Verschwörungstheoretiker in Familie und Freundeskreis

Sagt was! Tut was!
Sagt was! Tut was!

Katharina Greve

Wir müssen den Rechtsextremen, den Corona-Leugnern, den Verschwörungs­verbreiterinnen endlich etwas anderes als Schweigen entgegensetzen. Aber wie kann das gehen? chrismon-Reporterin Christine Holch hat sich bei Fachleuten umgehört. Hier sind ihre besten Tipps

Mit der Corona-Leugnerin in Urlaub

Bislang fand Björn Drewer*, 45, den jährlichen Familien­urlaub in der Südtiroler Pension immer herrlich. Abends saß man mit den Gästen aus den anderen Ferien­wohnungen beim Bier vor dem Haus und plauderte. Aber dieses Jahr wird gleichzeitig mit ihnen diese eine Familie dort sein: Die Mutter hatte bei einem früheren Aufenthalt mal durchblicken lassen, dass sie Impfgegnerin ist, jetzt raunt sie bei Whatsapp, dass hinter allem eine Ver­schwörung stecke. Björn Drewer ist bang vor dem Urlaub. "Wenn die behauptet, Corona gibt es gar nicht – ich glaub, ich würde ausrasten. Was soll ich denn dann sagen?"

Was ist da los, spinnen die jetzt alle?

So wie Björn Drewer werden derzeit viele Menschen überrascht von Verschwörungsgläubigen in ihrem Umfeld. Aber wahrscheinlich sind es nicht mehr geworden, sie sind nur aktiver geworden in der Pandemie – sie wollen ihre Nächsten missionieren, schreiben die sozialen Medien voll, zeigen sich auf Demos. Etwa 25 Prozent der Bevölkerung sind sich sicher oder ziemlich sicher, dass es geheime Mächte gibt, die die Welt steuern. Das ergaben zwei Umfragen der Konrad-Adenauer-Stiftung, eine kurz vor, die andere während der Pandemie.

Verschwörungserzählungen klingen ulkig und absurd. Aber am Ende können sie zu Gewalttaten führen. Die Atten­täter von Halle (2019) und Hanau (2020) glaubten an Verschwörungen und begründeten damit ihre Taten.

Was soll ich dazu sagen?

Turid Müller, 39, ist Schauspielerin und Kommunikationspsychologin, in ihren Workshops trainiert man Schlag­fertigkeit – zum Beispiel im Umgang mit Stammtischparolen. Die Teilnehmer:innen ihrer Kurse wollen nicht mehr zur schweigenden Mehrheit gehören. Selbst aus der Sprachlosigkeit lasse sich was machen, sagt Turid Müller, nämlich eine Ich-Botschaft. "Ich bin echt überrascht, so was von dir zu hören. Das macht mich sprachlos. Bitte lass uns wann anders drüber reden." Oder ein klares Stopp­signal: "Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Bitte sag solche Sachen nicht in meiner Gegenwart."

Und wenn bei einem Abendessen in größerer Runde ­einer sagt: "Die Flüchtlinge kriegen es vorn und hinten reingeschoben" oder "Covid gibt es doch gar nicht", was dann? Als Erstes für sich klären, welches Ziel man erreichen will. Dass der andere seine Meinung ändert? Könnte schwierig werden. Oder will man erst mal nur, dass die Behauptung nicht unwidersprochen bleibt und auch die anderen am Tisch sehen, dass nicht alle so denken? Das ist drin.

Aber wenn man sich nicht gut auskennt mit einem ­Thema? Dann hat man doch oft eigene Erfahrungen vorzuweisen – man kennt geflüchtete Menschen und ihr schwieriges Leben, oder man kennt eine Person, die ­Covid hatte. Erfahrungen überzeugen ohnehin eher als reine Fakten.

Meist klappt es nicht auf Anhieb – man hat wieder nichts gesagt oder war gleich auf Zinne, auch nicht gut. "Haben Sie Geduld mit sich", sagt Turid Müller. Manchmal helfe ein kleiner Zettel im Portemonnaie mit den Lieblings­strategien, etwa: 1. von eigener Erfahrung erzählen. 2. die Sprach­losigkeit benennen. "Sie können auch am nächsten Tag gut vorbereitet auf das Thema zurückkommen."

Eine Friseurin ringt mit ihren Kund:innen

Laura Lensig*, 30, ist nicht auf den Mund gefallen. Aber als die ersten Kund:innen sie eindringlich vor Corona-­Impfungen warnten, weil einem da ein Chip unter die Haut gejagt werde, über den man künftig kontrollierbar sei, war sie doch erst einmal baff. "Wir haben sehr gebildete Kunden, die sitzen in hohen Positionen in ihren Firmen", erzählt sie, "es kann also nicht an Nichtwissen liegen." Nach einigem Hin und Her sagte die Friseurin dann ­jeweils: "Ich denke, wir sollten dieses Thema hier abbrechen, wir ­kommen nicht auf einen gemeinsamen Nenner." Manche waren dann beleidigt. Als wenn Meinungsfreiheit be­deuten würde, dass andere einem zuhören müssen.

Christine Holch

Christine Holch, Chefreporterin, will sich den "Omas gegen rechts" an­schließen, denn allein auf Demos zu gehen, schafft sie oft nicht.
Manfred Dworschak

Katharina Greve

Katharina Greve, Comiczeichnerin, lebt in einer Blase von Vernünftigen und hat bisher noch nie mit Verschwörungs­gläubigen ­gesprochen.
Katharina Greve

Warum glauben die Leute so was?

Man hat was davon, wenn man an Verschwörungen glaubt: Man lebt dann in einer geordneten Welt, in der es keine Zufälle gibt, kein Chaos, keine komplexen ­Ursachen, sondern nur einen einzigen Grund für alles – eine bös­willige Elite, die alles steuert. Grauabstufungen zu ­erkennen, ist anstrengend, Schwarz-Weiß-Denken ist einfach. So eine Weltsicht kann einen stabilisieren. Und man darf sich ­bedeutsam fühlen: Denn nur ein exklusiver Kreis von ­Wissenden hat die Verschwörung erkannt. Von ihnen wird die Rettung Deutschlands abhängen.

