Der ARD-Vorsitzende Ulrich Wilhelm über Fake-News und Qualitätsjournalismus

Ein neuer Wurf
Standpunkt - Ein neuer Wurf

Francesco Ciccolella

Standpunkt - Ein neuer Wurf

Europa verspielt seine Souveränität im digitalen Raum. Eine europäische Plattform 
für Qualitätsjournalismus könnte gegensteuern

Vorgelesen: Standpunkt "Ein neuer Wurf"

Tatsachen schafft man nicht dadurch aus der Welt, dass man sie ignoriert. Dieses Zitat, das dem britischen Schriftsteller Aldous Huxley zugerechnet wird, gilt auch für die Digitali­sierung. Der tiefgreifende Wandel, der mit ihr einhergeht, ist eine Tatsache. Viele Veränderungen laufen in sehr kurzer Zeit ab. Wichtig ist, dahinter­zublicken und die Folgen zu bedenken, die der digitale Wandel für jeden von uns hat – privat wie beruflich.

Ulrich Wilhelm

Ulrich Wilhelm, Jahrgang 1961, Jurist und Journalist, 
ist seit 2011 Intendant des Bayerischen Rundfunks, seit dem 1. Januar 2018 auch Vorsitzender 
der ARD. Zuvor war 
er Chef des Bundespresseamts und ­Regierungssprecher. Sein journalistisches Handwerk hat er 
in der Deutschen ­Journalistenschule, München, gelernt.
Stefan BrendingUlrich Wilhelm

Ärzte setzen auf Telemedizin, ­Apotheker nutzen digitale Datenbanken, Architekten drucken Arbeitsmodelle mit dem 3-D-Drucker. Und kaum eine Branche kann es sich mehr leisten, auf einen eigenen Auftritt in den sozialen Medien zu verzichten.

Die digitale Revolution ist vielleicht einer der größten Umbrüche in der Menschheitsgeschichte, eine regelrechte Zeitenwende, wie der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Martin Stratmann formuliert hat. So verändert 
sich auch die Welt der Medien in rasen­dem Tempo – mit faszinierenden neuen Möglichkeiten und Chancen für die Art und Weise, wie wir kommunizieren. Aber freilich auch mit Risiken und weitreichenden Folgen für den ­gesellschaftlichen Zusammenhalt.

Heute kann jeder, der ein Smartphone besitzt, selbst Inhalte produzieren und so zum "Medienmacher" werden – schnell, unkompliziert und ohne dafür viel Geld in die Hand zu nehmen. Das hat auch problematische Seiten. Während bei den Inhalten auf diese Weise eine unendlich große Vielfalt entsteht, gilt bei den An­bietern der Netzinfrastrukturen das Gegenteil. Hier herrscht Marktkonzen­tration. Das Internet und damit die Verbreitung von Inhalten wird seit mehr als einem Jahrzehnt von nur wenigen amerikanischen Anbietern, vor allem aus dem Silicon Valley, 
dominiert: von Facebook als sozialem Netzwerk etwa, Amazon als Onlinehändler, Youtube als Videodienst­­
leis­ter und Google als Suchmaschine.

Algorithmen steuern unsere Wahrnehmung

Eine wichtige Rolle auf diesen Plattformen spielen dabei sogenannte Algo
rithmen, die unsere Wahrnehmung steuern und so programmiert sind, dass sie ständig selbst dazu­lernen. Sie bestimmen maßgeblich, welche Inhalte uns überhaupt erreichen, ­etwa welches Buch beim Onlinekauf empfohlen, welche Werbung angeboten wird oder welche Videos und Informationen im Internet angezeigt werden. So werden Netzinhalte wie in Filterblasen vorsortiert, eben vor allem nach persönlichen Vorlieben und Interessen, die ein Nutzer gezeigt hat. Danach richten sich dann die Empfehlungen der Algorithmen.

Zugleich beruhen die Algorithmen der US-Anbieter auf einem Geschäftsmodell, das zugespitzte Inhalte im Netz stärker verbreitet als ausgleichende Botschaften. Denn: Je aufputschender und emotionaler ein Inhalt ist, desto verlässlicher wird er geteilt und findet seinen Weg zum Nutzer. Falschnachrichten verbreiten sich schneller und wirksamer als sachliche Nachrichten. Alles, was Aufregung und Überraschung erzeugt, findet automatisch mehr Beachtung.

Falschnachrichten haben es leicht

Die US-Plattformen unterscheiden zudem nicht zwischen wahren und falschen Informationen. So finden sich dort auf gleicher Ebene neben Fakten und ordentlich recherchierten Geschichten auch Lügen, Propaganda, Hass und Verleumdung. Der Leser, die Leserin muss selbst einschätzen, ob es sich jeweils um gesicherte oder manipulierte Inhalte handelt. Verständlich, 
dass Falschnachrichten in einem ­solchen Umfeld ein leichtes Spiel ­haben und sich in Windeseile auf der ganzen Welt verbreiten können.

