Harald Welzer über eigene Überzeugungen

Thunfisch auf dem Teller

Human Empire

Eigentlich will man den nicht essen. Und jetzt? Harald Welzer musste erfahren, wie schwer es ist, den eigenen Überzeugungen zu folgen

Na klar bin ich autonom und jederzeit bereit, meine Meinung zu vertreten – das sagen die meisten Menschen. Aber dieses Selbstbild entspricht meist nicht der Wirklichkeit. In Alltag und Beruf, in Politik und Universitäten lässt sich regelmäßig beobachten: Es gibt mehr Konformität als Abweichung, viel mehr „Ja“- als „Nein“-Sagen. Da wird ein vielleicht mal kurz aufkeimender Widerspruch heruntergeschluckt und taucht nur noch in Berichten im Nachhinein auf. In diesen wird dann nicht nur couragiert gedacht, sondern auch gehandelt: „Na, meinem Chef hab’ ich’s aber gegeben!“

Eine ganze Reihe Konformitätsexperimente zeigen, dass es wirklich die einsame Ausnahme ist, wenn Menschen sich gegen eine Gruppenmeinung stellen. Selbst dann, wenn die Sache, um die es geht, extrem klar ist. Einfaches Beispiel: der Vergleich der Länge einer Linie mit drei anderen. Welche sind gleich lang? Schon vor einem halben Jahrhundert konnte der amerikanische Sozialpsychologe Solomon Ash zeigen, dass es nur ein paar vorher instruierte, also unechte Testpersonen brauchte, die in Anwesenheit einer echten Versuchsperson falsche Urteile abgaben, um diese dazu zu bringen, eine kurze Linie für eine lange zu halten. Wir haben dieses Experiment vor einigen Jahren noch einmal durchgeführt – mit besonders autonomen und besonders konformen Versuchspersonen. Das Ergebnis: Die Autonomen verhielten sich im Experiment genauso angepasst wie die Konformen und wählten das falsche Ergebnis, wenn andere ihnen das vormachten.

Anreise per Flugzeug zur Klimakonferenz

Es ist Wunschdenken anzunehmen, dass Widerstand gegen Gruppenmeinungen leicht sei. In Gesellschaften wie der unseren gelten Entscheidungsstärke und Selbstbewusstsein zwar als hohe Werte, kommen aber in der Praxis selten vor. Wieso sollten Menschen um Beispiel auf die Idee kommen, ihr Mobilitätsverhalten zugunsten des Klimaschutzes zu verändern, wenn 20 000 Experten ihnen vormachen, dass man zu Klimakonferenzen mit dem Flugzeug anreist? Kurz: Zwischen Überzeugung und Handeln klafft die tiefe Schlucht gelebter Praxis, und die prägt das konkrete Verhalten. Wie auch das folgende Beispiel zeigt.

Ich war unlängst zu einem Mittagessen eingeladen, zu dem sich der Oberbürgermeister einer deutschen Großstadt mit einer Reihe von Unternehmern, Museumsleitern und anderen traf, um über Fragen einer nachhaltigen Zukunft zu sprechen. Ich hatte vor dem Lunch eine kurze Rede zum Thema zu halten, und nachdem ich das absolviert hatte, wurde die Vorspeise serviert. Es handelte sich um ein ausgesucht gutes Restaurant, und der Thunfisch, ­der nun aufgetragen wurde, sah wirklich großartig aus. Nur leider wäre es ein eklatanter Widerspruch zu meinen gerade vorge­tragenen Überlegungen gewesen, diese Vorspeise zu essen. Aus meiner Sicht gehört es zu den Grundsätzen gelebter Nachhaltigkeit, sich nicht schuldiger zu machen als unvermeidlich – und Thunfisch zu essen geht heute einfach nicht mehr.

