EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm über Meinungsfreiheit

Fragwürdige Märtyrer
In Deutschland ist die Meinungsfreiheit nicht bedroht. Wer anderes behauptet, will wohl selbst Kritik abwehren.

Vorgelesen: Auf ein Wort "Fragwürdige Märtyrer"

Seit Monaten streiten tapfere Frauen und ­Männer in Belarus für die Demokratie und riskieren dafür ihre Freiheit und ihr Leben. Ich be­wundere ihren Mut! Die Meinungsfreiheit gehört zu den kostbarsten Gütern in der Demokratie. Wie zerbrechlich sie ist, zeigt sich gerade in Belarus. Gut, wenn wir die ­Demonstranten von hier aus nach Kräften unterstützen! 

Heinrich Bedford-Strohm

Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm, Jahrgang 1960, ist seit 2011 Landesbischof der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) und seit 2014 Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Zuvor war er an der Universität Bamberg Professor für Systematische Theologie und theologische Gegenwartsfragen.
Thomas Meyer/Ostkreuz

Umso merkwürdiger mutet es an, wenn sich hierzu­lande Rechtsextremisten und Rechtspopulisten zu ­Märtyrern der Meinungsfreiheit stilisieren – und zwar nicht, indem sie sich für demokratische Grundwerte einsetzen. Sondern im Gegenteil: Weil andere ihren menschenfeindlichen ­Thesen den demokratischen Grund­konsens entgegen­halten, in dessen Zentrum die Menschenwürde, ­Solidarität und Mitgefühl stehen.

Zum Glück sind die­jenigen, die ­soziale Kälte und Hass auf Andersdenkende und Schutzbedürftige verbreiten, eine Minderheit und ­treffen auf entschiedenen Widerspruch. Hoffentlich bleibt es so!

Klare ethische Grundorientierung

Eine vergleichsweise milde Form des fragwürdigen Märtyrerbewusstseins ist die Klage über die Moralisierung. Ja, diese Moralisierung gibt es tatsächlich. Nämlich dort, wo Moral Sachargumente ersetzen soll, statt beides klug aufeinander zu beziehen. Klare ethische Grund­orientierungen aber überhaupt in die öffentliche Debatte einzubringen, hat mit Moralisierung gar nichts zu tun.

"Moralismusvorwürfe können auch einfach ein ­Versuch sein, eingeschliffene unmoralische Lebensstile zu ratio­nalisieren oder gegen Kritik zu immunisieren", ­schreiben die Philosophen Christian Neuhäuser und Christian Seidel in ihrem Buch "Kritik des Moralismus". Könnte es sein, dass manche vor allem deswegen über vermeintliche ­Moralisierung klagen, weil sie sich durch ­moralische Gesichts­punkte nicht beunruhigen lassen ­wollen? ­Diesen Eindruck habe ich manchmal, wenn ich auf meiner Facebook-­Seite etwas zur Seenotrettung poste und in den Gegenreaktionen wieder die Moralisierungskeule kommt. 

Respekt ist entscheidend

Wir brauchen eine Kultur, die selbstverständlich ethisch-moralischen Gesichtspunkten das ihnen zukommende Gewicht gibt. Zugleich sollten wir ergebnis­offen über die Konsequenzen daraus diskutieren. Zwei Haltungen sind dafür zentral: Respekt und Diskurs­bereitschaft.

Auch wenn ich Einstellungen von anderen noch so sehr ablehne, so bleiben sie in meiner Wahrnehmung doch immer Menschen. Sie können ihre Würde niemals ver­lieren. In meiner Studienzeit habe ich erlebt, wie Friedens­demonstranten amerikanischen Soldaten auf der anderen Seite des Zauns im Sprechchor entgegenriefen: "Ich bin nichts, ich kann nichts, gebt mir eine Uniform!" Das macht mich heute noch zornig. Menschliche Demütigung als ­politisches Kampfmittel ist unerträglich, egal von wem sie kommt. Zum Respekt gehört, zwischen dem Menschen und seinen Worten und Taten zu unterscheiden. 

Bereit sein zum Diskutieren

Neben dem Respekt brauchen wir die Bereitschaft zu diskutieren und auch mal einen Streit zu riskieren. Es bringt nichts, wenn wir in unseren eigenen Blasen mit großem Pathos unsere Meinungen kundgeben, aber stillbleiben, wenn die Mehrheitsmeinung eine andere ist.