Gesucht: die attraktive demokratische Gegenerzählung

Es begeistert Menschen, bei etwas Großem mitmachen zu können. Rechtsextreme Gruppen wie auch Verschwörungs-­Influencer bieten solch große Erzählungen an: Wir retten das Abendland vor dem Untergang! Wir kämpfen gegen die Verschwörung!

Es bräuchte demokratische Gegenerzählungen, ­findet Miro Dittrich, 32. Der Politologe ist Mitgründer der gemein­nützigen Organisation CeMAS, einem Think­tank, der aufklären will über Verschwörungsmythen und Rechts­extremismus. "Menschen sehnen sich nach einer Erzählung, die ihrem Leben Sinn gibt", sagt Dittrich, "und ich glaube, das haben sie gerade nicht." Was man schon daran sehe, dass in der Pandemie alles verboten sei – ­außer Arbeiten. Als Beispiel für etwas gutes Großes, bei dem man mitmachen kann, nennt er die Rettung des Klimas. Das Thema habe sehr viele junge Menschen in Bewegung gebracht.

 Katharina Greve

Ein Chef hat einen Corona-Leugner im Team

Jochen Hag*, 57, arbeitet im öffentlichen Dienst und leitet ein Team von 20 Leuten, alles Studierte. Dass sein Mit­arbeiter schon mal in Ägypten war, geführt von Erich von Däniken, jenem Mann, der glaubt, dass vor langer Zeit Außer­irdische die Erde besucht haben, das wusste Hag. Kein Problem, findet er, jeder darf einen Spleen ­haben, solange der nicht mit der Arbeit kollidiert. Der Mit­arbeiter macht seinen Job, will allerdings für alles eine Unterschrift. "Der macht keinen Mucks ohne Erlaubnis."

Aber dann: Maske tragen? Niemals. Als Jochen Hag nach dem Grund fragte, schrie der Mitarbeiter seinen Chef an: Alle glauben an diese Corona-Lüge! So wie damals alle Hitler geglaubt haben! Das ist Wahnsinn! Ich bin der Einzige hier mit klarem Verstand! Der Einzige, der Widerstand leistet!

Jochen Hag entschied sich für professionelle Distanz: "Herr Soundso, Sie schreien mich gerade an. Ich werde das mit Ihnen nicht diskutieren. Sie haben sich an die ­Regeln zu halten wie alle anderen auch." Der Mitarbeiter hält sich daran. Er habe sich halt "verbarrikadiert" in seinem Büro, erzählt Hag, komme möglichst selten raus, um keine ­Maske tragen zu müssen.

Aber es gibt doch Verschwörungen!

Es gab und gibt reale Verschwörungen. Etwa die Watergate-­Affäre in den 70ern oder die groß angelegte Steuer­hinterziehung durch Klienten einer Kanzlei mit Sitz in Panama ("Panama Papers"), die 2016 bekannt wurde. Echte Verschwörungen sind viel kleiner als die fantasierten Ge­bilde der Verschwörungsgläubigen. Sie sind brüchig und ­kommen irgendwann heraus, oft durch Recherchen von Journalist:innen.

Hier werden Gerüchte gecheckt

Wer unsicher ist, ob etwas stimmt oder nicht, braucht ­einen Faktencheck. So findet man ihn: Man gibt ins Fenster der Suchmaschine die (Falsch-)Behauptung plus "Faktencheck" ein, zum Beispiel: Corona + Impfung + unfruchtbar + Faktencheck. Oft landet man dann beim "Faktenfinder" der Tagesschau und oder bei correctiv.org. Dieses gemeinnützige, spendenfinanzierte Recherchezentrum prüft, ob an Gerüchten was dran ist. Ein Ergebnis kann sein: Nein, dieses Foto von Angela Merkel ohne Maske in einer Gaststätte zeigt keinen Verstoß gegen die Corona-Regeln, es stammt von 2018. Correctiv erklärt auch immer, wie man gecheckt hat, hier etwa mit der "Bilder-Rückwärtssuche". Diese Transparenz kommt gut an.

Wann sachliches Argumentieren nichts nützt

Was aber, wenn bei einer Person der Verschwörungs­glaube bereits zum Lebenssinn geworden ist? "Dann hilft es nicht, alles als Blödsinn zu bezeichnen, was die ­Person glaubt, noch einen Buchtipp draufzulegen und zu er­warten, dass sich das Problem von allein lösen wird." Sagt Dana Buchzik, 37, die viel Erfahrung mit Radikalisierten hat. Sie wurde in eine Sekte hineingeboren und kon­frontierte schon als Jugendliche ihr Umfeld mit Fakten­checks – was verschwendete Zeit war, sagt sie. Heute gibt die Dozentin Seminare über Radikalisierung und zum Umgang mit Hass im Netz.

Nicht nur der Einstieg in radikale Szenen funktioniere immer gleich, auch der Ausstieg. Hilfreich dabei sei, wenn es noch emotionalen Rückhalt durch Nahestehende gebe. Deshalb plädiert Buchzik dafür, in Kontakt zu bleiben. Wenn einem jemand wirklich wichtig ist.

Sie skizziert, wie man vorgehen könnte. Zuerst analysieren, gern zusammen mit Angehörigen oder gemeinsamen Freunden: Was war der Person immer wichtig? Welches Bedürfnis befriedigt die radikale Gruppe womöglich? Gäbe es Wege, dass die Person ihre Werte im Rahmen der Mehrheitsgesellschaft leben könnte? Dann könne man anfangen, vorsichtig Fragen zu stellen – um zu verstehen. Unbedingt aber zum eigenen Schutz Gesprächsregeln aushandeln.

