Präses Annette Kurschus über Corona und das Hochwasser

Wann werden wir klug?
Wir sollen die Erde bebauen - und bewahren. Denn wir Menschen sind genauso verwundbar wie alles um uns herum.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Wann werden wir klug?"

Aufgeschlagene Knie gehörten zu meiner Kindheit. Auf beinahe jedem Foto, das es von mir als kleinem Kind gibt, habe ich ein ­Pflaster auf dem Knie. Noch heute spüre ich das elende ­Brennen, wenn meine Mutter die offene Wunde, in der sich ­meis­tens Dreck befand, zur Sicherheit mit Jod beträufelte. 

Annette Kurschus

Annette Kurschus, Jahrgang 1963, ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt in der Landeskirche bekleidet. Seit 2015 ist die Theologin zudem stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Barbara Frommann

Von frühester Kindheit an erfahren wir Menschen Verletzlichkeit, und das buchstäblich hautnah: der Sturz mit dem Dreirad, das Foul auf dem Aschenplatz, der Weg durch die Brombeeren. Keine Rinde, kein Fell, kein Schuppen- oder Federkleid, kein Horn- oder Knochenpanzer trennt uns Menschen – wie andere Lebewesen – von dem, was wir gemeinhin unsere Um-Welt nennen. Da ist als Grenz- und Kontaktfläche lediglich unsere Haut, an manchen ­Stellen kaum einen halben Millimeter dick. Danach kommt ­sofort das Blut und mit ihm der Schmerz. Hier beginnt das, was in der Bibel ziemlich drastisch und zugleich sehr ­präzise "Fleisch" heißt und weit mehr meint als den bloßen menschlichen Körper. Es steht für die Vergänglichkeit dieses Körpers, es bezeichnet die Endlichkeit unseres Lebens.

"Denn alles Fleisch, es ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Grases Blume": So erklang es im April dieses Jahres beim Gedenken an die Opfer der Corona-Pandemie in Berlin mit den Worten des Propheten Jesaja und mit den ergreifenden Tönen aus dem Deutschen Requiem von Johannes Brahms. "Das Gras ist verdorret und die Blume abgefallen." 

Drei Tage Starkregen 

Wir sind verletzlich, wir sind vergänglich: Es braucht nur ein Winziges, und du spürst es am eigenen Leib. Wie kaum etwas anderes hat uns in den vergangenen achtzehn Monaten die Pandemie diese grundlegende Wahrheit vor Augen geführt. Statt mit Fell, Federn und Schuppenkleid – so sagen es Philosophen – ummantelt und schützt der ­Homo sapiens seine Nacktheit mit Kleidung, mit Werk­zeugen, Techniken und Bauwerken; Menschen ­verbinden sich untereinander durch Bräuche und Rituale, mit Buchstaben und Geschichten, mit Gebeten und Liedern, kurz gesagt: mit Kultur. Unverwundbar – auch das hat uns ­spätestens die Pandemie gelehrt – haben uns all diese Fähigkeiten dennoch nicht gemacht.

Wenn ein winziges Virus die ganze Welt lahmlegen kann, wenn drei Tage und Nächte Starkregen ganze Täler, Dörfer und Städte aus­radieren können, wenn nur zwei Grad weiterer Erd­erhitzung ganze Länder unbewohnbar machen werden, dann wird deutlich: Verletzlichkeit ist kein Sonderthema einiger – wie es neudeutsch heißt – "besonders vulnerabler Gruppen", verletzlich ist die ganze Erde! 

Wir sind nicht die Krönung der Schöpfung

Die Erde mit ihren fruchtbaren Böden, aber auch ­Wüs­ten und totem Gestein, eingebettet in Atmosphäre und Ozeane, ist die Ökosphäre, die alles enthält, was uns trägt. Sitzen wir unter dem weiten Sternenhimmel oder am gewaltigen Meer, mag uns die Ökosphäre groß und unermesslich erscheinen. Aber sie ist ein dünner, verwundbarer Film an der Oberfläche unseres Planeten, den wir durch unser ­Handeln oder Nichthandeln zu zerstören drohen.

Den Menschen, so erzählt die Bibel, hat Gott als letztes aller Geschöpfe geschaffen. Aber nicht, weil wir die Krone der Schöpfung wären, sondern weil wir die verletzlichsten und bedürftigsten seiner Werke sind, in höchstem Maße angewiesen auf alles andere Leben um uns herum. Ob wir auch deshalb verletzlich und bedürftig geschaffen sind, dass wir klug werden können? Klug werden und auf­ hören, das Gewebe allen Lebens zu verletzen und zu zerstören, Lebensarten zu vernichten und die Erde zu einem Treibhausplaneten zu machen? Uns vielmehr an unseren Auftrag erinnern, die Erde zu bebauen – und sie dabei ­ zu bewahren!?

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Lesermeinungen

Dieser Tage erleben wir die Mitmenschen dünnhäutig, gereizt, ungeduldig. Es sind immer die anderen. Wie im Stau. Es sind die anderen, die den Stau ausmachen.
In dieser Grundstimmung erfasse ich Ihren Text als wohltuend unaufgeregt, klar und erklärend. Das tut wohl. Mir und ganz bestimmt auch den Mitmenschen. Mitgeschöpfen. Und ja, auch ich spüre den Auftrag gleichermaßen wie die Verletzlichkeit. Das macht uns menschlich. Danke für die guten Worte.

Es geht um mehr, es geht um die gottgefällige Überwindung des Schicksals der Vorsehung / der göttlichen Sicherung vor dem Freien Willen, damit am Jüngsten Gericht kein Urteil gegen Mensch spricht, sondern das Mensch eine Seele / einen neuen / weiteren Geist der Schöpfung hinzufügt.

Alles Materialistische ist nur Mittel zum Zweck!