Manchmal gehört Mut dazu. Und dass andere einen ermutigen zu sagen, was man denkt. Diese Ermutigung ist umso wichtiger, wenn Menschen nicht geschult ­darin sind, Argumente auszutauschen, aber dennoch klare ­Intuitionen haben, die sie zum Ausdruck bringen wollen. Nein, in Deutschland muss sich niemand Sorgen um die Meinungsfreiheit machen. Aber bei der Debatten­kultur bleibt noch Luft nach oben.

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Lesermeinungen

...und die Scharmützel beenden. Aus der ev. Kirche kommt ja immer wieder die Ansicht, dass es auch eine Toleranz der Intoleranz geben muß. Davon hat sich zumindest m.W. die EKD noch nicht distanziert und ihre schöngeistigen esotherischen Anhänger von der gegenteiligen Wirkung dieser Forderung überzeugt. Diese Ansicht bzw. Forderung bedeutet ja nichts anderes, dass AUCH der Antisemitismus toleriert werden sollte. Das wird zwar nicht gesagt, wäre aber eine Logik, auf die sich auch die AFD jederzeit berufen könnte. Für solche (von der die AFD betreffenden abgesehen) eigenartigen Ansichten bekommt man dann auf den Kirchentagen auch noch tosenden Beifall von meist jugendlichen und von einer politischen Verantwortung unbelasteten und daher „unverantwortlichen“ Zuhörern. Eine Toleranz der Intoleranz ist letztlich auch, wenn man, wie von Fr. Käßmann im SPIEGEL-Interview gefordert, am liebsten die Bundeswehr abschaffen würde. Denn die fehlende Möglichkeit einer Abwehr ist ja schließlich auch eine Toleranz des Angreifers, der mit seinem Angriff die Intoleranz verkörpert und damit die Toleranz beendet. Wer das Schlechte duldet, macht sich zum Handlanger des Bösen. Wer die Bundeswehr abschaffen will, fordert den Angriff heraus. Wer die Notwehr ablehnt, ist gegen den Frieden. Wer etwas nicht verhindern will, ist für das, was er bekämpfen sollte. Mit Gebeten kann man weder Frieden sichern noch die menschlichen Schwächen außer Kraft setzen. Deshalb ist der Begriff „Fragwürdige Märtyrer“ im politischen Sinn zu verurteilen.

Es ehrt Sie durchaus, lieber Herr Ockenga, dass Sie aus Ihrem Herzen keine Mördergrube machen, sondern ein flammendes Plädoyer für den Barras halten, den deutschen selbstverständlich. Das war zwar weder das Thema, noch das eigentliche Thema, aber geschenkt. Die beeindruckendste Form der Verteidigung ist immer noch der Angriff gewesen. Diese militärische Binsenweisheit ist den Soldaten sehr vertraut, egal, ob sie stolze Wehrmacht- oder Bundeswehrangehörige sind oder waren.

Wir haben also eine Welt voller Staaten, die sich alle nur verteidigen wollen. Und was eben dazu gehört und daraus folgt.

Eine Frage müssten Sie mir aber doch noch erläutern. Über Jahrzehnte, da waren die "jugendlichen und von einer politischen Verantwortung unbelasteten" Kirchentagsjubler noch nicht auf der Welt, lernte der anständige Bürger der BRD, dass nur wegen der bösen, angriffslustigen Russen die Bundeswehr leider nötig sei.

Jetzt haben diese russischen Unholde ihrer Bösartigkeit, dem Kommunismus, gründlich abgeschworen. Also ist doch die Bundeswehr überflüssig geworden?

