Symbole der Bibel: Wie die Vorstellung vom Jüngsten Gericht entstand

Christus auf Osiris’ Thron
Christus auf Osiris’ Thron

H. Keel-Leu©Stiftung Bibel+Orient, Freiburg, Schweiz

Totenbuchillustration aus dem Papyrus desChonsu-mes(1085 bis 950 vor Christus). Der Papyrus ist heute im Kunst-historischen Museum Wien

Christus auf Osiris’ Thron

Bibelexperte Thomas Staubli erklärt wie die Vorstellung vom Jüngsten Gericht entstand.

Gott möge mich wiegen auf rechter Waage, so wird er erkennen meine Unschuld!" (Hiob 31,6). Die Vorstellung, die ­Herzensgüte eines Menschen lasse sich wiegen, war im alten Ägypten sehr verbreitet. Die Illustration oben zeigt einen Verstorbenen (ganz rechts im Bild) vorm Totengericht.

Thomas Staubli

Thomas Staubli, Jahrgang 1962, lehrt am Departement für Biblische Studien der Universität Freiburg (Schweiz) und leitete dort bis 2012 das "Bibel- und Orient-Museum". Der studierte Theologe, Religionswissenschaftler, Ägyptologe und Orientalist hat unter anderem auch in Jerusalem, Berlin und Bern gelebt. Von 1986 bis 87 war er Studienleiter der Dormition Abbey, Jerusalem. Bis 1994 leitete er die Bibelpastoralen Arbeitsstelle in St. Gallen.
Sophie StiegerThomas Staubli, Mitbegründung, Aufbau und Leitung des BIBEL+ORIENT Museums der Universität Fribourg

Sein Herz wird auf die Waage gelegt und gegen eine kleine Figur der Göttin Maat aufgewogen; Maat steht für die gerechte 
Weltordnung. Der schakalköpfige Anubis wiegt das Herz. Der ibisköpfige Sekretär Thot berichtet das Resultat an Osiris, den Totenrichter. Die Totenfresserin vor seinem Thron, halb Krokodil, halb Nilpferd, wartet darauf, das Herz zu verschlingen, sollte es die Prüfung nicht bestehen.

Christen adaptierten später diese alt­ägyptischen Symbole für ihre Dar­stellungen des Jüngsten Gerichts. Die Gottesmutter Maria übernahm die Rolle der Göttin Maat. Anstelle des Anubis wog Erzengel Michael die ­Herzen. Und Petrus – anstelle von Thot – leitete das Ergebnis an ­Chris­tus weiter, auf dessen Thron vorher Osiris gesessen hatte.

Leseempfehlung

Hiob wagt den Aufstand gegen Gott. Gerade weil er nicht locker lässt mit seiner Klage, ist er fromm, sagt Dirk Ahrens
Symbole der Bibel
Gott erzählt dem klagenden Hiob von der Weisheit eines Zugvogels. Wie kommt er darauf?
Der Publizist und Fernsehmoderator Roger Willemsen spricht über sein Kinderbuch zur Hiobsgeschichte.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.