Ursula Ott erledigt das Touristen-Event

Wird der Planet zur Touri-Attraktion?
Der Apfelbauer lebt von Apfel-Partys. Die Kirche wird zur Eventlocation. Schön ist das nicht

Als ich vor 25 Jahren mitten in die Kölner Südstadt gezogen bin, habe ich mit vielem gerechnet. Dass sich Rosenmontag sturzbetrunkene Matrosinnen in meinen Fahrradkorb übergeben. Dass bei den "Kölner Lichtern" Schaulustige ihren SUV kostenlos in unserer engen Gasse parken wollen. So ist Stadt, ich mag Stadt.

Ursula Ott

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon und Chefredakteurin von evangelisch.de. Sie studierte Diplom-Journalistik in München und Paris und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Sie arbeitete als Gerichtsreporterin bei der "Frankfurter Rundschau", als Redakteurin bei "Emma", als Autorin und Kolumnistin bei der "Woche", bei der "Brigitte" und bei "Sonntag aktuell" sowie als freie Autorin für Radio und Fernsehen.
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Eines hätte ich mir nicht erträumt. Dass unter meinem Balkon singende Touristen mit einem Weinglas in der Häkelkette eine Winzerführung ­machen. In Köln! Mein Nachbar pflanzt Reben an seiner Hauswand, der Klima­wandel hilft. "Kaum zu glauben", bloggt der Neuwinzer, unsere 
neue Touri-Attraktion. "Aus-gerechnet die wurzelnackt gepflanzten Neureben haben eine zweite Ernte hervorgebracht – so was gibt es nor­malerweise nur in tropischen Gebieten."Oje. Führt der Klimawandel dazu, dass wir die Ernte vor allem als folkloristisches Event erleben?

Wenn der Apfelbauer sein Geld vor allem mit Führungen verdient

chrismon war zum Betriebsausflug beim Apfelbauern. Ihn haben wir im letzten Jahr in unserem Erntedank-Thema "Superfood Apfel" portraitiert. Mittlerweile braucht er dringend die Euros aus den Führungen, weil die Trockenheit schon zum zweiten Mal die Ernte geschmälert hat. Tolle Führung, aber das macht mich ­melancholisch: wenn Bauern vom Apfel-
Event leben müssen statt von den Äpfeln. Dieselbe Melancholie, die mich überfällt, wenn ich in der Zeche Zollverein von ehemaligen Bergleuten durchs Schaubergwerk geführt werde. Oder wenn ich am Sternerestaurant in der ehemaligen Kirche vorbeilaufe.

Ich weiß, das sind disparate Entwicklungen, und keiner will den Kohlebergbau zurück. Aber ich bin froh, dass der Biobauer seine Führung nutzt, um drastisch zu zeigen, was Klimawandel ist – damit der eine oder andere umdenkt und nachhaltiger lebt und so dazu beiträgt, dass es auch mal wieder regnen könnte auf Goldrenette und Müschens Rosenapfel. Und ich bin froh über die unsere Reportage über Pfarrerinnen in Laucha, Frankfurt und Hannover, die zeigen, dass Kirche Zukunft hat. Und dafür sorgen, dass ich nicht eines Tages auf dem Balkon sitze und denke: Nette 
Führung, die der ehemalige Pastor da zum ehemaligen Kölner Dom macht. Um wie viel Uhr war noch mal die Weinverkostung?

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Ott,

Vielen dank für die Empfehlung meiner Führung. Bestimmt waren Sie schon einmal dabei und wissen worüber Sie schreiben. Falls Sie doch noch nicht dabei waren haben Sie vielleicht Interesse einmal mitzulaufen, so interpretiere ich zumindest Ihre Schlussfrage wann wir mit unserer Führung beginnen: meist Samstags um 12:45 Uhr bei der Bahnhaltestelle Ubierring. Buchen können Sie ihre Plätze auf meiner Webseite, die ich hier nicht verlinken möchte, da werbliche Inhalte in den Kommentaren nicht erlaubt sind. Aber wenn sie Weinwanderweg und Südstadt googeln finden Sie das bestimmt. Ich würde mich auf jeden Fall freuen Sie demnächst auf meiner Führung begrüßen zu dürfen. Den "Neuwinzer" (er macht immerhin schon seit etwa 20 Jahren Wein) lernen Sie dabei vielleicht ja auch kennen...

Kostenlose Plätze für Journalisten kann ich Ihnen leider nicht anbieten, da das erst ab einer gewissen Reichweite für mich Sinn macht. Die Tour ist aber mit 35,- € inkl. 5 kleiner Gläschen Wein und 5 kleiner Häppchen nicht sehr teuer.

Herzliche Grüße

Johannes Schmidt

Man wundert sich schon: Da ist in Chrismon so viel von der Liebe zur Natur oder "Gottes Acker" die Rede, da wünscht man sich hier viel mehr ehrenamtliches Engagement. Und was macht die Chefredakteurin: Sie macht sich lustig, über Menschen, die sich ehrenamtlich engagieren und die Straßen und auch Plätze von Köln durchaus schöner und lebenswerter machen: kein Wunder, dass das den ein oder anderen Touristen anzieht, die ich übrigens weder jemals grölen oder singen gehört habe. Vielleicht sollte sie tatsächlich bei der nächsten Weinernte mal klopfen, und sich genauer informieren, wie man das von Redakteuren eigentlich erwarten könnte. Auch ein guter Tipp wäre, einfach bei einer der in dieser schönen Straße vorbeikommenden Führungen einfach mal zuzuhören. Ich bin sicher, dass der Stadtwinzer und Pfarrersohn - ihr völlig für "Gottes Lohn" auch ein paar Trauben zukommen lässt.