Rückblick auf die Tagung der EKD-Synode in Dresden

Erwarten Sie viel!
Frieden, sexualisierte Gewalt, Flüchtlings-Rettung - viele Menschen setzen Hoffnung auf die Kirche.

Am Reformationstag habe ich dieses Jahr eine neue Vokabel gelernt. Erwartungslosigkeit. Der Prediger in der Kölner Trinitatiskirche, Professor Michael Weinrich, bezog sich auf Karl Barth. Als junger Pfarrer wetterte Barth  gegen den "Apparat moderner Kirchlichkeit" und fragte provozierend: "Erwarten wir auch nur, dass dadurch etwas anders werde?"

Ich fuhr von Köln nach Dresden, zur Synodentagung der EKD. Und stellte fest: Gerade im Moment erwarten die Menschen viel von der evangelischen Kirche, ja, auch von ihrem "Apparat". Am Sonntag der Tagung schilderte der Ratsvorsitzende, wie er manchmal - mitten beim Predigtschreiben - diese SMS bekommt: Hilfe! Dann droht wieder einmal die Abschiebung eines jungen Mannes nach Afghanistan, nachdem eine Kirchengemeinde  ihn jahrelang betreut und integriert hat. Wenn alle Rechtsmittel ausgeschöpft sind, dann schreibt man an den obersten Kirchenmann. "Alles Einzelfälle", seufzte der nachvollziehbar, "aber glauben Sie mir, das geht mir nahe."

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Am Montag sprach der Bischof der badischen Landeskirche, Jochen Cornelius-Bundschuh, über das Schwerpunktthema Frieden. Plädierte dafür, dass viel mehr gestritten wird - dass der Kirchenvorsteher, der beim Rüstungsbetrieb beschäftigt ist, sich trifft mit der Atomwaffengegnerin. Dass im Konfirmandenunterricht das Soldatenkind ins Gespräch kommt mit dem Friedensmarschierer.  Wo sonst treffen Menschen aus unterschiedlichen Milieus heute noch zusammen? O. k., im Fußballstadion. Aber da reden sie selten über den Atomwaffensperrvertrag.

Am höchsten die Erwartung am Dienstag der Synodentagung. "Gehen Sie voran", rief die Betroffene sexualisierter Gewalt, Kerstin Claus, den 120 Synodalen zu, "machen Sie Betroffene zu Beteiligten". Wenn das gelinge, könnte die Kirche Vorbild sein für Sportvereine, Rundfunkanstalten und Theater, bei denen das Thema sexualisierte Gewalt gerade erst anfängt hochzukochen.

Erwarten Sie weiterhin viel von uns

Nicht alle diese Erwartungen werden sich erfüllen. Der Bischof kann nicht alle Asylbewerber retten, die Gemeinden erreichen längst nicht mehr alle, und beim Thema Gewalt müssen erst mal die Landeskirchen zu einer Linie finden. Aber dass man der Kirche all das zutraut, macht mich stolz als evangelische Christin. Das hätte Karl Barth gefallen, der im selben Vortrag gegen die "unsäglich zahmen kirchlichen Monatsblättlein" wetterte.

Zahm war chrismon dieses Jahr bestimmt nicht, wir hatten so viele Hassmails und massive Drohungen, dass wir viel anwaltliche Hilfe gebraucht haben. Macht Mühe und kostet Geld, aber schüchtert uns nicht ein, sondern spornt uns an. Bitte, liebe Leserinnen und Leser, erwarten Sie weiterhin viel von uns!

Leseempfehlung

Die evangelische Kirche hat sich wachrütteln lassen. Sie darf sexualisierte Gewalt in ihren Reihen nicht dulden, null Toleranz. Die Kirche muss ein Schutzraum werden – für Opfer, nicht für Täter
Was die Kirche vom Friedensfest im sächsischen Ostritz lernen kann
Die Deutsche Bischofskonferenz will Betroffene von sexualisierter Gewalt besser entschädigen. Ein Weg auch für die evangelische Kirche?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Ich hoffe, ich erwarte nicht zuviel. Nehmen wir Ihr Geschwister- online Portal evangelisch.de.
Seit längerer Zeit wird die Kommentarfunktion ganz systematisch für Postings von feindseliger Gesinnung genutzt, und ich habe den Eindruck, mit ausdrücklicher Genehmigung der Redaktion. So ist mein Eindruck. Anders kann ich mir nicht erklären, was da vor sich geht.
Vielleicht könnten Sie sich diese Kommentare näher ansehen, denn mit Ignoranz oder Wegsehen kommt man nicht weit.
Ihre Meinung würde mich interessieren.
Mit freundlichen Grüßen

Vielen Dank für Ihre Nachricht. Die evangelisch.de-Redaktion prüft in aller Regel die einzelnen Nutzer*innen-Kommentare und schaltet sie dann ggf. frei zur Veröffentlichung. Ausgenommen von dieser Regel sind Kommentare einzelner bei evangelisch.de registrierten Nutzer*innen. Sollte sich darunter ein Kommentar befinden, der gegen unsere „Hausordnung“ verstößt, wäre ich ihnen dankbar, sie teilen uns den konkreten Kommentar mit URL mit: info@evangelisch.de. Auch wir werden weiterhin genau hinschauen. Ausgrenzendes, Fremdenfeindlichkeit, Beleidigendes und Verletzendes hat auf evangelisch.de keinen Platz. Besten Dank und herzliche Grüße, Markus Bechtold, stellv. Portalleiter evangelisch.de.

Aha,wenn alle Rechtsmitel ausgeschöpft sind, dann schreibt man also an den obersten Kirchenmann.

In diesem Fall gibt es für "obersten Kirchenmann" in unserem Rechtsstaat - frei nach Kelsen - nur eine Antwort:
"Es ist eine Fiktion, einen Mangel innerhalb einer Rechtsordnung, welcher auf einem subjektiven,moralisch-politischen Werturteil beruht, als Unmöglichkeit anzusehen" Ein solcher vermeintlicher Mangel ist innerhalb der Rechtsordnung zu beheben. Alles andere ist "Abdankung " des Gesetzgebers.
Es sollte dem "obersten Kirchenmann" nicht "nahe gehen", dass der Gesetzgeber (noch nicht) abgedankt hat ...schließlich ziehen er und seine Kirche keinen geringen Nutzen aus dessen Wirken....