Winnetou-Debatte: Ist kulturelle Aneignung ein Problem?

"Kulturelle Aneignung ist die Basis menschlicher Kultur"
"Kulturen haben sich schon immer vermischt und dadurch weiterentwickelt"

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Sind die Winnetou-Bücher rassistisch? Die Debatte um kulturelle Aneignung ist gefährlich, sagt die Ethnologin Susanne Schröter.

chrismon: Der Ravensburger-Verlag hat neu publizierte Winnetou-Bücher aus dem Programm genommen. Ihm wurde vorgeworfen, rassistische Stereotype zu bedienen, es ist von "kultureller Aneignung" die Rede. Karl-May-Fans hingegen argumentieren, Winnetou sei ein Vorbild, es gehe um Mut, Abenteuer, Verbundenheit mit der Natur, um positive Eigenschaften. Wie ordnen Sie das ein?

Susanne Schröter: Dass Europäer Bücher über andere Völker schreiben, halte ich nicht für ein Problem. Menschen schreiben ja bekanntlich nicht nur über sich selbst, sondern auch über andere. Ob das gut oder schlecht gelingt, beurteilen die Leser. Schriftstellerische Tätigkeit kann und darf nicht von äußeren Merkmalen der Autoren abhängig sein. Das wäre völkisches Denken und sollte eigentlich überwunden sein. Aus diesem Grund halte ich dieses Argument der kulturellen Aneignung nicht nur für unsinnig, sondern auch für gefährlich. Es gibt ja noch einen zweiten Einwand gegen die Winnetou-Geschichte: ...

... die fehlende Authentizität.

Grundsätzlich erzählt der Roman die Geschichte einer Freundschaft zwischen einem Weißen und einem Indigenen und ist daher zunächst positiv. Der Einwand eines Vertreters derjenigen, die sich beschwert hatten, war, dass es keine Freundschaften dieser Art gab. Historisch ist das falsch. Es gab immer Weiße, die sich für die Anliegen der Indigenen eingesetzt und sie beispielsweise bei Landrechtsprozessen unterstützt haben. Einige wurden sogar von den Stämmen adoptiert. Natürlich sollte die Geschichte der Massaker, des Landraubs und vieler anderer Abscheulichkeiten vermittelt werden, aber es fehlt auf dem Buchmarkt nicht an Literatur zu dieser dunklen Seite. Aus diesem Grund muss es kein Entweder–oder geben. Winnetou ist eine Romanfigur und als solche auch erkennbar. Wer als Kind Winnetou liest, kann bei Interesse auch Sachbücher oder wissenschaftliche Abhandlungen über amerikanische Ureinwohner lesen.

Susanne Schröter

Susanne Schröter ist Professorin für Ethnologie an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main und Leiterin des dortigen Forschungszentrums Globaler Islam. 2022 ist von ihr erschienen: "Global gescheitert? Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass" (Herder-Verlag). Im Jahr zuvor: "Allahs Karawane. Eine Reise durch das islamische Multiversum" (C.H.Beck-Verlag).
FFGI

Sabine Oberpriller

Sabine Oberpriller ist freie Autorin bei chrismon. Sie studierte Deutsch-Italienische Studien in Regensburg und Triest und absolvierte die Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. Sie interessiert sich besonders für den Austausch zwischen Kulturen, Fragen der Gleichberechtigung in der Gesellschaft – und für Menschen in besonderen Situationen.
Lena UphoffPortrait Sabine Oberpriller, chrismon Redaktion, Redaktions-Portraits Maerz 2017

Der Western-Hype fand in einer Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg statt, in der es in den USA noch die Rassengesetze gab, Indien noch Kolonie war und auch Frankreich noch viele Kolonien hatte. Wäre es für Karl-May-Fans an der Zeit, ihre früheren Lieblingsbücher neu zu bewerten?

Für die damalige Zeit bildeten Bücher, die die Freundschaft zwischen einem Ureinwohner und einem Weißen in den Mittelpunkt stellten, einen positiven Kontrast zu den üblichen rassistischen Auffassungen, die das Trennende und Unvereinbare betonten. Heute besteht die Gefahr, dass genau das Trennende wieder stärker wird. Das ist ein nicht intendierter Effekt von Identitätspolitik.

