Der IS inspiriert nicht, er zerstört

Erledigt: Inspiriert
chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Foto: Katrin Binner

Neulich hätte ich schier eine rote Ampel über­fahren, weil mich die Radionachrichten derart aufgeschreckt haben. „‚Islamischer Staat‘ inspiriert Extremisten in Südost­asien“ hieß die Meldung, die ich später auch in Zeitungen fand. Schlimm genug der Fakt an sich. Schlimmer, wie das Wort „inspiriert“ hier benutzt wurde. „Einhauchen von Geist“ heißt das lateinische inspiratio wörtlich, „Beseelung“. Seit wann kann man auch den Ungeist einhauchen?

Wir sollten besser aufpassen auf solche ­Wörter. Cicero sprach von dem Hauch, der den Poeten ereilt. Calvin glaubte, Gott selber habe die Bibel inspiriert. Die Surrealisten glaubten an die Kraft der Inspiration, die zerfließenden Uhren von Salvador Dalí sind von Träumen und dem Unbewussten inspiriert. Und inspirieren 100 Jahre später jeden Grundkurs Kunst in der 11. Klasse, weitere Uhren über Tische wabern zu lassen. Alles schöpferische Akte.

Der „Islamische Staat“ inspiriert nicht, er zerstört

Es tut aber weh, wenn Aldi sein Kundenmagazin „Aldi inspiriert“ nennt und den Erwerb von hundsgewöhlicher Nussnougatschokolade und Kaffeebohnen „inspiriert einkaufen“ nennt. Richtig albern wird es, wenn Friseure ‒ die es ja schwer haben neben all den „Haarems“, „Hauptsachen“ und „Delicuts“ ‒ sich zum „inspirierten Kunstsalon“ adeln, in dem es „um mehr geht als ums Haareschneiden“. Ich persönlich bin schon froh, wenn sie das Haareschneiden halbwegs beherrschen und der Friseur sich nicht von Salvador Dalí oder Calvin inspirieren lässt. Das alles ist albern, aber verzeihlicher Werbe-Sprech.

Aber wenigstens wir Journalisten sollten besser aufpassen auf die Seele der Wörter. Der „Islamische Staat“ inspiriert nicht, er zerstört. Zum Glück konnte man dies, wenn man die ­Ruhe hatte, in der Zeitungsmeldung am Ende auch noch lesen: „IS-Kämpfer sind nichts als Banditen“, sagte der malaysische Islamgelehrte Mahmoud Labati, „schlimm, wenn wir Malaysier uns von so abartigen Lehren einlullen lassen.“ Einlullen. Nicht inspirieren. Einlullen. Danke, Herr Labati.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

`Geist ` oder `Ungeist`, beides bildet die zwei Seiten einer Medaille, ebenso wie positiv und negativ , gut oder böse, zusammen gehören. Zu Recht mahnen Sie also Ihre Journalistenzunft zur Vorsicht. ----------------
"Der islamische Staat" ist nichts anderes als eine kriminelle Vereinigung, deren Radikalität kaum noch mit Worten zu beschreiben ist, und sicher sucht auch der Journalismus hier nach den richtigen Worten..-------------------------------
"Uhren, die über Tische wabern ", können kaum "schöpferischer " sein, als die kritisierte Werbung. Aber muss man sich darüber wundern ?
Die Inspiration bleibt der Kunst vorbehalten, und das Wort darf durchaus beseelen, aber von Journalisten erwarte ich sachliche Information, Neugier und die Liebe zur Wahrheit. Das erwarte ich, aber ich weiß auch, dass es so nicht ist. Ich kann damit gut leben. Wie kann man als Journalist auf die " Seele des Wortes " achten ? Dieser hehre Anspruch ehrt die protestantische Seele, die in der Autorin lebt, aber ich halte dies auch für einen unerfüllbaren Wunsch. --------------
Wer sich von Worten `einlullen `lässt, ist, wie die Malaysier, ein normaler, friedfertiger Mensch. Lernen wir, friedfertig zu sein.

...finde ich es, wenn ich erlebe, dass es Journalisten gibt, die - wie Frau Ott - sich mit Sprache im Sinne des Wortes auseinandersetzen. An anderen Orten vermisse ich derartigen Feinsinn und bin immer froh wenn ein Text mal nicht plakativ-klickoptimiert ist. Bitte gerne mehr davon!
Denn:
Leute, die (auch mit Texten) lautstark, undifferenziert und egozentrisch herumpoltern gibt es (leider) wahrlich genug.
Oder wie ein Freund von mir zu sagen pflegt: Jeder, der nicht kann, darf.

Guten Tag!

Ich wollte Ihnen mal mitteilen, wie sehr ich diese Kolumne schätze, in der Frau Ott sensibel und treffsicher Schlampigkeiten und billige Moden im Umgang mit der Sprache aufspießt, die bestenfalls die Gedankenlosigkeit der Sprecher/Schreiber belegen, schlimmerenfalls ihre manipulativen Absichten.

Vielen Dank!

Franz Schiele