Die Tochter wurde ermordet, der Vater versucht, weiter zu leben

Sein Kind wurde ermordet
Erich G. hat vor 16 Jahren seine Tochter Vanessa verloren.

Mario Wezel

Auch wenn Vanessa nicht mehr da ist - für Erich G. ist sie trotzdem präsent

Erich G. hat vor 16 Jahren seine Tochter Vanessa verloren.

16 Jahre nach dem Mord an seiner Tochter kann der Vater auch mal 
das Leben genießen, einen Augenblick lang

Erich G., 62:

Meine damalige Frau und ich waren auf dem Rosenmontagsball in der Stadthalle. Eigentlich wollten wir um halb zwölf Uhr heim, aber dann war da noch eine letzte Tanz­runde. Die ­Kinder, Vanessa war zwölf, ­Christoph zehn, hatten eh länger aufbleiben dürfen, ­
weil Ferien waren.

Bald nach Mitternacht sind wir dann heim. In Vanessas Zimmer brannte noch Licht, meine Frau ging gleich rauf zu ihr, und dann schrie sie: "Erich, Erich, hier ist alles voller Blut." Vanessa lag auf dem Boden in einem ­großen Fleck aus Blut. Ich habe mein Kind beatmet, bis der Notarzt kam. Auch wenn ich keinen Puls mehr spürte, meine ich, dass ihre Augen aufgingen, ich hatte das Gefühl, als würde sie sagen: "Papa, Papa, endlich bist du da, hilf mir doch." Beim Beatmen war da ein Geruch, der ist noch ­heute immer wieder plötzlich da, dann rieche, spüre, schmecke ich ihn. Das ist alles vor 16 Jahren geschehen.

Hätten wir den letzten Tanz nicht mitgenommen, ­wäre das nicht passiert, der Todeszeitpunkt war kurz nach ­Mitternacht. Erst später konnten wir damit umgehen. Der Mörder sagte vor Gericht: Wären die Eltern zu Hause gewesen, dann hätte es mehr Tote gegeben. Christoph hatte übrigens im Nebenzimmer tief geschlafen.

Ich trete oft in Kontakt mit meiner Tochter

Die Ehe ist dann gescheitert, und mein Sohn hat bei mir gelebt. Wir sind so unterschiedlich mit unserer Trauer umgegangen. Meine Frau brauchte viel Zeit für sich selbst. Sie hatte einen Vanessa-Gedenkschrein aufgebaut, überall Fotos von ihr aufgehängt. Ich habe jetzt nur zwei von Vanessa gemalte Bilder hängen, die Fotos sind nicht für jeden sichtbar.

Eine Zeit lang befasste ich mich intensiv mit dem Leben des Mörders – er war damals 19 Jahre alt, unter Alko­holikern aufgewachsen, in seinem Umfeld galt immer das Faustrecht. Gefühle ihm gegenüber ließ ich nie hochkommen, das würde mein Leben beeinträchtigen. Er hat seine Jugendstrafe verbüßt und ist jetzt in Sicherungsverwahrung. Ich persönlich meine, dass er Vanessa gezielt ausgesucht und unser Haus ausspioniert hatte. Er hatte den Film "Scream" über 70-mal angeschaut.

Vanessa ist sehr präsent in meinem Leben. Da sind so viele glückliche Momente in meinem Kopf gespeichert! Ich war 16 Monate in Elternzeit und hatte sie immer bei mir. Ich trete oft in Kontakt mit ihr, zum Beispiel, wenn ich was Schönes sehe. Meine Vanessa war eine starke Persönlichkeit mit einem großen Gerechtigkeitssinn und mit viel Liebe. Für sie gab es kein Aufgeben. Das war dann auch für mich die Aufforderung, das Leben so anzunehmen, wie es ist – für sie und für meinen Sohn, der mich ja gebraucht hat. Ich bin stolz auf Christoph. Er hat sein Leben positiv gestaltet. Heute ist er Forstwirt und hat eine kleine Firma für Problembaumfällungen. Zwischendurch ist er schon traurig, so wie ich, aber er kann das Leben genießen.

Wenn 
man seine sterbende Tochter im Arm gehalten hat, sieht 
man alles 
mit anderen Augen

Es tröstet mich, wenn eine schwierige Situation, die auch schiefgehen könnte, gut endet. Dann spüre ich, dass jemand für mich da ist, der mich leitet und mich führt. Ich bin schon ein gläubiger Mensch. Aber die Unterstützung durch die Seelsorger damals war etwas schmal.

Ich habe wieder geheiratet. Glück ist für mich mittlerweile, mit meiner Partnerin die gleichen Empfindungen zu teilen. Und auch, dass ich zu vielen Freunden, die sich nach der Ermordung von Vanessa zurückgezogen hatten, wieder einen ganz normalen Kontakt habe. Ich bin auf sie zugegangen. Man darf sich nicht wie ein verängstigtes Tier hinter einem Felsen verstecken.

Wenn man seine sterbende Tochter im Arm gehalten hat, sieht man alles mit anderen Augen. Ich freue mich heute über den Augenblick, nehme mir mehr Zeit, um ihn aufzunehmen. Das habe ich früher nicht gemacht. Ich setze mich sogar einfach in die Sonne oder schaue meinen Goldfischen im Teich zu. Es hat einige Jahre gedauert, bis ich mir das erlaubt habe. Mir ist wichtig, dem Negativen die Zeit zu geben, sich ins Positive zu verändern. Und mit Menschen zusammenzusein. Wenn man mit jemandem, der Schreckliches erlebt hat, wirklich und offen spricht, dann kann man ihm irgendwann sogar das Lachen wieder herauslocken. Wenn ich nicht mehr lachen kann, dann bin ich innendrin erstarrt. Lachen bedeutet für mich, am ­Leben teilzunehmen.

Protokoll: Beate Blaha

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