Fritz Kurz

Es haben sich hier schon einige Herren zu Wort gemeldet, die darauf hinweisen, dass die Meinungsfreiheit in unserem Land nicht so souverän da steht, wie Sie es in Ihrer Kolumne betonen. Dem pflichte ich bei. Wohl anders als in den bisherigen Kommentaren kommt meine Kritik aus der linksliberalen Ecke.
Wenn Sie sich daran erinnern, dass Journalisten mal als vierte Staatsgewalt in unserem Land bezeichnet worden, dann sind wir davon weit entfernt. Es gibt kaum Journalisten oder Redaktionen mehr, die aus einer bestimmten, klar kommunizierten Sichtweise berichten und davon getrennt kommentieren. Stattdessen herrscht das dominante Streben nach Quoten, Aufmerksamkeit, Auflagen und Wahrnehmung. Die Redaktionen sind wirtschaftlich ausgedünnt und oft haben Journalisten nur noch die Zeit zu Copy & Paste oder die Übernahme von Presseerklärungen oder weitgehend vorgefertigten Berichten. Als Beispiel nenne ich hier die politisch unverdächtigen Wetternachrichten. Wie oft wird in diesen Tagen auf den Jahrhundertwinter 1978/79 abgestellt und damit Emotionen erzeugt und wie weit ist das von der Realität entfernt!
Es ist auch der Neoliberalismus, der die Meinungsfreiheit bedroht.
Ihr Schreibstil ist intellektuell, lässt aber, wie einige der bisherigen Kommentare zurecht bemängeln, eine differenzierte Betrachtung vermissen. Schade.
Ein weiteres Beispiel: Wieso lässt sich die evangelische Kirche Gottesdienste von der Regierung verbieten? Kann man die bisherige Coronapolitik nicht auch kritisieren? Wieso sollen jetzt Wissenschaftler, die sich ihr Leben lang mit einem Thema auseinandergesetzt haben, so dominant sein und das Leben dieser Gesellschaft maßgeblich beeinflussen? Können das Theologen nicht auch? Wie begrenzt das Wissen unserer Wissenschaft ist, zeigt doch der Irrtum. Er ist die Voraussetzung für wissenschaftlichen Fortschritt. Jeder wissenschaftlicher Fortschritt lässt die wissenschaftliche Überzeugung der Vergangenheit als Irrtum erscheinen. Gegen diese Wissenschaftlichkeit der Pandemieexperten kann Gottes Wort gesetzt werden. Diese Meinung fehlt mir gerade in der Öffentlichkeit. Keiner traut sich so etwas zu sagen und alle Journalisten würden über die Kirche herfallen, wenn die Kirche sich von der gegenwärtig herrschenden Meinung distanziert.
Seriöse Wissenschaftler wissen, dass sie nur von Modellen und nicht von der Realität sprechen. Und die Welt glaubt an die Digitalisierung, nicht an die eigene, menschliche Fehlbarkeit.
Wie schön ist es, dass unsere christliche Gemeinschaft sich der Menschen erbarmt, die auf unsere Hilfe so angewiesen sind, wie Flüchtlinge auf hoher See in Gottes Hand. Wie schön wäre es, wenn wir mutiger auch bei anderen nicht besetzten politischen Positionen wären. Ausgehend von Gottes Wort.

Sehr geehrter Herr Schaefer,

Sie schreiben: "Seriöse Wissenschaftler wissen, dass sie nur von Modellen und nicht von der Realität sprechen." Sollte die Wissenschaft tatsächlich dermaßen verkommen sein, wie Sie es darstellen, dann braucht es auch nicht mehr zu wundern, wenn sich Zeitgenossen Aluhüte aufsetzen, um sich vor einer Virusinfektion zu schützen. Die haben dann eben ein anderes Modell im Kopf als die Virologen.

Ich bin aber daran interessiert, in der lausigen, schnöden Realität gesund zu bleiben. Die vom knallhart gegen alles Linke argumentierenden Herrn Popper in die Welt gesetzte Märchenwelt der Modelle, die angeblich das wahre Metier der Wissenschaft sein soll, passt allerdings bestens zu Verhältnissen, in denen gelungene Aufklärung für die jetzigen Nutznießer ungemütlich werden könnte.

