Deutschland spricht aus Dresden

Können wir uns wieder zusammenquatschen?
'Deutschland spricht' in der Dresdner Frauenkirche

Phil Dera

'Deutschland spricht' in der Dresdner Frauenkirche

'Deutschland spricht' in der Dresdner Frauenkirche

Menschen miteinander ins Gespräch bringen – das will die Aktion Deutschland spricht. Auch chrismon und evangelisch.de haben sich 2019 beteiligt, viele Leserinnen und Leser haben mitgemacht. In der Dresdner Frauenkirche trafen sich Prominente und interessierte Zuschauer und Teilnehmer zur Diskussion.

Wie geht es Deutschland? Sind wir zerrissen von Hate Speech und Stammtischparolen? Oder ist eigentlich alles gar nicht so schlimm? Wo treffen wir eigentlich noch Menschen, die andere Meinungen haben als wir, wenn wir Tag für Tag in unserer Wohlfühlblase von Gleichgesinnten simsen, whatsappen, facebooken oder tindern? Gutes Stichwort: Tindern! Das war eine von vielen Ideen in der "Zeit-Online"-Redaktion, als man sich 2017 ein neues Format dafür ausdenken wollte, um Menschen unterschiedlicher Meinungen zueinander zu bringen.

Tinder für Politik

Aus dem "Tinder für Politik" wurde "Deutschland spricht". 2019 hat es nun zum dritten Mal stattgefunden. 13 000 Menschen haben diesmal teilgenommen. Auch über chrismon und evangelisch.de konnten sich Interessierte anmelden. Insgesamt waren es etwas weniger als im letzten Jahr, aber immerhin noch viele Tausend Menschen, die sich in ganz Deutschland für ein Treffen am 30. Oktober um 17 Uhr verabredet hatten (oder dies für einen späteren Zeitpunkt vorhaben).

Dorothea Heintze

Dorothea Heintze ist chrismon-Redakteurin und schreibt zusammen mit Dominique Bielmeier von der Sächsischen Zeitung den Ost-Westblog.
Lena UphoffDorothea Heintze

Anders als im letzten Jahr, und auch anders als meine Kollegin Lilith Becker von evangelisch.de, habe ich mich in diesem Jahr nicht zum Mitreden angemeldet – aber zum Zuhören. Und zwar zum Zuhören bei der Veranstaltung in Dresden in der Frauenkirche. Hier in dieser Kirche, die ich als 18jährige 1978 bei einem Schulausflug aus Hamburg nach Dresden noch als Trümmerhaufen gesehen habe und die am 30. Oktober 2005, also genau heute vor 14 Jahren zum ersten Mal wieder einen Gottesdienst erleben durfte, wie Pfarrer Sebastian Feydt von der Stiftung Frauenkirche in seiner Begrüßungsrede erzählt.

 Maria Exner und Philip Faigle vom "Zeit-Online"-TeamPhil Dera

 "Wie geht es Deutschland?", lautete der Titel der Veranstaltung. Die Antworten darauf fielen in der großen und sehr gut besuchten Frauenkirche in Dresden sehr unterschiedlich aus. Je nachdem, wer eben die Antwort darauf gab.

Natürlich die ersten Opfer von Fremdenhass?

Zum Beispiel Selmin Çalışkan. Sie ist Direktorin im Berliner Büro der Open
Society Foundations
. Die vom ungarischen Milliardär und US-Unternehmer George Soros gegründete Organisation kämpft in verschiedenen Ländern für Pressefreiheit und Menschenrechte; wegen der politischen Repressionen durch Victor Orban musste Selmin Çalışkan mit ihrem Team das Büro in Budapest schließen und agiert jetzt von Berlin aus. "Froh und dankbar" sei sie darüber. Weniger froh ist sie, wenn sie in entlegene Gegenden, ob nun in die neuen oder alten Bundesländer, reise. Natürlich überlege sie sich sehr genau, ob sie den Bus nehme, oder doch lieber mit dem Auto fahre: "Menschen mit meinem Aussehen und einem Namen, der deutlich den Migrationshintergrund zeigt, sind einfach die ersten Opfer." Opfer? Nur weil man dunkle Haare hat und einen fremdländischen Namen trägt?

