Gefährliche Wölfe schneller zum Abschuss freigeben?

Gefährliche Tiere töten, die Art weiter schützen
Der Streit um den Abschuss einzelner gefährlicher Wölfe nimmt hysterische Züge an.

Ich weiß es noch genau;  Berichte aus Polen: Die Wölfe sind zurück. Das Sinnbild einer wilden, unregulierbaren Natur war wieder da. Eine Freundin von mir machte sich gleich auf den Weg und wanderte mit einer Reisegruppe auf den Spuren der Felltiere. Echtes Namibia-Feeling sei das gewesen, schrieb sie mir auf einer Postkarte zurück: wilde Tiere in wilder Natur.    

Dorothea Heintze

Dorothea Heintze ist in ihrer Jugend sehr oft mit ihrem Pferd durch die Lüneburger Heide geritten. Das scheute schon bei jedem Eichhörnchen... Wölfe vor den Hufen? Nein, vielen Dank!
Lena UphoffDorothea Heintze


Empört verfolgte ich, wie gleich mal wieder so ein paar Miesmacher in Deutschland vor den Gefahren warnten. Fand ich total daneben, typisch deutsches Bedenkenträgertum.

Sogar ein Pony wurde schon gerissen

Mittlerweile sind ein paar Jahre vergangen und Wölfe gibt es nun auch bei uns, mitten in Deutschland. Ich lebe in Hamburg. Um die 20 Rudel zählte man jetzt allein in Niedersachsen, vor allem in der Lüneburger Heide.

Lüneburger Heide? Moment mal – da gehe ich oft spazieren, früher bin ich dort viel geritten. Ich lese und höre Berichte von verängstigten Schäfern, von verbluteten Schnucken und von Existenzängsten. Sogar ein Pony wurde schon gerissen. Ich stelle mir vor, ich habe eine Tochter, und die findet am Morgen auf dem Weg zu Schule ihr verblutetes Pony auf der Weide... gruselig.

Weit weg ist der Wolf okay – aber bei mir vor der Haustür nicht?

Also, was denn nun? Weit weg ist der Wolf prima, hier bei mir vor der Haustür nicht? Genau so ist es. Denn die Ostgrenze von Polen oder auch die italienischen Abruzzen, wo der Wolf nie ausgestorben war, sind weniger eng besiedelt als die Lüneburger Heide oder Dithmarschen, wo seit Anfang des Jahres regelmäßig Schafe gerissen wurden, darunter auch trächtige Mutterschafe. Nun fürchten deren Schäfer, dass andere Muttertiere aus Stress und Angst ihre Lämmer "verwerfen". Finanzielle Entschädigungen bei toten und verletzten Tieren gibt es für sie nur, wenn sie nachweisen können, dass sie ihre Schafe geschützt haben. Als wenn ein Wanderschäfer tonnenschwere Weidezäune immer mit sich auf dem Rücken herumschleppen könnte! Es ist ein Skandal, wie man diese engagierten und oft sehr naturverbundenen Menschen und ihre Tiere mit der plötzlichen und ungewohnten Bedrohung alleinlässt.

150 Jahre lang war der Wolf in Deutschland fast ausgerottet. Vor 18 Jahren kamen in der sächsischen Lausitz zum ersten Mal wieder Wolfswelpen in freier Natur auf die Welt. Seither steigt der Wolfsbestand um fast 30 Prozent pro Jahr in ganz Deutschland an, Fachleute sprechen von einem "dynamischen Wachstum". An die 1000 Tiere sind es wohl mittlerweile, vor allem in Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommer und Bayern. Sie alle werden überwacht – aber sie alle stehen unter dem maximalen Naturschutz, den dieses Land zur Verfügung hat.

Normale Jäger sind bei der Jagd auf den Wolf völlig überfordert

Selbst wenn durch Gentests klar ist, dass ein und derselbe Wolf mehrere Tiere gerissen hat – so geschehen in Nienburg im sogenannten Rodewalder Rudel – dauert es manchmal Wochen und Monate, bis ein Wolf zum Abschuss freigegeben wird. Völlig unabhängig davon, dass man das Tier erst mal finden und zweifelsfrei identifzieren muss. Geschossen werden darf es dann nur von speziellen Fachleuten. Ein Freund von mir ist Jäger: Der sucht seit Wochen nach einem verwundeten Fuchs im Revier. Jagd auf einen Wolf? Das könnte er, der Hobbyjäger, überhaupt nicht leisten.

Ich bin nicht dafür, dass der Wolf wieder ganz aus Deutschland vertrieben wird, aber ich bin dafür, dass Behörden schneller handeln und rasch Abschussgenehmigungen erteilen, wenn Haustiere gerissen werden. In der emotional aufgeheizten Situation zwischen fanatischen Wolfshassern ("blutrünstige Bestie") und ebenso fanatischen Naturromantikern ("Der Wolf versöhnt uns mit der Natur") muss es eine klare Haltung geben: Beim Artenschutz geht es nicht um den Schutz des Individuums, sondern eben um den Schutz der Art. Es ist ein Erfolg des Naturschutzes, wenn wieder Wölfe in Deutschland leben – doch es müssen nicht pro Jahr 30 Prozent mehr Tiere sein. Und da, wo es viele Schäfer und Schafherden gibt, und überhaupt in dicht besiedelten Regionen – da hat der Wolf nichts zu suchen.

 

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Lesermeinungen

Hier erfolgt eine platte Umkehrung. Die Hysterie für Wolf und Luchs geht doch von denen aus, die beide Raubtiere haben wollen. Wolf und Luchs sind keine "heiligen Tiere". Sie wurden nicht grundlos ausgerottet, sie mussten dem Bevölkerungsdruck weichen. Man leistet sich grüne Einfältigkeit unter der Rubrik "früher war alles besser und schöner". Selbstverständlich ist die Natur zu schützen. Wer stellt denn so was infrage? Aber wir brauchen weder Wolf noch Luchs für unser gesellschaftliches Seelenheil. Was wir und die Welt brauchen, ist eine intakte Natur, die uns auch künftig mit gesunder Luft versorgt und mit gutem Boden die Lebensgrundlagen sichert. Dazu gehören Wolf und Luchs nun wirklich nicht. Da werden großartige Wolf + Luchs-Managementpläne in Koalitionsvereinbarungen gefordert, entwickelt, bezahlt und dazu für Kinder Blütenträume versprochen. Es werden BAB-Grünbrücken für Abermillionen gebaut, über die die gewünschten Tiere nie laufen. Und wenn dann doch einmal ein Fuchs die Brücke nehmen sollte, dann kostet seine Passage Millionen und obendrein die Erhaltungskosten. Haben diese Personen nicht andere Sorgen? Welche Tiere, Pflanzen und gar noch Pestilenzen sollen denn wieder bei uns Einzug halten? Hat man denn immer noch nicht gelernt, welche Schäden der süße Waschbär ohne natürliche Feinde als Nesträuber bei uns anrichtet? Wir haben bereits über 1000 überaus lernfähige Wölfe, die schon bemerkt haben, wo sie am leichtesten fündig werden können. Auch ein Luchs hat bereits im Pfälzer Wald Ziegen gerissen. Welcher Riss, welches Unglück muß denn erst noch geschehen, damit sich dann die Schuldigen aus dem Staube machen und den Menschen die Schuld dafür geben, dass sie mit diesen Wildtieren nicht umgehen können? Das sind doch die Gleichen, die uns den Biodiesel so wärmstens empfohlen haben und jetzt den dafür unsinnigen Landverbrauch beklagen.