Fragen an das Leben: Der Schriftsteller Wolf Haas

"Ich fürchte den Tod, denn ich lebe gern"
Fragen an das Leben: Wolf Haas

Dirk von Nayhauß

Wolf Haas, © 2019 Dirk von Nayhauß

Wolf Haas braucht Gratwanderungen beim Schreiben. Liebe, die nicht einengt. Und will über Schlimmes so lange jammern dürfen, bis die Krise vorbei ist

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?
Wenn eine leichte Gefahr im Raum ist. Ich stehe zum ­Beispiel vor der Tür und glaube, ich habe meine ­Schlüssel verloren. Dann gibt es diese zehn Sekunden, in denen man hysterisch Notfallpläne schmiedet, was man alles ­machen könnte, um sich zu retten. Oder beim Schreiben: Ich ­habe ja einen leichten Fetisch mit Regelverstößen, ­bereits der erste Brenner-Roman ist in einer Umgangssprache mit Auslassungen entstanden. Das war und ist ein Spiel ­damit, mich bis auf die Knochen zu blamieren. Diese Grat­wanderung, mich so weit aus dem Fenster zu lehnen, dass ich gerade nicht rausfalle, aber vielleicht doch, die beflügelt mich.

 

Was können Erwachsene von Kindern lernen?
Selbstvergessenheit. Dass man einfach da ist und tut, ­ohne sich selbst zu reflektieren. Beim Schreiben finde ich manchmal dahin zurück. Erst später schaue ich, was ich davon verwende, dann setzt eine Bewusstheit ein.

 

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?
Wenn ich ihn mir vorstelle, dann am liebsten so: ein Gott, der darüber lacht, wenn sich zwei über ihn unterhalten, weil es letztlich nur zwei Möglichkeiten gibt. Entweder gibt es keinen Gott, oder er ist nicht mit unserem Verstand erfassbar. Dadurch ist es eigentlich von vornherein paradox, sich Gedanken darüber zu machen. Haupt­sächlich interessiert mich der ästhetische Aspekt der 
Religion. Dass der heilige Sebastian mit Pfeilen durchbohrt wurde, ist auch ein künstlerisches Thema. Aber ­natürlich ­fasziniert mich auch die Frage, was das Leben angesichts des Todes soll. Viele Menschen haben versucht, uns mit philo­sophischen und religiösen Kon­zepten die letzten Fragen des menschlichen Lebens erträglich zu machen. Ich kann es nur als Verlust begreifen, damit nicht vertraut zu sein.

 

Muss man den Tod fürchten?
Ich finde es eher beglückend, dass ich ihn fürchte, weil es ein Indiz dafür ist, dass ich gerne lebe. Es wäre ­tragisch, wenn ich ihn nicht mehr fürchtete. Ich kann den Tod aber auch ganz gut ausblenden. Obwohl ich schon 58 Jahre alt bin, habe ich immer noch so ein Gefühl, dass mich das nicht betrifft. Robert Musil hat den schönen Satz gesagt: Ein Mensch muss, um glücklich zu sein, ­einen Funken Dummheit haben. Ich glaube, das ist mein Funke Dummheit.

 

Welche Liebe macht Sie glücklich?
Am ehesten eine Liebe, die mich in Ruhe lässt, die nicht übergriffig ist oder einengt. Ich bin da, glaube ich, ziemlich neurotisch, wie die meisten Leute. Dass ich Nähe einer­seits mag und zulasse, und dann wird es mir wieder zu viel. Im Grunde ist es ja bei allen ein ewiges Gezerre. Ich habe mal im Radio ein Gespräch mit Anna Freud ­gehört, der Tochter Sigmund Freuds. Es ging darum, dass man ein Kind durch zu wenig Liebe schädigen kann. Und dann hat sie so richtig impulsiv gesagt: "Aber nie so sehr wie mit zu viel Liebe!" Ich kenne das, ich bin fast allein mit meiner Mutter aufgewachsen, und dann erlebt man das automatisch.

 

Wer oder was hilft in der Krise?
Mir hilft, es krisenmäßig ordentlich krachen zu ­lassen. Das heißt, wenn ich traurig bin, lese ich lieber ein 
trauriges Buch als ein fröhliches. Es tröstet mich, wenn ich in das Gefühl hineingehe. Ich glaube eher an die ­Katharsis als an gute Ratschläge oder Ablenkung und sage mir oft: "Es ist ganz schlimm" – bis ich mir aus ­diesem Schmerz sozusagen wieder einen Boden gebaut habe und merke: Schlimm war es lange genug, jetzt kann ich wieder normal weitertun. Und im Glücksfall kann man vielleicht sogar etwas besser als "normal" weitertun, weil einen die Krise irgendwie weitergebracht hat. Zumindest bis zur nächsten Krise.

 

Ist das Leben ein Kampf?
Ich wünschte, es wäre etwas mehr Kampf, weil ich ­dazu tendiere, dem Konflikt aus dem Weg zu gehen. Besser ­wäre doch eine Kultur, in der der Konflikt etwas Positives ist, in der man streitet und die Fetzen fliegen – und danach ist wieder alles gut. Es ist ein bisschen betäubend, wenn man zu früh auf den Konsensweg einbiegt.

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Lesermeinungen

Wie kann man den Tod fürchten, wenn man ihn zeitlich gar nicht bewußt erlebt? Sollte das wider Erwarten doch sein, dann kann der Tod auch eine Erlösung sein, die man genießt. Im Paradies? Wo ist das Problem? Das Problem ist der Weg zum Ende. Der mitunter (20 Jahre im Koma?) grausame Weg dahin ist der eigentliche Tod aller positiven Wahrnehmung, das Ende der Menschlichkeit. Sich vor dem Tod zu fürchten ist die Furcht vor dem puren Nichts. Das Nichts zu fürchten ist nicht möglich. Sollte es die Hölle geben, dann kann man sich allenfalls vor der Zukunft nach dem Tod fürchten. Zitat: "Ein Mensch muss, um glücklich zu sein, ­einen Funken Dummheit haben". Hervorragend! Wenn diese "Dummheit" dabei hilft, Probleme zu vereinfachen, könnte damit auch ein "normaler" Tod (Alter und Schwäche) ein guter Übergang werden. Wenn aber aus dem Funken Feuer wird, verbrennt aus Dummheit jedes Glück.