Im Wald wohnen: Ein Paar zieht ins Forsthaus

Die Waldschrate
Die Waldschrate

Anne Schwalbe

Eine Robinie: Neuerdings setzt sich im europäischen Wald durch

Die Waldschrate

Von der Großstadt in die totale Ruhe: Sie zogen in ein altes Forsthaus und wollen nicht mehr weg.

Wenn beim Morgenkaffee das Käuzchen über sie hinwegschwebt. Wenn der Flieder blüht, die Kastanie ein ­Blätterdach bereitet, der Fuchs heiser bellt. Dann wissen Franziska Jebens und ihr Mann Carsten, dass sie alles richtig gemacht haben. 2007 hatten die Eltern, die Verwandten, die Freunde gesagt: Das ist doch verrückt! Ein 
marodes Forsthaus mitten im Wald bei Ludwigslust zu kaufen, zwölf Kilo­meter zum nächsten Supermarkt, Nachbarn nicht in Sicht – als Großstädter. "Aber da war dieses Gefühl, dass es richtig ist", sagt Franziska.

Eigentlich hatten sie nur einen ­ruhigen Ort gesucht, um dann und wann Hamburg entfliehen zu können. Sie begannen zu sanieren, und 2009 zogen sie, obwohl noch Baustelle, ganz ein. Carsten gab sein Möbelgeschäft auf und kümmerte sich nur noch ums Haus. Erst pendelte Franziska die gut 100 Kilometer, aber die Hektik der Stadt nervte sie zusehends. Sie kündig­te und arbeitet nun von zu Hause aus.

Franziska Jebens

Franziska Jebens, Jahrgang 1980, 
hat Modejournalismus studiert und in Hamburg, New York und Tokio gelebt. 
Ihr Buch "Kaffee mit Käuzchen – 
Unser Traumhaus im Wald" (Eden Books, 14,95 Euro) beschreibt ihren Weg von 
der Stadt in die Natur. Mit ihrem Mann Carsten hält sie Lesungen und Vorträge. Und sie arbeitet als Coach.
PrivatFranziska Jebens

Es gab viel zu lernen: Angst im Dunklen überwinden; dass der Brennholzstapel umfällt, wenn man ihn falsch schichtet; wie man Fleisch zerlegt, wie man einweckt oder Stämme entrindet, mit der Armbrust schießt. Dass man diese Insekten, die einen sommers gern am Haaransatz stechen, Gnitzen nennt. Und wie heißen noch mal diese Vögel mit den riesigen ­Flügeln, die so ulkig klingen wie Trompeten? Fernglas und Bestimmungsbuch, ach ja, Kraniche!

Franziska und Carsten werden langsam autark, die Solaranlage auf dem Dach liefert Strom, eigenes Holz die Wärme, der Brunnen vor dem Haus das Wasser. Dazu ein Gewächshaus und Carstens Jagdschein. Sie sind angekommen im Wald, zur Familie gehören noch Kater Clint und Schmiddie, die Hündin. Ab und an verirren sich ein Marder oder eine Kröte ins Haus, egal. Wo sie anfangs eher das Grobe sahen – Baum, Vogel, Reh, erfreuen sie sich heute an "Minikleinigkeiten", wie Franziska sagt. Die halb­tote Wildbiene mit Zuckerwasser auf­-päppeln. Und "juhu schreien, wenn das Gimpelpaar sich aus dem Nest traut". Verwaldschratung nennen sie das.

Sie haben Kiefernwald gekauft, der gerodet werden sollten

Wenn nur die Kahlschläge nicht wären: "Oft werden mehrere Hektar Wald am Stück abgeholzt. Das direkt zu erleben, die Maschinen kreischen, die Bäume im Sekundentakt zu Boden knallen hören, ist jedes Mal einfach nur furchtbar." Auch wenn sie weiß, dass Wälder eben bewirtschaftet werden. Vor fünf Jahren haben die beiden acht Hektar Kiefernwald dazugekauft, die auch gerodet werden sollten. Nun forsten sie auf: Eber­esche, Eiche, Roteiche, Birke, Pappel, Ahorn, Buche, Kiefer, Tanne, Lärche, Kräuter, Gräser, eingezäunt, damit die Rehe nicht alles wegfressen.

Die Sanierung hat über acht Jahre gedauert. Nun fehlen noch Steinbackofen oder Sonnendeck in den Baumwipfeln. Die Scheune könnte man restaurieren. Und die Leute, die das alles anfangs so verrückt fanden, fragen gern, wann ­
sie mal wieder zu Besuch kommen können.

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