Das Kunstwerk: Kim Ki-Chan "Das Leben Christi"

Seoul Museum

Kim Ki-Changs "Das Leben Christi"

Wenn Jesus Koreaner wäre
Josef mit Gelehrtenhut, Frauen statt Heilige Drei Könige: Kim Ki-Chang holt mit "Die Geburt Jesu" die Weihnachtsgeschichte in seine eigene Kultur.

Jesus kommt aus Korea. In der Kunst geht, was ­historisch zumindest zweifelhaft wäre. Auch der ­koreanische Künstler Kim Ki-Chang nimmt für sich das Recht in Anspruch, die Geschichten der Bibel neu zu deuten und in den eigenen kulturellen Kontext zu ­stellen. In Europa haben das Künstler von Rafael bis ­Richter vorgemacht, und Kunstmenschen wie Gläubige haben sich in hiesigen Breitengraden daran gewöhnt, dass Jesus aussieht wie ein Tischlersohn, der selten zum Friseur geht und genau so selten die Sonne sieht, käsebleich und braunäugig – kurz: eben sehr abendländisch. Bei Kim ­Ki-Chang weht nun ein Hauch Joseon-Dynastie, also altes koreanisches Kaiserreich, durch die heilige Krippe.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
PrivatLukas Meyer-Blankenburg

Kim Ki-Chang, 1914 geboren und 2001 in Südkorea gestorben, ist bis heute einer der bekanntesten Maler des Landes. Der Künstler war tiefgläubig und – nach ­schwerer Krankheit – seit seinem achten Lebensjahr taub und teilweise stumm. Der christliche Glaube habe ihm durchs Leben geholfen, gab er sinngemäß zu Protokoll. Das galt vor allem auch zu Zeiten des koreanischen Bürgerkriegs in den 1950er Jahren, der das Land in Nord und Süd gespalten hat.

In der Zeit persönlicher Not tröstete sich Kim Ki-Chang mit der berühmtesten Passionsgeschichte der Welt und malte Jesu Leben in 30 Tuschezeichnungen auf Seidenpapier. Mit einem entscheidenden Unterschied: Bei Michelangelo sieht Jesus wie ein Renaissance-Schnösel aus und bei Kim Ki-Chang wie ein konfuzianischer ­Gelehrter aus dem 19. Jahrhundert.

Das Christentum strandete erst im 18. und 19. Jahr­hundert auf der koreanischen Halbinsel, in Südkorea ist es bis heute fest verankert. Bei Kim Ki-Chang plumpst ­Jesus also nicht in orientalisches Stroh, sondern fällt ­seinen Eltern in einem traditionellen koreanischen Holzhaus in die Arme. Dazu kräht im Vordergrund der Hahn, Symbol für einen hoffnungsvollen Aufbruch und Neu­beginn. Und so, wie es bis heute oft noch Sitte ist, ­bringen die Frauen aus dem Dorf verschiedene Gaben, nicht die Heiligen Drei Könige. Das nimmt dem Ganzen zwar ­etwas vom adligen Touch der ursprünglichen Geschichte, aber daran war Jesus – nimmt man ihn beim Wort – ohnehin nicht sonderlich viel gelegen.

Die Story ist einfach gut

Und gerade weil das Setting der Seidenmalerei für europäische Augen so fremd wirkt, fällt auf, was man gelegentlich vergisst: Die Story ist einfach gut und verfängt bis heute – ganz unabhängig von den Moden der jeweiligen Zeit. Sie wird aber erst zur eigenen Identität, wenn sie auch Teil der jeweiligen Kultur und ihrer Bilderwelten werden kann. Kim Ki-Chang hat das erkannt, ­in seinem persönlichen und dem gesellschaftlichen Schicksal seines Landes Ähnlichkeiten zur Biografie des Heilands entdeckt und sich an seinen Glauben auch ­malend angenähert.

So gesehen ist der künstlerische Kniff, die Geburt ­Jesu in eine andere Zeit zu verpflanzen, immer eine Form ­kultureller Selbstermächtigung. Umgekehrt gilt: Der Blick auf Kim Ki-Changs koreanische Passionsgeschichte erweitert den Horizont hiesiger Kunstmenschen nicht nur um eine weitere künstlerische Deutung. Die Bilder ­geben Christinnen und Christen auch einen Eindruck von der Vielfalt ihres Glaubens. Und selbst für Nicht-­Gläubige hat die Geburt Jesu aus Südkorea etwas zu ­bieten: Die ­Botschaft von Hoffnung und Zuversicht, die der bunte Hahn überbringt, können an Corona-Weihnachten vermutlich alle ganz gut gebrauchen.

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