Mit vorsätzlich unseriösen, dennoch freundlichen Grüßen

Traugott Schweiger

Sehr geehrte Damen und Herren,
zu den Einlassungen von Herrn Bedford-Strohm mit dem Titel "Fragwürdige Märtyrer"
möchte ich Ihnen meine nachstehenden Gedanken zukommen lassen:
Herr Bedford-Strohm wirbt in seinem Artikel für einen respektvollen Umgang mit Andersdenkenden,
für Diskussionbereitschaft und erklärt, daß mintunter Mut dazu gehöre, daß zu sagen, was man denkt.
Dem kann man sicherlich nur beipflichten.
In verschiedenen Umfragen, die es in den vergangenen Jahren gegeben hat, haben je zwischen über 40 und bis zu
75% der Teilnehmer erklärt, man könne sich nicht mehr bei allen Themen frei äußern.
Ist es aber respektvoll diesen Menschen gegenüber, wenn Herr Bedford-Strohm kategorisch erklärt, über die Meinungsfreiheit in diesem Land müsse sich keiner Sorgen machen? Oder aber wenn er an anderer Stelle ausführt, "Rechtsextremisten
und Rechtspopulisten" würden sich "zu Märtyren der Meinungsfreiheit stilisieren". Diskreditiert er nicht damit
alle Menschen, die sich um den Zustand unserer Demokratie und die Meinungsfreiheit als
einen der zentralen Werte sorgen? Sorgt er durch seine Äußerungen dafür, daß Menschen, wie von ihm gefordert,
den Mut aufbringen, sich auch künftig frei zu Ihrer Meinung zu bekennen?
Ich meine nein. Ich würde mir wünschen, daß Herr Bedford-Strohm - gerade in seiner Funktion als Ratsvorsitzener
der EKD - die Ängste der Menschen ernst nimmt und sie nicht als unwahr abtut, sie sogar als "merkwürdig"
charakterisiert oder aber pauschal erklärt, wer so etwas behaupte, "wolle wohl selbst Kritik abwehren".
Die Herde der Gläubigen zusammenhalten, oder in Anlehnung an Johannes Rau "Versöhnen statt Spalten" sollte das
Motto des Oberhaupts der evangelischen Kirche sein, nicht umgekehrt.
Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen
Martin Gautsch

Zunächst ist die Erwähnung der Demonstrationen in Weißrussland z.B. für Meinungsfreiheit nicht geeignet, um durch eine Gegenüberstellung mit Deutschland die hiesige Meinungsfreiheit herauszuheben. Der Freiheitsraum des Ratsvorsitzenden ist natürlich grenzenlos. Für jemanden aber, der eine ungehinderte Zuwanderung insbesondere aus kulturfremden Ländern nicht vorbehaltlos gutheißt, den Islam vorsichtig kritisch sieht, die Energiewende und die Rettung des weltweiten Klimas nach Art der Grünen nicht uneingeschränkt gutheißt, dem auch hierzulande ausgebrochenen Kampf gegen Antirassismus nicht bedingungslos folgt, das Rettungsschiff der evangelischen Kirche für nicht zielführend nennt usw., der ist ohne weitere Begründung sehr schnell Rassist, Islamfeind, Fremdenfeind, rechtsradikal und "völkisch". Letzteres wird inzwischen ohne nähere Definition gebraucht. Damit werden vermutlich einer Mehrheit der Bevölkerung Grenzen gesetzt, die zu überschreiten schwerwiegende Folgen haben können. Da Anhänger vor allem des linksgrünen Lagers solche Grenzen nicht kennen, gilt für sie selbstverständlich eine fast grenzenlose Meinungsfreiheit.
Prof. em.Dr. Dr. h.c. Rainer Gömmel