Dana Buchzik hat daran gerade ehrenamtlich mit einer jungen Frau gearbeitet. Für deren immer schon recht dominante Mutter gab es zuletzt kein anderes ­Thema mehr als ihren Verschwörungsglauben. Wechselte die Tochter das Thema, folgte ein Wutausbruch. Die Tochter übte zu sagen: "Wenn du mich beschimpfst, breche ich das Gespräch ab." Es funktioniert, es gab keinen Wutausbruch mehr.

Wenn Freundschaften zerbrechen

Es war eine gute Freundin, die Nicole Grüneck*, 46, ver­loren hat. Die beiden kannten sich aus Kindertagen, ­befreundeten sich neu als Familienmütter. Bei einem der letzten Treffen aber dachte Nicole Grüneck: Ui, ui, ui, wie ist die denn unterwegs? Die Freundin hatte gerade gesagt, das Attentat vom Breitscheidplatz habe nie stattgefunden. Wie meinst du das?, fragte Nicole Grüneck. Na, das ist gesteuert worden, vom Staat. Grüneck dachte, die Freundin plappere halt irgendeinen Quatsch nach.

Dann steckte sich Nicole Grüneck bei der Arbeit mit Corona an, sie ist Notfallsanitäterin. Auch die Tochter erkrankte. Beide überstanden Covid. Aber heute, ein Jahr danach, haben sie "Long Covid". Nicole Grüneck ­arbeitet ­wieder, wird aber immer wieder von Erschöpfungs­anfällen niedergeworfen; und die Tochter leidet unter Kurzatmigkeit – kürzlich konnte sie ihr Referat nicht zu Ende vortragen. Es ging um Verschwörungstheorien.

Wenn Nicole Grüneck heute in der Kleinstadt Leute sagen hört, dass es Corona gar nicht gebe, geht sie weg. "Ich diskutiere nicht mehr, da hab ich gar nicht die Kraft dazu. Es ist für mich geradezu beleidigend, wenn Leute so was sagen." Solche Kontakte schlafen dann ein. Die Freundin allerdings hat selbst den Kontakt abgebrochen, nachdem ihr Grüneck von ihrer Erkrankung ge­schrieben hatte. Kurz darauf teilt die Freundin auf Whatsapp Bilder von einer Demonstration gegen die Corona-­Maßnahmen, schreibt dazu "Aufwachen!" und "Der Sturm wird stärker!"

Esoterische und Rechtsextreme – was eint die?

Auf diesen Demos laufen Verschwörungsgläubige zusammen mit Impfgegner:innen, Esoterischen, Rechts­extremen. Eine nur auf den ersten Blick erstaunliche ­Mischung. "Es ist nicht neu, dass die zusammenfinden", sagt Natascha Strobl, 36, eine ausgewiesene Expertin für die Neuen Rechten und die Identitären. Seit über 100 Jahren vermischen sich okkulte, rechtsesoterische, konservativ-­naturschützerische und völkische Strömungen, sagt ­Strobl, mal stärker, mal schwächer. Man lehne den ­modernen Staat ab, ebenso die moderne Medizin – und idealisiere die Natur.

"Naturidealisierung", das hört sich harmlos an. Aber es bedeute Menschenfeindlichkeit, erklärt Natascha Strobl. "Denn sehr schnell ist man dann dabei, dass es zu viele Menschen auf der Erde gibt, dass sie zu lange leben, dass man sich nicht einmischen darf, wenn sie sterben, etwa an Corona." Diese Menschenfeindlichkeit sei dann die Brücke zu völkischen Bewegungen, "denn für die ist klar, welche Menschen schwach und also überflüssig sind". Menschen mit Behinderung zum Beispiel. Das kommt dabei heraus, wenn man Menschen nicht als soziale Wesen versteht, sondern nur als biologische.

Eins ihrer Kinder ist mit einem Herzfehler auf die Welt gekommen. Eine Covid-Erkrankung wäre übel. Manchmal erzählt Natascha Strobl auf Twitter nicht nur von ihren politischen Analysen, sondern auch von persönlichen Sorgen. Jüngst schrieb ihr jemand per Mail, sie solle "nicht so rumheulen", dass sie ein "genetisch minderwertiges Kind" habe. Ein AfDler hatte auch ein Foto ihres Kindes gepostet.

Da helfen die Rettungskräfte von HateAid

"Mich greifen Rechtsextreme oft an", sagt Strobl. Als ihr Vater vergangenes Jahr gestorben war, schrieben Leute ins Trauerbuch, sie würden den Toten ausgraben. Damals wurde sie mit einem Shitstorm überzogen und mit Drohungen. Hilfe fand sie bei HateAid, einer spenden­finanzierten Organisation für Opfer von digitaler ­Gewalt. "Die haben mich erst einmal aufgefangen", erzählt ­Natascha Strobl, "sie haben gesichtet, gesammelt, Prozesskosten über­nommen – eine großartige Einrichtung."

Schon jetzt sagt die Hälfte der Internetnutzer:innen, sie würden sich wegen der Hasskommentare seltener an politischen Diskussionen im Internet beteiligen. HateAid möchte, dass nicht die Stimmen der rechten Schreihälse übrig bleiben.

Am Ende sollen mal wieder die Juden schuld sein . . .

Verschwörungsgläubige wie Rechtsextreme sind davon überzeugt, dass eine globale Elite den Deutschen schaden will. Und diese Weltmacht sei jüdisch. Zwar verbreiten sich solche Mythen heute vor allem übers Internet, aber in der Geschichte wurde ganz ohne Internet der jüdischen Bevölkerung die Schuld gegeben an Hungers­nöten, ­Kriegen, Pest . . . Auch in der NS-Zeit bildeten sich die Deutschen ganz ohne Internet mehrheitlich eine ­jüdische Welt­verschwörung ein.

Bill Gates übrigens, der wegen seines Einsatzes für globale Impfprogramme schon lange ein Feindbild von Impfgegner:innen ist, ist kein Jude, wird aber seit Corona dem Judentum zugerechnet. Im rechten Wahndenken muss einer der reichsten Männer der Welt zwangsläufig Jude sein.

