Wahnvorstellungen nach dem künstlichen Koma

Wachen Sie auf, Frau Koch!

Gosia Machon

Das künstliche Koma war ihre Rettung, einerseits. Aber auf die drei Wochen ohne jede ­Erinnerung ­folgten schlimme Wahnvorstellungen: Die Mafia hat das Krankenhaus umstellt, der Chefarzt will sie einfrieren. Unsere Autorin kämpfte sich zurück ins Leben

Manchmal neige ich zu Übertreibungen. Dann wähle ich eine drastische Formulierung, um meiner Meinung Nachdruck zu verleihen. Kam früher das Gespräch auf schwülstige Musikballaden, sagte ich nicht: „Mir gefällt diese Musik nicht.“ Stattdessen sagte ich: „Selbst wenn ich im Koma liege: Spiel mir eine Ballade von Mariah Carey vor und ich fahre garantiert wütend hoch. Ihre Musik nervt!“ Seit dem Frühling 2013 sage ich so was nicht mehr. Über drei Wochen habe ich damals im künstlichen Koma gelegen.

„Wären Sie damals nicht in ein künstliches Koma versetzt ­worden, würden wir heute wahrscheinlich nicht miteinander ­sprechen“, sagt mir Hellmuth Obrig vom Leipziger Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften zwei Jahre später.

Die Autorin

 Foto: Julia Krüger
Martina Koch, geboren 1969, musste viel Kraft aufwenden, diesen Text zu schreiben. Letztlich aber empfand sie es als eine weitere und wohltuende Form, ihre Koma-­Erfahrung zu verarbeiten. 
Das Thema stößt mich in ein Wechselbad der Gefühle. Einerseits möchte ich alles gern vergessen, diese Zeit des absoluten Kontrollverlusts verdrängen – einfach weitermachen wie vorher. Gleichzeitig will ich auch verstehen, was damals passiert ist und dadurch den Schrecken mildern.

Mir fällt es schwer zu begreifen, dass das künstliche Koma, das sich mir so ungeheuerlich ins Gedächtnis gekeilt hat, meine Rettung war. Ich will es erklärt bekommen. Ich erfahre, dass es sich um ein oft angewandtes medizinisches Verfahren handelt, etwa bei Patienten mit Hirnverletzungen, mit Herzinfarkt oder mit doppelseitiger Lungenentzündung so wie bei mir.

Allerdings dramatisiert die Bezeichnung „künstliches Koma“ durch ihre Nähe zum „Koma“ eine ohnehin dramatische Krankheitsphase noch zusätzlich. Einem Koma liegt eine schwere Funktionsstörung des Großhirns zugrunde. Die Dauer eines Komas lässt sich nicht beeinflussen. Ein künstliches Koma hingegen wird medizinisch eingeleitet und ist steuerbar. Treffender sind deshalb Begriffe wie „Langzeitnarkose“ oder „künstlicher Tiefschlaf“.

Irgendwann weise ich mich selbst ins Krankenhaus ein

Seinen schleichenden Anfang nimmt das Desaster, als ich mit einem Medikamentenexperiment beginne. „Individueller Heilversuch für Patienten bei komplizierten Gefäßfehlbildungen“, heißt es in den Informationen zu dem Medikament. Ich habe eine angeborene Fehlbildung der Lymphgefäße. Seit ich denken kann, lagert mein Körper Wasser ein. Es gab eine Menge Operationen. Die Aussicht auf Heilung: schlecht.

Das Medikamentenexperiment ist einen Versuch wert, bestä­tigen mir fünf Ärzte verschiedener Fachrichtungen. Regulär wird es bei Nierentransplantationen verabreicht. Einer Studie zufolge hat das Medikament jedoch auch Patienten mit ähnlichem Krankheitsbild wie meinem geholfen. Der Waschzettel liest sich gruselig. In seltenen Fällen, so steht dort als eine von vielen möglichen Nebenwirkungen, kann es zur Lungenentzündung kommen.

