chrismon-Herausgeberin Annette Kurschus über Kirche und Stadt

Zwischen Wohnsilos und Banken
Kirchengemeinden sind wichtig für die Städte - wenn sie sich beherzt mit den Nachbarn vernetzen.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Zwischen Wohnsilos und Banken"

Ein Pfarrer sammelt starke Worte und hoffnungsvolle Zitate, eine Künstlerin lässt sich davon beflügeln. Collagen entstehen, Banner der Zuversicht werden daraus. Weithin sichtbar weht ein solches Banner am frei stehenden Kirchturm und ist ein Blickfänger für alle, die vorbeikommen. Schlendernde halten interessiert inne, Eilige bleiben überrascht stehen, ­schauen hinauf und schauen hin. Das Banner wirkt als Unter­brechung im bunten Treiben der Stadt. Hat die ­Künstlerin ein neues Banner fertig, wandert das alte weiter, zum nächs­ten Kirchturm. Dort halten andere an und inne, um es zu betrachten.

Annette Kurschus

Annette Kurschus, Jahrgang 1963, ist seit 2012 Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen mit Sitz in Bielefeld. Sie ist die erste Frau, die dieses Amt in der Landeskirche bekleidet. Seit 2015 ist die Theologin zudem stellvertretende Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).
Barbara Frommann

Auf diese Weise entsteht am Rande der Bochumer Innenstadt während der Corona-Zeit ein stummer und beredter Dialog der Hoffnung. Er dringt von hier in die Peripherie, hinaus ins Ruhrgebiet, hinaus ins weite Land. Ein stilles und starkes Trostgespräch zwischen der Kirche und der Kultur, zwischen der Kunst und der Gesellschaft, zwischen Gott und Menschen.

Keimzelle dieses Projekts ist die Friedenskirche in der Bochumer Innenstadt. Bis vor kurzem versprühte sie den herben Charme der sechziger Jahre: Sichtbeton, Ziegelklinker, Glasbausteine. Die Kirche war renovierungsbedürftig, die Räume wurden zu groß für die schrumpfende Ortsgemeinde, die die Unterhaltung des Gebäudes allein nicht mehr finanzieren konnte.

Und mittendrin die Kirche

Gleichzeitig wuchs im Stadtteil der Bedarf an Räumen für Begegnung und Austausch, für soziale und kulturelle Arbeit, und zwar über die Grenzen von Kirchenmitgliedschaften und Religionszugehörigkeiten hinweg. So taten sich die Verantwortlichen zusammen, dachten gemeinsam nach vorn und bauten beherzt um.

"Q 1 – Eins im Quartier" nennt sich der Ort, der daraus entstanden ist. Ein Haus für Kultur, Religion und Soziales. Die Kirche hat ihr Gesicht buchstäblich der Stadt zugewandt, der Blick von dort weitet sich in den Alltag der Stadt, Menschen unterschiedlicher Generationen, Sprachen und Kulturen finden hierher. Unter einem Dach treffen sich Kinder und Jugendliche verschiedener Nationalitäten, Eltern trainieren ihre elterlichen Rollen, Frauen reden miteinander, Integration wird eingeübt und gelebt. Alle, die hier zusammenwirken, verbindet das Engagement für die Menschen im Stadtteil. Und die Kirche ist mittendrin.

Paulus wusste, wie

Der Apostel Paulus hat es vorgemacht, vor beinahe zweitausend Jahren, als er sich in der bunten Vielfalt Athens zwischen allerlei Marktschreiern verschiedenster Weltanschauungen auf dem Areopag zeigte und zu Wort meldete. Er tat es ohne überhebliche Abgrenzung, ohne ängstliche Scheu vor denen, die anders leben und reden, anders denken und glauben. Paulus bekannte sich ­offen zu Christus und redete klar von seinem christlichen ­Glauben – so, dass andere aufhorchten und neugierig ­wurden. Der Apostel suchte Gott an den ­ungewöhnlichsten Orten und fand ihn ausgerechnet dort, wo er am wenigsten damit gerechnet hätte. Er hörte hin und sah hin auf das, was anderen wichtig ist.

Das tun Christinnen und Christen in Bochum in "Q 1 – Eins im Quartier", das tun sie zusammen mit Menschen anderer Religionen und Weltanschauungen in ­unzähligen Städten auf der Welt: Sie zeigen einander, was sie lieben und woran sie glauben, sie machen sich gemeinsam stark für ein gutes Leben aller. Kirchen bieten Räume, wo ­zwischen Bankentürmen und Wohnsilos eigentlich kein Platz mehr ist. Zur Einkehr und zum Atemholen, für ­Debatten und zum Stillsein. Und ich ahne: Gott hat seine Freude daran.

Leseempfehlung

Heimat kann ein Sessel sein, eine Küche oder eine Kirche. Wir alle brauchen Orte, an denen wir einkehren können
In manchen Großstädten gehen Christen, Juden und Muslime gemeinsam in den Religionsunterricht. Gut so!
Jesus kam als jüdisches Kind auf die Welt. Deshalb kann uns der wachsende Antisemitismus nicht gleichgültig sein
Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut und in Deutschland nicht bedroht. Wer etwas anderes behauptet, will Diskussionen unterdrücken
Corona hat die Bildungsungerechtigkeit weiter vertieft. Damit dürfen wir uns nicht abfinden!

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Kurschus,
in Chrismon Heft 7/8 2021 schreiben Sie auf S.10 "Das tun Christinnen und Christen ...".
Es ist mir unerklärlich, wie man den Begriff "Christen", der für die übergroße Mehrheit selbstverständlich alle biologischen Geschlechter umfasst, plötzlich auf Personen männlichen Geschlechts reduzieren kann.
Unsere Gemeinschaft wird dadurch völlig unnötig sortiert nach Männern, Frauen und ggf. Diversen.

Diese Zerstörung der umfassenden Bedeutung des Wortes "Christen" wird aus meiner Sicht von einer ideologisch geprägten Minderheit mit missionarischem Eifer betrieben.

Dem kann man doch nicht Vorschub leisten!
Ich frage mich, wie Verfechter dieser Spaltung zukünftig Begriffe wie "Christenheit" oder "Christenlehre" verstehen wollen.
Es schreibt Ihnen
Wolfgang Kreher

Mit Präses Annette Kurschus bin ich völlig einer Meinung, dass Kirche nah bei den
Menschen sein muss. Gerade auch in Städten. Nur sich dabei auf den Apostel
Paulus zu beziehen hinkt deutlich. Wo in den Landeskirchen wird sich bei diesen
Projekten noch offen zu Christus und dem christlichen Glauben bekannt, so dass
andere aufhorchen und neugierig werden? Ist es nicht eher ein bunter Einheits-
brei, der in dem von ihr beschriebenen Q1-Projekt in Bochum und woanders an-
geboten wird, ohne dass der eigentliche Markenkern und die Hoffnung deutlich
werden, aus der wir Christen leben? Paulus hatte jedenfalls ein festes Fundament
und eine große Gewissheit als er sich auf den Areopag kraftvoll zu Wort meldete.
Freundliche Grüße
Peter Soluk
Pattensen