Klare Sache: Überzeugungen gehen vor

Nun saß ich also da mit einem harten Interessenkonflikt. Sollte ich tatsächlich die soziale Konvention verletzen und die Vorspeise demonstrativ nicht anrühren? Würde ich damit dem anschließenden Gespräch über meinen Vortrag nicht von vornherein eine unglückliche Richtung und mich selbst als Ökostreber geben? Und damit ­meinen Gesprächspartnern gleich Tür und Tor für ihre Argumente gegen meine Ausführungen öffnen? Würde ich also nicht genau die Absicht unterlaufen, mit der ich diese Einladung angenommen hatte? Würde ich mich, kurz gesagt, zu dem Arsch machen, den eingeladen zu haben nach übereinstimmender Auffassung ein Fehler war? Außerdem sah er echt lecker aus, der Thunfisch. Und tot war er nun schon mal obendrein. Aber: Wäre die Ablehnung dieser ganz und gar idiotischen Vorspeise nicht eine fraglose Angelegenheit, die gar keiner Überlegung bedurfte? Klare Sache: Überzeugung geht vor.

Das liest und denkt sich so einfach, ist aber in der unmittelbaren Situation überraschend schwierig, so schwierig, dass man einiges Training braucht, um sich nicht immer wieder in den widerstreiten­den Argumenten gegen sich selbst zu verheddern und dann den Weg des geringsten Widerstands zu gehen: Thunfisch. Warum sind für den Einzelnen situative Verpflichtungen viel verbindlicher als moralische Überzeugungen? Weil es für Menschen grundsätzlich wichtig ist, soziale Normen nicht zu verletzen, soziale Anerkennung nicht zu riskieren, gut vor den anderen dazustehen. Für die Missachtung eigener Überzeugungen zieht einen niemand zur Rechenschaft, für peinliches oder unpassendes Verhalten in der Öffentlichkeit aber allemal. Das alles ist nicht trivial: Weil Menschen soziale und kooperative Wesen sind, ist Konformität viel wahrscheinlicher als Abweichung und in den allermeisten Fällen auch vernünftiger. Anders gesagt: Konformität ist das jederzeit Erwartbare, Abweichung das wechselseitig Befürchtete und Unerwünschte.

Offene Zurückweisung ist immer konfliktträchtig

Insofern war für mich der gefühlte soziale Druck, trotz gegenteiliger Überzeugung den verdammten Thunfisch einfach zu essen, enorm. Und vor allem: Die Entscheidung, ihn einfach ohne weiteres Aufheben zu genießen (wenn schon, denn schon!), liegt viel näher, als es nicht zu tun. Denn das Erwartbare fordert keine Erklärung, nur das Abweichende muss begründet werden. Ich hätte auch einfach behaupten können, Vegetarier zu sein. Schluss. Denn dann ist das Problem im Rahmen der Konvention gelöst.

Viel konfliktträchtiger gestaltet sich dagegen die offene Zurückweisung: „Tut mir leid, ich kann den Thunfisch nicht essen, das steht in Widerspruch zu allem, was ich gerade vorgetragen habe.“ Warum? Weil ich mit dieser Wahrheit ja die Entscheidung jedes einzelnen anderen Gastes infrage stelle, seinen Thunfisch freudig zu verzehren. Und nicht nur das: Ich stelle damit die Einladenden bloß, bin in jeglicher Hinsicht asozial: der Partykiller.

Wollen Sie wissen, wie die Situation gelöst wurde? Durch die soziale Kompetenz des Gastgebers, der auf meinen eher vagen Einwand, das könne ich jetzt „eigentlich“ nicht essen, sofort meinen Teller nahm und ihn dem Küchenchef mit der Bitte ­zurückgab, mir doch was anderes zu servieren. Die Situation war gerettet.

Moralische Fantasie hilft weiter

Dieses kleine Beispiel mag deutlich machen, wie schwer es auch in scheinbar harmlosen Situationen sein kann, seinen eigenen Überzeugungen zu folgen. Auch wenn das faktisch nach allen rationalen Kriterien nichts kostet, sind die sozialen Kosten dafür oft erstaunlich hoch, und allzu oft eben zu hoch, um sie zu entrichten. Weil es hinsichtlich der sozialen Kosten viel günstiger ist, das Erwartbare zu tun, tun alle in der Regel das Erwartbare, und deshalb geschieht so selten das Unerwartete. Das Problem beginnt ja schon da, wo man nicht immer wieder in Restaurants das italienische, französische oder überhaupt auswärtige Mineralwasser zurückweisen will, weil das regelmäßig Erklärungsbedarf mit sich bringt, die Kellner nervt, andere Anwesende womöglich auch. Grundsätzlich bedeutet einverstanden sein Entlastung; nicht einverstanden sein bedeutet Belastung, erhöhten Aufwand.