In seltenen Fällen. Ich bin einer davon. Nach vier Wochen bin ich so schwach, dass ich nicht mehr arbeiten kann. Ich kriege kaum Luft. Irgendwann weise ich mich selbst ins Krankenhaus ein. Bald darauf verliere ich das Bewusstsein. Ich habe hohes Fieber, eine Lungenentzündung, bekomme einen Luftröhrenschnitt, werde künstlich beatmet. Wenig später versetzen mich die Ärzte mit Schmerz- und Schlafmitteln in den künstlichen Tiefschlaf. Sie unterdrücken das bewusste Wahrnehmen und die Schmerzen. Mein Körper gerät in eine Art Stand-by-Modus, in dem er sich besser erholen kann und der meine Behandlung erleichtert. So ertrage ich etwa problemlos den Beatmungsschlauch in der Luftröhre, von dem ich sonst würgen müsste.

Was ich während des künstlichen Tiefschlafs von meiner Umwelt mitbekommen habe, werde ich später oft gefragt. Meine bewusste Erinnerung endet kurz nach der Aufnahme im Krankenhaus und setzt gut drei Wochen später damit wieder ein, dass sich eine enge Freundin über mich beugt und mich anspricht. Und dass es plötzlich schwer wird, weil sie ohnmächtig auf mein Bett sackt.

Ständig fürchte ich, jemand will mich töten 

Dazwischen kann ich mich an nichts erinnern. Nicht daran, dass immer wieder Freunde an meinem Bett sitzen, von ihrem Alltag erzählen, Geschichten vorlesen oder mich streicheln – ­obwohl ich darauf mit Bewegung reagiere. Ein Zeichen, dass etwas zu mir durchdringt.

Dass mein Geist durchaus manches wahrnimmt, offenbart sich später, in der Aufwachphase, auf krasse Weise durch meine Wahnvorstellungen. In meiner Erinnerung aber ­bilden diese Wochen des künstlichen Tiefschlafs eine einzige Leerstelle. Eine erinnerungslose Zeit, die zu kennzeichnen zwei kurze Sätze genügen. „Der Abgrund zerrt an mir. Aber ich bin stärker“, so schreibt Wolfgang Herrndorf im Romanfragment ­„Bilder deiner großen Liebe“.

Ich bin stärker. Nach gut drei Wochen hat sich mein Zustand wieder stabilisiert. Die Ärzte fahren den ruhigstellenden Medikamentencocktail runter und leiten so die Aufwachphase ein. Das mühsame Zurücktasten meines Geistes in die Realität gehört ­ für mich zum Schlimmsten, was mir bisher in meiner langen Krankengeschichte widerfahren ist.

In der Übergangsphase, die rund vierzehn Tage dauert, er­­­lebe ich kein einziges Mal die Kontinuität eines Tagesablaufs. Schlafen und Wachsein verkleben zu einem sämig-zeitlosen Dämmerzustand. Während ich immer wieder in eine Fantasiewelt abdrifte, die mit ihren schrillen Farben vermutlich einem LSD-Trip ähnelt. In meinen Wahnvorstellungen trachtet mir ständig jemand nach dem Leben. Oder aber ich bin schon tot.

Der Neurologe sortiert mir diese Horrortrips als eine Form der Verarbeitung ein, die viele Patien­ten in der Aufwachphase durchmachen. Manche fantasieren in ähnlicher Weise schon nach einer längeren OP-Narkose. Während des künstlichen Tiefschlafs unterdrücken die Medikamente zwar die bewusste Wahrnehmung, das Gehirn bleibt aber aktiv. Es funktioniert nur langsamer, ähnlich langsam wie beim natürlichen Schlaf. Während wir schlafen, verarbeitet unser Gehirn Informa­tionen, die wir tags zuvor aufgenommen haben. Es legt Gedächtnisspuren davon an. Auch während des künstlichen Tiefschlafs verarbeitet das Gehirn Informationen, nur weniger kontrollierbar. In meinem Fall offensichtlich von der Schwäche durch das Fieber, vom Kampf gegen das Ersticken, vom Luftröhrenschnitt. Nicht ungewöhnlich, erklärt mir der Neurologe. Es wäre geradezu pathologisch gewesen, hätte ich kurz danach von fröhlichen Festen fantasiert und mich nicht dem Tod nahe gefühlt.

Immer wieder Panik, wenn Freunde kommen

Zwischendurch erlebe ich immer wieder wache Momente. ­Sehe und spüre, wie Leute sich an mir betätigen, Schläuche wechseln, mich waschen. Erkenne Freunde an meinem Bett, die ich zum Teil in meine Wahnvorstellungen einbinde. In ihnen geht es fast immer um den Verlust der Liebe meiner Mutter.

