Arnd Brummer über Ich-Bezogenheit und Selbstoptimierung

Vortrag im Egozentrum
Ehre dein Gegenüber, wenn du in den Spiegel schaust!
Deutschland spricht 2019

Als ich in der vergangenen Woche meinen Phrasendrescher reinigte, stieß ich zu meiner Überraschung auf folgenden Text eines Vortrags. Gehalten hat ihn ein Experte namens Fix von Fertig im Egozentrischen ­Institut einer mir unbekannten Hochschule für angewandten Narzissmus (EIHAN). Hier nun der Wortlaut:

"Warum denn auf einen Gott vertrauen? Auf irgendein unsichtbares Gegenüber, dessen Existenz vielfach behauptet, aber nie bewiesen ­werden konnte? Und dieses XY um ­Gnade oder Erlösung bitten? Weshalb ­Gnade? Ich habe doch nichts ver­brochen! Und Erlösung von den Übeln? Dann kann ich auch Globuli schlucken oder Astrologie treiben.

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Mein Name ist Fix von Fertig. Ursprünglich trug ich den Vornamen ,Felix‘. Als ich jedoch meine wahre Existenz erkannte, beschränkte ich ihn auf ,Fix‘. Ich lehre und praktiziere Autotherapie. Nein, ich heile keine Diesel! Und ich bin auch kein Fahrlehrer. Ich vermittle meinen Kunden, wie man ohne Alpträume und ­Flehen zum Himmel sich selbst zu dem macht, der man eben ist.

Immerhin habe ich aus der Bibel den Titel für mein Grundkonzept übernommen: die ,Zehn Gebote‘. Das hört und liest sich viel besser als ,Zehn Gebete‘. Den Text habe ich aber voll­ständig runderneuert. Im postreligiösen und postlogischen Zeitalter gelten 
andere Wahrheiten als die von Reli­gion und Wissenschaft behaupteten.

Jede und jeder ist so gut, wie sie oder er sein will

Das erste Gebot: ,Ich bin ich. Und die anderen sind anders.‘ Das zweite: ,Ich mache mit meinem Namen, was ich will. Fix und fertig!‘ Das dritte: ,Welche Tage ich feiere, ist allein meine 
Sache.‘ Das vierte: ,Wenn du vor dem Spiegel stehst, ehre dein Gegenüber!‘ Das fünfte: ,Töten interessiert mich nicht. Und mit mir selbst gehe ich pfleglich um.‘ Das sechste: ,In Beziehungen gilt: Hauptsache, ich hab’ Spaß!‘ Das siebte: ,Was ich will, bekomme ich.‘ Das achte: ,Ehrlich bin ich zu mir selbst.‘ Das neunte: ,Wo ich bin, bin ich.‘ Das zehnte: ,Wenn ich von anderen was haben will, dann kriege ich es auch.‘

Ob Leute, die meine Gebote lesen, verwirrt, verängstigt oder begeistert sind, ist deren Sache. Und ich beteilige mich auch nicht an der neuen Religion der dauernden Selbstoptimierung. Jede und jeder ist so gut, wie sie oder er sein will. Ob die Leute dazu Fleisch essen, Bier trinken oder Plastiktüten benutzen, ist nicht objekt- sondern subjekt-tief zu entscheiden. Da herrscht die gleiche Autonomie wie beim Rülpsen oder Furzen.

Ich habe auf meinem langen Weg ­
aus der elenden Bessermenschenwelt in die Egal-wie-Realität mit vielen 
Menschen tage- und nächtelang debattiert. Dabei habe ich oft erfahren, dass der Grund für das Suchen nicht das Finden einer Wahrheit ist, sondern die selbstbefriedigende Erkenntnis: Niemand ist so eifrig unterwegs wie ich! Und jene, die nicht mitgequatscht haben, wurden mit dem Hinweis abqualifiziert, dass sie keine Ahnung vom Leben hätten.

Mister President ist einer ­meiner besten Schüler

Umgekehrt wird ein Schuh da
r­aus: Wer macht, wozu er Lust hat und nicht ständig eine Begründung oder gar Rechtfertigung dafür sucht, ist näher am Glück. Und das heißt: Mein Zentrum ist mein Ego. Das ­habe ich bewusst so formuliert, weil es ja in der aufgeklärten Welt kaum etwas Verwerflicheres gibt als die ,Ego­zentrik‘.

Als Autotherapeut habe ich ­übrigens auch finanziell großen Erfolg. Meine ,Gebote‘ laufen als Keynotes in den USA im ,Best ­publishing‘-Bereich. Dazu hat vor allem beigetragen, dass einer meiner besten Schüler dort Präsident ge­worden ist. Ich warte nur darauf, dass er dies endlich mal in einer Twitterbotschaft offenbart. Donald Trump: ,Ich bekenne mich zu ,Fix und 
Fertig‘!‘ Und ich sorge dafür, dass das weltweit gilt! Best regards!"

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Lesermeinungen

"Fix von Fertig" scheint nicht fix und fertig zu sein, sondern ist mehr mit sich im Reinen. Eines seiner Ziele hat er bereits erreicht: Donald Trump, "America first", ist Präsident der USA, Boris Johnson, "No-deal-Brexiteer" ist "Noch-UK-Premier" und Dr. Angela Merkel, "Wir schaffen das", die Pfarrerstochter, bleibt weiterhin die deutsche Bundeskanzlerin.
Zwei davon sind demokratisch gewählte "Möchtegerne", die weiterhin noch gerne (machen) möchten, der Dritte im Bunde ist kein demokratisch Gewählter, aber dafür ein sehr großer, britischer Insel-Ego-Rabauke, der auch noch gerne weitermachen möchte.