Ursula Ott erledigt die Start-up-Kultur

Der Silicon Valley Speak
chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Foto: Katrin Binner

chrismon-Chefredakteurin Ursula Ott

Die Grünen sind ein Start-up? Ursula Ott sieht das anders. Dann sind das evangelische Jugendgruppen und die Steuererklärung auch

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat in der Süddeutschen Zeitung behauptet, die Grünen in ­Baden-Württemberg seien ein Start-up. Heidenei, würde der Schwabe sagen. Im Silicon Valley ist ein Start-up dann, wenn blasse Jungmänner (es sind nur Jungmänner) in schlecht beheizten Garagen (es können auch Keller sein) sitzen und sich von Cola in Pappbechern ernähren (es kann auch Cola light sein). Hauptsache, nix ist verboten, „don´t ask for permission, just ask for forgiveness“.  Grün in BaWü ist hingegen, wenn die RednerInnenliste quotiert und ansonsten sehr viel verboten ist. Limonade in der Schule, Plastiktüten, Rauchen, Nachtflüge und Glyphosat. Ich finde übrigens die meis­ten Verbote davon richtig, vor allem das mit den Plas­tiktüten, drum würde ich ja auch Herrn Kretschmann wählen und nicht Herrn Zuckerberg. Aber was ist an den Grünen „Start-up“?

„Es geht darum, sich große Ziele zu setzen und an denen dran zu bleiben, bis man sie erreicht hat.“ Naja, dann sind meine zwei Kinder, die Auflage von chrismon und meine Steuererklärung auch ein Start-up.

Alles ist jetzt Start-up. „Jeder Künstler ist ein Start-up-Unternehmer“, sagt der Leipziger Galerist Gerd Harry Lybke. „Er geht jeden Tag ins Atelier und stellt eine Behauptung auf. Und die wird am nächsten Tag überprüft.“ Bravo! So hat die Menschheit seit Jahrtausenden ihren Erkenntnisgewinn vergrößert ‒ ohne diesen albernen Silicon Valley Speak. Aber so ist es in der ­Kultur- und Medienszene. Die eine Hälfte war in Palo Alto und muss danach wenigstens einen Seiten­flur im alten deutschen Bürogebäude zum „Start-up“ umdübeln. Die andere Hälfte war noch nicht da, kauft aber schon mal eine Tischtennisplatte und redet von Disruption.

Da will unsere Kirche natürlich auch mitspielen. „Start-up“ heißen neuerdings Jugendgruppen von Bebra bis Hannover. Und das ist schon wieder rührend. Das mit den Tischtennisplatten in schlecht beheizten Gemeindekellern hieß früher Jungschar. Jugendliche setzten sich große Ziele und stellten viele Behauptungen auf. War immer so. Jetzt noch paar Mädels dazu und viel forgiveness  ‒ fertig ist die evangelische Jugendgruppe 4.0. Schon doll, diese neue Start-up-Kultur.

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