Blinde Pfarrerin

Der zweite Blick
Porträt Pfarrerin Dr. Christina Ernst

Philip Bartz

"Die Berufs­tätigkeit ist 
für mich auch eine Möglichkeit, 
in die 
Gesellschaft 
reinzu­kommen", sagt Pfarrerin Christina Ernst

Christina Ernst hat ihre Gemeinde überzeugt, dass man eine gute Pastorin sein kann, ohne etwas zu sehen

Dieser Tag wird ihren weiteren Weg prägen. Es ist Dezember 2015, kurz vor dem dritten Advent, als Christina Ernst mit ihren Füßen und mit der Spitze ihres Blindenstocks zum ersten Mal Twistringer Boden berührt. Wenige Minuten später wird sie sich dem Kirchenvorstand der dortigen Martin-Luther-Gemeinde vorstellen, weil sie in dem 12 000-Seelen-Ort südlich von Bremen als Pastorin anfangen möchte. Es soll ihre erste Anstellung nach dem Vikariat werden.

Wiebke Schönherr

Wiebke Schönherr, 39, fiel auf, dass die Trauung allein von Frauen gestaltet wurde. Da waren: die Pastorin, die Assistentin, die Küsterin und die Organistin. Schön, aber ungewohnt.

Philip Bartz

Philip Bartz, Jahrgang 1990, hat schon viele Menschen porträtiert, aber noch nie einen blinden. Als Fotograf ängstigt ihn die Vorstellung zu erblinden. Umso mehr beeindruckte ihn, wie selbstverständlich Frau Ernst damit umging.
Philip Bartz

Christina Ernst hat ein Einser-Abitur abgelegt, studiert und promoviert, der Titel ihrer Doktorarbeit lautet: "Mein Gesicht zeig ich nicht auf Facebook. Social Media als Herausforderung theologischer Anthropologie". Sie verbringt ihren Urlaub mal in Asien, mal in Afrika, trainiert regelmäßig im Fitnessstudio und geht gerne auf Rockfestivals. Seit ihrem fünften Lebensjahr ist sie blind. Und deswegen stellten sich in dem Ort Twistringen so einige Menschen, auch im Kirchen­vorstand, um den Jahreswechsel 2015/16 herum die Frage: Wie soll sie denn bei uns als Pastorin arbeiten?

Zweieinhalb Jahre später, an einem heißen Junitag, streift sich die 35-Jährige in einem winzigen Nebenraum der Martin-Luther-­Kirche von Twistringen ihren schwarzen Talar über, setzt das weiße Beffchen oben ein, schnappt sich ein Mikrofon und kichert mit ­ihrer Assistentin und der Küsterin darüber, wie kräftig man reinpusten muss, um zu sehen, ob das Gerät funktioniert. Draußen vor dem Altar steht schon geduldig ein Mann im Anzug, die Hände ineinandergefaltet. Gleich wird sich vor Christina Ernst ein Paar das kirchliche Jawort geben, der Geduldige ist der Bräutigam.

Die Pastorin strahlt Ruhe aus

Der Altar ist vorbereitet: Margeritensträuße stehen rechts und links des Kreuzes. In der Mitte liegt eine in Punktschrift ausgedruckte Rede, links daneben, griffbereit, ein Blindenstock. Christina Ernst hat eine Assistentin, die sie bei Beerdigungen, Trauungen, beim Konfirmandenunterricht und bei Bürotätigkeiten unterstützt und sie auch an diesem Tag begleitet. Doch die Trauung wird sie alleine machen. Den Blindenstock nutzt sie, um die Stufe zu erkennen, die zum Altarbereich führt. Hell scheint an diesem Tag die Sonne durch die schmalen Fenster der Backsteinkirche. In ihrem Licht stehen nun der Bräutigam, die Pas­torin, ihre Assistentin, die Küsterin und ein paar Hochzeitsgäste zusammen.

Manche Blinde können Helligkeit schemenhaft wahrnehmen. Christina Ernst sieht nichts. Sie nimmt diesen Raum ausschließlich durch Hören, Tasten, Riechen und Fühlen wahr. Kaum war Christina Ernst 1983 auf die Welt gekommen, breitete sich ein Retinoblastom, Augenkrebs, auf beiden Netzhäuten aus. Bis sie vier Jahre alt war, konnte sie noch mit einem Auge sehen. Das ist nicht unbedeutend, denn auch wenn sie keine Erinnerung daran hat, ist etwas davon geblieben: dass sie intuitiv den Kopf hochhält, wenn sie mit anderen Menschen redet. Und dass sie räumlich denken kann.