Winnetou ist kein Einzelfall: Diskussionen drehen sich um Dreadlocks, darum, wer im Film Homosexuelle oder Juden spielen darf. Immer geht es um "kulturelle Aneignung".

Ja, letztendlich geht es immer darum, ob Kultur durch Akteure eingeschränkt werden kann, die eine übergeordnete Deutungshoheit für sich beanspruchen. Übrigens: Wenn Schauspieler nicht mehr in andere Rollen schlüpfen, sondern nur noch sich selbst spielen dürfen, benötigen wir keine Schauspielschulen mehr.

Was meinen Sie damit?

Schauspielerei bedeutet, in eine fremde Haut zu schlüpfen und jemanden darzustellen, dessen Leben nicht mit dem eigenen Leben identisch ist. Aus diesem Grund ist die Forderung, nur noch jemanden aus einer Kategorie von Menschen darzustellen, der man selbst angehört, nicht mit den klassischen Prinzipien der Schauspielkunst vereinbar. Dazu stellt sich die Frage, wie eng man solche Kategorien fasst und ob Menschen sich selbst überhaupt in den derzeit gängigen Kategorien wiederfinden. Sollen nur Homosexuelle homosexuelle Rollen spielen, wie zum Teil gefordert wird? Sollen dann Heterosexuelle nur von Heterosexuellen gespielt werden, Bisexuelle nur von Bisexuellen etc.? Müsste dann vor jedem Stück erst mal Persönliches abgefragt werden? Grundsätzlich steht dahinter auch die Annahme, dass sich alle Menschen in eine der vorhandenen Kategorien einordnen wollen. Das ist aber glücklicherweise nicht der Fall.

"Es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung, aber kein Recht darauf, gehört zu werden"

Die Winnetou-Debatte wird von beiden Seiten sehr lautstark geführt. Manchmal ist für Außenstehende schwer zu durchschauen, was der Kern der Debatte ist.

Nicht nur bei Winnetou, bei allen diesen Diskussionen geht es um die Beschränkung der Kunstfreiheit beziehungsweise den gesamten Komplex der Meinungsfreiheit. Seit einigen Jahren versuchen Betroffenenorganisationen, in verbürgte Freiheitsrechte einzugreifen, weil sie sich von Meinungen, Darstellungen oder auch wissenschaftlichen Befunden verletzt fühlen. Im Fall der Winnetou-Debatte war dies die Association der Native Americans in Deutschland, eine Gruppe, die sich, wie man der Homepage entnehmen kann, aus Soldaten der US-Armee in Deutschland rekrutierte und mittlerweile wohl auch nichtindigene Unterstützer beinhaltet. Aber wer spricht eigentlich für wen? Wen repräsentiert die Association der Native Americans in Deutschland? Viele in Deutschland lebende Indigene haben sich in Interviews mit Unverständnis über die Debatte geäußert. Sie bekundeten, kein Problem mit der Winnetou-Figur zu haben. Daher muss man die Frage der Repräsentativität stellen.

Ist es denn kein Grund, dass sich Menschen durch Inhalte und Aussagen verletzt fühlen, auch wenn es vielleicht nur einige wenige sind?

Gefühle entziehen sich grundsätzlich einer Beurteilung von außen. Daher kann es nicht um die Anerkennung von Gründen gehen. Es geht vielmehr darum, ob eigene Gefühle so wichtig genommen werden müssen, dass Wissenschaftsfreiheit, Meinungs- und Kunstfreiheit eingeschränkt werden müssen.

Geht es dabei nicht auch um die Meinungsfreiheit der Seite, der bisher nicht zugehört wurde?

Es gibt ein Recht auf freie Meinungsäußerung, aber kein Recht darauf, gehört zu werden, darauf, dass die eigene Meinung in der öffentlichen Debatte repräsentiert wird oder gar dass sie sich normativ durchsetzt. Das wäre auch ziemlich schwierig, da es eine nicht überschaubare Fülle von Meinungen gibt.