Der Philosoph Günther Anders hat den Begriff der „moralischen Fantasie“ geprägt. Moralische Fantasie braucht man, um abstrakte Überzeugungen ins Konkrete zu übersetzen: Was hat mein Verhalten mit dem Verschwinden der Thunfische zu tun? Moralische Fantasie bemüht die Fähigkeiten, sich das Leben unbequem ­machen, Fähigkeiten zur Verantwortung, Entscheidung, Freiheit. In einer Welt, die Konformität fordert, kann man aber nicht sofort und immer autonom sein.

Eine Haltung fällt nicht vom Himmel, sie überkommt einen auch nicht. Man muss sie üben, wie jede andere Fähigkeit, in der man besser werden möchte. Günter Anders empfiehlt ganz in diesem Sinn „moralische Streckübungen“ – damit wird man, wie bei jedem anderen Training, erstaunlich schnell besser. Im ­Nichteinverstandensein.

Harald Welzer

Harald Welzer, Jahrgang 1958, ist Sozialpsychologe. Er lehrt Transformationsdesign an der Universität Flensburg und leitet die Stiftung Futur Zwei in Berlin. 2013 erschien sein Buch: „Selbst Denken. Eine An­leitung zum Widerstand“ (S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main)

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Lesermeinungen

Seit ich vor 4 Jahren im Alter von 49 Jahren beruflich kürzer trat, mein Leben von 60 Wochenarbeitsstunden auf 35 Stunden an 4 Tagen änderte, sind verschiedene weitere Stufen von Veränderungen hinzugekommen.
Veränderungen erweisen sich teilweise als Spiegel, den man den
im Trott befindlichen Menschen vorhält. Ein Unwohlsein ist in der Gesellschaft über bestimmte Mißstände da, man wagt
es nicht auszusprechen oder eigene Verhaltensweise zu hinterfragen.
Derjenige, der aus dem Hamsterrrad ausbricht ist ein Angreifer auf
die eigene Wohlfühlzone. Ich begründe fast gar nichts mehr aus meinem Lebensstil, sondern versuche nur noch durch Taten zu überzeugen. Alle Fakten liegen eh auf dem Tisch. Bahnfahren ist nicht so schädlich wie Fliegen, Radfahren ist gesund, weniger Fleich essen ist gut für mich und den Rest der Welt.
Nach einiger Zeit kommen dann doch Nachfragen, dann ist der Zeitpunkt
für Erklärungen gekommen. Dann ist Interesse geweckt und eine
Multiplikation von Wissen möglich. Manchmal ist es aber schwer dem
smalltalk zu folgen ohne seine ehrliche Überzeugung zu verstecken
oder zu platzen ob der "eigentlich und man müsste" Gesellschaft dieser
Zeit.

Nein, ich bin lange nicht so mutig, wie ich gerne sein möchte, aber ein wenig schon. Aber meine Erfahrungen decken sich genau mit dem des Autors - man ist ein Spiel- und Spaßverderber, wenn man Nasen in das Offensichtliche stößt. Bestenfalls nur mit einem erstaunten Blick gemisswürdigt, manchmal in schwer zu ertragende Auseinandersetzungen verwickelt - es ist anstrengend, für seine Überzeugungen gerade zu stehen. Vor allem, weil ich ja weit entfernt von perfekt bin und auch zu selten lebe, wie ich eigentlich will bzw. sollte: zu faul mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Zu begierig, Urlaub in entfernten Ländern zu verbringen. Zu wenig Zeit, die Wäsche immer auf der Leine und nicht im Trockner zu trocknen.
Leider gehen die oben genannten Auseinandersetzungen immer in diese Richtung: Mir zu beweisen, dass auch ich "schuldig" bin. Es geht kaum um eine Diskussion im positiven Sinne. Angriff als Verteidigungsmittel der Wahl halt ... und ich fühle mich regelmäßig schlecht. Aber ich werde den Artikel mit in die Schule nehmen und meinen Schülern geben ... vielleicht wird ja hier wieder ein kleines Sämchen gesät. Sie können sich ja nicht wehren ;-)

das gefällt mir nicht. Mag sich de Schwager aufregen, es ist sein gutes Recht. Herr Welzer enttäuscht mit seiner unkritischen Meinung. Sein Buch "Täter" ist wesentlich besser gelungen.