 
Bei der Trauung 
spricht sie über 
die Vertrautheit 
in der LiebePhilip Bartz

Der Bräutigam zieht das Interesse auf sich: "Todschick sieht er aus", sagt die Organistin, die sich gerade dazugestellt hat. "Wenn du ihn sehen könntest!" Die Manschettenknöpfe! Das Muster auf dem Anzug! Das schöne Hemd! Christina Ernst fragt, ob sie den Anzug ab­tasten dürfe. Ihre Assistentin nimmt die rechte Hand der Pastorin und führt sie an die weiße Blume, die der Bräutigam auf Herz­höhe an seinen Anzug gesteckt hat. Die ­Finger ­streichen behutsam über den Stoff und ­halten in der Mitte des Brustkorbs inne. Die Pastorin tastet und spürt nach: "Das sind diese speziellen Hochzeitswesten!" Es ist nicht der erste Hochzeitsanzug, den sie sich erfühlt.

Christina Ernst spricht mal mit dem einen, mal mit der anderen, manchmal schwenkt sie, aufs Hören konzentriert, den Kopf leicht hin und her. Ansonsten fällt von außen nicht auf, dass sie einer gesellschaftlichen Gruppe angehört, den Menschen mit Behinderung, die auch als "Randgruppe" bezeichnet werden. Dieser Anblick zeigt: Christina Ernst steht mittendrin.

Kurz zuvor, noch am Küchentisch sitzend, erzählte sie, warum sie diesen Beruf gewählt hat. "Weil ich den ­Kontakt mit vielen verschiedenen Menschen so schätze." In der elften Klasse, als sich einige ihrer Freunde ins Ausland verabschiedeten, wollte auch sie weg. Flog nach Kanada und blieb sechs Monate. Dort erlebte sie den Alltag einer stark reli­giösen mennonitischen Familie und merkte, dass sie Pastorin werden wollte. "Die Berufstätigkeit ist für mich auch eine Möglichkeit, in die Gesellschaft reinzukommen", sagte sie.

Wie bei einem Blatt, zu dem immer auch ­eine Rückseite gehört, schwingt bei vielem, was sie sagt, die Frage mit: Bezieht sie das jetzt auf ihr Blindsein, oder meint sie das allgemein? In diesem Fall: Musste sie darüber nachdenken, wie sie in die Gesellschaft reinkommt, weil sie als Blinde ausgegrenzt sein könnte, oder weil sie einen Beruf finden wollte, bei dem sie unter vielen Menschen sein würde?

Sie ist selbstbewusst und kann sich durchsetzen

Während ihres ersten Jahres in der ­Twist­ringer Gemeinde machte Christina Ernst ein Coaching für Führungskräfte. Es ging 
um klassische Karrierethemen, etwa um die ­Frage, wie sie sich verhalten kann, wenn Machtkämpfe ausbrechen. Sie wählte dafür ­eine Coachin, die auch blind ist, denn so viel war ihr klar: Ihre Blindheit ist kein abgetrenntes Thema, sondern eine "immer ­präsente Dimension", für sie selbst und für die, mit ­denen sie zu tun hat.

Rund 80 Prozent aller Informationen aus der Umwelt nimmt der Mensch über den Sehsinn wahr. Die Farben, Formen und ­Bewegungen, die die Augen empfangen, gleicht das Gehirn mit früheren Erfahrungen ab. ­Daraus ergibt sich, in Kombination mit anderen Sinneseindrücken, wie der Mensch ein Ereignis deutet.

Und wenn diese 80 Prozent an Informa­tionen fehlen? Eine kurze Anekdote dazu aus dem Alltag von Christina Ernst: Regelmäßig klingeln Fremde an ihrer Tür. Viele hoffen auf Geld und eine großzügige Pastorin. Sie kann den Unterschied zwischen jemandem, der Hilfe braucht, wie etwa ein Obdachloser, und jemandem, der bandenmäßig Kircheneinrichtungen als Einkommensquelle abklappert, nicht 
mit ihren Augen ausmachen.

Ein Problem? Christina Ernst wüsste nicht, wieso. "Ich nehme blitzschnell wahr, wer da vor mir steht", sagt sie. Sie spürt, wie Menschen sich bewegen und wie sie ihre Stimme einsetzen. Es sind eben andere Informationen, die ihr Gehirn mit früheren Erfahrungen abgleicht. Ebenso schnell wie eine Sehende weiß sie, ob sie dem Gegenüber etwas geben will oder nicht. "Und dann kann ich mich auch durchsetzen."

 Ihre Predigten 
druckt sich die 
Pastorin in Punktschrift ausPhilip Bartz

Gleich geht die Trauung los. Die kleine Gruppe um den Bräutigam löst sich auf. Christina Ernst eilt noch auf ein Wort zur Braut hinaus. Die wartet mit ihren Freundinnen im Vorraum hinter der geöffneten Tür, durch die jetzt die Pastorin mit ihrer Assistentin tritt. ­Irgendeine Hand stößt die Tür sofort wieder zu. Dass der Bräutigam bloß nicht zu früh ­einen Blick auf die Braut erhascht!

