Antisemitismus bekämpfen

"Weil Auschwitz uns alle angeht"
Jungen Muslimen während dem Aufenthalt 2017 im ehemaligen Vernichtungslager und heutiger Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Robin Richterich

Fast jedes Jahr fahren junge Duisburger Muslime mit dem Verein "Offene Jugendarbeit" zur Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Jungen Muslimen während dem Aufenthalt 2017 im ehemaligen Vernichtungslager und heutiger Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Ein Duisburger Verein fährt mit jungen Muslimen nach Auschwitz - und danach entwickeln sie ein eigenes Theaterstück. Der Gruppenleiter Burak Yilmaz im Gespräch

chrismon: Was machen Sie auf Ihren Ausflügen nach Auschwitz anders als Schulen?

Burak Yilmaz: Wir haben ein anderes Verständnis von Pädagogik. Wir sind keine wissende Allmacht, die unwissende Jugendliche über Auschwitz belehrt. Meine Kollegen Oguz-Han Uzun, Robin Richterich und ich sind in Duisburg aufgewachsen und kennen die Lebenswelt der Jugendlichen. Wir fangen erst bei ihrer Lebensgeschichte an und geben ihr viel Raum. Dazu gehört das Aufwachsen in einer armen Familie, Erfahrungen der Diskriminierung durch Polizei oder Türsteher oder manchmal auch die eigene Täterschaft bei Prügeleien. Wir beleuchten nicht nur die negative Auswirkung von Gewalt, sondern auch die Faszination für Gewalt. Wir setzen uns mit Täterstrategien genauso auseinander, wie wir für Opfer sensibilisieren. Der Fokus auf die Opfer geht nämlich schnell verloren, weil wir eine täterorientierte Gesellschaft sind.

Burak Yilmaz

Burak Yilmaz ist Gruppenleiter bei "Heroes Duisburg – Gegen Unterdrückung im Namen der Ehre". Er hat Germanistik und Anglistik studiert und hält Vorträge zum Thema Antisemitismus unter muslimischen Jugendlichen.  
Pascal BrunsBurak Yilmaz

Wie bauen Sie dann die Brücke zum Thema Antisemitismus?

Wir erörtern im Zentrum für Erinnerungskultur die Duisburger Stadtgeschichte und gehen der Frage nach, wer aus Duisburg nach Auschwitz deportiert wurde und welches Leben diese Menschen vorher hatten. Wir wollen Juden nicht auf einen Opferstatus reduzieren, sondern auch zeigen, dass es in Duisburg und in ganz Europa ein lebendiges, kulturell vielfältiges Judentum gab. Zudem treffen wir Jüdinnen und Juden, die uns erzählen, wie sich jüdisches Leben heute gestaltet.

Wie verarbeiten die Jugendlichen die Erfahrungen, die sie im Kurs und auf der Fahrt nach Auschwitz gemacht haben?

Im Anschluss, und dieser Aspekt ist mit der wichtigste, findet ein intensives Theaterprojekt mit dem Regisseur Gandhi Chahine statt. Die Jugendlichen bekommen in Auschwitz ein Gruppentagebuch, und anhand dieses Tagebuches entwickeln sie ein eigenes Theaterstück. Das Theaterspielen ist eine aktive Form der Erinnerungskultur, die gesellschaftlich immer noch unterschätzt wird. Auch unsere Jugendlichen sind häufig stigmatisiert und machen auch üble Erfahrungen mit Rassismus. Da ist wichtig, dass sie mit diesem Theaterstück eine Anerkennung aus der Öffentlichkeit kriegen, die sie sonst nicht bekommen. Sie brechen Vorurteile auf, weil dieses Engagement niemand von ihnen erwartet. Und sie sind wütend und konfrontieren das Publikum mit dem gegenwärtigen Antisemitismus, der immer noch verschwiegen wird und vielen Jüdinnen und Juden in Deutschland das Gefühl gibt, dass sie alleine sind.

Gibt es Aspekte, die besonders hervortreten, wenn Sie sich mit Muslimen zum Thema Judentum und Antisemitismus beschäftigen?

Absolut! Aber wichtig ist vor allem, dass nicht alle Muslime automatisch ein Problem mit Juden oder mit Israel haben. Es gibt immer mehr Muslime, die ihren Urlaub in Israel verbringen oder sich gegen Antisemitismus engagieren. Ich mag es nicht, wenn das Thema Antisemitismus instrumentalisiert wird, um Stimmung gegen Muslime zu machen. Das Bewusstsein in der muslimischen Community in Bezug auf Antisemitismus wächst seit Jahren.

