Igor Levit über Erfolg, Disziplin und seine Hauskonzerte

"Ich habe nur noch geglüht"
Fragen an das Leben - Igor Levit

Dirk von Nayhauß

Ein politischer Mensch: der Pianist Igor Levit

Fragen an das Leben - Igor Levit

Im Konzert erlebt er Glück, Schmerz, alle Gefühle ganz intensiv. Eigentlich hatte der Pianist Igor Levit vor, kürzerzutreten. Und dann kam Corona.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich mit meinen Freunden zusammen bin, mit mir nahen Menschen. Und beim Musikmachen. Genau in ­dieser Reihenfolge. In meinem Leben hat mich nichts mehr inspiriert und bewegt als Menschen. Das Gefühl zu teilen brauche ich wie die Luft zum Atmen. "Von ­Herzen – möge es wieder zu Herzen gehen." Dieser Satz von ­Beethoven ist mir heilig, weil er einfach genau das beschreibt: Es geht um das Teilen, nicht ums Besitzen.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Wenn es einen Gott gibt, dann soll er mir erst mal er­klären, warum vor knapp vier Jahren Malte, mein bester Freund, sterben musste! Ein verdammter Traktor hat ihn überfahren. Das werde ich nie verzeihen, ich werde mich nie damit abfinden! Wieso geschehen diese Dinge? Malte glaubte, absolut – und ich halt nicht.

Igor Levit

Igor Levit, geboren 1987 im russischen Gorki in eine jüdische Familie, gilt als einer der "großen Pianisten dieses Jahrhunderts". 1995 zog seine Familie nach Hannover, als 13-Jähriger begann er das Studium an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover, seit 2019 ist er dort selbst ­Professor. Levit ­kommentiert ­politische Ereignisse auf Twitter (@igorpianist), aber auch vor seinen ­Konzerten. Zuletzt ­erschienen neun CDs mit allen 32 Sonaten Beethovens (Sony, ca. 50 Euro). Im März begann er, via Twitter öffentliche Haus­konzerte zu geben. Igor Levit lebt in ­Berlin.
Dirk von NayhaußIgor Levit

Muss man den Tod fürchten?

Ja. Ich liebe dieses Leben. Es gab eine Zeit, da habe ich jemanden, der sehr krank war, begleitet. Vier Jahre lang habe ich nachts immer nur vier, fünf Stunden geschlafen. Ich war dauernd zu Besuch im Krankenhaus, mit all den Gesprächen und Gedanken, die man mit aushalten muss: diese völlige Machtlosigkeit. Diese Furcht, den anderen zu verlieren. Meine eigenen Bedürfnisse habe ich zehn Kilometer weit hintenangestellt. Trotzdem werde ich bis an mein Lebensende dankbar sein für diese Erfahrungen, ich habe gemerkt, dass ich die Kraft habe, für Menschen da zu sein.

Wie wäre ein Leben ohne Disziplin?

Nicht denkbar. Ich erlaube mir längere Zeiten, in denen ich nicht diszipliniert bin. Aber stellen wir uns vor, ich würde schlawinern und unvorbereitet in Konzerte gehen. Das wäre respektlos gegenüber der Materie und gegenüber den Zuhörern. Die schenken mir das Wertvollste, was sie haben, nämlich ihre Zeit. Dann lieber gar nicht spielen.

Wie viel Erfolg tut Ihnen gut?

Erfolg freut mich, aber er bringt mich nicht in Gefahr, ich werde kein Erfolgsarsch. Ja, vor zehn Jahren stand in der "FAZ", ich hätte das Zeug, "einer der großen Pianisten dieses Jahrhunderts" zu werden. Das hat mich irre gefreut. Aber ich habe danach nicht gelabelt gelebt, mein Selbstverständnis hat sich nicht geändert. Erfolg macht mir ­keinen Druck, den mache ich mir selber. Dann pushe ich mich und treibe mich so weit – dass es mir nicht guttut.

Was fehlt Ihnen in Ihrem Leben am meisten?

Liebe und Zeit. Im Konzert erlebe ich eine absolute emotionale und körperliche Intensität. Ich gehe in mein Glück, in meinen Schmerz, in mein Gefühl. Aber davon kommst du nicht graduell runter, du stürzt von 100 auf null. Wie füllst du diese Leere? Mit Glühen. Ich habe die letzten Jahre gedacht, das sei eine spitzenmäßige Idee. Aber da war nur noch Glühen! Daher hatte ich beschlossen, künftig weniger Konzerte zu geben. Und dann kam Corona. Von einem Tag auf den anderen konnte ich nicht mehr auf die Bühne. Ich hatte zuerst das Gefühl, völlig frei zu drehen. Und das zu verlieren, was Musik für mich bedeutet – nämlich Musik mit anderen zu teilen. Also habe ich jeden Abend auf Twitter ein Hauskonzert gegeben. Das war für mich ein rettender Akt, diese Konzerte haben mir einen ungeheuren Halt gegeben. Doch nach 52 Hauskonzerten hat mir mein Körper signalisiert: Ich brauche Ruhe. So mache ich nun das, was ich bereits geplant hatte, ich gehe in die Stille. Ich lese jetzt viel. Ich spiele auch ein bisschen für mich. Die meiste Zeit aber steht der Flügel still in der Ecke.

Können wir die Welt noch retten?

Wenn wir so weitermachen, können wir sie eher im Klo runterspülen. Nehmen wir die Klimadebatte. Da kommen Politiker, die behaupten, sie hörten auf die Wissenschaft und machen – nichts. Im gleichen Moment sagen sie: Jeder Einzelne muss sich ändern. Es ist aber keine Klimapolitik, wenn ich mir eine Tofusalami kaufe. Es braucht grundsätzliche politische Entscheidungen. Und dann der Rechtsextremismus. Viele Politiker sagen: Rechts ist blöd, aber links ist auch blöd. Nein! Es gibt einen durchorganisierten Rechtsextremismus in unserem Land! Da erwarte ich ­politische Schritte. Ich habe selbst Morddrohungen bekommen. Aber ich habe keine Angst um mich – sondern um dieses Land. Da wiederum können wir selber sehr, sehr viel tun.

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