. . . und das ist vielen Leuten egal

Rechtsextreme sind nicht die Mehrheit, es sind noch nicht mal viele, sagt Natascha Strobl, die Beobachterin rechter Szenen. "Das Problem sind all die Leute, die Bündnisse mit Rechten bilden, weil ihnen deren Antisemitismus und ­Rassismus schlicht egal ist." Bösartigkeit und Gleichgültigkeit seien oft die Seiten einer einzigen Medaille.

"Tut was! ", ruft ein besorgter Demokrat

"Ich kann es nicht mehr hören, dieses ‚Nie wieder!‘", sagt Michel Friedman, 65. Der bekannte Publizist und Philosoph war Hauptredner beim diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus im hessischen Landtag. Überall, wo in Europa Populist:innen regierten, ­würden zuerst Juden zu Sündenböcken gemacht und gleich anschließend demokratische Grundprinzipien zerstört, sagte Friedman. "Wie oft denken wir, das geht uns nichts an – wir sind keine Juden, wir sind keine Schwulen, wir sind keine Minderheiten, wir sind keine . . ." Aber am Ende seien alle in Unfreiheit. "Glaube keiner, dass diejenigen, die sich am Anfang welche Minderheit auch immer aussuchen, nicht am Ende die Adresse von jedem von uns haben werden."

Es treibt ihn um. "Warum sind wir so schüchtern als Demokraten? Warum sind die anderen so laut und wir so leise?" Deshalb fordert er alle auf: "Tut was! Jede und jeder für sich. Damit wir nächstes Jahr nicht wieder sagen: Es ist schlechter geworden. Sondern: Es ist besser geworden."

Eine Rentnerin geht dahin, wo es schmutzig ist

Brigitte Combosch, 63, tummelt sich schon lange auf Facebook, zum Beispiel auf den Seiten der großen Nachrichtenmedien. Aber als die AfD aufstieg, wurden die Kommentare unter den Artikeln immer hässlicher. Sie fand: "Da muss man was tun. Ich kann als Christ nicht schweigen dazu." Also schloss sie  sich der Facebook-Gruppe #ichbinhier an. Seitdem kontert sie Hetzerisches in den Facebook-Kommentarspalten großer Medien wie "Focus", "Tagesschau" oder "Bild". Nach dem Motto: "Man muss sich auch dorthin begeben, wo es dreckig und schmutzig ist." 

Mittlerweile lenkt sie als "Moderatorin" einen ganzen Schwarm von Gruppenmitgliedern zu den schlimmsten Kommentaren. Mindestens zwei Stunden am Tag ist sie im Dienst. Berichtet ein Artikel über die Rettung von Flüchtlingen aus dem Meer, erscheinen darunter recht zuverlässig Kommentare wie "Absaufen lassen". Dann schreiben einige Gruppenmitglieder sachliche, respektvolle Kommentare – so etwas wie "Jeder Mensch ist wert, gerettet zu werden". Andere Mitglieder, die gerade keine Zeit haben, verteilen nur "Likes" an diese Kommentare, also das Zeichen "Daumen hoch". Und weil Facebook beliebte Kommentare prominenter anzeigt als andere, rutschen die Kommentare von #ichbinhier weit hoch, die hetzerischen sinken nach unten. 

Und was soll das bringen? "Unsere Zielgruppe sind die stillen Mitleser:innen", sagt Combosch, "wir sagen ihnen damit: Ich bin hier, ich bin auch noch da, die Schreier sind nicht in der Mehrheit. Wir möchten all jene zurückgewinnen, die sich bereits erschrocken aus den Kommentarspalten zurückgezogen haben."

Ja, es ist eine Sisyphusarbeit. Und sie bekomme auch regelmäßig Hassbotschaften. Von "Du bist dumm und hässlich" bis "Dich sollte man erschießen." Aber das mache sie nur entschlossener. Sie bekomme eine "gesunde Wut" und ein Jetzt-erst-recht-Gefühl. Sie meldet das Facebook und zeigt die Leute an über HateAid.

Manchmal helfen sie auch Privatpersonen. So wie dem Milchbauern. Der geriet wegen seines "No AfD"-Stickers am Trecker in einen Shitstorm und wurde übelst verleumdet – seine Milch sei schlecht. Da hat #ichbinhier dann seinen hilfreichen Schwarm hingeschickt.

 Katharina Greve

Wie schlimm ist es wirklich?

Es gibt unter den Deutschen ein dauerhaft hohes Niveau an rechtsextremen Einstellungen. In Ostdeutschland zum Beispiel hat fast jede zehnte Person ein ge­schlossenes rechtsextremes Weltbild. Neu ist aber: Viele der anti­demokratisch Eingestellten haben sich radikalisiert, sie sind enthemmt, sie sehen sich zu gewalttätigen Handlungen legitimiert. Das ist das Ergebnis der Leipziger Autoritarismus­studie 2020, die alle zwei Jahre Menschen ausführlich befragt.

Verschwörungserzählungen beschleunigen die Enthemmung: Wenn behauptet wird, geheime Mächte planten den Untergang Deutschlands, dann konstruieren Rechtsextreme daraus eine Notlage. Und eine Notlage berechtige zu Notwehr: also dazu, zu vernichten, was man hasst – Menschen wie Demokratie.

Angekündigte Gewalt: Guckt da wer drauf?

Miro Dittrich, der junge Rechtsextremismusexperte, schaut in die rechtsextremen Nischen des Internets. Er sah schon lang, dass es auf der Plattform Telegram ­eine ­Gruppe gab namens "Sturm auf den Reichstag". Die ­Gruppe wartete nur auf den Moment, dass genügend Leute vor Ort ­wären. Am 29. August letzten Jahres war es dann so weit, bei der großen Demonstration gegen die Corona-­Maßnahmen. Gegen Abend überwanden Hunderte von Menschen die Absperrungen vor dem Reichstagsgebäude und besetzten die Treppe. Und die Polizei war überrascht. "Die Sicherheitsbehörden nehmen digitale Orte immer noch nicht ernst genug", sagt Dittrich. "Rechtsextreme Gewalttäter können sich hier weiterhin ungestört organisieren und zu Taten aufrufen."

