Hiob. Oder: Wie gerecht ist Gott?

Der Mensch, vom Weibe geboren, lebt kurze Zeit und ist voll Unruhe, geht auf wie eine Blume und welkt, flieht wie ein Schatten und bleibt nicht. Doch du tust deine Augen über einen solchen auf, dass du mich vor dir ins Gericht ziehst. Kann wohl ein Reiner kommen von Unreinen? Auch nicht einer! Sind seine Tage bestimmt, steht die Zahl seiner Monde bei dir und hast du ein Ziel gesetzt, das er nicht überschreiten kann: so blicke doch weg von ihm, damit er Ruhe hat, bis sein Tag kommt, auf den er sich wie ein Tagelöhner freut.
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Hiob. Oder: Wie gerecht ist Gott?
Wütend auf Gott
Hiob wagt den Aufstand gegen Gott. Gerade weil er nicht locker lässt mit seiner Klage, ist er fromm, sagt Dirk Ahrens

 Hiob hat es satt. Er hat seine Familie und seinen Besitz in furchtbaren Katas­trophen verloren. Nun ist er schwer krank und geht hart mit Gott ins Gericht. Aus welchem Grund wird er, der er immer ein frommer Mann war, so schwer von Gott gestraft und geschlagen? Hiob weiß, dass ein Mensch nicht rein und makellos sein kann. Aber er sieht keine Schuld an sich, deretwegen er diese harte Strafe verdient hätte.

Dirk Ahrens

Dirk Ahrens, 1963 in Goslar geboren, ist Landespastor und Leiter des Diakonischen Werks Hamburg. Nach dem Abitur in Celle studierte er Theologie in Hermannsburg und Wien. Von 1992 bis 1994 war er Dozent für Theologie und Pädagogik am Institut für Kirchenmusik der Universität Greifswald. Zwischen 1999 und 2001 leitete er das Theologisch-Pädagogische Institut Greifswald. Ab 2001 war er acht Jahre lang Gemeindepastor in der Kreuzkirche in Hamburg-Wandsbek. Seit 2014 schließlich hat er seine beiden aktuellen Ämter inne.
Hanna LenzDirk Ahrens: DEUTSCHLAND, HAMBURG, 17.03.2016: Landespastor Dirk Ahrens. FOTO: Hanna Lenz

Geradezu heroisch wagt er den Aufstand gegen Gott: Wenn es einen gerechten Richter gäbe, einen, dem auch Gott sich unterwerfen müsste, Hiob wäre sicher, Recht zugesprochen zu bekommen! Und er geht noch weiter und wirft Gott vor, dass er den Menschen total in seine Abhängigkeit bringe. Der Mensch ist sterblich und unvollkommen, Gott aber ist Gott und entscheidet über die Länge des Lebens. Eine Auseinandersetzung mit Gott kann der Mensch nicht gewinnen, denn es gibt den gerechten Richter über Gott nicht. Besser wäre es also, Gott ließe den Menschen in ­Ruhe, wendete seinen Blick von Hiob ab und ließe ihn in Frieden sterben. Hiob sehnt sich nach dem Tod, wie sich der hart arbeitende Tagelöhner nach dem Abend sehnt. Das alles denkt Hiob nicht im Stillen: 
Er sagt es auch nicht vertraulich seinen besten Freunden. 
Sondern er schleudert es laut und vernehmlich dem ­Himmel entgegen.

Weil Hiob die Hoffnung nicht aufgibt, kann er ins Leben zurückkehren

Wie viele Menschen hätten guten Grund, Gott mit Zorn entgegenzutreten? Millionen Opfer von Krieg und Ver­treibung. Schuld- und wehrlose Mütter mit ihren ­Kindern. Misshandelte und unterdrückte Frauen. Unzählige Opfer von Hunger und Naturkatastrophen. Auch all jene, die einen geliebten Menschen durch eine tödliche Krankheit oder einen Unfall verloren haben. Die allermeisten schweigen und unterwerfen sich der Realität ihres Lebens, und nicht wenige fühlen sich dabei auch noch irgendwie schuldig. Sie schreien nicht auf, sondern fügen sich still. Viele haben sich immer schon wertlos gefühlt. Und da­neben stehen die anderen, die ohnehin nie an Gott glauben konnten oder wollten, und jene, die nach schrecklichen Erfahrungen jeglichen Kontakt eingestellt haben.

Nicht so Hiob. Hiob sucht den Konflikt. Er begehrt auf, flucht, schimpft, wütet und ist nicht bereit, sich zu unterwerfen. Er akzeptiert Gottes Verhalten nicht und lässt ihn das auch hören. Seine Frömmigkeit ist so groß, dass er nicht von Gott ablassen kann. Er fordert Antworten und Erklärungen, warum er so schreckliches Leid tragen muss.

Und er argumentiert mit großer Geistesschärfe. Mit ­seiner Hartnäckigkeit zwingt er Gott zu antworten. In einer harten Auseinandersetzung kommen sie einander näher. Gott bleibt Gott, und Hiob bleibt Mensch. Die große Kluft ist nicht aufzuheben. Aber wer Hiobs Geschichte liest, lernt mit ihm, dass Schicksalsschläge weder mit persönlicher Schuld noch mit Gottes finsterem Willen zu tun haben müssen. Der Glaube schützt weder vor Verlusten noch vor Krankheit und Not. Aber der Glaube bedeutet, mit Gott in Kontakt und Beziehung zu stehen. Was auch immer 
Hiob widerfährt: Er ist in den Händen dessen, der Anfang und Ende des Lebens ist. Darin, wie er sich mit Gott aus­einandersetzt, ist er Vorbild.

Weil Hiob die Hoffnung nicht aufgibt, kann er ins Leben zurückkehren

Hiob weigert sich, die Hoffnung aufzugeben. Weil er nicht aufhört, von Gott etwas zu erwarten, kann Hiob ins Leben zurückkehren. Damit kämpft er stellvertretend ­
für alle, die in der Not verstummen, und für all jene, die sich in ihre Schuldgefühle ergeben haben. Seine Worte geben den Verstummten und Zerbrochenen mit klugen Argumenten und heißem Herzen eine Stimme – gegenüber anderen Menschen und gegenüber Gott.

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