Geht doch: Nachhaltige Land- und Regionalwirtschaft dank Bürgeraktien

Gutes Geld für gute Milch
Geht doch - Gutes Geld für gute Milch

Daniel Hermanns/flickr

Geht doch - Gutes Geld für gute Milch

Bürger kaufen Aktien und garantieren den Bauern dadurch ihr wirtschaftliches Überleben: Regional-Wert-AGs im Aufwind
Deutschland spricht 2019

Elternzeit für Kühe? Das gibt es bei Milchbauer Hans Möller nördlich von Hamburg. Drei Monate trinken die Kälber Muttermilch am Euter, statt Milchersatz zu bekommen. Und sie leben auf der Weide, in der Großfamilie. Da lernen sie, wer die Leitkuh ist, wer der Chef (der Bulle), und dass Hörner keine Waffe sind, sondern ein Drohmittel. Damit toppt Landwirt Möller sogar die Biostandards.

Die Milch schmecke je nach Jahres­zeit ein wenig anders, sagt Möller: im Frühling, wenn das Gras schießt, lecker süffig; im Sommer, wenn die Kühe weniger Milch geben, weil Gräser und Kräuter harte Stängel haben, kräftiger und fetter. Klar, dass diese Milch dann nicht als Tropfen im Milchsee einer fernen Großmolkerei landen soll, sondern in der Molkereimanufaktur nahebei, der Meierei Horst. Aber dann stand die 2014 vor dem Aus!

Zur Rettung gründete Bauer Möller zu­sammen mit Verbrauchern und Landwirten 
eine Genossenschaft. Die garantiert den Milch-
betrieben einen Preis fürs ganze Jahr, etwas über dem Durchschnitt: 37 Cent für konventionell erzeugte Milch, 48 Cent für Biomilch.

Ein Netzwerk schaffen zwischen Stadt und Land

Und der umtriebige Möller griff die Idee eines Landwirts bei Freiburg auf: Christian Hiß hatte dort eine Bürger-Aktiengesellschaft zur Förderung der regionalen Landwirtschaft gegründet. Alsbald gab es solch eine "Regional­wert AG" auch in Hamburg. Bürger und Bürgerinnen kaufen Aktien für je 500 Euro, werden also stille Miteigentümer von ­Betrieben. Die Meierei Horst etwa bekam so 100 000 Euro für neue Maschinen. Mit dabei sind auch Bäckereien, Restaurants, Ökobierbrauer, ­Kantinen-Caterer. Fünf Regionalwert-Aktiengesellschaften gibt es bundesweit, drei weitere gründen sich gerade.

Genauso wichtig wie das Geld ist das Netzwerk: Als Möller im trockenen Sommer 2018 nicht genügend Heu für den Winter machen konnte, halfen ihm Netzwerkpartner aus – ein Landwirt hatte saftige Wiesen in der Flussniederung; ein Biogemüsebetrieb das Grünzeug, das beim Marktfein-Machen anfällt; der Brauer Malztreber. Einen Gewinn jenseits alles Materiellen beschreibt ein Milchbauer: "Jetzt, wo ich meine Kunden kenne, gehe ich morgens ganz anders in den Stall."­ 

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