Kommentar: die INSM, Mose, Baerbock und die Zehn Gebote

Gott, wie peinlich!
Annalena Baerbock als Mose: Was die Kampagne einer Interessenvereinigung über unseren Zeitgeist offenbart

Ein weises Gebot für das eigene Handeln im Internet lautet: "Stop making stupid people famous!" Heißt: Man soll Dummheiten nicht noch dadurch zu mehr Reichweite verhelfen, weil man sie empört teilt oder kommentiert. Das hilft nur den Absendern, die so ihr Ziel erreichen - in aller Munde zu sein.

Die Anzeigenkampagne der "Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft", kurz INSM, ist allerdings einen Verstoß gegen diese Regel wert, zumal es heute sowieso kaum ein Entrinnen gibt, sie ist omnipräsent (wer es gar nicht lassen kann: bitte). Zweitens verrät die Aktion sehr viel über die Zeiten, in denen wir leben.

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Das Motiv der Anzeige zeigt die Parteivorsitzende und Kanzlerkandidatin der Grünen, Annalena Baerbock, in einer Pose, die Mose nachempfunden ist, der die Zehn Gebote nach biblischer Überlieferung auf dem Berg Sinai von Gott empfing. Dazu die Zeile: "Wir brauchen keine Staatsreligion." Ja, okay, die will Frau Baerbock, nach allem, was man so weiß, auch nicht, aber vielleicht will ja "die" Wirtschaft allwissend und religionsstiftend sein und uns den rechten Weg weisen? Eine gewisse Hybris darf man der INSM jedenfalls unterstellen. Dass die Zehn Gebote des Alten Testaments nicht nur Verbote enthalten, wie es die INSM nahelegt - geschenkt. So viel Allgemeinbildung darf man in einem Lobbyverband vielleicht nicht erwarten. Baerbock und ihre Partei, die an diesem Wochenende über ihr Programm - Achtung, das Wort wird noch wichtig - streiten will, haben in der Anzeige jedenfalls nur Verbote zu verkünden, zum Beispiel: "Du darfst kein Verbrenner-Auto fahren."

Dieser Kommentar soll nun keine Liebeserklärung an Baerbock oder die Grünen werden. Allein schon deshalb nicht, weil die Partei derzeit viel zu viele Fehler macht; es ist nur logisch, dass sie an Zustimmung verliert. Trotzdem ist diese Kampagne nicht nur hochnotpeinlich, sie spielt auch mit antisemitischen Vorurteilen, wie etwa Charlotte Knobloch moniert.

Verliert Wahlen, wer es wagt, inhaltlich zu werden?

Und sie offenbart ein plumpes Kalkül: Dass man in diesem Land Wahlen verliert, wenn man es wagt, inhaltlich zu werden und Positionen zu vertreten. Das ist der Preis für die lange Ära Merkel. Die scheidende Kanzlerin ist jeder Programmatik ausgewichen, unvergessen ihr Wahlslogan "Sie kennen mich" (mit dem, absurd genug, kürzlich auch der Grüne Winfried Kretschmann Erfolg hatte). Offenbar will auch Armin Laschet nahtlos daran anknüpfen. Oder weiß man, wofür er steht? Sein Fraktionschef im Bundestag ist ja immerhin so ehrlich, einen höheren CO2-Preis grundsätzlich zu befürworten.

Sehr geehrte INSM, wenn das Kalkül, dass konkrete Positionen nur schaden, mal nicht fehlgeht! Wir leben schließlich in einer Zeit, in der wir Streit um die besten Lösungen belohnen und nicht bestrafen sollten. Da sind etwa die Folgen der Pandemie, die noch lange nicht ausgestanden ist. Da ist der demografische Wandel, mit all den Herausforderungen, die eine älter werdende Gesellschaft mit sich bringt. Da ist die wachsende Vermögensungleichheit, in der die Reichen selbst in einer Pandemie noch vermögender geworden sind. Und da ist vor allem die menschgemachte Erderwärmung, die uns kaum mehr Zeit für gute Lösungen lässt. Eine davon ist - Stichwort "Marktwirtschaft", die die INSM ja im Namen trägt - übrigens ein echter Energiemarkt, der nicht nur aus vielen Nachfragern, sondern auch aus vielen Anbietern besteht, die Strom produzieren, etwa mit Solaranlagen.

Die Anzeige der INSM offenbart die trügerische Hoffnung, dass auch in Zukunft alles irgendwie so bleiben kann, wie es immer war, wenn nur die bösen Grünen nicht ihre Öko-Religion verkünden. Bloß keine Veränderungen!, das ist die Botschaft.

Man kann nur hoffen, dass dieser Ansatz bei den Wahlen im September nicht belohnt wird, sondern dass wir mutig, ehrlich und fair für eine gute Zukunft streiten. Viele Unternehmerinnen und Unternehmen hoffen das übrigens auch, denn sie erwarten von der Politik verlässliche und klare Rahmenbedingungen, mit denen sie in Zukunft arbeiten können.

Im Kuratorium der INSM sitzt Stefan Wolf, Präsident des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, und es wäre schön, wenn Mitglieder dieses Verbandes ihm zu verstehen geben: "Meine Güte, ist das peinlich!"

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