Wie schön, wenn der Gastgeber "Sozialkompetenz" (ich hätte es Taktgefühl genannt) zeigt und mir die Entscheidung abgenommen wird. Was, wenn aber nicht? Jedes Ding hat zwei Seiten (auch die Werbung z.B. für Israel-Reisen). Darf ich nun mir nicht mehr einen Traum erfüllen und das gelobte Land sehen weil dort niemals Frieden herrschen wird?

Wir dürfen auch nicht mehr nach Ägypten, wenn wir zur Kenntnis nehmen, was dort auf dem Sinai passiert. Und schaden doch den Menschen dort, wenn wir uns nicht auch solidarisch mit ihnen zeigen. Israelische Freunde bitten: Kommt und besucht Israel! Es ist nicht, wie es in der Zeitung steht.
Es sind die Regierungen, nicht "alle" Menschen, die dort leben. Die Werbung gilt nicht dem "Staat", sondern den Reise-Unternehmen.
Es ist nicht alles schwarz oder weiß. Nicht mal der Thunfisch.

Mia Dittmann schrieb am 11. Februar 2014 um 14:20: "JA sagen zu vielleicht höheren Strompreisen", "NEIN sagen zu höheren Strompreisen". Das gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen freier Bürgerinnen und verantwortungsbewusster Verbraucher. Hier ein mutiges Ja, dort ein abgewogenes Nein, andernorts ein sich nicht leicht gemachtes Jein. Dumm nur, dass Sie völlig unabhängig von dem, was Sie zu sagen belieben, genau den Endbetrag der Stromrechnung zu zahlen haben, der draufsteht. Wenn Sie es nicht tun, wird der Strom abgedreht. Wer daraus den Schluss zieht, sich nicht zu beteiligen an der ethischen Begutachtung dessen, wozu er sowieso gezwungen wird, ist in der Einschätzung moderner Staatsbürger unten durch. Woraus man entnehmen könnte, wozu die ganze aufgeregte Debatte über erlaubte oder verbotene Thunfischspeisen und Beifall oder Tadel an Strompreiserhöhungen taugt.

Mir hat der Artikel gefallen.
Er hat gut aufgeührt in welcher moralischer Zwickmühle wir uns befinden. Beim letzten Familienfest regte sich mein Schwager unerhöhrt über die steigenden Strompreise auf und gleichfalls regte er sich auf über die vielen Proteste und Einwende, die es im Moment beim Bau von Stromtrassen gibt.
Sein Fazit war in etwa das folgende : Also entweder wir schalten den Strom ganz ab, oder wir bauen uns wieder neue Atomkraftwerke.
Das ist stark übertrieben. Aber irgendwie sind wir doch alle in dieser Lage.
Ja sagen zum aktuellen politischen und dankeswerterweise umweltfreundlichen Kurs gedeutet auch JA sagen zu vielleicht höheren Strompreisen.
Aber für diejenigen mit einer ökonomischeren Sicht auf die Energiewende bedeutet Haltung bewahren, NEIN sagen zu höheren Strompreisen.
Was also fest steht, nicht nur beim Thunfisch, sondern auch bei Fragen des umweltschonenden Energiewandels kann man sich zum asozialen Partykiller machen. Alles nur eine Frage der Abweichung von der gegenwärtigen Massenmeinung.