Fragwürdiger Moralismus
In seiner Kolumne fordert Bischof Bedford-Strohm als zentrale „Haltungen“ des gesellschaftlichen Austauschs „Respekt und Diskursbereitschaft“ ein. Dass das gesellschaftliche Miteinander und die Qualität des Diskurses über strittige Themen wie Klimaschutz, Migration oder Genderfragen in den letzten Jahren erheblich gelitten hat, kann ich nur unterschreiben.
Wo liegen aber die Gründe für die zunehmende Gereiztheit der Diskussionen und die Unerbittlichkeit, mit der sie geführt werden? Wie eine Leserin der Kolumne bereits bemerkt hat, haben 2019 nach einer Allensbach-Umfrage 82% der Befragten angegeben, dass sie den Eindruck haben, nicht mehr alles sagen zu können, was sie denken. Diese Umfrage dürfte der Autor auch zur Kenntnis genommen haben, allerdings geht er mit keinem Wort auf sie ein. Er beharrt vielmehr in deutlichem Kontrast zur Umfrage auf seiner These, in Deutschland sei die Meinungsfreiheit nicht bedroht. Wie kommt dieser Widerspruch zustande? Bilden sich die Menschen den Maulkorb nur ein, handelt es sich hier nur um eine gefühlte Wirklichkeit? Meine These lautet: es liegt an der zunehmenden Moralisierung und damit Vergiftung der öffentlichen Debatten und des gesellschaftlichen Klimas.
Die Kolumne ist ein gutes Beispiel dafür. In Bedford-Strohms Diskursraum existieren keine Grauzonen, dort gibt es nur klare Zuordnungen: Gut gegen Böse, menschenfeindlich gegen demokratisch, „soziale Kälte und Hass auf Andersdenkende und Schutzbedürftige“ gegen „Menschenwürde, Solidarität und Mitgefühl“. Schwarz und Weiß. Ich denke, dass so viele in Deutschland den Eindruck haben, nicht überall das sagen zu können, was man denkt, hat genau mit dieser moralischen Aufladung des Diskurses zu tun. Mit dem schnellen Urteil, das mit moralischer „Haltung“ verbunden ist. Für viele Menschen ist das Leben aber keine schwarz-weiße Angelegenheit, sondern ihre Farbskala kennt viele Abstufungen.
Vor einigen Jahren hat der Soziologe Niklas Luhmann darauf hingewiesen, dass es im moralischen Diskurs weniger um Argumente, sondern mehr um Achtung und Nichtachtung geht, dass hier also dargelegt wird, was und wen man achtet oder verachtet. Es geht um den ganzen Menschen, nicht nur um seine mehr oder weniger starken Argumente. Dass dies schnell hitzig werden kann, liegt auf der Hand. Und dass man in einem solchen moralischen Diskurs schnell in die Ecke gedrängt werden kann, wenn man sich diesem Moralismus entzieht und nicht gleich Zustimmung signalisiert, ist eine leidige Erfahrung. Um hier ein mieses Gefühl zu entwickeln, muss man nicht rechts sein, Zweifel genügen schon.
Sind wir noch in der Lage, wirklich offene gesellschaftliche Diskurse zu strittigen Fragen zu führen, in denen wir uns als Erwachsene begegnen können, die Argumente diskutieren? Nach meinem Eindruck hat diese Kultur der Auseinandersetzung in den letzten Jahren arg gelitten. Dies liegt leider nicht nur an dem Wiedererstarken der Rechten. Es liegt auch an der moralischen Überhitzung der gesellschaftlichen Debatten.
Diese moralische Aufladung, die für den Diskurs in unserer Gesellschaft ebenso charakteristisch wie toxisch ist, findet man leider auch in der Kolumne. Dieses Reden ist für den demokratischen Diskurs gefährlich, weil es Menschen abwertet, Luhmann behauptete sogar, es stehe nahe an der Gewalt. Sein Rat war, moralisierende Rede einzuhegen, und als die Aufgabe der Ethik benannte er ausdrücklich das Warnen vor Moral.
Bischof Bedford-Strohm wünscht sich die Bereitschaft zur Diskussion und auch den Mut zum Streiten. Dies wird aber ein frommer Wunsch bleiben, wenn er sich nur über die „vergleichsweise milde Form des fragwürdigen Märtyrerbewusstseins“ in Form der „Klage über die Moralisierung“ lustig macht. Seine Kolumne ist leider ein fragwürdiges Beispiel für das, was er ironisiert: die Moralisierung politischer Debatten, mit der das Gegenteil vom dem erreicht wird, was man eigentlich will.

Sehr geehrter Herr Bedford-Strohm,
wie Sie schreiben, muß sich in Deutschland niemand Sorgen um die Meinungsfreiheit machen.
Mit dieser Einschätzung sind Sie in unserer Gesellschaft offensichtlich in der Minderheit, denn
in einer Untersuchung des angesehenen Allensbach-Instituts (FAZ vom 23.5.2019) antworteten
auf die Frage „Kann man sich in der Öffentlichkeit zu allem frei äußern“ nur 18 (!) % uneingeschränkt
mit „Ja“. Wir stimmen sicherlich darin überein, daß die 82% Gegen-Stimmen nicht nur von Rechtsextremisten
und Rechtspopulisten stammen .
Seit Veröffentlichung der o.g. Untersuchung mache ich mir und hoffentlich alle aufrechten Demokraten
ernsthaft Sorgen um die Meinungsfreiheit in unserem Lande und setze mich in meinem gesellschaftlichen
Umfeld mit Verve für sie ein.
Mit freundlichen Grüßen
Erika Siegel

