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Ursula Ott, Chefredakteurin von chrismon

Foto: Katrin Binner

Ursula Ott ist Chefredakteurin von chrismon

Als der Chefredakteur der „Titanic“ vor einiger Zeit gefragt wurde, wie er sich die Zukunft vorstelle, antwortete er: „Ich glaube, das mit dem Internet ist bald vorbei.“ Das war, Achtung, ein Witz. Natür­lich stellt das Internet unsere gesam­te Wirtschaft, unsere Medien, unser Leben auf den Kopf, Ende offen. Aber es gibt eine tröstliche Nachricht: Wo alles immer virtueller wird, gibt es gleichzeitig eine Renaissance des Prinzips Nähe.

erledigt

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Ich muss es wissen, denn ich war eine Woche im Silicon Valley, bei jungen übernächtigten Computerverrückten im Kapuzenpulli, die wahlweise per Smartphone-App die aktuellen Jasminteepreise in China recherchieren, per Bluetooth Gesundheitsdaten von der Asthmaspraydose direkt an die Krankenkasse schicken oder ohne den Hauch von Ironie Sätze sagen wie: „We want to rule the world.“ Einerseits. Andererseits machen sie ihre Geschäfte so wie meine Nachbarn in good old Germany: Man kennt sich, man hilft sich. Einer der erfolgreichen Gründer im Valley berichtete, er habe monatelang versucht, einer Kapitalfirma per Mail oder Skype sein Konzept vorzustellen. Keine Antwort. „Dann bin ich einfach nach San Francisco geflogen, in deren Büro marschiert, nach einer Stunde hatte ich den Kredit, nach fünf Wochen ist meine Familie aus Frankfurt hierhergezogen.“ Der eine Investor gibt sein Geld nur an Tüftler, die er „auch mit dem Fahrrad erreichen kann“, der nächste geht mit seinen Bewerbern wandern auf dem Hügel neben der Stanford University. Und selbst Amazon will jetzt den ersten stationären Laden errichten, hui, wo man richtig hinlaufen kann. Mal was Neues.

In Zeiten, in denen Algorithmen fast alles „matchen“, Liebespaare, Ferienhäuser und Gebrauchtwagen, scheint der persönliche Eindruck von unseren Nächsten und Übernächsten ungemein an Bedeutung zu gewinnen. Gute Nachricht übrigens für unsere Pfarrerin­nen und Pfarrer. Schön, wenn sie Blogs schreiben. Grandios, wenn sie ab und zu mit dem Fahrrad zu ihren Schäfchen fahren. Gilt nicht nur im Silicon Valley: Eine Stunde Gespräch kann ein Leben verändern.

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Lesermeinungen

Die tröstliche Nachricht IST die Digitalisierung: mehr Emanzipation, mehr Teilhabe, mehr Wissen, hacking education -ich habe fast überall auf der Welt Zugang zu enormen Informationen, ohne formellem Schulabschluss oder teuren Lerninstituten, Partizipation für Dörfler, Blinde, und mobil Eingeschränkte.
Und vor allem das Ende des Gatekeeper-Redakteurs. Wie sagte ein Kollege kürzlich: "einem guten Text ist es egal, ob er von einem Journalisten, einem Laien oder einem Blogger geschrieben ist.
Und natürlich leben Netzaffine Nähe -sie ermöglichen sie sogar via Netz.
Nur Pfarrer, die werden Nähe nicht mehr leisten können. Sie sollen laut EKD-Programm um 50% reduziert werden. Damit die evangelischen Kirche eine online-Akademie aufbauen kann und solchen Blödsinn wie das hier finanzieren.

Wie sieht es mit der politischen Aktualität von Chrismon , aus ? Hier scheint man sich unsichtbar zu machen !
"Selbstverliebtheit " , ein super Stichwort. Das Lächeln, Fr. Ott, nervt. Der Sinn ? Da passt nichts mehr zusammen.
Kontrovers ? Mitnichten. Es scheint, als wäre dies lediglich noch ein Forum für Leute, deren Ellbogen stark genug ist, um mit Dummpfheit zu trumpfen !
Evangelisch ? Daran erinnert nur noch die sanft lächelnde Präsenz des Herrn Markschieß.
Schade !