Sparsam leben im Tiny House Village im Fichtelgebirge

Stauraum in der Treppe
Wohnglück: Tiny House Village im Fichterlgebirge

Julia Pfaller

Julia Richthammer lebt auf 27 qm im ersten offiziellen Tiny House Village im Fichtelgebirge und nutzt jede Ecke aus.

chrismon: Julia, 27 qm auf zwei Ebenen. Dein Haus ist schön, aber echt klein. Ich könnte so nicht leben.

Julia Richthammer: Dann probier es doch mal aus. Wir haben hier drei Hotels in unserem kleinen Dorf. Denn ob man sich für diese Wohnform eignet und auch begeistern kann, erfährt man am besten beim Testwohnen.

Julia Richthammer

Julia Richthammer, Jahrgang 1991, arbeitet als Business Process Manager bei der Schott AG in Mitterteich. Seit 2019 lebt sie in einem Tinyhouse im Tinyhouse Village bei Mehlmeisel.
Andreas Honert

Warum hast du dich für ein Tiny House entschieden?

Nach mehreren Umzügen ist mir bewusst geworden, dass ich viele Dinge, die ich von einer Wohnung zur nächsten mitgeschleppt habe, eigentlich gar nicht brauche. Dann hab ich aussortiert und gemerkt, dass ich meine 50-qm-Wohnung gar nicht mehr vollkriege.

Euer Platz im Fichtelgebirge ist idyllisch: Tannen, Meisen, Blick vom Hang ins Tal, keine Autos. Was war hier früher?

Das war ein großer, alter Campingplatz, den wir Stück für Stück umgestalten. Wir wollen uns selbst versorgen und arbeiten gerade an einem Permakultur-Gemüsegarten. Insgesamt ist unser Grundstück fast 17 000 qm groß.

Dorothea Heintze

Dorothea Heintze war beeindruckt vom ernsthaften Sendungsbewusstsein der Bewohner*innen im Tiny House Village. Hier geht es nicht um einen coolen Lebenstrend, sondern um eine politische Botschaft: Wir müssen nicht immer weiter mit allem wachsen! Es geht auch mit weniger...
Lena UphoffDorothea Heintze

Julia Pfaller

Julia Pfaller studierte Grafikdesign in Nürnberg und Freie Kunst in München. 2003 machte sie sich als Illustratorin in Berlin selbständig und arbeitet seitdem frei für Redaktionen, Agenturen, Verlage und Kulturinstitutionen. Heute lebt Julia Pfaller in München, wo sie als selbständige Illustratorin z.b für Brigitte, chrismon, Deutsche Oper Berlin, Geo Wissen, Goethe Institut, Gräfe und Unzer, Philosophie Magazin, Taschen Verlag, Volkstheater München oder Die Zeit arbeitet. 2020 und 21 ist sie wieder als Lehrbeauftragte für Illustration an der TH Nürnberg tätig und freut sich, ihr Wissen mit den jungen Studierenden zu teilen.
Moritz Kipphardt

Wirst du mit deinem Haus noch mal weiterziehen?

Zu Beginn dachte ich noch, dass ich das mal mache. Doch ich liebe die Natur hier und lebe und arbeite gerne mit den Menschen zusammen.

Ihr seid Bürger von Mehlmeisel – mit erstem Wohnsitz?

Ja. Seit Anfang 2021 sind wir sogar als Wohngebiet für Kleinhäuser im Bebauungsplan eingetragen. Auch hier sind wir Vorreiter, denn es ist der erste Bebauungsplan dieser Art in Deutschland.

Leben hier auch Familien?

Klar. Die eine Familie mit drei kleinen Kindern lebt auf gut 30 qm. Das geht gut, denn wir haben hier das große Gelände ohne Autos mit viel Natur.

Wie seid ihr organisiert?

Im Juni letzten Jahres haben wir eine GmbH gegründet, um die Verantwortung auf möglichst vielen Schultern zu verteilen. Denn neben den drei Tiny-House-Hotels veranstalten wir auch Seminare und bieten jeden Samstag eine Führung durch unser Dorf an. Dazu kommen die Gartenarbeit und unser Gemeinschaftshaus, das wir renovieren und jeden Freitag für unsere Sitzungen nutzen.

Ein Mensch in einem Haus, das klingt nicht gerade nachhaltig.

Das sehe ich anders. Unsere Häuser sind aus Holz und anderen nachhaltigen Materialien gebaut und größtenteils gut gedämmt. Wir leben auf wenigen Quadratmetern pro Kopf und versiegeln keine Flächen. Wir heizen hauptsächlich mit Ökostrom, Holz oder Pellets. Und wir nutzen wirklich jede Ecke. In den Stufen meiner Treppe nach oben kann ich zum Beispiel was verstauen.

Wie viel kostet ein Tiny House?

Ein gutes Tiny House muss bestimmte Qualitäten erfüllen und wirklich hochwertig gebaut sein. Hinzu kommt die ­Ausstattung – das kostet dann ab 70 000 Euro aufwärts. Wer selbst baut, bekommt es natürlich günstiger. Aber allein für Materialkosten sollte man gut 20 000 Euro rechnen. Und dazu kommt Pacht oder Grundstückskauf.

Banken geben für ein Tiny House keinen Baukredit, sondern nur einen viel teureren Ratenkredit. Ist so ein Häuschen Luxus?

Nein. Ich musste zwar einmal viel investieren, dafür sind meine Lebenshaltungskosten auf Dauer sehr niedrig. Das ist Luxus in einem anderen Sinn: Ich lebe hier genau so, wie ich es immer wollte.

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