Einem Freund zum Beispiel versuche ich mitzuteilen, dass er mich retten muss vor dem furchteinflößenden Mann mit ­Wikinger-Schnurrbart, den ich ständig neben mir wähne. Mein Verfolgungswahn macht mich glauben, dass der Mann zusammen mit meiner Mutter gerade meine Wohnung auflöst, die beiden mich an einen Mädchenhändlerring verschachern wollen. Der Freund merkt, dass ich ihm dringend etwas mitteilen will. Er vermutet allerdings das Naheliegende: dass er meine Mutter über meinen Zustand informieren soll. In Wirklichkeit nämlich sitzt meine Mutter 600 Kilometer entfernt in einem Pflegeheim fest und vergeht fast vor Sorge.

Anfangs begreife ich nicht, dass mich niemand versteht. Ich bilde mir ein zu sprechen, kann es aber nicht. In meiner Luft­röhre steckt die Beatmungskanüle. Zum Schreiben fehlen mir Kraft und Konzentration.

Und so bricht bei mir jedes Mal Panik aus, sobald Freunde mich besuchen. In meinem wirren Zustand deute ich jeden Besuch als meine letzte Chance auf Rettung. Rettung vor der Mafiabande, die mit Maschinenpistolen das Krankenhaus umstellt hat. Rettung vor dem Chefarzt, der mich einfrieren will.

Endlich begreifen die anderen, was los ist

Ich schaue immer wieder in ratlose Gesichter, um dann mit einem Gefühl großer Einsamkeit auf den nächsten Horrortrip zu geraten. Die gleichen in ihrer Absurdität und Intensität Alpträumen. Nur dass Alpträume kürzer sind und man sich danach rasch wieder im Hier und Jetzt verortet weiß. Bis sich mein Gehirn nach der unnatürlich langen Schlafphase zum normalen Wachsein zurückentwickelt hat, braucht es einfach länger.

In der Aufwachphase nach dem künstlichen Tiefschlaf entsteht durch den Wegfall der Medikamente vorübergehend Chaos im Kopf. Mediziner nennen das Chaos auch „delirantes Syndrom“. Ärzte machen darum nicht viel Gewese. Eine kleine Baustelle im Vergleich zu einer lebensbedrohlichen Krise oder einer schweren Operation mit langer Narkose. Trotzdem wäre es für die Patienten und ihre Angehörigen eine Erleichterung, würden sie von den Ärzten darauf vorbereitet.

Irgendwann werde ich kurzzeitig von der Be­atmungsmaschine abgehängt. Ich soll mit Hilfe ­einer Sprechkanüle das Sprechen üben. Zufällig habe ich da einen lichten Moment (an den ich mich nicht erinnere) und flüstere einer Freundin zu: „Ich bin total neben der Spur.“ Dann gelingt es mir, ihr eine meiner Fantasien anzudeuten. Von nun an begreifen die anderen, was los ist. Ich bekomme Psychopharmaka, und mein Arzt spricht einen Satz von erlösender Wirkung: „Sie haben Wahnvorstellungen.“

Gut vierzehn Tage nach Beginn der Aufwachphase werde ich in eine Lungenfachklinik verlegt. Noch immer bin ich sehr schwach, meine Wahnvorstellungen aber sind passé. Die Tage beginnen, sich wieder zu strukturieren: Frühstück, Mittagessen, Abendbrot, Nachtruhe. Eine verdammt lange Weile bleibt noch alles furchtbar, aber das Gefühl des absoluten Ausgeliefertseins vergeht. Ich gewinne wieder die Oberhand über meinen Körper.

Kein Zug, kein Flugzeug, keine Autowaschanlage – ein halbes Jahr lang

Nach und nach verschwinden die neun Kabel und Schläuche, an denen ich wochenlang hing. Ich kämpfe mich raus aus dem Bett. Erst in den Rollstuhl, dann an den Rollator. Knapp vier Monate nach meinem Zusammenbruch bin ich wieder kräftig genug, allein zu laufen.