Fragwürdige Meinungsfreiheit
Unter der Überschrift „Fragwürdige Märtyrer“ belehrt uns Bedford-Strom in chrismon 02.2021: „In Deutschland ist die Meinungsfreiheit nicht bedroht.“ Er hätte auf das Grundgesetz und die Rechtsprechung verweisen können. Und doch: In den Händen derer, der über die Medien verfügen, ist sie eine gefährliche Waffe, die geradezu den sozialen Tod missliebiger Mitbürger erzwingen kann, während die riesige Mehrheit der „Grundrechtsbegünstigten“ die geringe Chance hat, mit einem gekürzten Leserbrief von Zeit zu Zeit mal zu Wort zu kommen.
Prof. Dr. Konrad Löw
Baierbrunn

Die Bezeichnung "Märtyrer" ist im religiösen Kontext unmissverständlich. Den Begriff aber in Verbindung mit der AFD zu bringen/zu verwenden, ist fahrlässig. Wenn einer von denen auf die Idee käme, dass auch die EKD ihn als zwar fragwürdigen aber doch möglichen Märtyrer bezeichnet hat, ist die zugelassene Fehlinterpretation da. Und wer das nicht sehen will, sich dieser Gefahr nicht bewusst ist, der handelt gefährlich. Das Zitat: "Bereit sein zum Diskutieren" führt in die falsche Ecke. Nicht nur ich habe es versucht. Keine Chance. Denn zur Überzeugung gehört Vernunft. Fehlanzeige. Q-Anon kennt keine Einsicht. Ob Braun oder blutrot chaotisch, es ist die gleiche Mentalität.

Mit der Bezeichnung "Fragwürdige Märtyrer" werden Sie genau das Gegenteil erreichen. Der Begriff suggeriert geradezu, dass sich die Adressaten als Alternativ-Märtyrer bestätigt fühlen können. Zitat: EKD-Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm über Meinungsfreiheit. Fragwürdige Märtyrer In Deutschland. Die Meinungsfreiheit ist nicht bedroht. Wer anderes behauptet, will wohl selbst Kritik abwehren".

Da besteht an oberster Stelle ein Realitätsverlust. Nichts von "Culturell Cancel" gehört? Versuchen Sie doch mal in einer Tageszeitung einen kritischen Leserbrief zur Genderisierung, zu den Auswirkungen des kulturellen Mischmasch, zur Quotenregelung oder zur den Kriminalitätsstatistiken über "Fremde" zu schreiben! Kaum eine Chance! Weil es kaum noch derartige Angebote gibt, die Kommentatoren zu diesen Themen vielfach parallel schreiben und sich die sogenannte Öffentlichkeit total in die sozialen Medien verlagert hat. Die linksliberalisierende Denke mit ihrer moralisierenden Überheblichkeit, die für sich allein die ultimative Wahrheit beansprucht, ist dafür umso stärker in den Medien vertreten und schimmert überall durch. Typischer Kommentar: “Wer anderes behauptet, will wohl selbst Kritik abwehren“. Als EKD-Vorsitzender werden Sie mit einem solchen Leserbrief oder einer Zitierung veröffentlich werden, aber einen Shitstorm ernten, der in allen Medien verbreitet wird. Auch Sie werden dann nach dieser Diskriminierung aus der chaotischen Ecke oder von den Kommentatoren künftig vorsichtiger sein. Warum haben denn so viele (auch anerkannte Edel-Demokraten!) die Erfahrung gemacht, dass sie nach dem Antwort-Totschlag-Argument bzw. der Vermutung, dass sie sich in der rechten Ecke tummeln, künftig schweigsam sein zu sollten? Wer für Recht und Ordnung ist, ist zumindest bräunlich, auch wenn er noch so sehr unter den Nazis gelitten hat. Im SPIEGEL 48/20 die Information, dass die ARD, "so eine jüngste Umfrage unter seinen Volontären rund 80 % Grüne und Linksparteiwähler hat". Das ist doch seit Jahren typisch für einen großen Teil des Journalismus und soll in anderen Medien nicht anders sein? Welche Parteizugehörigkeit ist denn bei den Führenden in der EKD und auch bei den Pfarrern vorherrschend? Ähneln Kirchentage nicht fatal an Programmparteitage? Und diese öffentliche Macht der Linksliberalen wirkt sich nicht als Meinungsbremse aus und dirigiert die evangelische Kirche in ein bevorzugt politische Ecke? Ja, wir haben noch die Meinungsfreiheit, auch wenn sie von den obersten Gerichten sehr "liberal" und großzügig bis zur übelsten Beleidigung (Fr. Künast!) ausgelegt wird. Was wiederum zur Stille beiträgt. Um nicht in eine extreme (links würde noch akzeptiert!) Ecke gedrängt zu werden, ist es sinnvoll, noch einmal und immer wieder ausdrücklich zu betonen, wie man über die braune Vergangenheit und deren Gefahr einer Auferstehung entsetzt ist. Angriffe kommen trotzdem.

