Jewrovision Songcontest: Jüdische Jugendliche fürchten Antisemitismus

Rappen gegen die Angst
1500 jüdische Jugendliche feierten beim Jewrovision Songcontest und bestärkten sich gegenseitig - auch weil die Angst vor Anfeindungen groß ist.

Anfang Februar ging in der Frankfurter Festhalle die Post ab: 1500 Jugendliche aus jüdischen Gemeinden in Deutschland trafen sich zum Jewrovision Songcontest. 18 Gruppen rappten und rockten um die Wette. Gewonnen haben die Berliner mit einer beeindruckenden Bühnenshow und einer Hymne ans Leben, ans Partymachen und an die Freiheit.

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Die jüdische Gemeinschaft ist für junge Juden sehr wichtig, und das Zusammengehörigkeitsgefühl ist groß. Es macht Spaß, das zu erleben. Doch jedes zweite Lied thematisierte die Beklemmung und Angst der Jugendlichen, ihr Jüdischsein öffentlich zu zeigen, und den Wunsch, endlich dazuzugehören. "Wenn die Welt dir sagt, du passt hier nicht rein, mach die Augen auf, du bist nicht allein", sangen die Bayern. "Nun bin ich bereit, ich hab’ keine Angst, mich allen zu zeigen", rappten die Hannoveraner. "Warum schaut man uns so an? Was haben wir nur getan?", sangen die Düsseldorfer.

Der Antisemitismus wächst, das hat im Dezember eine Umfrage der EU-Grundrechteagentur unter Juden in zwölf europäischen Ländern ergeben. In Paris wurde vergangenes Wochenende der französische Philosoph Alain Finkielkraut auf offener Straße von Gelbwesten-Demonstranten übel beschimpft und bedroht, eine Woche zuvor waren in der Stadt Denkmäler mit Hakenkreuzen besudelt worden. In Elsass haben Unbekannte jüdische Gräber geschändet. Auch in Deutschland prägen der offene Hass und die Ausgrenzung das Lebensgefühl von Juden offenbar so sehr, dass sich schon die 10- bis 19-Jährigen gegenseitig bestärken müssen. Das ist erschreckend. Dagegen vorzugehen, ist aber nicht alleine Sache der Polizei und der Politik. Wir alle müssen wachsam sein und den Mund aufmachen, wenn jemand angepöbelt wird, nur weil er Jude ist. So gesehen haben die Jugendlichen uns allen Mut zugesungen.

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