Das alles ist über zwei Jahre her. Und so gut mein Körper und ich uns wieder berappelt haben – zwischendurch drängen sich mir immer noch Erinnerungen auf, schlittere ich in Momente der Aufarbeitung.

In den ersten Monaten danach bedeutete Aufarbeitung vor allem: auseinanderklauben, was wirklich geschehen ist und was Wahn war. Habe ich mich tatsächlich zwei Mal auf dem Boden erleichtert bei dem Versuch, allein zu einem Toilettenstuhl zu ­laufen? Musste ich wirklich üben, die Uhrzeit zu lesen, einen ­Löffel zum Mund zu führen, zu schreiben oder mein Smartphone zu bedienen? Habe ich meinem Arzt wirklich „einen geheimen Brief“ geschrieben, in dem stand, dass das Pflegepersonal mich töten will? Geduldig kauen meine Freunde mit mir alles durch.

Im Alltag zeigt sich, dass es damit nicht getan ist. Ein halbes Jahr lang traue ich mich in keine Autowaschanlage, in keinen Zug, in kein Flugzeug. Bis heute beklemmt es mich, höre ich eine bestimmte Tonabfolge, die den Alarmtönen der Überwachungsgeräte auf der Intensivstation gleicht. Bis heute schaue ich weg, wenn in Filmen Ohnmachtsfantasien mit verschwommenen ­Bildern und verzerrten Stimmen inszeniert werden.

Und bis heute meide ich weiträumig das Krankenhaus, in dem man mich in den künstlichen Tiefschlaf versetzte, obwohl das meine Rettung war.

Leseempfehlung

Selbstversuch: Ich schreibe mir eine Patientenverfügung. Das ist schwieriger als gedacht
Seit seinem Unfall ist er "schwer hirngeschädigt". Was das für Johannes Hente bedeutet weiß man nicht.
Querschnittgelähmt - von einer Sekunde auf die nächste. Und jetzt? Kann man so weiterleben, will man?

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

am16.09.2029-wirse sie im wilhemine mit der retriver gebracht. um22;:00 wurde si bewustlos die ärzte haben mich angerufen das ich au der intensivstation kommen sol. ich war gekommen. es wurde mir gesagt sad sie meine mutter in eine kükünstliche koma versetzten müssen ich fragte wie gehfährlich dies ist :( antwort keine nebenwirkungen. sie lag 19 tage in der künstliche komma. nach dem erwachen. spricht sie mit lügen die schon seit langer zeit nicht da sind sie hat halutzionen. usta das normal und wie lage dauert so was?

Liebe Martina,

vielen Dank für diesen Artikel. Er beschreibt, man könnte fast sagen 1:1, was mir in diesem Jahr wiederfahren ist. Ich hatte ebenfalls eine Lungenentzündung und wurde in eine künstliches Koma versetzt. Mein Leben stand auf Messers Schneide wie man so sagt. Ich arbeite im Moment ebenfalls auf, was geschehen ist. Das Geschehene holt einen immer wieder ein, auch wenn man zwischenzeitlich schon wieder einige "gute Tage" hatte. Ich glaube, wer einmal eine solche Erfahrung gemacht hat, ist nicht mehr der Selbe. Ich habe mich ebenfalls über Rollstuhl und Rollator zurückgekämpft und bin mittlerweile auch schon wieder arbeiten. Arbeit lenkt enorm ab. Viele Grüße aus Leipzig und alles Gute für Sie.

