Fragen an das Leben: Fränzi Kühne über ihre stärksten Momente

"Ich habe gelernt, Kraft in mir selbst zu finden"
Fragen an das Leben - Fränzi Kühne

Dirk von Nayhauß

Fragen an das Leben - Fränzi Kühne

Im Keller hat sie ein Fränzeum, ein Museum für sich selbst. Fränzi Kühne, Gründerin, Geschäftsführerin, Aufsichtsrätin: vielbeschäftigt und immer die Beste.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn es auf mich ankommt, wenn ich ganz schnell entscheiden muss. Wenn ich fünf, sechs Termine hinter­einander habe, dann ruft noch jemand an und ich muss ein Problem lösen, obendrein gibt es zu Hause etwas ­abzustimmen – meine Tochter braucht zum Beispiel ein Geschenk für einen Kindergeburtstag. Wenig essen, wenig schlafen, viel Zerrissensein, das gefällt mir total gut! ­
Ich muss dabei aber aufpassen, dass ich mich nicht verliere.

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Kinder leben ohne Normen, sie legen sich im Supermarkt auf den Boden und schreien. Davon könnten Erwachsene ein bisschen mehr haben, die könnten mehr ihre Gefühle zeigen. Von meiner kleinen Tochter lerne ich, im Jetzt zu sein, mit der ganzen Aufmerksamkeit. Bin ich mit ihr, dann bin ich nur mit ihr, das Handy ist weg.

Fränzi Kühne

Fränzi Kühne, 1983 geboren, ist Deutschlands jüngste Aufsichtsrätin in einem börsennotierten Unternehmen. 2008 gründete sie mit zwei Freunden Deutschlands erste Social Media-Agentur "Torben, Lucie und die gelbe Gefahr" (TLGG). Die Agentur hat heute 200 Mitarbeiter und berät Bundesministerien und Unternehmen (darunter Lufthansa, Deutsche Bahn, Bayer, BMW, Spotify). 2017 wurde sie Aufsichtsrätin bei Freenet, 2018 bei der Württembergischen Versicherung. Seit 2018 sitzt sie im AllBright-Stiftungsrat. Fränzi Kühne hat eine Tochter und lebt in Bierdorf bei Berlin.
Dirk von NayhaußFränzi Kühne

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin (Diplom 1994). Heute arbeitet er als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus) in Berlin. Für chrismon macht er sowohl die Interviews als auch die Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".
Dirk von Nayhauß

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

In meinem Leben spielt Gott keine Rolle. Ich glaube aber, dass es eine große Kraft gibt, die dem Ganzen einen Sinn gibt. Ich glaube, das Universum trägt Aufgaben an uns heran, an denen wir wachsen können, auch wenn wir erst einmal den tieferen Sinn nicht verstehen. Vor zehn Jahren 
starb mein Papa. Sein Tod riss mir den Boden unter den Füßen weg. Ich habe mich komplett allein gefühlt. ­Diese Liebe und die Verbundenheit, die man zu den Eltern fühlt, ist nicht ersetzbar. Ich war lange auf der Suche nach ­jemandem, der diese Lücke füllt. Schließlich habe ich ­festgestellt: Das kommt aus mir selbst heraus, ich brauche niemanden. Und darin liegt vielleicht ein tieferer Sinn. Dass ich gelernt habe, die Kraft in mir selbst zu finden.

Muss man den Tod fürchten?

Den Tod von anderen Menschen fürchte ich sehr, das ist das Schlimmste, was passieren kann. Über meinen ­eigenen Tod denke ich kaum nach, ich lebe im Hier und Jetzt. Ich gucke aber gern zurück, ich habe im Keller das "Fränzeum", das Museum für mich selbst. Dort ist alles, der erste Brief, alle Zeitungsartikel über die Agentur und mich, Fotoalben, Tagebücher. Wenn ich darin herum­stöbere, kommt keine Reue auf, ich denke nicht: Ach, ich hätte dies oder das anders machen müssen! Ich glaube, ich bereue nichts. Ich wüsste gar nicht, wie das geht, denn wenn ich einen Fehler mache, dann bin ich dran, ihn zu erkennen und zu beseitigen. Diese Haltung: Ich verändere lieber nichts, ich lasse alles beim Alten, dieses Leben mit angezogener Bremse, das verstehe ich nicht.

"Schuldgefühle kann ich mir nicht leisten"

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Welche Schuldgefühle? Für was? Wenn ich merke, dass ich einen Menschen verletzt habe, entschuldige ich mich. Das passiert relativ schnell, es würde zu viele Kapazitäten in meinem Kopf erfordern, wenn ich eine Leiche im Keller hätte. Schuldgefühle kann ich mir nicht leisten. Ich bin sehr klar, sehr fokussiert und wahnsinnig durchstrukturiert. Ich will im Reinen sein mit den wichtigen Menschen um mich herum, dem innerer Kreis: meiner Familie, ­meinen engsten Freunden. Andere Menschen kann ich ziemlich gut ausblenden, die sind mir nicht wichtig.

Wie viel darf die Welt von Ihnen wissen?

Wenn etwas Neues wie Instagram rauskommt, probiere ich viel aus und poste ständig Fotos. Anfangs habe ich viel gezeigt, aber dann wurde es mir langweilig. Meine kleine Tochter ist kaum zu sehen, und mein Zuhause würde ich auch nicht filmen, das wäre mir zu persönlich.

"Der Mensch ist erstmal nicht unterschieden nach Geschlecht"

Was können Frauen besser als Männer?

Der Mensch ist erst mal nicht unterschieden nach Geschlecht. Man wird aber in der Kindheit geprägt, deshalb erziehen wir unsere kleine Tochter genderneutral. Sie ­bekommt Autos, und ich gucke drauf, dass sie nicht das rosa Überraschungsei kriegt. Ich will auch, dass sie ein Interesse für Technik entwickelt, Technik ist entscheidend für die Zukunft unserer Kinder.

Wie reagieren Sie auf Kritik?

Mein erster Impuls ist häufig: Was soll das denn, stimmt nicht, ich bin eh immer die Beste. Aber wenn das von den Leuten kommt, die mir nahestehen, wächst es in mir, und dann merke ich in den meisten Fällen: Okay, damit muss ich was machen.

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Lesermeinungen

Ich verstehe, dass das Format "Fragen an das Leben" keinen Raum für kritische Interviewführung zulässt. Es scheint mir jedoch doch etwas absurd, dass man eine Aussage der Frau Kühne nicht hinterfragt:

"Ich will im Reinen sein mit den wichtigen Menschen um mich herum, dem innerer Kreis: meiner Familie, ­meinen engsten Freunden. Andere Menschen kann ich ziemlich gut ausblenden, die sind mir nicht wichtig."

Frau Kühne ist damit ein menschgewordenes Beispiel des Übels des Kapitalismus. Die völlige Gleichgültigkeit gegenüber unseren Mitmenschen. Wie kann das ein evangelisches Magazin so unkritisch abdrucken? Das muss doch aufgearbeitet werden?

LG Timo