Corona: Jede Familie soll nur eine weitere treffen

Weltfremd
Jede Familie soll nur noch eine weitere Familie treffen können. Wer Kinder hat, muss an so einer Regel scheitern - das schadet der Solidarität und Empathie.

Seit zwei Wochen gelten in Deutschland wieder strengere Kontaktbeschränkungen. Es war Bundeskanzlerin Angela Merkel anzumerken, dass sie die Regeln bereits gestern am liebsten verschärft hätte, um die Infektionszahlen zu drücken. Sie hat es nicht geschafft, die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten auf ihre Seite zu ziehen. 

Am Ende haben es die Verantwortlichen in Bund und Ländern bei Aufforderungen belassen, darunter diese: Auf private Feiern sei am besten ganz zu verzichten. Und: Wir alle sind aufgefordert, unsere privaten Zusammenkünfte mit "Freunden, Verwandten und Bekannten auf einen festen weiteren Hausstand [zu] beschränken, das schließt auch Kinder und Jugendliche in den Familien mit ein". 

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Es ist zu befürchten, dass Kanzleramtsminister Helge Braun und Kanzlerin Merkel in der nächsten Corona-Runde von Bund und Ländern am 25. November aus dem Appell eine Regel machen wollen. 

Wer mit Kindern lebt, weiß, dass das weltfremd ist. Ich bin Vater dreier Kinder, sie sind vier, sieben und zehn Jahre alt. Der Zehnjährige hat am Nikolaustag Geburtstag. Ihm dämmert längst, dass er keine Kinder wird einladen können. So viele Kindergeburtstage wurden in den vergangenen Monaten nur abgespeckt gefeiert – Eltern übernehmen schon längst Verantwortung und halten ihre Kinder zum Verzicht an. Mir ist noch keine Mutter und kein Vater begegnet, der/dem es in dieser Zeit egal wäre, mit wem ihre Kinder unterwegs sind. Und was macht die Bundesregierung? Begegnet ihnen pauschal mit Misstrauen. 

Sofort fragten Eltern: "Wer wird Corona-Freundin meines Kindes?"

Kaum hatte der Ein-Kontakt-Vorschlag der Bundesregierung Schlagzeilen gemacht, brach in Elternchatgruppen die Diskussion los: Wer kann Corona-Freund:in meines Kindes werden? Aber, hey, was ist, wenn man mehrere Kinder hat? Kriegt dann nur der Jüngste einen zum Spielen und die Älteren parkt man nachmittags vor der Playstation? Raus schicken an die frische Luft – soll ja gesund sein – dürfte man sie ja ruhigen Gewissens nicht mehr, sie könnten ja den Kontaktkreis ihrer Familie unerlaubterweise erweitern!

Kinder verstehen vielleicht nicht immer alles, aber spüren viel. Der Gedanke, dass sie ob ihrer bloßen Existenz zur Gefahr für ihre Mitmenschen werden könnten, dürfte Spätfolgen in Kinderseelen haben, die wir wohl erst in einigen Jahren verstehen.

Weit weg von jeder Lebensrealität

Ein Kontakt pro Familie – auf solche Ideen kann nur kommen, wer sich gründlich von der Lebensrealität normaler Menschen entfernt hat. Zumal Kinder und Jugendliche in Kita und Schulen ohnehin vielen anderen begegnen. Jeden Tag. Noch. Denn ob die Politik ihr Vorhaben, Kitas und Schulen offen zu halten, einlösen kann, weiß niemand. Es kann auch niemand wissen, weil eine Pandemie dynamisch ist. Kein vernünftiger Mensch bestreitet, wie gefährlich SARS-CoV-2 sein kann und dass wir die Beschäftigten in den Krankenhäusern nicht überfordern dürfen. Vorsicht ist geboten, Zurückhaltung auch – und zwar von möglichst vielen Menschen. Das erreicht man aber nur durch Überzeugung, mit Empathie und Solidarität. Die Hirngespinste aus dem Kanzleramt haben über Nacht viel Überzeugungsarbeit zunichtegemacht und schlimmstenfalls nur den selbst ernannten "Querdenkern" geholfen.

Ehrlicher und besser wäre eine klare Ansage: Ja, es kann sein, dass Schulen nochmals schließen müssen, zumal für Kinder ab zwölf, die - infektiologisch gesehen – wohl eher Erwachsenen gleichen. Mit so einem Schritt, so bitter er wäre, würde sich auch für Jugendliche sofort besser erklären, dass sie eine Weile auf Kontakte verzichten müssen. Wohlgemerkt: Es kann nur ein kurzer Zeitraum sein, ein Wellenbrecher, denn die Familien sind erschöpft und die Schließungen der Schulen von Mitte März bis – in manchen Bundesländern - in den Sommer hinein hatten verheerende Folgen für die Bildungsgerechtigkeit.

Zwei Wochen Notbremse - mehr wird kaum vermittelbar sein, auch weil viele Elternteile keine Urlaubstage mehr haben, um ihre Kinder zu betreuen. Seit März gibt es die gut begründete Forderung nach einem Corona-Elterngeld. Passiert ist – nichts. Hoffentlich nutzt die Politik die Zeit bis zum 25. November auch dafür, dieses Instrument auszuarbeiten. 

Und wie wäre es, so eine Lohnersatzleistung daran zu koppeln, dass auch die Väter eine Woche der Schulschließungen abdecken? Das wäre ein Ruck, ein Signal, eine Innovation, wo derzeit Resignation und Frust überwiegen - die in diesem Winter ganz sicher schlechte Ratgeber sein werden.

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Lesermeinungen

Sehr gut argumentiert! Die Kultus- und Schulverwaltungen haben die Digitalisierung der Schulen und des Unterrichts seit der ersten Corona-Welle im Frühjahr weitgehend verschlafen. Nun sollen realitätsfremde Kontaktverbote für Kinder (nur ein bester Freund pro Kind) Schlimmeres verhüten. Statt innovativ zu sein, groß zu denken, heißt es reflexhaft in den Behörden: Haben wir nicht irgendwelche Paragrafen, die jede Veränderung verhindern? Hunderte Leute gehen jeden Tag auf die Suche nach irgendwelchen Hinderungsgründen. Wie schön wäre es, wenn wirkliche Intellektuelle und begabte Pädagogen statt Juristen das Sagen in der Kultusbürokratie hätten!