Die Braut ist nervös, aber glücklich, lässt sich bestaunen und die weiße Spitze ihres Brautkleides ertasten. Sie habe so schlecht geschlafen, erzählt sie. Christina Ernst muntert sie auf: "Was war, das war. Jetzt läuft es." Sie strahlt die Ruhe eines Felsens aus. Die Glocken läuten.

Und wieder ist da dieses Bild: Christina Ernst steht aufrecht in der Hochzeitsgesellschaft, umringt von Menschen, denen sie zuhört und zuredet. Gleichzeitig Anführende und eine von allen. Vielleicht sind es solche Szenen, die die Twistringer überzeugt haben. Wenn sie 
davon erzählt, wie gut sie sich von den Gemein
demitgliedern angenommen fühlt, sagt sie: "Ich glaube, sie fühlen sich von mir gesehen." Christina Ernst muss da natürlich kurz lachen.

Sie merkt an der Bewegung eines Menschen, ob er gestresst ist

An jenem Tag im Dezember 2015 ging es für sie erst mal darum, vom Kirchenvorstand angenommen zu werden. Einfach war es nicht. Aus ihrer Sicht gab es zwei Gruppen. Die einen hatten ihren Namen gegoogelt und waren auf das Youtube-Video einer Reportage über sie in Celle gestoßen, wo sie ihr Vikariat absolviert hatte. Sie wussten, wer sich angekündigt hatte: eine blinde Frau, ja, aber auch eine selbstbewusste Frau, aufgeschlossen und um keinen Spruch verlegen. Sie waren neugierig auf sie. Nur, so schildert es Christina Ernst, "es gab auch ein zweites Lager".

Eines, so schien es ihr, das große Bedenken hatte. "Zum Glück", sagt sie, "haben sie das ausgesprochen. Nur so habe sie darauf reagieren können. "Und was machen Sie anders?", fragte jemand während des Vorstellungsgesprächs. Christina Ernst sagte: "Sicherlich mache ich sehr vieles anders als meine Vorgängerin. Denn jeder Pastor hat seinen eigenen Stil und seine eigene Persönlichkeit."

Sie spürte, dass die Frage eigentlich in eine andere Richtung zielte, nahm sich aber die Freiheit, sie ebenso offen zu beantworten. "Nein, ich meine: Was machen Sie anders?" Anders: ein ziemlich ungenaues Wort. Man kann es erst verstehen, wenn man weiß, was das Gegenüber als "normal" bezeichnet. Und sobald das klar ist, ist "etwas anders zu machen" dann ein Zeichen von Individualität? Oder ein Zeichen von Unvereinbarkeit? Und wo verläuft die Grenze dazwischen?

 Die ­Pastorin erforscht 
im Anschluss an den Gottesdienst mit Hilfe ihrer Assistentin den Oldtimer des BrautpaarsPhilip Bartz

"Können Sie denn nachts zu einem Unfall auf der Autobahn herbeieilen?", wollte dann jemand wissen. Aus ihrem Vikariat wusste sie: Alles geht irgendwie. "Da fahre ich sowieso nicht alleine hin, sondern mit der Polizei oder Feuerwehr", gab sie zurück. Schließlich wurde sie gefragt, ob sie sich die Arbeit als Pastorin von Twistringen überhaupt zutraue. Da hatte sie überhaupt keine Zweifel. "Es ist so: Man muss sich nur darauf einstellen, dass es mit mir anders wird, als man es kennt. Ich wünsche mir, dass Sie mir eine Chance geben und dass wir es mit­einander probieren." Sie bekam die Chance, eine Pastorenstelle für drei Jahre auf Probe, wie üblich nach dem Vikariat.

Deswegen kann Christina Ernst an diesem heißen Junitag im Jahr 2018 dieses Brautpaar in der Twistringer Martin-Luther-Kirche trauen. Nach einer Predigt über die Vertrautheit in der Liebe, das große Glück des Lebens und über die Stolpersteine auf dem Weg dorthin entlässt die Pastorin die Hochzeitsgesellschaft mit den Worten: "Sie können jetzt den Übergang zum Feiern gestalten." Es schreiten aus der Kirche heraus: die blinde Pastorin, ihre 
Assistentin, der Bräutigam und die Braut. Deren erster Sohn, der sie zum Altar geführt hat. Und der zweite Sohn, der die Ringe getragen hat. Schließlich zwei Dutzend Gäste, im Abendkleid, Anzug oder in Caprihose und T-Shirt.

Christina Ernst wird von ihrer ­Assistentin durch den Dschungel an Gästen zu einem Oldtimer geführt, den sich das Brautpaar als Hochzeits­kutsche bestellt hat. Sie hat noch nie in so einem Oldtimer gesessen, und so klettert sie hinein, setzt sich ans Steuer und erforscht mit der rechten Hand die Oberfläche des ­Armaturenbretts. Ein Zipfel ihres Talars hängt heraus. Die Pastorin Christina Ernst ist in ihrer Twistringer Gemeinde angekommen.

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