LIebe Martina, mein Lebensgefährte wurde nach einer Lungenentzündung wegen Komplikationen ins künstliche Koma gelegt und zusätzlich an eine Lungenentlastungsmaschine angeschlossen. Er leidet an COPD und war ca. 14 Tage in diesem künstlichen Koma. Jetzt konnte man die Maschine abnehmen und beginnt, ihn langsam wieder aufwachen zu lassen. Heute hatte er geöffnete Augen, aber einen ganz leeren Blick, ich hatte aber der Eindruck, daß sich seine Augen einmal ganz kurz zu mir gerichtet haben, als ich ihn angesprochen habe. Als ich das ZImmer verließ, schien er aufgeregt zu sein, sein Blutdruck stieg an und der Brustkorb erzitterte. Ich habe keine Ahnung, wieviel er im Moment mitbekommt, ich versuche für ihn stark zu sein, wenn ich an seinem Bett stehe, erzähle ich ihm lustige Sachen in der Hoffnung, daß es ihm leichter ist, wenn er meint, es würde mir gut gehen. Ich habe Angst, weil ich nicht weiß, wohin dieser Zustand führt und wie es ausgehen wird! Aber ich bin fast jeden Tag bei ihm und halte seine Hand. Ich weiß, daß er mich anfangs wahrscheinlich nicht erkennen wird, ich hoffe aber, daß ihm sein Zustand noch nicht so sehr zu Bewußtsein kommt und er nicht soviel leiden muß. Ich merke langsam, wie meine Kräfte nachlassen, da ich selbst seit einiger Zeit nur mit Antidepressiva leben kann. Aber dann denke ich immer, ihm geht es viel schlechter! Ich wußte nicht, daß die Patienten auch richtige Wahnvorstellungen bekommen können, daher bin ich für Ihren Artikel dankbar, da ich nun mehr darüber weiß, was auf ihn und auf mich noch zukommen kann. Ich bin einfach nur verzweifelt, aber die Hoffnung stirbt immer zuletzt.....

Hallo Frau Koch,

wer hilft Ihnen aus dieser Situation bzw.damit umzugehen? Unser Sohn lag letztes Jahr im künstlichen Koma und leidet sehr unter den Wahnvorstellungen bis hin zu spürbaren Schmerzen daraus. Er hat aber durch diese Erfahrungen den Glauben an die Medizin verloren und geht zu keinem Arzt.

Vielen Dank für jeden Hinweis oder Kontakt.
Herzliche Grüße
S. Schmidt

Liebe Frau Schmidt,

das künstliche Koma traumatisiert den Menschen leider über lange Zeit - auch ich habe deswegen weiterhin mit Ängsten zu kämpfen - auch noch 6 Jahre danach.

Ich glaube an die heilsame Kraft des Redens. Mit Freunden/Familie. Aber unbedingt auch mit einer Psychologin/einem Psychologin. Es ist manchmal leichter, diese Sachen mit einem Außenstehenden zu besprechen, der zugleich Experte ist und konkrete Tipps geben kann, welche Sachen dem Traumatisierten helfen können.

Ich möchte mir hier nicht anmaßen, die Situation Ihres Sohnes zu beurteilen, aber die Hinzuziehung von pychologischer Hilfe wäre sicher hilfreich. Vielleicht wäre auch die Hinzuziehung eines Neurologen/einer Neurologin sinnvoll??

Viele Menschen haben immer noch Ressentiments gegenüber Psychologen.
Ich sehe das pragmatisch:
Wenn mir eine Zahnfüllung rausgebrochen ist, gehe ich zum Zahnarzt.
Wenn ich unter einer Angststörung leide - hole ich mir psychologische Hilfe.
So what?

Sie schreiben, Ihr Sohn habe das Vertrauen in die Medizin verloren.
Das dürfte der eigenen Heilung eher im Wege stehen. Sicher, es gibt gute Ärzte und schlechte Ärzte.
Es ist leider eine lebenslange Herausforderung, die guten, engagierten, verantwortungsvollen Ärzte zu suchen und zu halten!
Und es gibt viele gute Ärzte, man darf nur nicht aufgeben.

Alles Gute für Ihren Sohn!
M. Koch

Nach langem Suchen fand ich heute den Artikel von Martina Koch über ihren , man kann schon sagen , Leidensweg......ich suche nach Hilfe , will verstehen , was mir niemand erklärt , will wissen was wahr und was Wahn war......Sie beschreibt ganz genau was ich erlebt habe und beinah wirklich den Verstand verloren habe. Ärzte übergehen die Folgen nach dem Koma , als wäre alles nicht so schlimm . Ich bin durch die Hölle gegangen und versuche immer noch täglich einfach nur zu leben. Jede Nacht erlebe ich Dinge , die ich nicht beeinflussen kann ...Situationen die mich jede Stunde wach machen .....ich stehe dadurch permanent unter Stress. Ich sehe Menschen die in großer Hektik um mich sind , die überträgt sich auf mich.....ich sehe mich , kann aber nicht eingreifen ....Folge Angst und nochmal Angst.Meine Tochter sagte mir jetzt , man habe mehrfach versucht mich aus dem Koma zu holen , mußte mich jedoch dreimal wieder sozusagen runterfahren. Ich habe mir den Beitrag von Frau Koch ausgedruckt und werde ihn zu meinem Arzt mitnehmen , vielleicht versteht er dann besser , was ich nicht in Worte fassen kann. Danke Frau Koch...das hilft mir ein wenig.
Mit freundlichen Grüssen
Marianne Schuh