So wie Oliver Janich, der auf dem größten politischen Telegram-Kanal schreibt: "Stürzt die Regierung . . . Hängt sie alle . . . Holt die Seile . . . Einfach an die Wand stellen, anders ist das Problem nicht mehr lösbar . . . Jetzt geht es nur noch mit Kriegsrecht und Militärtribunalen." Und das sei nicht irgendein Verwirrter, dem 20 Leute folgen, sagt Miro Dittrich, "sondern dem folgen 165 000 Leute". Aber die Sicherheitsbehörden unternähmen nichts.

Diese Omas gehen auf Demos

Alt sein heiße nicht stumm sein, finden die drei Dresdnerinnen Astrid B., Monika S. und Barbara H.. Sie haben sich der überparteilichen Bewegung "Omas gegen rechts" angeschlossen, die es in Deutschland in vielen Städten gibt. Die drei Rentnerinnen gehen mit ihren rund 40 Dresdner Mitstreiterinnen auf Demonstrationen, zum Beispiel gegen Pegida. Oder am 13. Februar, dem Tag, an dem Dresden 1945 bombardiert wurde – "denn diesen Tag instrumentalisieren die Rechten immer, als wäre das ein Holocaust gewesen hier in Dresden".

Monika S. findet das Demonstrieren jedes Mal ­ziemlich aufregend. Die Leute reagierten schnell auf ihre Schilder mit dem schlichten Aufdruck "Omas gegen rechts"; manchmal komme man ins Gespräch, manchmal werfe man ihnen ein "Ihr sollt euch schämen!" hin. Im Februar gab es ein schlimmes Erlebnis. Eine Schneelawine vom Hausdach verfehlte die Omas nur knapp, sie sagten "ein Glück!", aber ein junger Mann, der genau in diesem ­Moment vorbei­kam, meinte: "Ich würd das auch besorgen, euch zu ­erschlagen." Nächstes Mal wollen sie so was anzeigen, und sei es nur für die Statistik.

"Aber wir erleben auch positiv Aufregendes", wirft Astrid B. ein. So viele junge Leute kämen auf sie zu und sagten: "Toll, dass Sie das machen" oder "Dürfen wir Sie mal fotografieren?"

Man darf übrigens auch mitmachen, wenn man keine Enkel hat. Vielleicht sogar als Opa, wenn man denn beim Basteln der Halterungen für die Schilder helfe, frotzelt eine der Omas. Die drei Frauen sind in der evangelischen Kirche beheimatet, aber in ihrer Gruppe hätten ganz verschiedene Frauen zusammengefunden, was sie freut. "Das zeigt, dass die Zivilgesellschaft jetzt aufwacht." Schließlich stehe einiges auf dem Spiel. Zum Beispiel die plurale Gesellschaft. Astrid B. sagt mit sächsischem Zungen­schlag und großer Entschiedenheit: "Ich halte die Ausländer in ihrer großen Mehrheit für eine kräftige Bereicherung unserer Gesellschaft."

 Katharina Greve

Die Retterin von Ehen

Der Streit findet nicht nur auf der Straße statt. Auch in Wohnungen. Manchmal zerbrechen Ehen am Verschwörungsglauben. Sarah Pohl, 42, hat das gesehen. Sie leitet die Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen (ZEBRA) in Freiburg, finanziert vom Kultusministerium Baden-Württemberg. Das waren Paare, die bereits auf einer hohen Eskalationsstufe angelangt waren, erzählt sie. "Wenn du dem Kind eine Maske aufziehst, trenne ich mich!" Oder der Mann war bei einer "Querdenker"-Demo, da hat die Frau die Kinder genommen und ist weg.

Aber oft kommen Paare auch rechtzeitig zu ihr und ihrem Team. Sie hört sich beide Seiten an und merkt dann oft schon, dass da sehr viel Verbindendes ist. Die eine ­Seite hat Angst, weil die Corona-Maßnahmen die Grundrechte einschränken, die andere fürchtet sich ­davor, dass Verschwörungsgläubige an die Macht kommen könnten. Beide sorgen sich um die Demokratie.
"Auf der Gefühlsebene sind die meisten gar nicht so weit voneinander entfernt", sagt Sarah Pohl. Deswegen schaut sie weniger auf das, was trennt, als auf das, was verbindet. Das will sie stärken. Ziel sei immer, dass Kontakte nicht abreißen, trotz des Verschwörungsglaubens einer Seite.

Die besten Tipps der Beraterin

Die Beratungsstelle kann sich kaum retten vor Anfragen, sagt Sarah Pohl. Für Anrufende aus anderen Bundes­ländern können sie nur eine Art "Erstversorgung" machen. Deswegen hat sie mit einer Kollegin alle Tipps in einem Buch versammelt: "Alles Spinner oder was? Wie Sie mit Verschwörungsgläubigen gelassener umgehen".

Vielleicht die wichtigste Regel: weniger sagen, mehr ­fragen. Wie bist du zu der Idee gekommen, dass alle ­Medien schlecht sind? Wie fühlt sich das für dich an? Nicht ins Wort fallen, nicht vorschnell reagieren. Dabei hilft es, sich zurücklehnen, äußerlich wie innerlich.

Manipulation im positiven Sinn sei erlaubt, findet Beraterin Sarah Pohl. Loben etwa sei sehr hilfreich im Umgang mit Ver­schwörungsgläubigen. Das könnte ­etwa so klingen: "Du bist ein spannender Gesprächspartner, weil du so ganz ­anders denkst. Langweilig wird es mit dir nie." Gemeinsamkeiten betonen ("da sind wir ja einer Meinung"); und durch Small Talk ­Gemeinsamkeiten schaffen (Wetter, Kinder­erziehung, Hobbys).

