Irak: Nach dem Krieg gegen den IS

"Die Leichen müssen weg"
Atemschutz hilft kaum gegen den Leichegeruch

Vincent Haiges

Der Atemschutz hilft kaum gegen den Geruch der Verwesung. Aber diese jungen Frauen und Männer wollen, dass ihre Stadt wieder bewohnbar wird

Atemschutz hilft kaum gegen den Leichegeruch

Mossul ist zurückerobert. Die Stadt ist ein Trümmerfeld. Und die 
Behörden kommen mit ihrer Arbeit nicht voran. Nun haben junge Iraker angefangen, selbst die Toten des Krieges zu bergen

Er steckt fest", sagt der junge Mann, während er Brocken für Brocken zur Seite räumt. Das Fußgelenk des Skeletts klemmt in den ­Trümmern. Der Körper hängt vor­n­übergebeugt, der rechte Arm angewinkelt vor dem Kopf, als habe sich dieser Mensch in den ­letzten Augenblicken seines Lebens noch vor dem Bombenhagel schützen wollen.

"Haben wir keine Säcke mehr?", fragt Haytham al-Hamdani und schaut sich um. "Dann nehmt ihn so mit." Zwei der Helfer ziehen. Mit einem Ruck befreien sie den Fuß. An Armen und Beinen schleifen sie den Toten Richtung Straße.

Eine Szene vom Mai 2018. Al-Hamdani, ein dürrer 25-Jähriger mit nasaler Stimme, war einer von etwa 30 Freiwilligen, die damals in der zerstörten Stadt Mossul Leichen aus dem Schutt bargen. Warum sie das taten? "Weil es sonst niemand tat."

Krieg hinterlässt gefährliche Trümmerwüste

Am 10. Juli 2017 hatte der irakische ­Premierminister Haider al-Abadi das Ende der Schlacht um Mossul verkündet. Dort hatte sich zuvor die Terrorgruppe "Islamischer Staat" verschanzt. Fast ein Jahr hatte es gedauert, bis irakische Armee, kurdische Peschmerga, schiitische Milizen und eine internationale Koalition die Stadt zurückerobern konnten.

Der Krieg um die Stadt hinterließ eine Trümmerwüste. Und unter dem Schutt ­liegen bis heute scharfe Sprengfallen, selbst ge­bastelte Bomben und Handgranaten. Leichen ehemaliger IS-Kämpfer hatten Sprengstoffgürtel am Körper, die teils auch heute noch scharf sind – ebenso wie die Autobomben, die man unter den Trümmern vermutet.

Damit das Leben in der Stadt weitergehen kann, müssen zunächst die zahllosen Leichen beseitigt werden, eine gefährliche Aufgabe. Und niemand weiß, wie viele tote Zivilisten und Kämpfer dort liegen. Die Nachrichten­agentur Associated Press (AP) geht von insgesamt etwa 9000 toten Zivilisten aus – einschließlich derer, die vom Islamischen Staat getötet wurden.

Meret Michel

Meret Michel ist freie Journalistin und lebt 
in Beirut. Dieses Jahr reiste sie mehrmals nach Mossul, um über das Leben in 
der Stadt nach dem Krieg 
zu schreiben.
PrivatMeret Michel

Etwa 2600 tote Zivilisten will der irakische Zivilschutz bis September 2017 geborgen haben. Doch Mitte Januar 2018 stellte er die Arbeit ein. Für die übrigen Toten, angeblich alle IS-Kämpfer, fühlte er sich nicht zuständig. Man wolle keine Ressourcen für die Leichen des Feindes verschwenden, sagte der verantwortliche ­General Mohammed Mahmoud einer Nachrichtenagentur. Ein richtiges Begräbnis gönne man ihnen erst recht nicht.

Beißender Geruch verwesender Leichen

Also begannen die zurückkehrenden Bewohner, die Leichen selbst zu entsorgen – vor allem in den besonders hart umkämpften Vierteln der Altstadt. Manche verschütteten sie in den Bombenkratern oder zündeten ­
sie an. Andere mühten sich, die Leichen aus der Stadt zu bringen, so auch Haytham al-Hamdani und mit ihm die 30 anderen ­jungen Leuten. Während der drei Jahre, in denen die Terrorgruppe Islamischer Staat Mossul beherrscht hatte, waren Haytham al-Hamdani und seine Frau Sroor al-Hossaini in der Stadt geblieben. Als die Armee ihr Viertel eingenommen hatte, meldeten sich beide freiwillig als Krankenpfleger an die Front.

Nach dem Krieg zog der Gestank verwesender Leichen durch die Viertel. Und niemand ­kümmerte sich. Drei Monate nach der Be­freiung, im Oktober 2017, fingen al-Hamdani 
und al-Hossaini schließlich selbst an, die ­Toten aus den Trümmern zu bergen. "Die verwesenden Leichen können Krankheiten übertragen, wenn man sie einfach liegen lässt", sagt Haytham al-Hamdani. Mehrmals pro Woche ging er mit seiner Frau und den ­an­deren Freiwilligen, die sich ihnen angeschlossen hatten, in das am meisten zerstörte Altstadtviertel al-Midan. Bis Mai 2018 hätten sie rund 1300 Leichen aus dem Schutt ge­zogen, sagt al-Hamdani, "zehn bis zwanzig Prozent davon Zivilisten." Der Mundschutz hilft kaum gegen den beißenden Geruch der Verwesung. Vor allem in der Sommerhitze war der Gestank unerträglich.

