E-Mail aus Caracas

Wirtschaftskrise und kein Ende
Eingehüllt in die Flagge der Heimat: Venezolaner in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá

Juan Torres Padilla/Getty Images

Eingehüllt in die Flagge der Heimat: Venezolaner in Kolumbiens Hauptstadt Bogotá

BOGOTA, COLOMBIA - OCTOBER 02: A Venezuelan refugee wears a jacket of the Venezuelan national flag at an informal refugee camp called "El Bosque" on October 2, 2018 in Bogota, Colombia. A group of Venezuelans who fled their country due to the crisis, have set up tents behind a bus station in search of food and sleep. The informal camp, called 'El Bosque' has become the meeting point for many Venezuelans. (Photo by Juancho Torres/Getty Images)

Venezuela ist zum Auswanderungsland geworden. Arno Erdmann von der deutschsprachigen Gemeinde beobachtet das mit Sorge.
Deutschland spricht 2019

Es ist unfassbar, was innerhalb weniger Jahre aus diesem Land geworden ist. Venezuela stand für stabile Verhältnisse, gute Gesundheitsversorgung, hatte das modernste Verkehrsnetz Lateinamerikas. Wenn ich heute durch die ­Straßen fahre, muss ich auf Schlaglöcher aufpassen. 
Öffentliche Verkehrsmittel gibt es 
kaum noch, die Menschen steigen stattdessen in Viehtransporter. 
Im Müll sehe ich Kinder und Halbwüchsige auf allen Vieren kriechen, auf der Suche nach Essbarem. 
Angesichts der Inflation können sich viele Menschen die wenigen Lebensmittel in den Supermärkten nicht leisten. Zwar gab es im August eine Währungsreform. Ein Karton Eier ­kostete danach nicht mehr sieben 
Millionen Bolívares, sondern 70 ­"souveräne Bolívares". Aber jetzt, drei Monate später, bezahlt man dafür schon wieder das Vierfache.

Arno Erdmann

Arno Erdmann ist ordinierter Pfarrer, aber arbeitet als Kaufmann und engagiert sich ehrenamtlich in der deutschen Gemeinde in Caracas.
PrivatArno Erdmann

Mehrere Millionen Venezolaner sind schon ausgewandert, vor allem in andere lateinamerikanische Länder. 
Fast jede Familie, die ich kenne, ist betroffen. Es gehen vor allem die ­jungen Leute. Die Älteren und ­Schwächeren kümmern sich um die Enkel und die Wohnungen. Sie können nur über­leben, wenn ihre Angehörigen ihnen ausländisches Geld schicken. Viele Ärzte und andere Dienstleister ­nehmen ohnehin nur noch Devisen. Medikamente gibt es kaum mehr.

Der Exodus betrifft auch unsere 
deutsche Gemeinde. Bis zu 2000 Mitglieder hatten wir in den 1970er ­Jahren. Zurzeit sind es 150, von denen nur 30 den Gemeindebeitrag zahlen können. Trotzdem werden wir auch dieses Jahr einen Weihnachtsmarkt veranstalten und mit dem Erlös so­ziale Projekte unterstützen. Bei allem Elend beobachte ich: Viele, die selber nur das Nötigste haben, helfen an­deren und haben etwa Tauschbörsen für Lebensmittel oder Medikamente eingerichtet. Die Solidarität unter den Menschen ist gewachsen.

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