"Eigentlich wil ich nicht", aber dann will ich doch, weil, ich will ja nicht...., weil, ich muss doch..., weil , ach, und überhaupt, "der verdammte Thunfisch " ist schuld. Für den weniger gebildeten unter uns, den, der nicht auf die Schnauze gefallen, aber doch nicht ALLERErste SAHNE ist, und doch "schon ganz toll, und ganz viel macht, weil er ja doch ein wunderbarer Mensch ist, sagt Fr. Theologin Susanne Breit-Keßler, reicht es , wenn er sich bemüht. Weil er tut ja schon ganz viel, und Gott liebt alle Menschen, die Klugen und die weniger Klugen, und man sieht ja, dass auch so ein Studierter , wie der Herr Welzer, Soziologe seines Zeichens, so seine Fehler macht, und nicht ganz perfekt ist. -------------- Konfuzius sagt: Der edle Mensch ist in Frieden mit sich selbst; der Gemeine macht sich ständig Sorgen. ---- Der Edle Mensch findet Freude in sich selbst, / während der Gemeine sich nur freut, wenn er von anderen anerkannt wird. ---So weit Konfuzius. Die Soziologie ist also demnach die Lehre vom Verhalten des Kleinen Mannes. Das Volk Gottes, ist allgemein über die Soziologie weit erhaben, Herr Welzer, nur mag die Vermittlung des rebellischen Luthers hier womöglich einige Verwirrung gestiftet haben. Und heute spielt auch Konfuzius keine erhebliche Rolle mehr. Vielleicht aber Schopenhauer ? -- " Der Mensch gewinnt meine Hochachtung als ein unter Hundert Auserlesenen, welcher , wann er auf irgend etwas zu warten hat, also unbeschäftigt dasitzt, nicht sofort mit dem, was ihm gerade in die Hände kommt, etwa seinem Stock oder Messer, oder was sonst, taktmässig hämmert oder klappert.--Wahrscheinlich denkt er an etwas. ---Vielen Leuten hingegen sieht man an, dass bei ihnen das Sehn die Stelle des Denkens ganz eingenommen hat: Sie suchen sich durch Klappern ihrer Existenz bewusst zu werden; wenn nämlich kein Cigarro bei der Hand ist, der ebendiesem Zwecke dient. Aus demselben Grunde sind sie auch beständig ganz Auge und Ohr für alles, was um sie vorgeht. FAZIT: Die HÖFLICHKEIT ist eine Konvention, an die man sich halten sollte, und es ist dem rücksichtsvollen Gastgeber sehr zu gute zu halten, dass er dem Autor so diskret und dezent, aus der Klemme helfen konnte ! Zwischen Konformitätsdruck und sozialem Gefüge klafft der Abgrund persönlicher Prägung / Erziehung. Wenn unsere Gesellschaft nur noch auf soziales Verhalten und Moral setzt, dann dürfte die Zukunft wie ein Tanz auf dem Vulkan werden. Selbst denken, Herr Welzer, sozial ist nicht alles. Es ist das Gerüst, die Basis einer Gesellschaft, und diese sollte in Ordnung sein, ohne sie dauernd zu hinterfragen. Wie soll es denn sonst weiter gehen? Die Verkaufszahlen für Ihr Buch etwa ? Das Beispiel mit dem Thunfisch ist dürftig und blutleer. Außerdem finde ich, dass man dem Thunfisch größere Ehre erweist, da er ja ohnehin schon zubereitet wurde, wenn man ihn mit Achtung und Appetit verspeist hätte, vielleicht entfachte sich noch eine Diskussion darüber, wie man in Zukunft selbst konsequenter sein könnte ? Selbst Denken, und dann Ratschläge erteilen, das macht sich besser.

