Seit fünf Jahren gibt es das Gesetz zur vertraulichen Geburt. Was hat es bewirkt?

"Manche wollen das Kind nach der Geburt gar nicht sehen"
Streitfälle - Nachgefragt

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Streitfälle - Nachgefragt

Nur acht Frauen pro Monat nutzen bundesweit das Angebot der vertraulichen Geburt. Für Beraterinnen ist es schwer, Routine zu bekommen.

Seit fünf Jahren gibt es ein Gesetz, das die Möglichkeit zur vertraulichen Geburt regelt. Frauen können unter Pseudonym und mit medizinischer Hilfe ihr Kind zur Welt bringen. Danach geben sie es zur Adoption frei. Mit 16 Jahren kann das Kind den Namen seiner leiblichen Mutter erfahren, wenn es das möchte. 

chrismon: Wie wirkt sich das Gesetz aus?

Heike Pinne: Vertrauliche Geburten sind selten, im Durchschnitt acht bis neun pro Monat bundesweit. Für die über 1600 Beratungsstellen ist das kein alltägliches Thema, im konkreten Fall dann aber sehr komplex. So ist es schwer, Routine zu entwickeln.

Heike Pinne

Heike Pinne ist Schwangerschaftsberaterin bei pro familia und hat für das Bundesfamilienministerium vor fünf Jahren die ersten Beraterinnen zum Thema vertrauliche Geburt ausgebildet.
PRHeike Pinne

Selina Rudolph

Selina Rudolph studiert Journalismus an der Universität Mainz.

Macht die vertrauliche Geburt die sogenannten Babyklappen überflüssig? Dort kann eine Frau ihr Kind anonym abgeben. Das Kind hat später nicht die Möglichkeit zu erfahren, wer die leibliche Mutter ist.

Das ist schwer zu beurteilen, solange es Babyklappen gibt. In der Beratung finden wir mit den Frauen fast immer eine Alternative zur Babyklappe. Aber was ist mit denen, die gar nicht zu uns kommen? Verhindert das Angebot einer Babyklappe, dass sich Frauen überhaupt beraten lassen? Wenn eine Frau im Internet recherchiert, findet sie fast immer die Möglichkeit, ihr Kind ohne Beratung an einer Babyklappe abzugeben.

Im Gesetz zur vertraulichen Geburt ist festgeschrieben, dass darüber öffentlich informiert werden muss. Kommen die Informationen bei den Frauen an?

Manche Frauen recherchieren im Internet und sind sehr gut informiert. Etliche lassen sich erst mal am Hilfetelefon "Schwangere in Not" beraten. Manchmal wenden sich aber auch Frauen direkt an uns und wissen von den Möglichkeiten noch gar nichts. Die wichtigste Information, die Frauen haben sollten, ist: Sie können mit allen Fragen und Problemen im Zusammenhang mit einer Schwangerschaft kommen. Immer vertraulich und kostenlos.

Welche Frauen entscheiden sich für eine vertrauliche Geburt?

Jeder Fall ist ein Einzelfall. So sehen das auch meine Kolleginnen. Die Frauen kommen aus unterschiedlichen Milieus, sind unterschiedlich gebildet und befinden sich in Lebenssituationen, die man schlecht vergleichen kann.

Wie geht es den Frauen nach der vertraulichen Geburt?

Sie gehen sehr unterschiedlich damit um. Die einen wollen das Kind nach der Geburt gar nicht sehen, andere versorgen es mehrere Tage und verabschieden sich. Wiederum andere entscheiden sich nach der Geburt dann doch für ein Leben mit dem Kind.

Was könnte die Politik tun, um die Situation der Beraterinnen und Hilfesuchenden zu verbessern?

Als Beratungsstellen wünschen wir uns eine bessere Finanzierung. Die Aus- und Fortbildungen kosten Geld und Energie, und die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern, Hebammen und Jugendämtern, wenn es zu einer vertraulichen Geburt kommt, ist sehr aufwendig. Auch wäre gut, wenn das Angebot der Schwangerschaftsberatungsstellen noch bekannter würde. Denn es gibt immer noch Frauen, die davon nichts wissen.

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