Natürlich dürfen sich Kontakte ver­ändern. Wenn es einem zu viel wird, ­bietet man Kontakt unter Auflagen an: "Wir treffen uns, aber sprechen nicht über dieses Thema, weil es mir damit nicht gut geht." Unbedingt das Gespräch beenden, bevor es zum Streit kommt. Ach so: Nicht damit rechnen, das Gegenüber zu überzeugen.

Wenn mal wieder alles aussichtslos erscheint

Ingrid Brodnig, 36, ist Expertin für Irreführung und Desinformation im Internet, sie weiß, wie es sich anfühlt, wenn mal wieder eine Falschmeldung von vielen Leuten weitergereicht wird: frustrierend. Dann überlegt sie: Wem könnte ich stattdessen meine Aufmerksamkeit schenken, welchen seriösen Stimmen kann ich möglichst viel Gehör verschaffen? Also leitet sie Freund:innen und Angehörigen hoch­wertige Publikationen weiter und teilt Wissen­schaftspodcasts. Ja, Falschem soll man widersprechen, schreibt sie in ihrem Buch "Einspruch! Verschwörungsmythen und Fake News kontern", aber man sollte dabei nicht aus den Augen verlieren, womit man sich sonst eigentlich beschäftigen wollte.

Auch der Familienvater hat eine Strategie

Björn Drewer, dem dieses Jahr recht bang ist vor dem ­Urlaub in Südtirol – wegen der verschwörungsgläubigen Frau in der anderen Ferienwohnung –, hat sich mittler­weile eine Strategie überlegt: Er werde die Frau viel ­fragen, und er werde Zugeständnisse machen: "Ja, es ist viel schiefgelaufen in der Pandemiebekämpfung."

Aber er werde als Regel aufstellen, dass nicht nur er ihr zuhört, sondern auch sie ihm. Sollte es ganz schlimm kommen – er weiß ja nicht, wie die anderen Gäste drauf sind –, dann würde er sagen: "Also, wenn ihr das Thema weiter besprechen wollt, dann muss ich mein Weizen oben in der Wohnung weitertrinken." Würde er machen.

Kurzum: Er sieht dem Urlaub mit einer Mischung aus Spannung und Abneigung entgegen. "Ich will eigentlich meine Ruhe, aber ich will auch nicht, dass diese Schäflein alle verloren gehen."

Infobox

Das hilft weiter

Faktenchecks:  correctiv.org/ faktencheck,  faktenfinder. tagesschau.de,  br.de/faktenfuchs

Die evangelischen Beauftragten für Weltanschauungs­fragen beraten auch bei Verschwörungs­glauben

Hintergrundinfos zu Rechtsextremismus, Rassismus, Antisemitismus von der Amadeu-Antonio-Stiftung    

Eine Broschüre der gemeinnützigen Organisation "Der goldene Aluhut", wie man Verschwörungstheorien + Fake News erkennt, darin auch Tipps zur "Bildforensik"

Bundeszentrale für politische Bildung zu diversen Verschwörungs­theorien:  

Beratung: Zentrale Beratungsstelle für Weltanschauungsfragen des Landes Baden-Württemberg ZEBRA, Nordrhein-Westfalen Sekteninfo NRW, Berlin SektenInfo Berlin

Beratung und Unterstützung für Angehörige, die in ihrer Familie mit dem Thema Rechtsextremismus konfrontiert sind: Fachstelle Rechtsextremismus und Familie

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Lesermeinungen

Liebes Redaktionsteam,
Ihr o.g. Artikel ist aus politischer Sicht absolut korrekt und uneingeschränkt zu bestätigen.
Sie haben die Ein- und Ausswirkungen des Linksextremismus nicht berücksichtigt.
Mit besten Grüßen,
Bernhard H. Grevesmühl

Guten Tag,
Bin ich noch auf der Seite der „Guten“? Ich gestehe, in den letzten Jahren mir erlaubt zu haben, anderen Menschen einfach mal zuzuhören, was sie zu sagen haben, auch wenn deren Meinungen häufig diametral zu meiner eigenen stand. Ich habe mir verkniffen auch nur den Ansatz einer Umerziehung der „Anderen“ zu wagen, wenn gegen dieses oder jenes lautstark die falschen Fahnen geschwungen wurden. Warum hätte ich es auch tun sollen? Vieles was die Menschen beschäftigt, was sie verunsichert oder gar erzürnt wurde bei den Gesprächen in offene Worte gepackt. Und am Ende wurde mir gedankt, einfach fürs Zuhören oder der Fragen wegen und dafür, dass nicht meiner, sondern ihrer Geschichte Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Allzu anstrengend war das Zuhören für mich nicht. Und zum Glück waren alle meine Schubladen schon zu voll, als dass da noch etwas hineingepasst hätte. Und wieso braucht chrismon ganze fünf Textseiten, um festzustellen, dass abweichende Meinungen in die Schubladen „Querdenken“ oder vergleichbares gehören? Beherrschen wir die Kunst des Zuhörens noch? Richten wir schon wieder ohne zu hören oder zu sehen? Die Autorin Holch macht es sich schon sehr einfach mit den Menschen. Eine starke Demokratie gibt es aber nur durch den harten, aber ehrlichen Diskurs. Gerade als Christen sollten wir da einen besonders ehrlichen Anspruch an uns haben. Wir sollten endlich aufhören, immer neue Schubladen aufzumachen, wenn uns die Meinungen und Fragen anderer zu unbequem sind oder wir keine Antworten finden.
Mit freundlichen Grüßen
Günter Koch

