Mail aus Accra: Migration

Viele wollen weg
Europasehnsucht

Privat

Auslandspfarrer Rafael Dreyer (l.) trifft in Elmina den jungen Souvenirhändler.

Europasehnsucht

Auslandspfarrer Rafael Dreyer über die Sehnsucht junger Ghanaer nach einem Leben in Übersee

Vor kurzem besuchte ich mit meiner Familie die Festung von Elmina, eine touristische Hauptattraktion Ghanas. Auf dem Parkplatz waren wir – wie üblich an solchen Orten – sofort umringt von Souvenirhändlern. Mit einem ­jungen Mann kam ich ins Gespräch. Er verkaufte Muschelarmbänder und erzählte mir, dass er nach Frankreich auswandern wolle. Dort habe er ­einen Freund, der ihm helfen könne, Fuß zu fassen. Einmal habe er es schon versucht und Tausende von Euro an Schlepper gezahlt, die ihn nach Nord­afrika gebracht hätten. In einem überfüllten kleinen Boot auf dem Mittelmeer sei die See so rau gewesen, dass sie hätten umkehren müssen, Grenzschutztruppen hätten sie an der libyschen Küste geschnappt, er sei für sieben Monate im Gefängnis gelandet und übel misshandelt worden. Nun ist er zurück in Elmina. Und würde es ­sofort wieder probieren, dann aber über Marokko und Spanien.

Rafael Dreyer

Rafael Dreyer lebt in Accra und ist Pfarrer der deutschsprachigen Gemeinde in Ghana.
PrivatRafael Dreyer

75 Prozent der Ghanaer würden ins Ausland gehen, wenn sie könnten, besagt eine Studie. Die Arbeitslosigkeit in Ghana ist hoch, der Lohn niedrig. Korruption und Vetternwirtschaft verhindern, dass junge Leute reale Aufstiegschancen haben. Oft ist es aber auch Abenteuerlust und Neugier, gerade bei ungebundenen jungen Männern. Sie lieben Ghana, wollen aber andere Länder kennenlernen, so ist mein Eindruck.
Die illegale Migration, meist durch die Sahara und über das Mittel­meer, geht zurück. 2016 machten sich knapp 5800 Ghanaer auf den Weg, 2017 rund 4000 und im ersten Halbjahr von 2018 waren es weniger als 500. Staatliche Interventionsprogramme tragen sicher dazu bei, sie setzen auf abschreckende Plakate und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen.

Trotzdem: Europa bleibt ein Sehnsuchtsziel. Es steht nicht nur für Reichtum, sondern auch für Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Wahrung der Menschenrechte. Was junge Ghanaer allerdings verunsichert, ist, dass ihre deutschen Altersgenossen mehrheitlich nicht mehr religiös sind. Sie sehen eine geistliche Leere, die ­ihnen komisch und traurig vorkommt. Sie hinterfragen den Materialismus und auch die Medien. Die meisten Ghanaer – zu über 70 ­Prozent Christen – können sich ein Leben ­ohne Gott nicht vorstellen.

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Lesermeinungen

Der Bericht ist nüchtern und klar. Unsere "guten Seelen" leiten daraus die christliche Verpflichtung ab: "Denen muß nach unseren Maßstäben geholfen werden!". Einverstanden. Aber wie? Wie es die USA schon mehrfach versucht haben, kulturell sehr anderen Staaten unser Verständnis der Menschenwürde, unsere demokratische Gesellschaftsvorstellung überzustülpen, kann nicht funktionieren. Das konnte nach 45 nur bei uns gehen, weil wir eine ähnliche Kultur haben. Um dennoch erfolgreich zu sein, müßte man vollkommen andere Kulturen erst einmal nach unserem Vorbild umstrukturieren >einmarschieren! Das wäre eine kulturelle Vergewaltigung mit noch größeren chaotischen Folgen. Das ist die erste Seite. Die zweite Seite der Medaille ist ebenso brutal. Denn die Einwohner eines Landes, dazu zählen selbst die ungeborenen Kinder, sind für ihr gesellschaftliches und politisches System alleinverantwortlich. Ob denen und uns das passt, ist egal. Es ist so. Ein Änderung oder Hilfe würde nur Gewalt, Zwang, eine andere Religion (?) bedeuten. Und ob das dann auch wirklich zu dem von den "guten Seelen" erhofften Ergebnis führt, ist mehr als ungewiss und auch noch für empfindsame Seelen arrogant. Und da ist dann auch noch die häufig tief verwurzelte (Süditalien) Kriminalität und ihr bürgerliches Pendant, die Korruption. Nur die Zeit könnte diese "Zustände" ändern. Wobei selbst Bildung kein Garant für Erfolg ist, wenn die menschlichen Schwächen obsiegen. Dass dann Menschen fliehen ist verständlich, löst aber die Probleme in der Heimat nicht. Und dann wird auch immer wieder die Kolonisation als Ursprung allen Übels angeprangert. Stimmt in Bezug auf willkürliche Grenzziehungen und deren Folgen. Aber hätte Indien ohne die Engländer eine weitgehend einigende Sprache, eine, wenn auch nur leidlich funktionierende, Verwaltungsstruktur? Kann man bezweifeln. Und das gilt dann auch für viele afrikanische und andere Länder, in denen nach wie vor die Überreste alter gesellschaftlicher Strukturen übermächtig sind. Christlicher Fatalismus ist schwer zu ertragen. Eine Hoffnung ist nur die globale kulturelle und technische Gleichschaltung. Die ist in Mode, Sprache, POP, Ernährung, Kleidung, Socialmedia schon sehr weit fortgeschritten. Die Technik macht’s! (>kulturelle Hardware?) Für die Änderung der Softmarker (Pflichten gegenüber dem Staat, Verantwortung, der Nächste, die Ehre, die Menschen-Würde und –Rechte, etc.) sind die alten Verweilzeiten wesentlich länger. Die Natur des menschlichen Verhaltens (vom Schöpfer so gewollt?) ist leider häufig sehr brutal.