Es ist jetzt 2 1/2Jahre her , dass ich im Koma war...ich denke noch immer jeden Tag daran, sehe die Wahnvorstellungen immer noch wie einen Film vor mir. Ich verarbeite noch immer so viele Dinge und mir sind schwere Angst und Panikstörungen geblieben. Ich mußte dieses Jahr ins Krankenhaus , es ging nicht , ich konnte nicht bleiben.
Besonders schwer sind die Gedanken was das aus mir gemacht hat, nach dem wach werden , ein sabberndes erwas zu sein , nicht wissend wer ich bin , was ich bin ...ohne jegliches Gefühl, im Kopf nur Watte.....kein denkender Mensch zu sein....nicht wissend das es einen Morgen , einen Mittag und eine Nacht gibt .....keine Ahnung , dass man esen soll und trinken...ohne jegliches Körpergefühl.....man besteht nur aus Angst und wenn man es wüßte würde man schreien......ich konnte nicht mehr sprechen oder schreiben, verstand nicht warum mich niemand versteht.....ein furchtbares Trauma.
Doch auch heute gibt es keine echte Hilfe .....ich denke , Ärzte sind hilflos.....
Ich hoffe so sehr wieder die Person zu sein , die ich vorher war......doch das werde ich nie mehr sein.

Mir ging es genauso,wie Frau Koch.Kein Arzt hat mich aufgeklärt.Ich hatte die Wahnvorstellung,das die Ärzte auf der Station eine Organmafia und Zuhälter sind.Das war alles sehr schrecklich,doch ich kann es jetzt besser verstehen.Danke Frau Koch

Sehr geehrte Frau Koch,
mit allergrößtem Interesse habe ich Ihren Artikel gelesen, u d danke Ihnen von ganzem Herzen dafür.
Es tut so gut, und beruhigt ungemein, denn auch ich habe im künstlichen 18- Tage-Koma irrsinnige Wahnvorstellungen gehabt, die den Ihren ungemein ähneln. Allerdings haben mich die Schreckensbilder und Horrorfilme über die ganze Zeit hinweg begleitet und nicht erst während der Koma-Ausleitung.
Ich hatte danach noch weitere 3 Monate in der Klinik gelegen, und die einzige Erklärung, oder Antwort, die ich von den Ärzten auf meine Fragen nach dem Warum bekam, war : " Das liegt an den Drogen, die sie bekommen haben, wie ein sehr, sehr schlechter LSD-Trip. "
Es wäre sehr gut gewesen, auf so eine mögliche Reaktion vorbereitet zu sein, aber es hat ja wohl keiner im Voraus geahnt, dass ich in ein künstliches Koma gelegt werden musste. Es ist auch bei mir bis heute immer noch ein tiefes Bedürfnis, diese "Fehlzeiten" und die Schreckensfilme zu hinterfragen, zu verarbeiten. Mein Mann hat bei mir in der Klinik übernachtet damals und täglich war meine Tochter auch bei mir. Sie haben meine großen Nöte bemerkt, aber sie wussten nicht, warum ich so reagiere, hat Ihnen auch da kein Arzt oder Schwester erklärt.
Darum ist es für mich nun äußerst interessant zu lesen, dass es auch andere Menschen gibt, die Ähnliches erlebt haben.

Mit herzlichen Grüßen
Christiane Harsleben-Meinecke

Hallo,

ich möchte mich herzlich bei Ihnen bedanken, meine Mutte scheint exakt ihren Verlauf durchzumachen und entlich beschreibt sich mir die Situation den die Ärzte haben mir hierzu garnichts gesagt geschweige denn mich darauf vorbereitet.

Sie sagt dauern die wollen das ich sterbe und wenn ich weg bin, dann sind lle da um sie umzubringen :(

Nochmals vielen dank.

Simone