Trotzdem gibt es ihn…

Ja. Über zwei besondere Formen des Judenhasses müssen wir unbedingt reden: In einigen Milieus ist Judenhass Teil der Erziehung. Wenn Eltern sauer auf ihre Kinder sind, dann beschimpfen sie sie als Juden. Kinder lernen in diesen Familien früh, das Wort Jude mit der Vorstellung von Monstern zu verknüpfen. Ein Jugendlicher hat mir mal erzählt, dass er als Kind in seinen Alpträumen immer von Dämonen mit Davidsternen geträumt hat, die ihn jagen. Das sind üble Erziehungsmethoden. Auch der religiöse Antisemitismus spielt eine Rolle: Gerade in Duisburg präsentieren nicht wenige Koranschulen einen Gott, der angeblich Juden hasst und sie auf alle Ewigkeiten verflucht hat.

Was kann da aus Ihrer Sicht getan werden? 

Ich sehe die islamische Theologie an unseren Universitäten in der Pflicht. Sie müssen Kindern ein positives Gottesbild vermitteln. Ein Gott, der mich beschützt, der mich versteht, wenn ich Fehler mache, und der immer ein offenes Ohr und offene Arme für mich hat. Gott bedeutet Freude und Leben, anstatt Angst und Hölle. Sich von so einem patriarchalen Gottesbild zu emanzipieren, erzeugt bei den betroffenen Jugendlichen enorme Schuldgefühle und Höllenängste. Sie begreifen aber, dass diese nicht von Gott gesteuert sind, sondern von ihrer Erziehung.

Wie nimmt die Gesellschaft die Muslime in Deutschland bei diesem Thema wahr?

Es gibt so viele moderate Muslime, die alle Facetten des Antisemitismus beleuchten und auch öffentlich thematisieren, aber die Mehrheitsgesellschaft hört ihnen kaum zu. Stattdessen gibt man Menschen eine Bühne, die das Thema Antisemitismus instrumentalisieren, um ihren eigenen Opferstatus mit denen der Jüdinnen und Juden gleichzustellen. Unsere Politik muss begreifen, dass diese Milieus auf die Mehrheit der muslimischen Community einen immensen Druck ausüben. Es kann nicht sein, dass Politik und Kirche mit reaktionären Imamen und anderen problematischen Akteuren Strategien gegen Antisemitismus entwickeln, während die das Existenzrecht Israels infrage stellen. Diese Naivität ist für mich nicht in Worte zu fassen.

Welche Auswirkungen hat das Projekt für die Jugendlichen?

Die Auseinandersetzung mit Auschwitz verunsichert sie erst mal. Sie ordnen ihre eigene Biografie in einen größeren historischen Kontext ein und begreifen, welche besondere Verantwortung mit Auschwitz einhergeht. Das ist ein Punkt, den viele Schulen nicht mehr thematisieren. Häufig fühlen sich unsere Jugendlichen dadurch in ihrem Engagement als Einzelkämpfer in einer trägen Gesellschaft oder werden von ihrem Umfeld ausgelacht. Einer wollte nach der Gedenkstättenfahrt unbedingt in seinem Leistungskurs Geschichte von seinen Erfahrungen berichten. Sein Lehrer meinte frech zu ihm: "Was machst denn du als Palästinenser in Auschwitz?"

Ich kann mir vorstellen, dass das auch Ihr Engagement nicht unbedingt erleichtert.

Es bleibt ein zwiespältiges Gefühl: Wir setzen uns mit Auschwitz intensiv auseinander, aber trotzdem gibt man uns das Gefühl, dass wir nicht dazugehören. Wir fragen uns häufig: Kann man überhaupt deutsch werden mit unserer Migrationsgeschichte? Da merken wir, dass Ausgrenzung von Menschen nicht nur etwas "Historisches" ist, sondern in Deutschland immer noch zum Alltag gehört.

 

Infobox

Bei den Duisburger Heroes und dem Verein Jungs e.V. können junge Männer sich mit dem Thema Geschlecht und gesellschaftlichen Erwartungen auseinandersetzen. Daraus hat sich das Projekt "Junge Muslime in Auschwitz" entwickelt. Der Verein organisiert aber auch Workshops und Theaterstücke in Schulklassen. "Weil Auschwitz uns alle angeht", sagt der Gruppenleiter Burak Yilmaz.

Mehr Infos über : www.heroes-net-duisburg.de

Leseempfehlung

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.