Arnd Brummer über individuelle Freiheit

Im Büro nackte Männerbeine
Was mir missfällt, ist deshalb noch längst nicht "untragbar"

Machen wir’s kurz: 
Dürfen Männer wirklich mehr als Frauen? Die schneidige Ex-­Grüne Jutta Ditfurth schüttelt den Kopf. Und sie fordert in dem vom Klimawandel und hohen Sommertemperaturen gequälten Deutschland: Auch Männer sollen mit kurzen Hosen und barfuß in Sandalen gehen dürfen. Bei der Arbeit nur graue Anzüge, geschlossene Hemden, Krawatten und Halbschuhe? Aus und vorbei! Die Gleichheit der Geschlechter liegt in der Freiheit und nicht in der Vernormung.

Arnd Brummer

Arnd Brummer ist  geschäftsführender Herausgeber von chrismon. Von der ersten Ausgabe des Magazins im Oktober 2000 bis Ende 2017 wirkte er als Chefredakteur. Nach einem Tageszeitungsvolontariat beim "Schwarzwälder Boten" arbeitete er als Kultur- und Politikredakteur bei mehreren Tageszeitungen, leitete eine Radiostation und berichtete aus der damaligen Bundeshauptstadt Bonn als Korrespondent über Außen-, Verteidigungs- und Gesellschaftspolitik. Seit seinem Wechsel in die Chefredaktion des "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatts", dem Vorgänger von chrismon im Jahr 1991, widmet er sich zudem grundsätzlichen Fragen zum Verhältnis Kirche-Staat sowie Kirche-Gesellschaft. Seine besondere Aufmerksamkeit gilt kulturwissenschaftlichen und religionssoziologischen Themen. Brummer schrieb ein Buch über die Reform des Gesundheitswesens und ist Herausgeber mehrerer Bücher zur Reform von Kirche und Diakonie. 
Lena Uphoff

Selten, höchst selten habe ich eine Aussage von Jutta Ditfurth mit solch großer Zustimmung zur Kenntnis genommen. Nicht nur Gedanken sind in einer offenen Gesellschaft frei. Wer morgens vor dem Kleiderschrank steht, sollte unabhängig vom Geschlecht entscheiden dürfen, was er oder sie für "tragbar" im eigentlichen Sinne des Wortes hält. Lediglich seinem Ge­wissen muss ein Mensch gehorchen.

Erschrecke ich meine Kolleginnen und Kollegen mit meinen Klamotten? Fordere ich sie heraus? Bedränge ich sie?

Individuelle Freiheit ist ein hohes Gut

Wenn ich morgens in der Straßenbahn sitze, befällt mich oftmals die Gier 
nach herrschaftlicher Macht. Um mich 
herum sitzen und stehen Menschen, die ihre Körper mit Tätowierungen übersät haben. Bei attraktiven Frauen und Männern erschüttert mich ihre 
Lust, sich mit hässlichen Bildern und Texten auf der Haut abzuwerten. Und bei eher unansehnlichen Zeitgenossen ärgert mich die provokative Haltung, ihr abstoßendes Äußeres noch zu verstärken. Ich würde, wenn ich dürfte, sofort jede Art von Tätowierung bei Strafe untersagen. Darf
 ich aber nicht – und das ist auch gut so.

Die individuelle Freiheit ist ein ­hohes Gut. Menschen, die zum Beispiel in China unter sozialistischen Herrschern gezwungen waren, im Mao-Look alle gleich auszusehen, ­haben diese schmerzlich vermisst.
Dabei geht es keineswegs nur um Äußerlichkeiten. Die persönliche Entscheidung, was für mich gut und ­richtig oder schlecht und falsch sei, gilt für alle Fragen der Existenz.

In Verschiedenheit und Vielfalt Gemeinschaft üben

So freut es mich, dass im Deutschen Bundestag Menschen einem Gesetz widersprechen, das jede und jeden automatisch zum potenziellen Organspender macht, falls er dies nicht amtlich mit Unterschrift verneint. Es mag vernünftig und human sein, alle Schwestern und Brüder aufzufordern, im Falle des sogenannten Hirntodes Innereien zu spenden, um andere am Leben zu halten. Eine gesetzliche Pflicht ist absolut illiberal. 


Das menschliche Miteinander in ­einer offenen Gesellschaft bedeutet: Wir wollen in Verschiedenheit und Vielfalt Gemeinschaft üben. Dass zahlreiche Rednerinnen und Redner diesen Aspekt zum 70. Geburtstag ­
des Grundgesetzes hervorgehoben ­haben, finde ich höchst erfreulich. Dass dies, wie in den zitierten Fällen, 
zu Streit führt, begründet die Existenz einer parlamentarischen Demokratie. 
Das Wort "Debatte" kommt vom fran­zösischen Verb "débattre", was ­"schlagen" und "streiten" bedeutet.

Kurze Hosen im Büro sind eine persönliche Entscheidung

Bisweilen höre ich Leute über Parla­mente klagen: "Die streiten doch da bloß rum." Dann kann ich den Mund nicht halten und mische mich ein: Wenn Argumente aufeinanderprallen 
und am Ende eine Mehrheit ohne ­Gewalt entscheidet, ist das der einzig ­vernünftige Weg in einer Gemeinschaft. So muss ich aushalten, dass sich eine Mehrheit für Organspende- und Impfpflicht, für Tempolimits etc. ausspricht.

Kulturelle Themen sollten jedoch grundsätzlich der persönlichen Entscheidung überlassen bleiben. Dazu zählen Klamotten, die wir am Arbeitsplatz tragen, und – leider, leider – auch Tattoos. Ich war übrigens noch nie in kurzen Hosen im Büro und werde dies auch in Zukunft nicht sein. Dennoch: Danke, Jutta Ditfurth! Wir fordern Hosenfreiheit!

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Lesermeinungen

Arnd Brummer betont zu recht, daß die individuelle Freiheit ein hohes Gut ist.
Das aber gilt gleichermaßen für Mitmenschen, die den Anblick nackter Männerbeine in
Sandalen ertragen müssen. Ob Kollegen sich erschreckt, herausgefordert oder bedrängt fühlen,
kann nicht das eigene Gewissen entscheiden. Dafür gibt es soziale Spielregeln des Benehmens.
Ich fühle mich in Theater, Konzert, Oper unwohl unter schlecht gekleideten Menschen; im
Restaurant schmeckt mir das Essen nicht, wenn am Nebentisch über Darmspiegellung oder
Ausschabung berichtet wird. Gutes Benehmen ist keine Behinderung der individuellen Freiheit,
sondern Schmierstoff zwischenmenschlichen Miteinanders. Deshalb geht ja Arnd Brummer selber
nicht mit kurzen Hosen ins Büro. Gut so!

Vielleicht war es ein Wortstellungsfehler und es hätte heißen sollen: "im Falle des Hirntodes sogenannte Innereien zu spenden". Laut Wikipedia gilt: "Innereien ist der küchensprachliche Sammelbegriff für die essbaren inneren Organe von Schlachttieren, Wild und Geflügel. Die wichtigsten Innereien sind Herz, Leber, Niere, Zunge, Magen, Kalbsbries, Kutteln, Hirn, Euter und Lunge. In Bayern und Österreich wird auch das Zwerchfell als „Kronfleisch“ angeboten." Auf jeden Fall Dank an G.L., hierauf aufmerksam gemacht zu haben.

Mahlzeit allerseits!

Max Zirom