Wie bekomme ich heraus, ob jemand schmutzige Schuhe trägt? Muss ich dazu wissen, was er den lieben langen Tag gemacht hat? Muss ich dazu darüber nachgrübeln, ob er wirklich, wie behauptet, den ganzen Tag an einem sauberen Büroplatz war? Nein, das ist alles uninteressant. Ich muss seine Schuhe anschauen, sonst nichts. Wenn die dreckig sind, dann habe ich die Antwort auf die Frage.

Wie bekomme ich heraus, ob jemand braunes oder rechtsextremes oder populistisches Gedankengut verbreitet? Muss ich dazu wissen, was er sein liebes langes Leben gemacht hat? Muss ich dazu darüber nachgrübeln, ob er wirklich, wie behauptet, in früher Jugend Naziopfer war? Nein, das ist alles uninteressant. Ich muss sein Gedankengut anschauen, sonst nichts. Wenn das braun oder rechtsextrem oder populistisch ist, dann habe ich die Antwort auf die Frage.

Fritz Kurz

Herr Kurz, diese Schublade passt am allerwenigsten. Habe neulich bei einer Demo gegen die AFD einen Mannträger (vorne und hinten ein Schild) mit folgender Aufschrift getragen: Nie wieder: A-dolf F-ür D-eutschland und dazu eine häßliche Hitler-Karikatur. Die wollten mich zerreissen. Auch schon getan? Oder doch lieber die Anderen machen lassen? Bitte die Schublade wieder zumachen, aber vorher den und die rausnehmen, die voreilig und fälschlich reingesteckte wurden. Zwei Haltungen sind dafür zentral: Respekt und Diskursbereitschaft. Daran hindert ein Schubladendenken und die große "Keule" der vorschnellen farblichen Verdächtigung. .

Ihre Antwort, verehrter Herr Ockenga, ist eine treffliche Verdeutlichung dessen, was ich geschrieben habe. Sie erzählen mit Stolz und Freude, auf welchen Demos Sie welche Slogans gezeigt haben. Und ich weise hingegen darauf hin, dass politische Gedanken nach ihrem Inhalt beurteilt werden müssen, nicht nach dem Tun und Lassen derer, die sie verkünden.

Zum Inhalt Ihres letzten Beitrages gehört der Vorwurf, meine Kritik sei eine Keule. Das ist ein, nicht nur in rechten Kreisen, dort aber sehr beliebter Versuch, der Debatte auszuweichen. Man geht also überhaupt nicht darauf ein, was der strittige Punkt und das Argument sind, sondern schreit "Keule!" oder "Schublade!"

Meine Empfehlung: Legen Sie die Keule zurück in die Schublade, aus der Sie sie geholt haben! Sagen Sie mir stattdessen, was daran falsch sein soll, politische Gedanken nach ihrem Inhalt zu beurteilen.

Fritz Kurz

Die Unterstellung von Stolz und Freude ist in diesem Zusammenhang deplaziert. Kurz-Zitat: "Sagen Sie mir stattdessen, was daran falsch sein soll, politische Gedanken nach ihrem Inhalt zu beurteilen".
Wieder einmal erheblich zu kurz gesprungen. Wollen Sie wirklich im Ernst die bei einem Anderen fahrlässig vermuteten Gedanken mit einer Tat gleichsetzen? Gedanken sind frei. Gedankenleser und Gedankeninterpreten, wären das Ende von Freiheit und Demokratie. Gedanken werden erst dann virulent, wenn ihnen auch die entsprechenden Taten folgen. Chaoten beweisen ihre Gedanken. Diese Einsicht sollte eigentlich Standard sein. Dem Anderen die Gedanken zu unterstellen, die man in ihm zu gerne vermuten möchte? Diese Tour zieht nicht. Ihre Keule ist ein Bumerang.

