Arnd Brummer über Ich-Bezogenheit und Selbstoptimierung

Vortrag im Egozentrum
Ehre dein Gegenüber, wenn du in den Spiegel schaust!

Als ich in der vergangenen Woche meinen Phrasendrescher reinigte, stieß ich zu meiner Überraschung auf folgenden Text eines Vortrags. Gehalten hat ihn ein Experte namens Fix von Fertig im Egozentrischen ­Institut einer mir unbekannten Hochschule für angewandten Narzissmus (EIHAN). Hier nun der Wortlaut:

"Warum denn auf einen Gott vertrauen? Auf irgendein unsichtbares Gegenüber, dessen Existenz vielfach behauptet, aber nie bewiesen ­werden konnte? Und dieses XY um ­Gnade oder Erlösung bitten? Weshalb ­Gnade? Ich habe doch nichts ver­brochen! Und Erlösung von den Übeln? Dann kann ich auch Globuli schlucken oder Astrologie treiben.

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Mein Name ist Fix von Fertig. Ursprünglich trug ich den Vornamen ,Felix‘. Als ich jedoch meine wahre Existenz erkannte, beschränkte ich ihn auf ,Fix‘. Ich lehre und praktiziere Autotherapie. Nein, ich heile keine Diesel! Und ich bin auch kein Fahrlehrer. Ich vermittle meinen Kunden, wie man ohne Alpträume und ­Flehen zum Himmel sich selbst zu dem macht, der man eben ist.

Immerhin habe ich aus der Bibel den Titel für mein Grundkonzept übernommen: die ,Zehn Gebote‘. Das hört und liest sich viel besser als ,Zehn Gebete‘. Den Text habe ich aber voll­ständig runderneuert. Im postreligiösen und postlogischen Zeitalter gelten 
andere Wahrheiten als die von Reli­gion und Wissenschaft behaupteten.

Jede und jeder ist so gut, wie sie oder er sein will

Das erste Gebot: ,Ich bin ich. Und die anderen sind anders.‘ Das zweite: ,Ich mache mit meinem Namen, was ich will. Fix und fertig!‘ Das dritte: ,Welche Tage ich feiere, ist allein meine 
Sache.‘ Das vierte: ,Wenn du vor dem Spiegel stehst, ehre dein Gegenüber!‘ Das fünfte: ,Töten interessiert mich nicht. Und mit mir selbst gehe ich pfleglich um.‘ Das sechste: ,In Beziehungen gilt: Hauptsache, ich hab’ Spaß!‘ Das siebte: ,Was ich will, bekomme ich.‘ Das achte: ,Ehrlich bin ich zu mir selbst.‘ Das neunte: ,Wo ich bin, bin ich.‘ Das zehnte: ,Wenn ich von anderen was haben will, dann kriege ich es auch.‘

Ob Leute, die meine Gebote lesen, verwirrt, verängstigt oder begeistert sind, ist deren Sache. Und ich beteilige mich auch nicht an der neuen Religion der dauernden Selbstoptimierung. Jede und jeder ist so gut, wie sie oder er sein will. Ob die Leute dazu Fleisch essen, Bier trinken oder Plastiktüten benutzen, ist nicht objekt- sondern subjekt-tief zu entscheiden. Da herrscht die gleiche Autonomie wie beim Rülpsen oder Furzen.

Ich habe auf meinem langen Weg ­
aus der elenden Bessermenschenwelt in die Egal-wie-Realität mit vielen 
Menschen tage- und nächtelang debattiert. Dabei habe ich oft erfahren, dass der Grund für das Suchen nicht das Finden einer Wahrheit ist, sondern die selbstbefriedigende Erkenntnis: Niemand ist so eifrig unterwegs wie ich! Und jene, die nicht mitgequatscht haben, wurden mit dem Hinweis abqualifiziert, dass sie keine Ahnung vom Leben hätten.

Mister President ist einer ­meiner besten Schüler

Umgekehrt wird ein Schuh da
r­aus: Wer macht, wozu er Lust hat und nicht ständig eine Begründung oder gar Rechtfertigung dafür sucht, ist näher am Glück. Und das heißt: Mein Zentrum ist mein Ego. Das ­habe ich bewusst so formuliert, weil es ja in der aufgeklärten Welt kaum etwas Verwerflicheres gibt als die ,Ego­zentrik‘.

Als Autotherapeut habe ich ­übrigens auch finanziell großen Erfolg. Meine ,Gebote‘ laufen als Keynotes in den USA im ,Best ­publishing‘-Bereich. Dazu hat vor allem beigetragen, dass einer meiner besten Schüler dort Präsident ge­worden ist. Ich warte nur darauf, dass er dies endlich mal in einer Twitterbotschaft offenbart. Donald Trump: ,Ich bekenne mich zu ,Fix und 
Fertig‘!‘ Und ich sorge dafür, dass das weltweit gilt! Best regards!"

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Lesermeinungen

Diese Charakteristik halte ich für hervorragend, decouvrierend ud zeitgemäß.

