Arielle: Empörung über Schwarze Meerjungfrau

Die kleine Meerjungfrau ist für alle da
The little Mermaid

Disney

Schauspielerin Halle Bailey als Arielle, die kleine Meerjungfrau, in der Neuverfilmung von Disney

The little Mermaid

In der Neuverfilmung des Disney-Klassikers spielt eine Schwarze Schauspielerin die Rolle der kleinen Meerjungfrau. Die Empörung darüber ist schlicht rassistisch.

Arielle ist Schwarz. Genau, die Meerjungfrau, die der Schriftsteller Hans Christian Andersen 1837 noch namenlos erdacht und die der Walt-Disney-Konzern 1989 als blasse rothaarige Frau mit Fischschwanz in Zeichentrickform zu Weltruhm verfilmt hat. Disney hat in den letzten Jahren eine Reihe seiner Zeichentrick-Klassiker mit echten Schauspielern und teilweise animierten Elementen noch einmal auf die Leinwand gebracht, zum Beispiel "Die Schöne und das Biest" und "Das Dschungelbuch". Vergangene Woche erschien der erste Trailer zur Neuverfilmung von "Arielle, die Meerjungfrau". Man sieht sie zuerst als Schemen durch ein kunterbuntes Meer huschen, vorbei an Wracks und Korallen – und am Ende des Trailers zeigt die Kamera das Gesicht einer singenden Schwarzen Frau mit roten Haaren.

In sozialen Netzwerken hat das für einigen Wirbel gesorgt: Während Schwarze Mütter Videos ihrer Töchter veröffentlichten, die es vor Freude kaum fassen konnten, dass die Figur von einer Schwarzen Schauspielerin (Halle Bailey) verkörpert wird, ereiferten sich selbst ernannte Kulturbewahrer über diese angebliche Fehlbesetzung. Der Vorwurf: Nun sei auch das Kulturgut "Arielle" dem sogenannten woken, politisch korrekten Moralismus zum Opfer gefallen. Rollen würden mit Schwarzen besetzt, obwohl die Figur eindeutig weiß sein müsste – immerhin stammt die Geschichte aus der Feder eines dänischen Autors.

Michael Güthlein

Michael Güthlein, Jahrgang 1990, ist Redakteur bei chrismon und epd Film. Er hat Germanistik und Geografie in Bamberg sowie Journalismus in Mainz studiert.
Lena Uphoff

Zuvor hatte bereits die neue "Herr der Ringe"-Serie "Rings of Power" einen massiven Shitstorm erlebt, weil es im Cast Schwarze Elben, Hobbits und Zwerge gibt. Auch im "Game of Thrones"-Spin-off "House of the Dragon" sorgte ein Schwarzer Darsteller in einer ansonsten auffallend weißhaarigen, blasshäutigen Dynastie für Empörung.

Akribisch durchforsten die Kulturbewahrer nun die (Kinder-)Bücher, um auch nur den kleinsten Hinweis zu finden, dass der Autor seine Figur eigentlich als weiß beschrieben hat. Andersen erwähnte übrigens nur, dass ihre Haut "so klar und fein wie ein Rosenblatt" war. Am ehesten wäre also eine knallrote Haut zu rechtfertigen. Sogar an den Haaren herbeigezogene genealogische Herleitungen sollen die weiße Hautfarbe begründen: Arielles Vater Triton ist in der Mythologie ein Sohn des griechischen Meeresgottes Poseidon, könne also nicht Schwarz sein.

Die Empörten argumentieren, dass die Besetzung einem politisch korrekten Zeitgeist geschuldet sei. Ihre Ablehnung begründen sie damit, dass sie die Vorlage und die Intention des Autors vor Neuinterpretationen schützen wollen, die dem Original nicht mehr entsprechen. Oder gar dass es sich einfach "nicht richtig" anfühle. Letztlich ist es schlicht und einfach Rassismus, der sich da zeigt.

Noch immer ertragen es viele Menschen in unserer Gesellschaft nicht, wenn Personen anderer Hautfarbe in Ämtern, Berufen oder Rollen auftauchen, in denen sie bisher nur selten vorgekommen sind. Als Putzfrauen im Büro oder Sklaven im Film werden sie geduldet, aber auf Vorstandsposten und in Hauptrollen? Für viele unvorstellbar. Eine Userin schrieb ironisch auf Twitter: "Schwarze Meerjungfrauen? Was kommt als Nächstes, SCHWARZE MENSCHEN?!"

Starke Vorbilder für diskriminierte Kinder

Für Weiße ändert es nichts an der Geschichte der kleinen Meerjungfrau, wenn die Rolle von einer Schwarzen gespielt wird. Wenn es sie stört, können sie nach wie vor den Zeichentrickfilm gucken. Für Schwarze Menschen ändert es viel, weil ihnen diese Vorbilder und Helden in Massenmedien über Jahrzehnte vorenthalten wurden. Die Helden in Filmen und Serien waren weiß, Schwarze durften höchstens Sidekicks sein, Witzfiguren oder Opfer.

Dass Hollywood in den vergangenen Jahren sichtbar mehr Menschen unterschiedlicher Kulturen, Hautfarben und sexueller Identitäten in Filmen und Serien besetzt, geschieht nicht aus purer Menschenliebe, sondern aus Profitdenken der großen Konzerne. Sie erschließen sich so neue Zielgruppen. Das sorgt allerdings für mehr Diversität und gibt Kindern und Jugendlichen, die unter Diskriminierung leiden, ermutigende und starke Vorbilder.

Wen das sogar in einem Fantasy-Kinderfilm stört, der möchte vor allem, dass Schwarze Menschen nicht ermutigt werden und dort bleiben, wo sie in deren Weltsicht hingehören: unten. Wir sind eine diverse Gesellschaft, und das lässt sich auch nicht mehr zurückdrehen. Zum Glück. Gut, dass das endlich in unseren Büchern, Filmen und in der Werbung so abgebildet wird.

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Lesermeinungen

Was ich bedauerlich finde, ist, dass Herr Güthlein in seinem Kommentar, aus falsch verstandener liberaler Loyalität, vermutlich, vor allem und eindeutig die Macht der Großkonzerne unterstützt, und damit quasi seine Komplizenschaft bekundet.

Denn allgemein geht es in diesem dubiosen Schwarz gegen Weiß Gerangel um eine völlig niedere menschliche Gesinnung !
Im Grunde muss es um Koexistenz gehen, also ein Nebeneinander, das nennt man Nachhaltigkeit, und Kirchen dürfen KEINE so mickrige Partei ergreifen, wie sich dass dieses selbsternannte Kollektiv Chrismon schon seit Langem erdreistet.

Was nun Ariel betrifft, wäre es doch schöner , der " blassen rothaarigen Frau " eine Freundin, an die Seite zu stellen, oder Schwester, oder Kusine, oder Rivalin, was weiß ich, da gäbe es doch zahlreiche Möglichkeiten. Vorausgesetzt , es herrsche ein friedlicher Geist, der Kreativität fördere. Doch leider weit gefehlt.

Chrismon ähnelt ohnehin nur noch mehr einer Sekte, die eigene Prinzipien und Vorstellungen durchsetzen will, weit entfernt von jeglicher christlicher Spiritualität.

Kein schönes Fazit.