Mail aus Madeira: Rückkehrer aus Venezuela

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Posteingang - Madeira, Rückkehrer aus Venezuela

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Madeira: Zuflucht für die einen, ohne Zukunft für die anderen

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Die Krise in Venezuela hat Folgen für Madeira. Viele Venezolaner haben hier ihre Wurzeln

Sonne, Blumen und Früchte das ganze Jahr über – Madeira ist ein paradiesisches Inselchen im großen Atlantik. Viele Deutsche ­kaufen sich hier ein Haus. Für das Alter, sagen sie. Manche fügen leise hinzu: Bei euch gibt es keine Probleme. Keine Atomkraftwerke. Keine Flüchtlinge.

Stefanie Seimetz

Die Theologin Stefanie Seimetz lebt auf Madeira und ist Vorsitzende des Gemeindekirchenrates der Deutschsprachigen evangelischen Kirche auf Madeira.    
PrivatStefanie Seimetz

Das ist nicht mehr ganz so. Seit ein paar Jahren kommen Rückwanderer aus Venezuela hier an. Vor über 50 Jahren haben sie oder ihre Eltern die damals sehr arme Insel verlassen, um ihr Glück in Venezuela zu machen, dort boomte die Ölindustrie. Mehrere Hunderttausend Portugiesischstämmige leben in Venezuela, von ihnen hat die große Mehrheit madeirische Wurzeln. Nun steckt das Land in der Krise, und etliche kehren zurück – viele mit nur einem oder zwei Koffern. Einige Tausend Rückwanderer sind es bislang; Madeira selbst hat nur etwa 250 000 Einwohner. Schon jetzt sei angesichts der vielen Rückkehrer das Sozialsystem überlastet, lese ich in der Zeitung. Viele Madeirer seien erbost über deren "bevorzugte Behandlung", was Sozialleistungen angeht. 

Wer etwas werden will, muss weg von der Insel

Ich wohne mit meiner Familie in einem kleinen Dorf auf dem Land. Zuckerrohr und Bananen werden hier seit Jahrzehnten angebaut. ­Einige Arbeitsplätze im Tourismus sind dazugekommen, die Arbeitslosigkeit ist in den letzten zwei Jahren ge­sunken. Hier leben auch ein paar "Venezolaner" bei ihren Verwandten, und sie sind durchaus gelitten. "Die sind sich für nichts zu schade", erklärt mir mein Freund Victor. Sie spülen das Geschirr in der Hotelküche und arbeiten als Tagelöhner in der Landwirtschaft. "Und dabei singen sie noch", lacht er, "La Cucaracha", vielstimmig.
Die jungen Madeirer wandern derweil weiterhin aus, zum Beispiel nach Frankreich, Luxemburg, den Kanal­inseln. Wer etwas werden will, der muss weg von der Blumeninsel. Das werden die Kinder der Rückwanderer wohl ebenso halten. Ihr Pass weist sie als EU-Mitglied aus.
Wir deutschen Einwanderer sind gespannt, wie es weitergeht. Ein ­wenig Spanisch haben wir jetzt schon gelernt. Mit venezolanischem Akzent, versteht sich.

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