 Lukas Rietzschel willl weniger reden und mehr tunPhil Dera

Das ist erschreckend – aber eben auch erhellend, für alle anderen, denen es in diesem Land ganz anders geht. Und deshalb ist es wichtig, sich diese Geschichten zu erzählen.

Weniger reden, mehr machen

Lukas Rietzschel, geboren 1994 in der Oberlausitz, lebt heute als Schriftsteller und freier Autor in Bamberg. Als er am 3. Oktober mit Freunden den Tag der deutschen Einheit feiern wollte, da fragten ihn mal wieder viele seiner westdeutschen Freunde: Deutsche Einheit? Mmh, was genau feiern wir da eigentlich? Diese Unwissenheit über die gemeinsame deutsche Vergangenheit, so Lukas Rietzschel, sei frustrierend; ebenso frustrierend wie die vielen Menschen, die sich von der Demokratie ab- und radikalen Parteien zuwenden würden. So gesehen müsse man weiter reden, aber noch besser findet er: Mehr machen. Ein gelungenes Beispiel sei das Bürgerprojekt in Görlitz: Je Stadtteil und Bürger gibt es einen Euro in einen Topf; über die Verwendung des Geldes könnten die Stadtteilbewohner dann selbst bestimmen. Mal, so Rietzschel, sei das nur eine Parkbank, mal ein Grünstreifen. Wichtig: Die Menschen werden aktiv, sie sehen selbst, welche Probleme die praktische Umsetzung von guten Ideen manchmal mit sich bringt. Gelebte Politik halt.

Jung und Alt sind der Hauptgegensatz

Wie geht es Deutschland? Erfreulich war, dass der so viel beschworene Ost-West-Gegensatz bei vielen Gesprächspartnern eigentlich keine so große Rolle spielt. Stattdessen, so berichtete es Armin Falk, Wirtschaftsprofessor an der Universität Bonn, gibt es die größten Gegensätze zwischen Alt und Jung. 2018 hat seine Universität viele "Deutschland spricht"-Gespräche statistisch ausgewertet und kam zu dem Ergebnis: Wer miteinander redet, der lässt sich zwar nicht immer überzeugen, aber rückt von extremen Positionen ab. Es gibt eine nachgewiesene Annäherung.  

 Maria Exner im Gespräch mit Jens Blochwitz und Barbara ThielPhil Dera

Die Rentnerin Barbara Thiel  und der Taxifahrer Jens Blochwitz, beide aus Dresden, haben das versucht. Schon im letzten Jahr gehörten sie zu den vom "Deutschland-spricht"-Algorithmus zusammengesetzten Paaren und haben sich getroffen, begleitet von der Zeit-Redaktion. Nun sprachen sie noch mal auf dem Podium in der Frauenkirche – insgesamt zum dritten Mal. 2018, so erzählt Jens Blochwitz, war einfach zu wenig Zeit für ein richtiges Gespräch. Er, der Trump-Freund, wollte unbedingt seine mehr liberal gesinnte Match-Partnerin "überzeugen". Doch das war gar nicht so einfach, denn manchmal fehlten ihm schlicht die guten Argumente: "Man denkt halt, man hat Recht – aber wenn man die eigene Meinung dann begründen soll, dann merkt man, wie schwierig das ist."

Einfach mal so stehen lassen

"Zusammenquatschen", wie es ein Podiumsteilnehmer ausdrückte, ja, das geht; den anderen überzeugen, also auf die eigene Seite ziehen, das muss gar nicht sein. Die Gesprächspartnerin von Jens Blochwitz, Barbara Thiel, brachte es dann auch auf den Punkt: Ihr habe die Auseinandersetzung viel gebracht, sie habe nachgedacht, sich in einigen Punkten neu justiert, doch von ihrer liberalen Überzeugung wolle sie nicht abrücken: "Ich finde, wir konnten uns gut so akzeptieren mit unseren unterschiedlichen Meinungen und es dann einfach mal so stehen lassen."

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