"Das erste Gebot: ,Ich bin ich. Und die anderen sind anders.‘ Das zweite: ,Ich mache mit meinem Namen, was ich will. Fix und fertig!‘ Das dritte: ,Welche Tage ich feiere, ist allein meine 
Sache.‘ Das vierte: ,Wenn du vor dem Spiegel stehst, ehre dein Gegenüber!‘ Das fünfte: ,Töten interessiert mich nicht. Und mit mir selbst gehe ich pfleglich um.‘ Das sechste: ,In Beziehungen gilt: Hauptsache, ich hab’ Spaß!‘ Das siebte: ,Was ich will, bekomme ich.‘ Das achte: ,Ehrlich bin ich zu mir selbst.‘ Das neunte: ,Wo ich bin, bin ich.‘ Das zehnte: ,Wenn ich von anderen was haben will, dann kriege ich es auch.‘"

Daran schließt sich die Frage, wie es zu dieser Geisteshaltung kommen konnte. Erinnern wir uns an die 60g und 70ger. Da wurde doch die schrankenlose Selbstverwirklichung als das wahre Lebensziel ausgerufen. Es entstanden die "Makramee-Seelen", die nur noch den Spaß und die unbefleckte Nabelschau als ultimatives Lebensziel akzeptieren. Das die Gesellschaft tragende Gleichgewicht von Rechten und Pflichten wurde infrage gestellt und entscheidend verändert. Der Einzelne galt und gilt denen immer noch als WESENTLICH wertvoller und wichtiger als die Gesellschaft, die ihn trägt. Mitglied in einem Verein, einer Gesellschaft mit Pflichten, oder doch lieber bezahlen (Fitnescenter) und nur noch Forderungen? Eine Entwicklung bis hin zum Neoliberalismus, der die nahezu uneingeschränkte persönliche Freiheit (die eine Partei) predigt und den Staat nur noch als Hilfsmittel für seine Ziele (die andere Partei) des Konsumwahns und des immerwährenden Wohlstandsüberflusses begreift. Erinnern wir uns doch daran, dass es gar nicht so lange her ist, dass es alle 5 Jahre eines neuen Schlafzimmers, einer neuen Couch bedurfte. Jetzt sind es Autos, Smartphone, Reisen. Ererbte Möbel? Pfui! Gut, eine Neue Zeit braucht neue Regeln. Aber die Axt an den eigenen Stamm zu legen kann ja wohl auch nicht das Ziel sein. Jetzt haben wir das Ergebnis und niemand ist dafür verantwortlich. Weil der Staat diese Ziele nicht mehrzuverlässig begleiten könnte, wird alternativ gewählt. Auch der Verlust an Allgemeinwissen ist die Saat, die jetzt aufgeht. Wenn ein Problem zu komplex wird, bin nicht ich schuld, der es nicht begreift, sondern die Anderen, die keine mir genehme Lösung parat haben. Dann kam die 3. Partei, die am liebsten diktatorisch das Rad vollkommen zurückdrehen möchte. So sinnvoll das erschein mag, aber die Zahl der unbedingt notwendigen Mitspieler ist unübersehbar, unbeherrschbar und unberechenbar. Und mittendrin die hilflosen Religionen, die ihre Gefolgschaft nicht mehr beeinflussen können. Als Ergebnis haben wir jetzt die nicht mehr neuen Regeln des EGOZENTRUMS, die von den menschlichen Schwächen diktiert werden.

Jede Auswahl aus der Flut von Nachrichten, wie es nun mal in den Medien unumgänglich ist, ist auch eine Manipulation. Der Begriff ist zwar nicht schön aber selbst alle Zeitungen und Rundfunkanstalten (Anstalt, was für eine kuriose Bezeichnung!) sind in irgendeiner Weise redaktionell (links, rechts, geradeaus, etc.) gefärbt. Mit den "alten Anstalten" war es auch schon so. Man wusste es und hat sich geärgert. Der westliche Rotfunk, der SPIEGEL war links, die WELT rechts und die FAZ das Kapital. Diese "Anstalten" haben uns einen Informations- und Wissensmix verabreicht, mit dem man weitgehend zuverlässig (+zwangsweise) informiert war. Dann kamen die "Privaten", die mit der Quote die Anstalten überholen konnten. Das Geschäftsverständnis der Privaten zielt nicht vorrangig auf Wissen oder Information, sondern auf Unterhaltung bis zum Porno. Sie müssen ja per Quote davon leben und bedienen sich deshalb mit großem Tempo der Oberflächlichkeit, der populistischen Sensationsmache auf Kosten der Ernsthaftigkeit und Wahrheiten. Die Zahl der Dauerglotzer von Verkaufskanälen (machen jetzt den Privaten Konkurrenz), die bereits von Vielen als normale Unterhaltung empfunden werden, steigt permanent. Von Wenigen einmal abgesehen, gehen die Nutzer der sozialen Medien und der von ihnen selbst ausgewählten Nachrichtenkanäle den gleichen Weg. Die so sich selbst auferlegte Meinungsmanipulation führt dann auch zuverlässig zum eigenen Egozentrum, zum Narzissmus, der möglichst ohne Pflichten seine individuellen Forderungen stellt. Damit hat sich der ach so mündige Bürger (zum Glück nicht alle) entschieden für den bequemen Weg und für die ganz „Privaten“, die ihn auf ihr leichter verkäufliches Niveau hinuntergezogen haben. Wird der Kopf ausgeschaltet, läuft es sich leichter, aber auch gefährlicher. Wer diese Meinung als arrogant bezeichnet, tut das aus eigener Schwäche.

"Fix von Fertig" scheint nicht fix und fertig zu sein, sondern ist mehr mit sich im Reinen. Eines seiner Ziele hat er bereits erreicht: Donald Trump, "America first", ist Präsident der USA, Boris Johnson, "No-deal-Brexiteer" ist "Noch-UK-Premier" und Dr. Angela Merkel, "Wir schaffen das", die Pfarrerstochter, bleibt weiterhin die deutsche Bundeskanzlerin.
Zwei davon sind demokratisch gewählte "Möchtegerne", die weiterhin noch gerne (machen) möchten, der Dritte im Bunde ist kein demokratisch Gewählter, aber dafür ein sehr großer, britischer Insel-Ego-Rabauke, der auch noch gerne weitermachen möchte.