Im April 2018 begann das Gesundheitsministerium, Leichensäcke zur Verfügung zu stellen. Die vollen Säcke deponierten die jungen Leute am Straßenrand. Von dort holte sie das Gesundheitsministerium ab, angeblich, um sie im Leichenhaus mit Hilfe von DNA-Proben zu identifizieren. Tatsächlich aber, glaubt al-Hamdani, verschütteten sie die Toten, ohne sie zu identifizieren, in einem Massengrab außerhalb der Stadt.

Arbeit der Freiwilligen ist umstritten

Belkis Wille, für den Irak verantwortliche Rechercheurin bei Human Rights Watch, weiß auch, dass die Leichen geborgen werden müssen. Doch wenn etwas darauf hindeute, dass an einem Ort ein Gewaltverbrechen geschehen sei, zum Beispiel Exekutionen, die mit Kampfhandlungen nichts zu tun hatten, müsse das untersucht werden, sagt sie. Mit den Leichen verschwänden unter Umständen auch Beweise. Und die irakische Regierung habe wenig Interesse daran, dass mögliche Verbrechen in Mossul aufgeklärt werden, ­insbesondere die Verbrechen der Armee.

Einmal stieß al-Hamdani mit seinem Team auf einen Kellerraum mit rund 150 Leichen, darunter Frauen und Kinder. Ein Kamerateam des irakischen Fernsehens war dabei. Die ­Freiwilligen bargen einen Teil der Leichen – dann kam der Inlandgeheimdienst und entfernte die Übrigen. "Die Freiwilligen, so ehrenhaft ihre Arbeit grundsätzlich ist", sagt Belkis Wille, "helfen der irakischen Regierung, mögliche Beweise verschwinden zu lassen."

Polizei verhört Helfer

Im Mai 2018 mussten die jungen Helfer 
ihre Arbeit einstellen. Auslöser dafür war eine Diskussionsveranstaltung über die Räumung der zerstörten Stadtteile in Mossul, eine Livesendung der Deutsche Welle. "Es gibt keine Leichen mehr auf den Straßen und auf den Trümmerbergen von al-Midan", behauptete der Gouverneur der Provinz Ninive, Nofal Hammadi al-Sultan. Sroor al-Hossaini, die ihm gegenübersaß, widersprach öffentlich: "Wir sind seit sieben Monaten in der Altstadt unterwegs. Und alle hier kennen uns und wissen, was wir dort machen." Wenige Tage später nahm der Zivilschutz die Räumungs­arbeiten in al-Midan wieder auf. Aber die Freiwilligen durften nicht mehr nach al-Midan.

 Die Leichensäcke hat die Stadtverwaltung gestellt. Tote bergen – darum müssen sich die Bürger vorerst selbst kümmernVincent Haiges

Und die Polizei verhörte al-Hamdani, al-Hossaini und ihr Team. Er habe keine Angst, sagt al-Hamdani: "Wir haben nichts Falsches gemacht." Und: "Hauptsache, die Leichen kommen weg."


Gerade einen Monat später, im Juni 2018, stellte der Zivilschutz seine Arbeit im Altstadtviertel al-Midan wieder ein. Man hatte vier seiner Mitglieder in ihrem Auto an einem Checkpoint kurz vor Bagdad angehalten. Im Kofferraum fand man Geld und Waffen, die aus der Altstadt von Mossul stammen sollen, aus dem Umfeld von geborgenen Leichen.

"Zivile Antwort auf den Fanatismus"

Wegen der offenen Diskussion in der Deutsche-­Welle-Sendung erlangte das Team von al-Hamdani und al-Hossaini ­unverhoffte Bekanntheit. Hunderte von Menschen aus dem ganzen Irak meldeten sich. Sie wollten die jungen Leute unterstützen.

Seit sie nichts mehr gegen den Verwesungsgestank unternehmen dürfen, engagieren sie sich anderweitig. Zum Beispiel halfen sie, eine teilweise zerstörte Fabrik wiederaufzubauen. Denn das ist der andere Teil dieser Geschichte: Sehr viele Jugendliche wollen etwas zum Wiederaufbau ihrer Stadt beitragen: Trümmer beseitigen, Bücher aus der abgebrannten Unibibliothek bergen, Schulen und Kirchen aufbauen.

So etwas habe es in Mossul seit der US-Invasion im Irak 2003 nie gegeben, sagt Omar Mohammed. Er hatte während der IS-Herrschaft auf dem Blog "Mosul Eye" anonym das Leben unter der Terrorherrschaft und während des Kampfes um die Stadt dokumentiert, eine ungewöhnlich mutige Tat, die nicht nur Irakern Respekt abnötigt. "Viele Jugendliche haben die Nase voll vom Extremismus", sagt er. "Ihr Engagement ist die zivile Antwort auf den religiösen Fanatismus der vergangenen Jahre."

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