Monika Helfer über Trauer und Trost und die große Stadt

Meine Kerze flackert so hin und her
Monika Helfer - Fragen an das Leben

Dirk von Nayhauß

Sie lebt auf dem Land und ist gern in Wien, Straßenbahn fahren, fremde Gesichter anschauen: die Schriftstellerin Monika Helfer.

Monika Helfer - Fragen an das Leben

Und viele ihrer Liebsten sind schon gestorben. Die Schriftstellerin ­Monika Helfer hat sich mit dem Tod angefreundet - so gut es eben geht.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Im Garten, wenn ich in der Erde grabe – diese Gerüche, das Angreifen und Tun. Ich bin keine, die extreme Er­träge erwirtschaftet, das meiste fressen eh die Schnecken, aber wenn ich sehe, wie die Blumen wachsen: Das ist total schön.

Wo ist Heimat?

Wo meine Familie ist, die Kinder, mein Mann. Und die Vögel, bei uns gibt es viele. Heimat ist für mich der Ort, wo ich das Gefühl habe, dass mir hinterrücks nichts ­passiert. Ich war mal in New York und dachte, ich bleibe ein halbes Jahr. Es war so lebhaft, ich habe viele Ein­drücke ­gesammelt, viele Notizen gemacht – aber dann kam das Heimweh. Nach einem Monat ging ich zurück, alle lachten mich aus. Ich habe mich einfach fremd gefühlt, ich ­konnte die Menschen nicht deuten. In Wien haben wir eine ­Wohnung, dorthin fahre ich häufig, ich kann ins Kino gehen, in Theater, Oper und Ausstellungen. Ich schaue und beob­achte und muss aufpassen, dass ich nicht stolpere. Oft fahre ich stundenlang mit der Straßenbahn herum und sehe mir die Menschen an, wie sie dasitzen, miteinander reden, wie sie ein- und aussteigen. Auf dem Land sind es immer dieselben Leute, in der Stadt sieht man so viele fremde Gesichter, ich mag das.

Monika Helfer

Monika Helfer, 1947 geboren, ­veröffentlichte 1977 ­ihr erstes Buch, die ­Prosa­sammlung "Eigentlich bin ich im Schnee geboren". ­Romane, Kinder­bücher und Theaterstücke folgten, ihr ­erfolgreichster Roman ist "Die Bagage" (2020). Zuletzt ­erschien "Vati" (­Hanser, 20 Euro). Sie hat zahlreiche ­Auszeichnungen ­erhalten, darunter den Österreichischen ­Würdigungspreis für Literatur, den Solothurner Literaturpreis und das Robert-­ Musil-Stipendium. Monika Helfer hat vier Kinder, die Tochter Paula starb 2003 auf einer ­Wanderung. Mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Michael Köhlmeier, lebt sie im ­österreichischen ­Hohenems.
Dirk von NayhaußMonika Helfer

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin (Diplom 1994). Heute arbeitet er als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus) in Berlin. Für chrismon macht er sowohl die Interviews als auch die Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".
Dirk von Nayhauß

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Immer, wenn es mir schlecht geht. Und wenn mich ­etwas sehr berührt – das kann in der Natur sein oder ein Mensch –, dann denke ich: Es gibt einen Gott, der alles gestaltet. Es ist schön, das zu glauben, auch wenn es nur für einen Moment ist. Ich selbst hatte eine unruhige Zeit als Kind, ich bin früh mit mir allein gewesen, konnte ­meine Sorgen nicht abladen. Als meine Kinder klein waren, ­habe ich mit ihnen gebetet, weil ich mir dachte: Vielleicht ­fühlen sie sich so geborgen.

Fürchten Sie den Tod?

Die Frage ist nicht beantwortbar. Jetzt sage ich: "Nein." Liege ich auf dem Totenbett, habe ich wahrscheinlich extrem Schiss. Ich glaube, die Menschen, die ich geliebt habe, sind noch bei mir. Als unsere Tochter starb, sie ist mit 21 verunglückt, hatte ich das Bedürfnis zu beten. Ich habe gedacht: Das kann doch nicht das Ende sein, ich sehe sie wieder. Wenn ich einen Zitronenfalter erblickte, hätte ich am liebsten gesagt: "Hey, Paula!" Die Vorstellung hat mich getröstet. Paula ist tot, mein Bruder Richard hat sich das Leben genommen, meine Mutter starb, da war ich elf Jahre alt. Ich habe beschlossen, dass ich mich mit dem Tod anfreunde, so gut ich kann. Ich habe dieses Bild von einem Keller, in dem für jeden Menschen eine Kerze steht. Sind die Kerzen ganz niedrig gebrannt, bleibt nicht viel Zeit – wie in dem Grimm-Märchen "Der Gevatter Tod". Meine Kerze flackert halt so hin und her.

Welche Spuren hat Ihr Vater hinterlassen?

Denke ich an ihn, habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich mich zurückgezogen habe. Aber schon als Kind ­habe ich gespürt: Ich werde nie an ihn rankommen, bei dem gibt es nichts zu holen. In meinem Vater war wenig ­Leben. Er hat uns Kinder nicht gebraucht, hat seine Bücher ­lieber gehabt. Für mich war es ein Glück, dass ich meine ­Schwes­tern hatte und meinen Bruder.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die spontane, die ehrliche, der ich vertrauen kann. Ich bin mit meinem Mann fast 40 Jahre zusammen. Ich fühle mich seiner Liebe sicher, wie er sich meiner Liebe sicher sein kann. Oft war es auch katastrophal und schwierig. Als Paula starb, mussten wir ihr Zimmer in Wien ausräumen. Ich wollte reden, aber Michael hatte völlig zugemacht, war wie ein Eisblock. Unser jüngster Sohn Lorenz war 19, er ist mit uns im Zug zurückgefahren und hat uns ein paar ­Geschichten von Wilhelm Genazino vorgelesen. Irgendwann hat er seinen Papa angeschaut und gefragt: "Welche ist die beste?" Und dann hat Michael angefangen zu reden. Heute haben wir es sehr gut. Michael ist der absolute Kauz, und ich bin auch ein Kauz. Ich sehe es seinem Gesicht an, wenn ihm nicht wohl ist, dann lasse ich ihn einfach.

Haben Sie einen Traum, den Sie sich erfüllen möchten?

Ich möchte, dass es gut bleibt, dass meinen Leuten nichts passiert. Das ist mein Traum.

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