Da gehen Ihnen ein paar Dinge durcheinander, lieber Herr Ockenga. Das ist aber nicht schlimm, das kann man vielleicht klären. Der Inhalt eines Gedankens ist gerade nicht irgendeine Tat oder ein Motiv oder eine Absicht. Wer z.B. sagt, es fehle in unser Gesellschaft an Recht und Ordnung, bringt zum Ausdruck, dass er sich die Gesellschaft als eine Veranstaltung vorstellt, in der Regeln durchzusetzen sind.

Deutlich begrifflich zu unterscheiden von diesem Inhalt ist dann alles, was der oder die sonst noch denkt und macht oder bleiben lässt.

So nehme ich zur Kenntnis, dass Sie nicht mit Stolz und Freude, sondern mit was auch immer für Gemütszuständen die Plakate getragen haben. Die Plakate drücken einen Inhalt aus. Davon zu trennen ist das Seelenleben dessen, der das Plakat trägt. Jetzt in etwa klar?

Was den Bumerang betrifft, hat schon Joachim Ringelnatz in einem seiner Gedichte die wegweisende Antwort gegeben:

"Publikum - noch stundenlang -
Wartete auf Bumerang."

Macht nix, wir haben ja Zeit.

Fritz Kurz

Zitat Kurz "Wer z.B. sagt, ...macht oder bleiben lässt...".

Sagt, macht, bleiben läßt sind TAT-sächliche Reaktionen der Gedanken. Das Gehirn hat den Gedanken frei gegeben. Er ist zur Tat geworden. Jetzt in etwa klar?

Da muss ich Sie leider enttäuschen, lieber Herr Ockenga. Das Gehirn ist nicht der Blockwart, der Gedanken frei gibt oder einsperrt. Nicht das Gehirn, sondern der Mensch macht sich Gedanken, fasst Entschlüsse und schreitet zur Tat. Für all das macht er Gebrauch von seinem Gehirn.

Auch bekennende Liebhaber von Recht und Ordnung können sich nicht hinter ihrem Gehirn verstecken, wenn sie zur Tat schreiten. Sie sind es schon noch selber, die entscheiden, was sie aus ihren politischen Vorstellungen machen. Die einen kaufen sich eine Knarre und ballern herum, andere lassen es dabei bewenden, über die zügellose Jugend herzergreifend zu jammern, die meisten machen irgend etwas dazwischen.

Der Gedanke wird nicht zur Tat. Der Täter entschließt sich zur Tat. Und vorher hat er sich was gedacht.

Fritz Kurz

Lieber Herr Kurz, glauben sie tatsächlich, dass der Mensch sich zuerst ohne das Gehirn seine Gedanken macht um dann das Ergebnis über die Neurologie des Gehirns zu veröffentlichen? Wäre vielleicht in diesem Fall doch besser ein Gehirn ohne Kopf und Kragen, damit aber mit Künstlicher Intelligenz? Ist dies gar eine krampfhafte Antwort auf Ihre wohlwollenden Beiträge?

Verehrter Herr Ockenga, Sie fragen mit durchaus zu begrüßendem Engagement: "...glauben sie tatsächlich, dass der Mensch sich zuerst ohne das Gehirn seine Gedanken macht..." Die Antwort darauf hatte ich bereits in aller Deutlichkeit gegeben. Ich hatte geschrieben: "Für all das macht er Gebrauch von seinem Gehirn."

Also kleiner Tipp von mir: Bevor Sie Ihre Beiträge absenden, nochmal durchlesen, ob Ihr Diskussionspartner nicht vielleicht schon klargestellt hat, worauf Sie ihn gerne hinweisen möchten. Wenn sich zum erfreulichen Engagement noch die nötige Genauigkeit gesellt, können "künstliche Intelligenz" und "krampfhafte Antwort" außen vor bleiben.

Fritz Kurz