Liebes Chrismon-Team,
die Titelgeschichte der Ausgabe 6/2021 finde ich an sich gelungen, zumal sie auf einer breiten Recherche und aufschlussreichen Interviews basiert. Dennoch: Ich kann Chrismon journalistisch solange nicht ernst nehmen, solange hier auch munter und hemmungslos gegendert wird. Es geht auch anders: Warum nicht von „Corona-Leugnerinnen und -Leugnern“ schreiben, wenn genau das gemeint ist? An anderer Stelle im Blatt: „Soldatinnen und Soldaten“? Geht doch! Die Bundeswehr gendert übrigens auch nicht, die selbstbewussten Soldatinnen lehnen es ab.
Kurz: Binnen-I, Sternch*n und D:ppelpunkte sInd in der W*rtmitte fehl am Pl:tze - es sind schlichte Rechtschreibfehler.
Ich möchte in meiner Lektüre informiert werden und nehme auch gerne Denkanstöße an - aber ich lehne linguistische Bevormundungen ab, die eine akademische Bildungselite der Mehrheit unserer Sprachgemeinschaft aufzwingen will.
Bevor ich mich wieder ärgere, verzichte ich beim nächsten Mal am besten lieber auf die Chrismon-Lektüre.
Herzlich grüßt
Oliver Hoffmann

Guten Tag,
der o.a. Artikel aus Chrismon 6/21 hat mir sehr gut gefallen.
Hier wird gezeigt, wie man mit Respekt zu dem Andersdenkenden
seine Meinung vertreten kann.
Ich glaube, es ist ein guter Weg auch den Verschwörungsverbreitern
zum Nach-/ Umdenken zu führen.
Viele Grüße
Klaus Schunk

Liebe wunderbaren Macherinnen von Eurem Titelthema "Sagt was, tut was"!
Gerade vor zwei Tagen erst habe ich mit meinem erwachsenen Sohn (38) vier Stunden telefoniert - und als ich nicht mehr konnte und zu müde war, am Ende im Streit aufgelegt. Ich kam kaum zu Wort, und er war im seinem Element, hat sich über Monate nur noch mit solchen Internetbeiträgen befasst, benutzte all die gängigen Schlagwörter, konnte umfangreich zitieren. - Und ihm wurde bewusst, dass er mit all seinen neu gewonnenen "Erkenntnissen" Freunde verloren hat! Er ist jedoch felsenfest von diesen ganzen Ansichten überzeugt, er könne nicht mehr anders denken, das seien alles Fakten! Als ich ihm vorschlagen wollte, mal in meinen an ihn gesendeten Büchern zu lesen, oder Musik zu machen oder zu malen, hat er mich immer unterbrochen...
Ihr Beitrag kam also für mich genau zur richtigen Zeit und ich habe jede Zeile aufgesogen! Für mich ist es jetzt der beste Beitrag zum Thema Umgang mit Verschwörungstheorien, Coronaleugnern, Rechtsextremen. Sie schreiben es so klar, und benennen alle Probleme und machen sooo gute Vorschläge!
Sie haben mir sehr geholfen!!! Auch die weiterführenden Links bringen mich weiter und werden mir helfen, wieder Kontakt zu meinem Sohn aufzunehmen!
Ich danke Ihnen aufs herzlichste!!!
Ihre treue Leserin Christina Haubert
(auch viele andere Beiträge waren immer toll für mich, es sind die tollen Menschen, die Sie zu Wort kommen lassen)

Liebes chrismon-Team,
ich schreibe tatsächlich heute meinen ersten Leserbrief. Warum?
Ich habe es nie geschafft zu schreiben, wie gern ich Ihre Zeitung immer wieder lese, sie aufhebe, um ja keinen Artikel zu verpassen, wenn die Zeit nicht für alles ausreichte. Die vielseitigen Themen sind so vielstimmig, anregend und die eigene Meinung hinterfragend. Und ja, wäre nicht das Interview mit Judith Hermann in Ihrer aktuellen Ausgabe gewesen, die Kolumne von Arnd Brummer und das treffende Leserzitat zur *-Debatte von Maria Jerchel: „Man schafft also eine neue Diskriminierung. Kurz gesagt: Wir schlagen grade Schrauben mit dem Hammer ein und meinen dabei, Nägel mit Köpfen zu machen.“, würde ich mich nur beklagen. Aber eigentlich möchte ich das nicht, da ich Ihr Magazin so schätze.
Dennoch kann ich den Artikel von Frau Horch, einer Chefreporterin, nicht umkommentiert lassen. Ich vermisse hier die sonst übliche Ausgewogenheit, die sachliche Auseinandersetzung. Doch was muss ich stattdessen lesen: Wir sind bedroht von Verschwörungstheoretikern, Querdenkern, Rechtsextremen mit Tipps von irgendwelchen Beraterinnen, wie man mit "solchen Menschen“ umgehen sollte. Sie sprechen von ihnen wie von irregeleiteten Kranken. Wir, die Guten, gegen die bösen Anderen. Keine Fragen nach Ursachen. Keine Sicht auf die eigentliche Bedrohung, dem Auseinanderbrechen der Gesellschaft durch zunehmende extremistische Ansichten von rechts und links und dem Wegbrechen der liberalen Mitte. Kein Wort zu den mahnenden Worten von Thierse, Schwan, Wagenknecht - alles Neurechte? Hasstiraden kommen nur von rechts (Zitat: Rechtsextreme können im Netz ungestört zu Gewalt aufrufen“. Schwarz-Weißer geht es nicht. Es geht anders, wie uns die Dänen bewiesen haben und wie ich es besser nicht ausdrücken könnte: https://www.youtube.com/watch?v=jD8tjhVO1Tc&t=1s .
Egal, wie man beispielsweise zu Aktionen wie #allesdichtmachen steht, aber wie die offiziellen Medien mit diesen Künstlern in einem demokratischen Land umgegangen sind, kann ich nicht akzeptieren. Diese Zwischentöne fehlen in einem Artikel, der lautet: „Sagt was! tut was!“. Aber das ist bestimmt auch keine Aktion, die sich die Autorin von ihren Lesern wünscht.
Es macht mir Angst, dass wir alle es irgendwie akzeptieren, dass die Disllikes und Likes in den sozialen Medien darüber entscheiden, wer böse und wer gut ist? Wir merken gar nicht mehr, wie die journalistische Berichterstattung sich diesen Stimmungen anpasst und ein kritischer Geist, der hinterfragt, schon ein Fragezeichen formen in dem Sinne, ob er nicht doch schon vom bösen Gedankengut infiziert ist. Es könnte sich ja jemand beleidigt und diskriminiert fühlen. Individualität stößt aber meines Erachtens immer dann Grenzen, wenn sie anfängt, die Gemeinschaft zu beschränken. Diese Grenzen haben sich allerdings zu Ungunsten der Mehrheitsgesellschaft verschoben. Ich empfehle diesbezüglich unbedingt das aktuell erschiene Buch der französischen Publizistin Carolin Fourest: "Generation beleidigt“, dass in allen Feuilletons der überregionalen Presse besprochen wurde, zu lesen. Ziel einer demokratischen Gesellschaft muss es doch sein, Konsens zu schaffen und nicht zu spalten. Vorurteilsfreie, sachliche Berichterstattung - das ist die größte Herausforderung des Journalismus in dieser hochsensiblen Zeit. Sie tragen eine sehr große Verantwortung. Lassen Sie uns bitte nicht müde werden, um wahre Vielfalt von Meinungen und Ansichten zu kämpfen, so wie sie es bisher auch getan haben. Lassen Sie uns nach Gemeinsamkeiten suchen und christliche Tugenden wie Nächstenliebe, Barmherzigkeit und Vergebung leben - jedes Mal aufs Neue, auch wenn es schwerfällt.
Ich freue mich auf Ihr nächstes Heft.
Mit Dank und freundlichen Grüßen
Dr. Kerstin Langwagen

