titel "Die Frau, die nicht an Gott glaubte und Jesus traf" aufgeschrieben. Der christliche Glaube ist keine Religion der Regeln, sondern lebt aus dem Hören und Reden mit Gott. Und ab da wird es sehr interessant...