All dies verändert unsere Gesellschaften. Denn wenn sich Menschen immer häufiger nur mehr in Filterblasen im Netz bewegen, wenn wir nur noch zur Kenntnis nehmen, was uns in unserer eigenen Meinung bestärkt, dann schwindet der Zusammenhalt, und der öffentliche Raum zerfällt in viele Teil-, Unter- und Gegenöffentlichkeiten.

Das birgt soziale und politische Gefahren. So finden etwa antisemitische Äußerungen im Netz rasche Verbreitung. Die Polarisierung nimmt zu, der Umgang miteinander verroht, Hassparolen ersetzen gegenseitigen Respekt. Dabei sind die Quellen und die Verantwortlichen für hetzerische Äußerungen oft nicht auszumachen.

Den öffentlichen Raum schützen

Europa ist in Gefahr, seine Sou­veränität im digitalen Raum zu ver­lieren. Umso wichtiger ist es, dass wir in Deutschland und Europa den öffent­lichen Raum schützen, denn er 
ist unerlässlich für die Demokratie. ­De­
mokratische Gesellschaften ­brauchen einen gemeinsamen, offenen, transparenten und integrierenden Raum für politische Diskussion und Meinungsbildung, für den Austausch von Argumenten im permanenten Ringen um Konsens. Unser Kontinent hat in den vergangenen 70 Jahren bewiesen, dass er mit den europäischen Werten des Zusammenhalts, der Pluralität und des Ausgleichs Frieden und Wohlstand schaffen kann.

Um diese Errungenschaften zu ­erhalten, ist es mit Regulierung allein nicht getan. Wir benötigen zusätzlich eine Infrastruktur, die nicht den Hass verstärkt, sondern den gesellschaftlichen Zusammenhalt fördert und unseren europäischen Werten und Regeln folgt. Um der Übermacht US-amerikanischer Geschäftsmodelle etwas entgegenzusetzen, werbe ich ­daher für eine eigene digitale Infrastruktur in Europa – eine Art Plattform für Anbieter von Qualitätsinhalten als europäisches Gegenstück zu Youtube, mit Elementen sozialer Medien wie ­Facebook und einer guten Suchfunktion. Dort könnten öffentlich-rechtliche wie private Rundfunkanbieter, Verlage, aber auch Institutionen aus Wissenschaft und Kultur wie Universitäten, Bibliotheken, Theater, Museen und viele andere Inhalte einbringen.

Ein vertrauenswürdiges Umfeld schaffen

Eine solche digitale Infrastruktur würde ein vertrauenswürdiges Umfeld mit einer transparenten Datennutzung schaffen. Eine solche Plattform würde nach meinem Verständnis auch einen Beitrag zur Toleranz und zum interreligiösen Austausch leisten. Beides ist essenziell für ein friedliches Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Kirchen und Religionsgemeinschaften hätten die Chance, ein breites Publikum zu erreichen, Einblick in ­ihre Werte und Sichtweisen zu geben.

Religionen formulieren auf viele elementare Fragen des Lebens konkrete Antworten. Antworten, mit denen nicht jeder einverstanden sein muss, aber mit denen man sich aus­einandersetzen kann, die einen persönlich bereichern, kulturell bilden und sozial prägen können – wenn man 
sie in ihrer Vielfalt und Unterschiedlichkeit kennt und besser versteht.

Eine europäische Antwort auf das Silicon Valley

Der Mehrwert für die Anbieter von Inhalten im Netz bestünde in großer gemeinsamer Reichweite, für die Nutzer läge er insbesondere in einem verantwortungsvollen Umgang mit ihren Daten. Nutzer könnten darauf vertrauen, dass sie auf einer solchen Plattform Qualitätsinhalte geboten 
bekommen in einem Umfeld, das nicht auf Polarisierung setzt.

Es geht mir hier nicht um ein Projekt der ARD oder des Rundfunks, sondern um eine 
gesellschaftspolitische Aufgabe. Daher muss auch die Politik die Initiative ergreifen – am besten Deutschland und Frankreich gemeinsam. Weitere Länder könnten hinzukommen. Am Ende sollte ein großer europäischer Wurf stehen, so wie Airbus einst die europäische Antwort auf Boeing war. Auch in den USA ist das Silicon Valley nicht allein durch unternehmerische Vision und Wagemut entstanden, sondern durch Industriepolitik beziehungsweise öffentliche Förderung unterstützt worden. Das technologische Know-how jedenfalls ist in Europa vorhanden, hier haben wir ein hervorragendes Potenzial.

Ich bin überzeugt, dass eine europä­ische digitale Infrastruktur zu organisieren wäre. Wichtig ist, dass ein politischer Gestaltungswille dahintersteht. Denn auch hier gilt: Tatsachen schafft man nicht aus der Welt, indem man sie ignoriert.

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Lesermeinungen

Herr Wilhelm bringt es gut auf den Punkt. Wie kann der mündige Bürger ein solches - dringend notwendige - Projekt vorantreiben?
Wenn Sie da eine Idee hätten ?