"Wenn jeder nur das nutzen würde, was er selbst erfunden hat, würden wir noch in Höhlen wohnen"

Was meint der Begriff "kulturelle Aneignung" eigentlich, wie ist er entstanden?

Kulturelle Aneignung meint, dass Menschen einer Gruppe sich von anderen Gruppen kulturelle Artefakte, Stilelemente, Ausdrucksformen, aber auch Bräuche oder kulturelles Wissen aneignen und sich diese zu eigen machen, dabei auch verändern. Das ist weder neu noch skandalös. Kulturelle Aneignung ist die Basis menschlicher Kultur. Dadurch hat sich die Menschheit entwickelt. Wenn jeder nur das nutzen würde, was er selbst erfunden hat, würden wir noch in Höhlen wohnen.

Was sind die Chancen bei diesen Diskussionen um kulturelle Aneignung?

Es ist von Vorteil, die eigene Position immer wieder infrage zu stellen, aber man sollte auch sehen, dass die Konzepte, die momentan von bestimmten Akteuren vertreten werden, nicht zu größerer Gerechtigkeit, sondern nur in eine zutiefst gespaltene Gesellschaft führen werden, in der sich die Menschen in ihren eigenen Filterblasen verschanzen. Für eine pluralistische Gesellschaft wie die unsrige wäre das fatal.

Es gibt Menschen, die in Deutschland unter Rassismus und Diskriminierung leiden. Wie gehen wir respektvoll mit dem kulturellen Erbe von Völkern um, die wir jahrhundertelang unterdrückt haben? Wie kann kulturelle Aneignung respektvoll funktionieren?

Auch hier gilt, dass die Wirklichkeit komplex ist. Nehmen wir einmal die Diskussion zur Rückgabe der Benin-Bronzen. Dahinter steht ja die Idee der Wiedergutmachung eines vergangenen Verbrechens, was vollkommen richtig ist. Nun ist es aber so, dass das Königreich Benin, das von den Briten zerstört wurde, ein übles Sklavenhalterregime war, das seine Nachbarn überfallen und unzählige Massaker verübt hatte. Die Bronzen standen in Zusammenhang mit einem Kriegskult und wurden teilweise nach Abbildern zuvor abgeschnittener Köpfe gefertigt. Es gab also Opfer des Königreichs, die man eigentlich bedenken müsste. Ethnologen haben dies verschiedentlich angemahnt, doch in der gegenwärtigen Debatte in Deutschland wird nicht berücksichtigt, dass es Opfer auf unterschiedlichen Seiten gab. Es gibt die Opfer der Briten und die Opfer des Königreichs. Ich plädiere für einen komplexen Umgang mit Geschichte, in dem das Ziel nur sein kann, daraus zu lernen und sich für eine bessere Welt einzusetzen. Das sollte das oberste Ziel sein.

Das Interview wurde schriftlich geführt.

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Lesermeinungen

Es ist nicht eine Frage ob ja oder nein. Sondern wer steckt hinter solchen Aktionen. Wer ist verantwortlich für die überbordende Öffentlichkeit. Wer hat welche Vorteile davon. Wird gar Diskriminierung mit Diskrimierung betrieben. Wird das Recht öffentlich gebeugt, wenn man jemand für etwas bezichtigt, was gestern noch fehlerlos war. Wird damit ein angeblich "öffentliches Recht" zelebriert, das keine demokratische Begründung hat. Da schwingen sich Studentengruppen zu einer diffusen Gemeinschaft von Oberlehrern auf. Und mit diesen banalen Horrormeldungen füllen die Medien ihre unbedingt notwendigen, weil gut verkäuflichen, Sensationsspalten. Karl May als Gruselfaktor. Wilhem Busch mit Struwelpeter als Schuldiger für posttraumatische Belastungsstörungen vor einem Besuch bei dem Friseur. Irgendwo fehlen Tassen in Schränken.