Adoptiert: Suche nach der leiblichen Mutter

Sie wollte wissen, wo sie herkommt
Sie wollte wissen, wo sie herkommt

Stefanie Giesder

Roberta, 23: " Eigentlich bin ich ein typisches Allgäuer Mädel – mit ein paar anderen Einschlägen"

Sie wollte wissen, wo sie herkommt

Die junge Allgäuerin kannte ihre biologische Mutter bisher nicht. Nun hat sie sie in Rumänien besucht.

Roberta, 23:

Ich wurde adoptiert aus einem Waisenhaus in ­Rumänien. Da war ich zwei Jahre und drei Monate alt, heute bin ich 23 und mit meiner Ausbildung zur Physiotherapeutin fertig. Meine Eltern haben mir erzählt, dass das Heim sehr armselig war. Später adoptierten sie noch einen kleinen Buben, der ist für mich mein Bruder.

Ich hatte schon öfter vor, nach der Frau zu suchen, die mich geboren und weggegeben hatte. Vor allem während der Pubertät fühlte ich mich manchmal ein wenig fremd, nicht dazugehörig. Und dann habe ich es eines Tages, das war 2016, einfach gemacht. Ich wollte das Thema für mich abhaken. Ich hatte ihren Namen und in etwa das Alter. Bei einer Frau auf Facebook wusste ich sofort: Das ist sie. Wir sehen uns ähnlich. Ich fand es ziemlich cool, dass es noch Leute gibt, die fast so aussehen wie ich. Ich hatte ja nie jemanden, der mir ähnlich sah.

Ich habe mit ihr geskypt. Sie war ziemlich nervös, ich nur ein bisschen. Dann planten wir meine Reise nach ­Rumänien, wir hatten besprochen, dass meine Eltern mitkommen. Sie unterstützen mich in jeder Hinsicht sehr.

Zur Begrüßung hat mich meine biologische Mutter umarmt

Das erste und einzige Treffen fand in Arad statt, meiner Geburtsstadt. Zur Begrüßung hat meine biologische Mutter 
mich gleich umarmt. Für mich hat das keinen Sinn gemacht, sie hatte mich ja weggegeben, ich wollte mich da emo­tional nicht reinsteigern. Wir haben uns ausge­sprochen, mit ­Hilfe eines Dolmetschers. Ihr ging es ziemlich schlecht mit dieser Situation, sie hatte ja was zu erklären, nicht ich. Sie war sehr offen, mehr möchte ich allerdings nicht erzählen, ­alles ist jetzt gut für mich. Mir ging es darum zu sehen, wo ich herkomme. Was gewesen wäre, wenn ich in dieser Familie 
oder gar im Waisenhaus geblieben wäre, diese Frage braucht man eigentlich nicht zu stellen. Ich hätte keinerlei Chancen gehabt, das ist so, Punkt.

Mittlerweile macht es mir nichts mehr aus, wegge­geben worden zu sein. Weiß ich, wie ich gehandelt ­hätte? Hier im Allgäu mit vollem Magen müsste ich ja nie so ­etwas entscheiden. Ich bin lieber das Kind, das weg­gegeben wurde, und nicht die Mutter, die weggegeben hat. Sie war für mich eine fremde Frau. Es war trotzdem schön, sie mal zu treffen. Wir haben jetzt vielleicht alle zwei Monate Kontakt über Facebook Messenger, das reicht mir vollkommen.

Nach dem Besuch machte ich ein halbes Jahr ein ehrenamtliches Praktikum im Behindertenzentrum ­Pastraveni. Früher war das eins dieser furchtbaren rumänischen Kinderheime, heute ist es ein Zuhause, in dem sich die behinderten Menschen geborgen fühlen. Ich arbeitete mit schwerst Mehrfachbehinderten, wir konnten uns nicht mit Worten verständigen. Und doch hat es funktioniert. Sie haben auch sofort gemerkt, wenn ich mal einen blöden Tag hatte. Das alles hat meine Wahrnehmung geschärft.

Rumänien ist mir irgendwie nahegekommen

Rumänien ist mir irgendwie nahegekommen, ich bin immer mal wieder dort. Über das Praktikum habe ich ­enge Freunde gefunden. Und die Sprache kann ich inzwischen richtig gut. Die Menschen dort sind oft so hilfsbereit und offen und bieten dir erst mal was zu essen und zu trinken an. Aber irgendwann merkt man, dass die meis­ten Menschen dort ohne Perspektive kämpfen. Sie sind eigentlich immer müde.

Rumänien hat mich schon reifer werden lassen. Über Kleinigkeiten rege ich mich auch nicht mehr auf, vieles ist doch gar nicht so wild. Wir können froh sein, hier in Deutschland zu leben. Meine Eltern finden ja, dass ich auch was Rumänisches habe. Ich habe es nie eilig. Und wenn sie sich über irgendetwas aufregen, zum Beispiel weil sie ewig im Stau stehen, bleibe ich cool: Ist halt so, da finde ich mich dann drein.

Für die Ausbildung lebte ich in Ulm am Rand der Schwäbischen Alb, hatte dort auch meinen ersten Job. Aber vor kurzem bin ich zurück ins Allgäu gezogen. Da bin ich wirklich zu Hause. Ich liebe die Berge und die Seen, ich wandere und radle ziemlich viel. Ich wohne jetzt ganz nah bei meinen Eltern und Großeltern. Und ich will, dass an Weihnachten und Ostern alles so ist wie immer – ­dieselben Treffen am selben Ort zur selben Zeit. Fazit: Ich habe definitiv ein Stück Rumänien in mir und bin auch ganz froh darum, aber eigentlich bin ich ein typisches ­Allgäuer Mädel – mit ein paar anderen Einschlägen.

Protokoll: Beate Blaha

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