Zwei Zitate aus dem Artikel: "Thunfisch zu essen geht heute einfach nicht mehr", "wo man nicht immer wieder in Restaurants das italienische, französische oder überhaupt auswärtige Mineralwasser zurückweisen will". Könnte mir ein moralisch auf Zack befindlicher Zeitgenosse bitte die derzeit gültigen Speiseverbote mitteilen? Ich versuche schon so halbwegs auf dem Laufenden zu bleiben, habe aber offensichtlich trotzdem Defizite auf dem Gebiet. Klar ist mir, dass die Liste "Kamel, Klippdachs, Hase und Wildschwein" nicht mehr aktuell ist. Die fand sich samt Begründung in 3. Mose 11, 4-7 "....Ihr sollt für unrein halten das Kamel, weil es zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr sollt für unrein halten den Klippdachs, weil er zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr sollt für unrein halten den Hasen, weil er zwar wiederkäut, aber keine gespaltenen Klauen hat; ihr sollt für unrein halten das Wildschwein, weil es zwar gespaltene Klauen hat und Paarzeher ist, aber nicht wiederkäut." _________________________ Das ethische Trinkverbot für ausländische Mineralwässer in Restaurants ist mir neu. Muss ich gleich den unmoralischen Wirten in Passau stecken, die da schamlos Geschäfte mit oberösterreichischem Mineralwasser aus dem nahen Frankenmarkt machen statt garantiert inländisches Rülpswasser aus der fernen Eifel einzukaufen. ________________________ Zitat: " ..der auf meinen eher vagen Einwand, das könne ich jetzt "eigentlich" nicht essen, sofort meinen Teller nahm und ihn dem Küchenchef mit der Bitte zurückgab, mir doch was anderes zu servieren. Die Situation war gerettet." Der klassische Fall eines ethischen Dilemmas. Situation gerettet und Thunfisch im Müll! Andernfalls Thunfisch gegessen und Situation im Eimer! Man kann sich drehen und wenden wie man will: Die moralisch betreute Marktwirtschaft ist eine Fundgrube für ethische Problemstellungen der erlesensten Art.

Beim Durchblättern des Chrismon 02.20014 stieß ich als Erstes auf die mir bekannte ganzseitige Anzeige mit "Religiös, historisch, ergreifend. Galiläa" . Später las ich den Artikel mit dem Thunfisch, der Verweigerung, ihn bei einer offiziellen Einladung zu essen und der Aufforderung am Schluss seine Erfahrungen mit autonomem Handeln mitzuteilen.
Als gymnasialer Erdkundelehrer und Wüstenreisender untersuchte ich das Wassermanagement des Jordan und musste nach einiger Zeit erkennen, wie irreführend das Lob der israelischen Wasserwirtschaft (Erfindung der Tröpfchenbewässerung!) ist, wenn nicht zugleich erwähnt wird, dass Israel mit allen Mitteln seiner Militärmacht und Militärverwaltung den Palästinensern in den seit 1967 besetzten Gebieten den Zugang zu Wasser so erschwert, dass nicht nur deren Landwirtschaft, sondern auch das tägliche Leben darunter erheblich leiden. Verschärft wird diese Situation noch durch den im Vergleich enorm hohen Wasserkonsum in den Siedlungen. Seit dieser Erkenntnis vor ca. 30 Jahren kaufe ich u.a. keine Jaffa Orangen mehr. Seit ca. 15 Jahren schreibe ich immer mal wieder Leserbriefe an die ZEIT, wenn allzu deutlich Informationen verschwiegen und damit verdreht wurden. Einmal bekam ich eine nichtssagende Antwort, einmal wurde ein Brief abgedruckt. Dann die Kündigung der ZEIT mit ausführlicher Begründung - ohne Antwort. Und jetzt bleibt neben dem Kopfschütteln, dass selbst ein evangelisches Magazin die christlichen Werte, die ja auch jüdische sind, so missachtet, dass es dem Staat mit seiner derzeitigen Politik eine bewusst irreführende Werbeseite einräumt, nur dieses Schreiben.

Sehr geehrter Harald Welzer, Ihre Aussage:" Ich hätte auch einfach behaupten können, Vegetarier zu sein." offenbart, dass Sie es nicht sind. Sie wollen also bei Thunfisch verweigern, doch machen vermutlich sonst beim Essen von Tieren und Tierleidprodukten täglich mit. Mein Rat: werden Sie Veganer (ich bin es seit 5 Jahren) und sagen es allen überall. Predigen Sie - das christliche 5. Gebot: Du sollst keine Folter und Morde (an empfindenden Elterntieren und ihren Kinder) in Auftrag geben, die Opfer essen und dann beim öffentlichen Thunfisch mal edel verweigern wollen.