Sehr geehrte Damen und Herren,
seit Jahren lese ich Chrismon sehr aufmerksam und immer gerne.
Ihren Leitartikel zum Thema "Querdenker" empfinde ich als eine Zumutung.
Sie verfallen wie so viele der Idee, dass alle Teilnehmer der Querdenken- Demonstrationen,
Kritker der Regierungsmaßnahmen und sonstige Skeptiker in der rechtsradikalen Szene zu verorten sind und an "Verschwörungen" glauben.
Sie sprechen über Dialog und bedienen dann in Ihrem Artikel nur die gängigen Vorurteile.
Mein Mann und ich waren im letzten Jahr äußerst erstaunt, aufgrund der reflexhaften Zuordnung sämtlicher
Protestierender auf einmal rechtsradikal zu sein. Jeden der uns kennt, kann diese Subsummierung nur erstaunen.
Erwähnen möchte ich auch den Absatz "Die besten Tipps der Beraterin" in Ihrem Artikel, mit dieser Attitüde patholigisieren Sie ja geradezu das Äußern nicht
mehrheitsfähiger Ansichten. Somit leisten Sie dann de facto der Spaltung der Gesellschaft noch Vorschub.
Mein Vorschlag: sprechen Sie doch einmal mit "rechtsradikalen Querdenkern" statt über sie.
Ich stehe Ihnen dafür gerne zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen,
Maren Wieting

Sehr geehrte Frau Wieting,

Ihren Vorschlag "sprechen Sie doch einmal mit "rechtsradikalen Querdenkern" statt über sie. Ich stehe Ihnen dafür gerne zur Verfügung." greife ich gerne auf. Mit dem Herrn, der seine zahlreichen Leserkommentare zu chrismon-Artikeln unter dem Pseudonym "querdenker" verfasst, habe ich das auch schon getan. Wo möchten Sie anschließen? Vielleicht hier:

https://chrismon.evangelisch.de/mein-kirchgang/2020/gottesdienst-in-der-...

Um mich nicht dem Vorwurf der tendenziösen Auswahl auszusetzen, benutzen Sie selber die Suchfunktion!

https://chrismon.evangelisch.de/suche?volltext=querdenker&heftrubrik=All...

Die Trefferliste führt auch zu allen Artikeln, die Herr querdenker kommentiert hat. Was darf es bitte sein?

Fritz Kurz

Ich kann mich Frau Wietig nur anschließen. Habe mich sehr über den Artikel geärgert. Im Artikel wirft die Autorin bestimmten Menschen vor, nur schwarz-weiß zu denken und keine Zwischentöne zuzulassen – aber genau das macht die Autorin in ihrem Artikel. Hier werden Rechtsextreme, sog. Querdenker, sog. Impfgegner in eine Schublade geworfen. Ich selber möchte mich nicht den Querdenkern zuordnen, auch nicht den Impfgegner – wohl aber kritisch denkenden Menschen. Ja, und auch ich mache große Fragezeichen an das Thema Impfung. Warum? Es geht um Geld – um sehr sehr viel Geld – das muss stutzig machen! Es geht auch um Verantwortung – keiner der Impstoffe hat eine endgültige Zulassung – Risiken und Nebenwirkung sind noch nicht abschließend erforscht. Vor dem Hintergrund wundere ich mich über unseren Gesundheitsminister, der aktuell gegen die Ratschläge der Ständigen Impfkommission, die Impfung der Kinder vorantreibt – völlig ohne Not. Warum? Als Christ, als Mensch, als Bürger diesen Landes, möchte ich heute und auch in Zukunft Fragen stellen dürfen, ohne gleich als was auch immer gebrandmarkt zu werden. Genau das sind doch die Grautöne, um die es hier geht …
Ich war zwar noch auf keiner Querdenken-Demo, habe mir aber von einem Bekannten berichten lassen. Die Bilder, die war dazu in der Tagesschau sehen sind definitiv nicht repräsentativ – dort finden sich Menschen, wie du und ich – eben nicht nur Verschrobene und Esoteriker, ich denke einfach viele, die frustriert sind, weil Sie ihre "Graustufen" sonst nirgends finden, weil unsere Medien leider zum Großteil nur das schwarz-weiße Bild zeichen.
Ich hoffe sehr, dass sich das ändert und wir wieder miteinander ins Gespräch kommen, uns als von Gott geliebte Individuen wahrnehmen, anstatt uns in Schubladen zu stecken …