"Deutschland spricht" - Eindrücke aus dem Berliner "Radialsystem"

Von Wölfen und Frauen
Deutschland spricht

Alexander Probst

Podiumsdiskussion von "Deutschland spricht" im Radialsystem in Berlin

Podiumsdiskussion von "Deutschland spricht" im Radialsystem in Berlin

Bei "Deutschland spricht" trafen sich die Kita-Geschäftsführerin mit dem Zahntechniker, der Landwirt mit der Bankkauffrau.

In Norwegen sind es die Wölfe. In der Schweiz ist es die Frauenquote. In Italien das Impfen. Und in Österreich das Rauchverbot in Kneipen. Das sind die Fragen, über die Nationen am meisten zerstritten sind. Und als Vertreter aus diesen Ländern sich am Sonntag im Berliner "Radialsystem" trafen, wurde klar: Die Themen mögen unterschiedlich sein, aber die Idee funktioniert über Grenzen hinweg: "My country talks". 14 Länder und 39 Medien sind schon mit an Bord.

Reden hilft. Nicht gegen alles, aber gegen Vorurteile und Klischees. In Deutschland hatten dieses Jahr über 28.000 Menschen ihr Interesse bekundet, mit einem Andersdenkenden zu reden. Weil es ganz schön viel Mut erfordert und auch ein bisschen Logistik, waren es am Ende dann 4235 Paare, die sich leibhaftig trafen. 50 von ihnen verabredeten sich direkt in Berlin, wo Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier eine flammende Motivationsrede hielt. Gegen die "Krawallprofis", die das Land schlechter reden, als es ist. Gegen die "lärmende Unversöhnlichkeit". Für die Kunst des Konfliktes und des Kompromisses. "Die Demokratie bleibt immer unvollendet", so Steinmeier, "dass Sie heute miteinander frei reden, das ist eine kostbare zivilisatorische Errungenschaft."

 Hanno Terbuyken, Ulrich Lilie und Ursula OttPrivat

Wie gut das funktionieren kann, führten auf der Bühne Gesprächspaare vor, die sich im letzten Jahr konstruktiv gestritten hatten. Zum Beispiel jene Agraringenieurin, die glücklich mit einer Frau verheiratet ist – und gerne jemanden treffen wollte, der gegen die Homo-Ehe ist. "Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass uns jemand unser Glück nicht gönnen mag." Sie traf einen Polizisten, der, wie sich herausstellte, "nichts gegen schwule und lesbische Menschen hat". Aber den Verdacht hegte, zu viele Menschen heirateten leichtfertig und aus finanziellen Gründen. Der Polizist hatte es im Radialsystem nicht leicht vor einem Publikum, das überwiegend großstädtisch und liberal wirkte. Und doch eroberte er die Herzen, als er sagte: "Das ist in meinem Berufsalltag auch so: Wenn ich nicht den Dieb oder den Straftäter sehe, wenn ich den Menschen sehe, dann habe ich die Chance, im Denken weiterzukommen." Das könnte glatt ein Wort zum Sonntag sein. War ja auch Sonntag.

Apropos Kirche. Unter den 28.000 Redewilligen waren 1307 LehrerInnen, 293 Krankenschwestern, 14 Taxifahrer und 49 PfarrerInnen. Einer von denen, der gelernte Krankenhaus-Seelsorger Ulrich Lilie, saß im Radialsystem zwischen mir und meinem Kollegen Hanno Terbuyken, der für evangelisch.de dabei war. Lilie ist seit 2014 Präsident der Diakonie Deutschland. Und er ist inzwischen ein Zuhör-Profi: Mit dem Sozialpsychologen Harald Welzer lädt er einmal im Jahr zum "Tag der Offenen Gesellschaft". Und mit seiner Diakonie hat er eine "Unerhört"-Kampagne gestartet, die ihn an soziale Brennpunkte bringt. Nie bekommt man alle an einen Tisch, "wir leiden an einer Art Wahlverwandtschafts-Problem", so Lilie. Will heißen: Oft treffen sich die immer gleichen Milieus bei solchen Veranstaltungen. Das war auch am Sonntag so. Aber es braucht sie alle: Zweiergespräche, Townhall-Meetings, "Unerhört"-Foren. Weil die Demokratie eben unvollendet ist.

 

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